Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Kaleidoskop

Die Tage verschwimmen, alle sind gleich. Brauchen wir Höhepunkte, um die Wochen voneinander zu unterscheiden? Jeden Abend um 20:15 Uhr nehme ich nun eine Serie auf: Andreas, Andrej, Andruschka. Ein Mensch oder drei und ich im Kaleidoskop, in dem wir uns drehen und gegenseitig spiegeln. Ein Mosaik aus Anekdoten, Schnipseln und Fragmenten. Je mehr ich höre, desto weniger sehe ich, wohin. Zerreden wir’s? Und wie fülle ich die Lücken?

Wellen

Du bist so sanft, so ruhig. Wird dir mein Schreiben jemals gerecht? Wir versuchen’s, ziellos, ein Experiment. Gespräche, die ich aufnehme, um deine Sprache einzufangen – sie stockt. Ich darf den Wellen nicht zuschauen.

Ampel

Ich schaue dem Park vor unserem Fenster beim Grünwerden zu, der höchste Baum braucht am längsten. Unten mischen sich gelbgrüne Blättchen ins Braun, an das wir uns schon gewöhnt hatten. Auch ans Drinsein haben wir uns gewöhnt, da bleiben wir trotz Sonnenschein. Warnt mich meine Trägheit vor dem Pollensturm da draußen? Unsichtbar wie der Virus, nur schneller spürbar, quasi sofort. Eine Ampel, meine Haut.

Platz auf der Welt

Fließender Übergang vom Abendbrot zur Elektroparty, wir löschen das Licht und tanzen nackt, wirklich zum ersten Mal? Noch so viele Dinge, die wir zum ersten Mal tun können. Wer braucht schon Clubs und Festivals – uns reicht dieser Platz auf der Welt, sechsundfünfzig Quadratmeter Freiheit.

Insel

Darf ich glücklich sein, in diesen Zeiten? Ich bin da, wo ich immer hin will, bei mir, bei uns. Von hier aus ist alles möglich, so ohne Spiegel. Dir muss ich nichts beweisen. Ich darf komisch tanzen, falsch singen, mich im Ton vergreifen, mich gehen lassen wie der Hefeteig in unserem Ofen, tagelang tun was mir gefällt, ich sein. Danke für dich auf unserer einsamen Insel.

Einsiedelei

Du fehlst mir, dabei kenne ich dich kaum. Du bist unerreichbar, habe ich dich darum ausgesucht? Ein weiterer Einsiedler in meiner Sammlung. Ist das jetzt Liebeskummer oder die Traurigkeit über das Vergangensein der zeitlosen Zeit, in der ich mich nur um mich selbst drehen durfte? Mein Mann hätte heute meine Hilfe gebraucht und ich war nicht da, als er ohne Schlüssel vor unserer Tür stand. Ich saß im Vortrag und wollte nicht erreichbar sein, wenigstens für eine Stunde abgetaucht. Er kam derweil bei Anja unter, machte Papierflieger und Maultaschen für Carla. Als ich ihn dort abhole, ist er noch sauer, will eine Entschuldigung von mir. Ich war nicht da. War ich jemals da? Bin ich sonst nicht immer da? Will ich immer da sein? Stell dir drei Tage vor, an denen das Telefon nicht mehr aufhört zu klingeln. Ich werde für meine Geduld bezahlt, für mein Zuhören, Erklären, Beschwichtigen, fürs Durchhalten. Der Druck vor dem Druck. Als das Werk vollbracht ist, wird der Empfang abgesagt. Corona zwingt uns in die Isolation. Erzählst du mir mehr vom Mönchsein?

Gequengel

Übst du gerade?
Spielst du mir was vor?
Warum hast du keine Zeit für mich?

Die kleine Lene war zu Besuch und hat mir ihren quengeligen Ton dagelassen.

Ideendusche

Die Idee kam mir vor ein paar Wochen unter der Dusche. Und eben dort lasse ich sie jetzt wieder los. Sie gurgelt noch im Abfluss:

»Willst du es nicht wenigstens mal mit mir versuchen?«

Wieso? Du bist nicht innovativ, wurde mir gestern gesagt, vom Direktor persönlich. Du machst mir nur Arbeit, die keinen interessiert, vielleicht nicht mal mich.

»Ich werde aber wiederkommen, jedes Mal wenn du duschst, dir die Hände wäschst oder trinkst. Und wenn du schwimmst. Auch wenn die Heizung plätschert oder rauscht wie ein Wasserfall, bin das ich. Ich bin überall, wo Wasser ist.«

Und ich bin überall, nur nicht bei mir. Lässt du mich jetzt bitte in Ruhe duschen?

