Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Verloren

Ein Treffen wie ein Schachspiel: Jeder Zug birgt Gefahren, die ich versuche zu erahnen, nur gibt es keine Regeln und verloren haben wir uns längst.

Auf Probe

Kindheit durchgespielt, Jugend getestet, Beruf ausprobiert, Ehe erprobt und mich als Mutter versucht. Als wäre dieses Leben eine Probe und nicht schon die Aufführung – die einzige übrigens.

Du wächst

Du wächst so schnell und streckst dich lang, wirst schwerer und wacher mit jedem Tag. Wir warten auf dein Lachen, tun alles, um dich zu trösten, bei jedem Pups, mit dem du kämpfst. Wir streicheln deine feinen Haare über dem Köpfchen, das wir schon zehn Stunden vor deiner Ankunft in mir spüren durften, ein unvergessliches Gefühl. Deine runden Backen, die Stupsnase, der kleine Mund und das lustige Kinn. Und wie bei mir: Die Falten um die Augen, die hellen Wimpern, die spitze Oberlippe und eindeutig die Ohren. Die weichen Falten an deinem Hals, wo du dich gar nicht gerne waschen lässt. In deinem Nacken leuchtet ein Storchenbiss. Dein fester Trommelbauch, mit dem versteckten Nabel und der zarten warmen Haut, die wir so gerne küssen. Von Kopf bis Fuß finden wir dich zum Knutschen und die Liebe wächst wie du. Schläfst du mal länger, dann vermissen wir dich – selbst dein Schreien klingt dann wie Musik in uns nach. Auch wenn dein Gesicht verzweifelt rot wird, dein Mund sich verzerrt, die Unterlippe bebt und deine Augen sich maximal zusammenkneifen, finden wir dich wunderbar. Nur halten wir es nicht lange aus, wir wollen, dass es dir gut geht, immer. Wir halten deine rudernden Arme und Beine, wenn du Angst hast zu fallen – ins Nichts dieser viel zu großen Welt, die so klein ist, seit du da bist.

Ohrwurm

Seit zwei Wochen habe ich einen Ohrwurm. Der geht erst weg, wenn wir das Original gefunden haben. Ich kann die feine Melodie summen, dazu haucht eine Frauenstimme vorsichtig »and I sleep … sleep …sleep«. Doch wie das Lied, zu dem wir in unserer ersten Nacht in Berlin getanzt haben, werden wir es nicht mehr finden in deinem Meer aus Musik.

Namen

Schlaflos vor lauter Namen im Kopf.

Garten

Felix und Sven aus dem Nachbarhaus fällt die Decke auf den Kopf. Sie fragen bei der Hausverwaltung, ob sie den Garten im Hinterhof bepflanzen dürfen. Mit handgeschriebenen Briefen an den Kellertüren laden sie zum Mitmachen ein. Nach einer Woche Umgraben und Kampf mit Girsch werden zu Ostern die Primeln und Kräuter eingepflanzt, sogar einen Sandkasten haben sie unter dem Efeu freigelegt. Nach und nach schauen die Nachbarn bei ihnen vorbei, die mit den Kindern zuerst. Sie bringen Setzlinge, Gartenmöbel, Ostereier oder Wein. Wir finden im Schrank noch Samen für Schnittlauch, Rucola, Sonnenblumen und eine Schwarzäugige Susanne, »klettert« hat Mama vor Jahren in ihrer gut gelaunten Schrift darauf geschrieben, als sie noch Hoffnung hatte in unsere grünen Daumen. Beim Wasseranschluss im Keller finden wir einen Schlauch, das geht schneller als mit den Gießkannen zum Wasserholen in den dritten oder fünften Stock. So gießen wir das Werk der Nachbarn und sind gespannt, was hier wohl wächst und was nicht. Und ob sich nach Corona noch jemand um den Garten kümmert. Ein Gartenfest wäre nett.

Ruhiggestellt

Mittagsschlaf in der Sonne auf dem Bett. Alles ruhig in mir, jetzt auch die Haut. Nur langsam machen mich diese Tabletten, von denen schon eine halbe genügt, um mich in einen Dämmer zu versetzen. Es duftet nach gekochter Orange, die du zum Kuchen machst. Du bist wieder da, nach Tagen im Tunnel aus Bildern von Brücken mit Bäumen, zwar hier, doch neben mir. Du schlägst Eier auf den Metallrand der Schüssel, es klirrt und knackt sechsmal. Vom Bett aus schaue ich dir zu.

