Christina Schmid
Anfänge und Enden

Fischers Frau

»Es war einmal« lag Nina nicht. Sie erzählt nicht von A bis O, sie erzählt von wo sie stehen geblieben war bis wohin sie gerade kommt. Hatte er das schon vergessen? …

Das Erzählen brauche nur genügend Raum, und womöglich sei es so, dass, wenn die Erzählenden gerade nicht genug davon hätten, wenn es ihnen eng ums Herz oder eng in der Kehle sei, sich das Erzählen erst mal in Sicherheit bringe. Ein paar Tausend Jahre in Eiswasser und Ruhe zwischen lose stehenden Kiefern machten ihm gar nichts aus. …

Es sei nun an der Zeit, mal nach dem Erzählen zu sehen. Leider zeige es sich nicht gleich jedem, man müsse Geduld mitbringen. – Und nicht auf die Idee kommen, es ließe sich mit einem »Es war einmal« locken, meinte Nina, bevor sie in die Küche ging, um Tee zu kochen. Im Zimmer hielt man inne. Als sie zurückkam, fragte sie: »Wo waren wir stehen geblieben?« …

Ob sie das nicht eines Tages alles aufschreiben wolle. Für die Welt. Für die Nachwelt. Nein! Witterung aufnehmen, das lasse sich nicht fixieren! Eben gerade nicht. Weil Konzentration und Beweglichkeit erforderlich seien, schnelle Entscheidungen: die eine Spur verlassen, einer anderen folgen, ins Ungewisse. Keine Zeit für Papier und Stift.


Das Haus

Wenn Nina und Carl abends spazieren gehen, gehen sie »am Haus« vorbei. »Das Haus« gehört zu ihrer neuen Welt, wie eine Requisite; vertraut, aber ohne Bedeutung – denkt Nina. Carl hat ein Auge darauf geworfen, oder das Haus eines auf ihn? – Jedenfalls fühlt sich Carl schon das erste Mal, als er es sieht, ins Mark getroffen. …

Jedes Mal, wenn sie an »dem Haus« vorbeigehen, verwandelte es sich in etwas; bis es sich in eines immer mehr verwandelt – in etwas, was es womöglich sogar einmal gewesen ist. Und nun beginnt er, darüber zu sprechen: »Das Haus«, sagte er. Er habe sich dazu etwas gedacht. Er könne sich dazu etwas vorstellen. Nina schaut ihn an mit einem Blick, den man nicht anders als alarmiert nennen kann. Bitte, es soll sich nichts ändern! Sie möchte nichts und niemanden an ein Haus verlieren. Und doch, Carl bleibt dabei, er möchte in dieser Welt einen Ort haben, der etwas bedeutet, der ›ihm‹ etwas bedeutet, und darüber hinaus auch dem Gemeinwesen, dem er angehört.

»Haben«, wiederholt Nina. »Damit fängt das Elend an.«
»Haben«, entgegnet Carl, »heißt nicht, dass ich ein anderer werde.«
Sie streiten. Der Streit löst die Sprachlosigkeit ab. …

So reden sie immer weiter um das Haus und das vermeintliche Hotel herum und in eine nahezu unentwirrbare Kette von Missverständnissen hinein. Denn ein Hotel – nein!, das will er doch gar nicht. Er will etwas ganz anderes. Er möchte eine Schule: eine Knüpf- und Webschule, er möchte Webstühle bauen – aber ja, er möchte auch durch ein Haus gehen, treppauf, treppab, und nicht dauernd den Kopf einziehen müssen. Ja, das möchte er. Endlich. …

Dass er meinte, ihr Wohlwollen würde aufhören genau dort, wo ihr nicht mehr wohl war. War es so? War sie so? …

»Wir können ein solches Haus niemals kaufen, Carl, niemals.«
»Natürlich nicht. Weil es nicht verkauft wird. Es steht zu pachten. Es wird nicht die Welt sein.«
Ein Lächeln breitete sich auf Ninas Gesicht aus: »Doch Carl, es wird die Welt sein. Für uns. Für uns wird es die Welt sein.«

Zwei Tage am See mit Karin Kalisa: Fischers Frau