Kirchenmaus

Ich schleiche mich in die Kirche und lausche deiner Orgel, deinem Orchester. Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Warum du? Geht das einfach so wieder vorbei und das Leben weiter? Ich sei immer in Bewegung, immer tut sich was, so dein Eindruck, der mir gefällt. Und weil mir im Leben dann doch zu wenig passiert, klammere ich mich an die Träume mit ihrem wechselnden Du.

Allgemein oder Konkret?

Lieber das Große im Kleinen abhandeln als das Kleine am Großen.

20 Jahre Blut

Wieviele Liter sind das?
Durchschnittlich:
70 Milliliter im Monat
840 Milliliter im Jahr
16,8 Liter in 20 Jahren

Niemand hat sich dieses Datum gemerkt und mit mir den Abschied der Kindheit gefeiert. Keiner sprach darüber, wie schmerzhaft es ist, das Mädchen zurückzulassen und es erst viel später wieder in sich zu entdecken. Das Baby im Kind im Mädchen in der Frau in der Mutter in der Großmutter. Alle da. Alle bin ich.

Es gab auch keine Willkommensfeier für meine Fruchtbarkeit, die erst jetzt interessant wird. Erst zwanzig Jahre später fand ich einen Kompass und einen Reiseführer (nicht schön, doch hilfreich) als Weggefährten für meine monatliche Reise durch das innere Jahr. Jeden Morgen ein neuer Cocktail. Zyklisch leben, das wär doch was. Wer bin ich heute?

Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?

Gastfreundschaft

Sie war mein Vorbild: Offen für jeden, interessiert, zugewandt und so voller Wärme und Gastfreundschaft. Braucht man ein Schloss, um Menschen so einladen zu können? Du sagst, das ist eine Haltung, kein Ort und keine Wohnform.

Verliebt

Kurz vor dem Einschlafen, das Licht brennt gerade noch so, bin ich ganz verliebt. Ich lache dich an, du liegst neben mir, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Ich bin glücklich in diesem Moment. Warum gerade jetzt? Weil ich dann nichts mehr will vom Tag und von mir. Dann werde ich ruhig und entspannt, dann bin ich da.

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Warum stehst du morgens auf?
Wie viele Rollenbilder sind gesund?
Gibst du auch mal nach?

Aber die Freiheit!
Aber die Einsamkeit?

Die Familienchronik als Vorwort zu mir selbst?

Vielleicht interessant

Gestern am Fluss, da lag er und ich wollte, dass er mich sieht. Seit ich denken kann, will ich gesehen werden. Von Männern. Papa, Opa, die Jungs aus der Nachbarschaft, aus der Parallelklasse, aus dem Dorf, der Clique, im Delta, im Urlaub am Strand mit 13 in diesem Bikini mit Reißverschluss zwischen den noch nicht vorhandenen Brüsten. Ich öffnete ihn dennoch so weit wie möglich. Schaut mich an! Was seht ihr? Sehe ich mich erst durch euren Blick? Ein unscheinbares komisches Mädchen, vielleicht interessant. Was sie wohl denkt? Wie sie wohl nackt aussieht? Wie sie im Bett ist? Und wenn sie erst loslässt und aufblüht, dann wird sie groß und schön und berühmt mit ihrem schiefen Blick auf die Welt. Ganz genau beschreibt, seziert, durchbohrt sie die Menschen um sich herum. Projektionsfläche, ich und ihr. Warum interessiert mich der Blick der Männer? Derjenigen, die stark scheinen und schonungslos in ihrem Urteil. Sein Blick. Weil er schreibt? Weil ich schon immer eine Romanfigur sein wollte? Wenn sich mein Handeln durch seine Feder fügt, wenn meinen Weg nicht mehr ich bestimme, sondern sein Schreiben. Und warum nicht mein Schreiben? Ein Leben, erschrieben statt erlebt? Kann ich nur beschreiben, was ich auch erlebt habe? Als ob ich schon so viel erlebt hätte. Genug, um mich den Rest meines Lebens mit dem Bisherigen zu befassen. Am liebsten möchte ich doch Bücher lesen, in denen ich selbst vorkomme, wahrhaftig, mein Innerstes erfasst. Und warum sollte er das besser können als ich? Zumal noch ein Mann, irgendein schreibender Mann.

Alles verkaufen und verschenken, nur ein Rucksack und los. Oder liegt es am Sommer, dass ich die Dinge, Bücher und Wollsachen nicht mehr verstehe?

Blau oder rotweiß gestreift zu schwarz, oder rosa zu schwarzweiß kariert?