Die Zeit hat keine Bedeutung mehr. Wie viele Tage sind wir schon hier? Gestern war ich draußen, der Wocheneinkauf, danach war ich erschöpft wie sonst nach einer Reise. Wie anstrengend war unser Leben zuvor. Wie lässt sich ein Weniger leben, weniger Kommunikation, weniger Termine oder Rennerei? Im Sommer wäre es wieder soweit: Eineinhalb Jahre, länger hält doch keiner meiner Büroversuche.

Barfuß

Statt in Frankreich in der Ruhe rings ums Schloss liege ich im halbrunden Park vor unserer Tür, umkurvt von Autos, die gerade sicherer sind als öffentliche Verkehrsmittel. Mittagsmüde liege ich im Gras und schaue zu den letzten nackten Ästen vor Blau. Kein Gedanke folgt dem vorherigen, jeder strebt in eine andere Richtung, wie diese Zweige über mir. Meine Haut kribbelt wie jeden April. Besser gleich wieder rein in die pollenfreie Zone, doch kurz Abstand tut gut. Die letzten Tage mochte ich dich nicht. Auch von der Begeisterung für meine Muse ist nicht mehr viel zu spüren, seit wir jeden Abend telefonieren. Inspiriert hat mich wohl doch das Zappeln, das Warten auf seine seltenen und dadurch kostbaren Zeichen.

Jede Bank im Park ist besetzt von ein oder zwei Personen. Ein Vater rennt mit seiner Tochter barfuß durchs Gras. Wie lange ist es her, seit ich barfuß draußen war? Einmal im Winter beim Spaziergang mit dir, ich wollte was spüren. Spitze Steine und kalter Matsch zwischen den Zehen.

Zwei junge Mamas mit Picknickdecke lassen sich neben mir nieder. Das Baby trägt einen riesigen Hut mit Blümchen, darunter runde Backen. Es will aufstehen, braucht eine Hand, dann steht’s und wackelt mit dem gut gepolsterten Po. Samt Decke wird es über die Wiese gezogen, der Sonne hinterher. Krabbelspaziergang durch Gänseblümchen und Löwenzahn Richtung lila Blütenteppich.

Eine Haarsträhne im Wind, ihr Schatten in meinem Buch, die Strähne schreibt mit, der Wind will mir was sagen. Keine zweihundert Meter von deinem Homeoffice entfernt, da liebe ich dich wieder sehr. Du nimmst es leicht, alles. Du vertraust, dem Leben und uns.

Fremd

Mein Mann hat sich den Bart abrasiert, jetzt sieht er aus wie auf den Fotos mit achtzehn. Ich kenne ihn nicht mehr und küsse einen Fremden.

Abgesperrt

In der Mittagspause wollen wir zu den Tischtennisplatten im Park, doch die sind mit rotweißem Band abgesperrt – dabei wäre der empfohlene Mindestabstand hier nun wirklich gegeben. Die Polizei patrouilliert und hebt bedauernd die Hände, gestern mussten sie sogar ein Paar vom Basketballkorb vertreiben. Zurück in den Nachrichten scheinen mir gesperrte Sportflächen und Spielplätze das kleinste Problem, die Lage in den Krankenhäusern New Yorks liest sich verheerend. Andrea schreibt aus der Geister-Stadt, die nur noch als Hülle besteht: Sie müssen jetzt innerhalb von sieben Tagen ihren Umzug organisieren, es gibt fast keine Flüge mehr zurück nach Deutschland. Über meine Träume muss sie schmunzeln. Auch so träumt sie sehr häufig von Verfolgungsjagden, Terroranschlägen, Zombies und Co, nun mischt sich das mit Naturkatastrophen und humanen Experimenten. Wo ich gedanklich schon in New York bin, schreibe ich Pete, es geht ihm gut, er ist zu Hause und wohnt noch immer in unserer Wohnung in Bushwick, in der er für immer bleiben wird – oder bis der Landlord das Haus verkauft. Er hat jetzt eine Katze namens Ivan und ein Programm für Chrome geschrieben, das ›Coronavirus‹ durch ›Boogaloo Flu‹ ersetzt.

Was das kostet

Es geht nicht ums Geld, es geht um Leben und Zeit.

Erfinden

Vielleicht doch ein Buch über einen Protagonisten, der keine Lust hat und keine Zeit. Das Warten auf ein Zeichen, ein Stichwort, eine Geschichte. Also ein Buch über die Autorin. Du traust mir das Erfinden durchaus zu, in den Träumen tue ich es ja auch.

Ringelnatz

Sei bloß kein Ringelnatz! Sonst wirst du zum Lesezeichen.

Ausgeladen

Du, meine liebe Muse, hast mich für heute ausgeladen. Dieser Virus macht dich fertig, dein Labor hält dich fest und weil keiner mehr da ist, musst du jetzt alles selber machen. Chemikalien bestellen zum Beispiel und die Kühlkammer desinfizieren, bis du high bist. Du hast mich nicht nur ausgeladen, ich habe dir auch einen Gegenvorschlag gemacht: Virtuell treffen und gemeinsam in die Oper. Andrej lässt anfragen: Was ziehen wir an? Nichts, entgegnet mein Kopf und ich schreibe: Das rote Kleid. Wonach ist Andrej? Drei vor sieben schickst du mir ein Bild aus dem Labor – also im weißen Kittel in die Oper? Die ist jetzt offensichtlich abgesagt.

Von oben

Nach fünf Jahren im täglichen Einsatz ist der gelbe Kuli leergeschrieben. Seine letzten blassen Worte: Endlich ein von oben …

Zwei Dus: Mein Mann und meine Muse.

Zweitkarriere

Ab morgen dann zu zweit im Homeoffice. Nach Corona sind wir statt Architekt und Grafikerin womöglich E-Komponist und Bloggerin bzw. lebenslange Tagträumerin mit Schreibzwang.

Laborhamster und Computermaus

Besuch in diesen eigentlich einsamen Tagen. Leichtsinnig? Vielleicht. Wir spazieren zu weit hinauf und zu steil hinab für deine feinen Schuhe, doch Auslauf tut gut und ist noch erlaubt, auch für Laborhamster und Computermaus. Zum Essen gibt es bunte Bete und süßen Fenchel, den halben Tag habe ich singend in der Küche verbracht. Nun bin ich müde vor lauter Pollen und überfordert damit, nicht mehr nur ich zu sein, wie ich mich dir schreibe, sondern auch alles, was ich hier in den letzten Jahren aufgetürmt habe und was nicht. Mein Mann kommt heim und ihr testet sein neues Miniklavier, bis ich frage, ob ich dich noch kurz für mich haben darf. Etwas trampelig, auch das bin ich. Könntest du dich klonen, dann würde Andrej mit ihm gehen und Andreas und Andruschka mit mir. Wir sitzen am Boden vor dem Bücherregal und schauen, was für dich passt, eher Seethaler als Kästner, die Frauen lässt du bei mir, bis auf meine Träume, die ich dir gestern gebunden habe. Kurz sprechen wir noch über unsere WG, du fragst, ob ich eigentlich schon dort war. Ich war nur in deiner und die ist zu klein für uns vier. Also sind wir auf Wohnungssuche – und das in diesen Zeiten? Vielleicht diskutieren wir auch schon, ob der Flur nun blau oder glitzernd gestrichen werden soll. Andruschka sitzt mit Drink daneben und mag die Idee der Sonne in der Discokugel – also doch weiß.

Einigeln

Schreib mit, jetzt passiert was, dafür hast du dich all die Jahre vorbereitet, das Einigeln geprobt. Die Welt ist krank und bleibt zu Hause. Noch genießen wir den Ausnahmezustand, die verordnete Verlängerung des Winters in den Frühling hinein. Hausarrest. Weil alle zu Hause sind, seien wir jetzt verbundener als zuvor, heißt es. Ich frage dich, ob wir uns dennoch sehen, du hast keine Angst und kommst gern. Verbunden in Zeiten des abnehmenden Programms. Berlin und Frankreich sind abgesagt und Griechenland ist verschoben. Meine Augen weinen, zu viel gelesen und geschrieben, kein Weitblick mehr.

Strandlektüre

Bald bin ich durch mit deinem Buch. Zwischen Seite 414 und 415 der Abdruck von Sandkörnern im Falz. Zwei Seiten später rieseln sie mir auf den Bauch.