Steffi neulich: „Glaubst du immer noch, dass die Zeit springt, wenn du durch Türen gehst?“

À propos

Über oder Für?
Über überhöht sich, schaut aber hin.
Für schenkt, wo es nichts braucht.

Le cube

Ateliereinrichtung: Zwei Tischplatten, vier Böcke, zwei Stühle, ein durchgesessener Sessel, ein Hocker als Beistelltisch, ein hoher Hocker, um aus dem Fenster zu schauen, ein Sockel neben der Tür, unter dem Nagel für meine Jacke. Der Rest kann raus oder in die Nische nebenan. Den Schreibtisch stelle ich so, dass ich die Riesigkeit des Raums nicht sehe. Da sitze ich nun. Vor mir eine hohe, weiße Wand. Und ein weißes Blatt. Was tun mit all dem Weiß?

Spiegelkabinett

Nach dem Urlaub falle ich zurück in mein Loch. Zweifel drücken mich morgens zurück in die Federn und verjagen mich schneller aus meinem Schaufenster als ich mit der Arbeit beginnen kann. Herrje, hört das denn nie auf? Oder erst wenn ich ein Kind habe? Oder am Bodensee wohne? Oder Kunst mache? Oder schreibe? Oder nur noch koche und backe? Oder allen Ballast von mir schüttle und aus einem kleinen Rucksack lebe, nirgendwo zu Hause, überall daheim? Das ist keine Achterbahn mehr, das ist ein Spiegelkabinett ohne Ausgang.

Verflucht

Plötzlich schlägt mir eine Kälte entgegen. Ein Kommentar auf Facebook entlarvt meine tiefsten Ängste, ich fühle mich ertappt. »Ihr verfluchten Nachmacher!!!!!« schreit da einer. Mein Bauch verkrampft sich, ich will ins Bett und nie wieder aufstehen. Oder zumindest heiß duschen.

Was meint er genau? Das Logo, das sich mit Abstand betrachtet als eine Mischung der Logos zweier Designschulen interpretieren ließe? Oder meint er die Website, deren Menü dem meiner Lieblingswebsite ein wenig zu sehr gleicht? Die andere Schrift, die neue Bildsprache, die Bespielung des Logos – sind das nicht genug »neue« Elemente für ein eigenständiges Erscheinungsbild?

Geht das überhaupt, etwas Neues zu erschaffen, wenn man doch von allen Seiten beeinflusst wird? Sind unsere Ausdrucksmittel nicht viel zu limitiert, um uns nicht ständig – versehentlich oder unbewusst – gegenseitig zu kopieren? Und warum ist das schlimm?

Weil es wohl mal wieder ums Ich geht, um Identität. Als ich bemerkte, dass meine kleine Schwester sich heimlich meine Klamotten auslieh, fühlte ich mich in meinem Stil (wenn man das, was ich mit 17 trug, als Stil bezeichnen möchte) kopiert. Nicht mehr eigenständig, besonders, ich. Ich hätte es auch als Kompliment verstehen können.

Und wer kennt das nicht: einen tollen Entwurf aufs Papier gebracht zu haben, nur um kurz darauf festzustellen, dass das so oder so ähnlich schon vor hundert Jahren entworfen wurde. Mein Freund erzählt gerne, dass er in seinem ersten Semester den Klappstuhl neu erfunden hat. Alles schon da gewesen, die Farben, die Formen, das Rad.

Die Kopie ist in unserem Kulturkreis verpönt, Nachmacher werden geächtet. Nun komme ich aber seit geraumer Zeit auf nichts Neues, Eigenes – aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Wann hat das angefangen? Als ich merkte, dass ich zu wenig weiß? Als ich keinen Strich mehr zustande brachte, ohne mindestens bei fünf Anderen zu schauen, wie die das machen? Aus Faulheit? Aus Angst. Doch welche Angst ist größer: Der Kopie verdächtigt zu werden oder den Fehler zu riskieren? Beides bleibt wohl keinem erspart, der nicht im Bett bleibt. Im Kopieren lerne ich von anderen, im Fehlermachen von mir selbst.

Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass der Kommentar gar nicht uns galt. Immerhin hat er mir ein paar Gedanken beschert.

Woher kommen bloß all die Klassenfahrten und Gruppenreisen in meinen Träumen?

Wie kann sich so ein junger Mensch mit so viel Vergangenheit beschäftigen?

Heißt die wirklich Broccoli mit Nachnamen?

Fällt mir vielleicht auch mal was mit Hand und Fuß ein?

Ich habe Angst.
Angst davor dass alles zusammenbricht.
Mein System.
Eure Hoffnungen.
Online.

Bei mir tut’s.

Aber bei dir?
Und bei denen?