Auf unbestimmte Zeit

Deine vierundneunzigjährige Oma lässt sich von Corona nicht aufhalten und sicher nicht das Einkaufen abnehmen, sie hat ja schon ganz andere Krankheiten überlebt. Ich überlege, ob ich meinen Nachbarn anbieten soll, für sie einkaufen zu gehen, aber ihr Sohn wohnt ja auch noch im Haus. Der für heute geplante Besuch meiner Omas wird erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben. Also passt mein Lebensstil ganz gut zu den Empfehlungen: Ich bleibe im Bett mit deinem Buch ›Abbitte‹, das mich erst einlullt und dann schrecklich leiden lässt: An einem heißen Sommertag erfindet ein dreizehnjähriges Mädchen eine Geschichte, die zur Lüge wird und mindestens drei Leben zerstört. Jetzt Teil zwei, es ist Krieg. Vom Buch wandert mein Blick in die Nachrichten, die ich sonst so gut zu ignorieren weiß. Eine Deutschlandkarte mit steigenden Zahlen an Infizierten und eigentlich wie immer: Lob für Merkels Ruhe und Tadel für Trumps Ignoranz. Im Postfach regnet es Absagen: Keine Chorproben, kein Klassentreffen, kein Workshoptag zum Wohnprojekt. Irgendwie fühle ich mich erleichtert. Vielleicht doch ganz gut, Dinge noch nicht erledigt zu haben, Urlaubsplanung, Geldanlage, Kinderkriegen. Ob gut, ob schlecht, wer weiß das schon? Ansonsten: Wilde Knutscherei im Stehen (was sich überraschend jugendlich anfühlt) in der Küche, die nun nach fast einem Jahr so richtig eingeweiht ist.

Regenwetter

Das Wetter heute ist doch mal wieder wie gemacht für uns zwei!

Bücherduft

Ich lese in deinem Buch, das du am Strand gelesen hast. Es riecht anders als meine und anders als neue Bücher, auch anders als die Bücher aus der Bibliothek oder aus den Kisten unserer Nachbarschaft, und ganz anders als das Buch, das meine Oma neulich ausgemistet hat – wenn ich darin lese, bin ich bei ihr und fühle mich wohl. Vielleicht ist es ihr Waschmittel, das alles um sie herum so riechen lässt. Wie wohl meine Bücher riechen? Sich selbst riecht man ja nicht. Papier fängt Düfte ein und vermischt sie mit den Geschichten.

Mäuse

Diese Woche lebe ich in einer Welt aus Zahlen. Euros und Stunden, zu viele, zu teuer. Hochstaplerin im Dienst bis spät. Da ist dann kein Platz mehr für Nettigkeit.

Mücken

Die Mücken in unserer Wohnung – fast habe ich mich an sie gewöhnt. Kohabitation. Am liebsten kommt eine zu mir ins Licht, wenn ich lese oder einen Film schaue, dann krabbelt sie zwischen den Zeilen und Szenen herum.

Warten

Du lässt mich warten. Kommt davon, wenn man mit Bakterien und Orgeln verpartnert ist. So wird das aber nix mit deinem Buch. Augen auf bei der Protagonistenwahl!

Sintflut

Zur Einstimmung schickst du mir deine Orgelimprovisation einer bedröppelten Christina im Regen – klingt nach Sintflut, die nach der Eiszeit kommt. Vor lauter Vorfreude mag ich gleich los in den Sturm zum Bus zu dir unter den Schirm. Zur Vorspeise setzen wir uns an die Kirchenorgel, ich traue mich nicht zu spielen an so vielen Tasten nach so vielen Jahren. Lieber lausche ich deinem Sprint durch die Musikgeschichte von Buxtehude zu den Franzosen über Bach ins zwanzigste Jahrhundert. Die feinen Orgelschuhe machen dich zur Märchenfigur und das Orchester unter deinen Fingern spult in meinem Kopf gleich mehrere Filme im Schnelldurchlauf ab. Neben den Tasten liegt ein Heft für Orgelschäden und ein Telefonhörer für einsame Organisten.

Zwei Straßen weiter am Kühlschrank deiner Küche (auch Why-Not-Bar genannt) findet sich für jede Gefühlslage ein passender Spruch. Erst Nachtisch, dann Hauptgang, dazu Wein und zwei Leben. Du beschreibst mich als Briefumschlag, in dem ein Päckchen steckt, wenn man ihn nur aufmacht. Du lernst so viele Christinas kennen heute Abend, eine davon zieht in die WG von Andreas, Andrej und Andruschka.

Zwei Narzissen, die sich gegenseitig beäugen.

Iglu

Der erste Schritt, im Slow-Walk.
Dann ein Zögern – zurück ins Iglu.

Schreibtanz

In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.

Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?

O Mensch

Sabine bläst das Licht aus, Stromausfall, selbst das Sturmlicht am Hafen blinkt nicht mehr. Sie lässt die Fenster zittern, zerrt an den Bäumen und macht Wellen wie am Meer. Alle Schwäne schauen in eine Richtung und sitzen wie Rennfahrer vor dem Start auf dem Wasser neben dem Feuerwehrboot. Wer vergibt den Namen meiner Mutter an so ein Unwetter? Keine Bahn fährt, mein Besuch hängt hier fest.

Du schreibst aus dem Bus und verrätst mir etwas (in Klammern), das dich zum dritten Mal auf den Kopf stellt. Jede Woche eine neue Information. Du machst das gut, das hält mich wach und mein Bild von dir lebendig. O Mensch, bewein dein Sünde groß. Während du Orgel übst, finde ich meinen Blog von 2007, meine Zeit in New York. Zeiten der Sünde? Wann warst du im Kloster?

Dieses Stöbern in alten Notizen ist wie ein langer Blick in den Spiegel. Eigentlich will ich das nicht sehen. Was für eine Zeitverschwendung, mir im Spiegel beim Älterwerden zuzuschauen. Später werde ich schreiben, denke ich oft. Vielleicht schon seit ich schreiben kann. Ich schreibe ja längst und dieses Schreiben, seine Entwicklung und Anfänge werden sichtbar in meinem Blog.

Alle scheinen zu wissen, wer du bist. Hat dich mal jemand gefragt? Die Suche beginnt in deinem Innersten. Bist du bereit, da reinzugehen? Und mich mitzunehmen? Was soll ich da? Vielleicht ist Verlieben nur eine Idee, ein Ausbruch aus dem was ist, was ich schon kenne. Eine Flucht vom Selbst. Nur noch du, alles andre egal. Alle Gedanken richten sich an dich. Sie brauchen ein Gegenüber, Resonanz, um ihre Kraft zu spüren. Wie der Sturm da draußen, der den See aufwühlt.

Wirbelsturm

Innerhalb von Minuten löst sich der Nebel auf. Erst schaut der Kirchturm raus, dann das andere Ufer. Ich sitze schreibend im Sand der Schmugglerbucht, kneife die Augen zusammen vor lauter Licht. Sonniger Windhauch, in Erwartung auf Wirbelsturm. Lass dich nicht wegwehen!

Abgebremst

Dein Leben ist gerade so viel voller und schneller als meins. Das habe ich nach meinem letzten Jahr im Dauerlauf abgebremst, um genauer hinzuschauen. Um mich einzulassen auf das, was kommen mag. Auf dem Weg zeigen sich zarte Blättchen, die gedanklich zu Büchern heranwachsen. Nur das eigentliche Beet liegt brach, egal wie regelmäßig wir gießen. Seit fünf Jahren, wie ich heute in meinen Notizen las.

Ungeplünderte Notizen

Auf dem Weg zu meinem geliebten Bodensee hält der Zug jetzt so, dass der Mond an der Oberleitung hängen bleibt, in einer Linie über dem Fernsehturm. Im Gepäck die bislang ungeplünderten Notizbücher meiner letzen fünf Jahre. Rohdiamanten, vielleicht.

Polyfonie

Den Vormittag verbringe ich lesend. Den Wortschatz auffrischen, auf der Suche nach Begriffen aus der queeren Szene – als wäre das ein Club, in dem eine verheiratete Frau nichts zu suchen hat. Worte für Schubladen. Und die Zwischentöne? Bekommen ein Plus. Heteronormative Welt, ja, wir sind viele, die Norm, wieviele sind mehr, mehr als hetero und mono, um poly ging unser erstes Gespräch, daran ändert doch Heiraten nichts.

Als Kind wollte ich ein Junge sein und bitte bloß keine Brüste bekommen. Ich war sowas von ein Mädchen, am liebsten unter Jungs.

Mich verstecken, unsichtbar sein. Für Wochen wollte ich das jetzt, Winterschlaf. Und plötzlich diese Lust, gesehen zu werden, mich zu zeigen, schön gefunden zu werden, gefunden zu werden. Wie eine Raupe, die sich über Monate verpuppt hat und nun als Schmetterling schlüpft. Noch immer im Schlafanzug (weil Montag, der gehört mir), doch mit einem neuen Leuchten im Blick.

Synchron

Wir warten am Bühneneingang, beide an zweiter Stelle, wir werden synchron die Bühne betreten – du rechts oben, ich links unten. Du blickst zu mir, bis das Orchester sitzt, dann gehen wir los.

In den letzten Takten dann ein optisches Phänomen: Ich konzentriere mich so sehr aufs Singen und unsere Dirigentin, dass alles um sie herum verschwimmt und verschwindet. Sie leuchtet, hält die Spannung, die Stille, ich kippe gleich um. Zu wenig getrunken, geblinzelt oder geatmet? Die Luft ist ganz schwer. In Zeitlupe lässt sie den Taktstock sinken, ein letztes Mal, mit uns. Hinter mir eine tickende Uhr.

Applaus!

Angenehm verwirrt

Wieder suche ich deinen Blick. Du blickst zurück, länger als ich es aushalte. Was ist das, was mich an dir so angenehm verwirrt? Will ich einfach jemanden neu sehen oder neu gesehen werden? Mich neu erzählen geht vielleicht nur mit einem neuen Gegenüber. Ohne all das, was war oder nicht. Nicht wahr?

Wärmflasche

Verdis Trompeten im Ohr surfe ich auf meiner Wärmflasche durch deinen Sauerkrautauflaufduft.

Musikalisch verzauberter Joghurt

Es gab mal eine Zeit, da fand mein Leben im E-Mail-Postfach statt. Seither wohne ich hier. Liebesbriefe kamen schon länger keine mehr an und doch erwarte ich immer, wenn ich hier reinschaue (mindestens drei, vier, fünf – ach, wahrscheinlich zehn oder zwanzigmal täglich), dass zwischen all den Fragen, Bitten, Aufträgen, Korrekturen, Informationen und Rundbriefen etwas passiert. Etwas Magisches.

Nach Wochen im Schneckenhaus sitzt du plötzlich neben mir. Ein neuer Mensch! Wir tanzen die halbe Nacht im Dreivierteltakt durch den Spiegelsaal. Am Morgen begegnen wir uns lachend am Frühstücksbuffet. Während der Proben und des Konzerts suche ich deinen Blick – wenn sich nicht gerade die Beine der Dirigentin oder die Kleider der Solistinnen zwischen uns schieben. Nach dem Konzert finde ich dich nicht mehr. Dafür unsere Tanzflächen-Gouvernante Frank, die mir deinen Nachnamen verrät. Dann noch Joghurt dazu und schon bist du zu finden! Ich schreibe dir, drehe und wende die Sätze, prüfe den Rhythmus, Klang und Tanz der Wörter auf unverbindliche Leichtigkeit, und klicke auf das Papierflugzeug. Aufgeregt wie früher warte ich jetzt.

Wahrscheinlich ist das Warten selbst das Magische daran. Vielleicht sollte ich öfter mal ein verheißungsvoll glitzerndes Leuchten versenden. Verdi hat dich wahrlich verzaubert, das sah schön aus. Wollte ich dir sagen.

Morgenlicht

Im Flur wird das Licht angeknipst, ich höre es durch die Wand, dann rollt der Aufzug aufwärts. Wie früh die Welt aufsteht, obwohl es noch so dunkel ist. Im Osten zeigt sich erstes Licht hinter den Wolken, Ein Blau-Lila-Orange im Schwarz des Morgens. Im Haus gegenüber erwachen die Küchenfenster, ein Schatten mit Tasse stellt sich ans Fensterbrett. Ganz oben ist Licht in allen Fenstern, verschiedene Lichttemperaturen, die meisten davon zu weiß.

Knick

Ein gutes Buch zu Ende zu lesen ist wie ein Knick. Selbst wenn ich das Buch noch einmal lesen sollte, werde ich diese Worte nie wieder so lesen können, wie beim ersten Mal. Es gibt kein Zurück in diesen Moment. Manchmal ahne ich das schon beim Lesen, dann markiere ich mir die Seite unten mit einem winzigen Knick, zu dem ich später zurückkehre, nach ein paar Tagen oder Wochen ohne neues Buch an meiner Seite. Oft sind es Textstellen zu eben jener Unwiederbringlichkeit des Jetzt.

Auch ins Leben mache ich manchmal solch einen Knick: Wenn ich schreibe.

Minimalbeobachtungen.

Die andere Seite

Es ist Herbst geworden. Wie gerne wäre ich die Autorin, die im französischen Sommer kurz angeklopft hat und sich Geschichten zutraute. Doch da ist auch diese andere Seite in mir, die lieber aufräumt, eingekauft und kocht, Steuer und Abrechnung macht, als sich einen Kunsttag in der Woche oder eine Kunststunde am Morgen zu erlauben. Die lieber Daten von 2003 bis 2019 sortiert, als etwas Neues zu wagen. Die lieber eine Neuauflage eines zehn Jahre alten Buchs produziert, das nun den Keller und die Gedanken blockiert.

Märchenbaum

Halbzeit. Ich sitze unter dem großen Märchenbaum, dessen Äste wie Stämme bis zum Boden reichen. Es riecht nach Harz, warmen Nadeln und trockenem Gras. Einmal im Jahr sind wir Schlossbewohner, verarmter Landadel oder doch Prinzessinnen, die versehentlich in der Stadt und in der Kunst gelandet sind.

Rosenzimmer

Wir schlafen im Rosenzimmer. Im Schrank eine Baby-Badewanne und Windeln, im Vorzimmer ein Wickeltisch und ein Babybett. Ich rede besonders laut und locker über die Aufgabe, die uns damit klar vor Augen steht. Jakob seufzt, Sarah lächelt mitleidig, ich schiebe es lachend beiseite und kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass mein nächstes Baby tatsächlich eines aus Fleisch und Blut und kein Buch sein soll. Die Aufgabe, die mich findet. Nun erst einmal Regeneration nach Monaten der Disziplin, die diese Projekte brauchen, um vollendet zu werden.

Donnergrollen

Nicht weit entfernt rollt Donner durch die Wolken. Ich liege unter den hohen Bäumen im Park unseres neuen Schlosses, ein Schmuckstück mitten in Frankreich. Beim ersten Spaziergang durch den Park ratterten so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl hatte, nur mitschreiben zu müssen. Die Inspiration eines neuen Ortes und der Freiheit nach dem Projekt. Schon gestern auf der Fahrt hierher vermischten sich meine Schläfrigkeit mit der Musik und produzierten einen Film, den ich gerne aufgenommen hätte. Vielleicht regnet es gleich, ich warte bis der Donner über mir kracht. Krähen krähen auf den Feldern, der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, es klingt wie Musik. Und wie gut es riecht, nach Sommer und sonnentrockenem Laub. Jetzt, der Donner direkt hier. Ist es wirklich meine Aufgabe, mitzuschreiben? Nehme ich sie an? Oder schaue ich einfach der Zeit dabei zu, wie sie vergeht? Ganz langsam und doch zu schnell für das Assoziationsfeuerwerk in meinem Kopf.

Spiegel

Du musst nicht in jeden Spiegel schauen, der dir ins Auge fällt. Starke Frauen, geht voran als Teil unserer suchenden und fragenden Generation. Ich backe solange Brot und schaue aus dem Fenster dieser etwas zu kleinen Wohnung in dieser komischen Stadt, die ich zu lieben mir vorgenommen habe. Reisen geht ja auch nicht für immer.

Tulpen

Vor mir liegt eine Woche am See. Die Tulpen duften, draußen das Ufer voller Vögel, nebenan der neue Nachbar, der immer etwas zu laut spricht. Etwas zu laut ist es in mir drin seit einigen Tagen und etwas zu still bin ich. Ich möchte es immer noch stiller, bis hin zum Stillstand, den ich dann nicht mehr ertrage. Mit den Gedanken und Erinnerungen an Matt kam mir auch meine überdrehte Seite wieder in den Sinn. Reisen, Menschen, Ausstellungen, Essen, Lachen, Mitschwimmen in diesem spannenden Leben.

Timeline

Matt ist gestorben, schreibt mir Cassie. Es dauert, bis ich die Nachricht verstehe. Ich versuche im Internet herauszufinden, was passiert ist. Ein Verbrechen oder ein Unfall, vielleicht beides. Erst war er vermisst, dann fand man seinen Rucksack und später, ganz woanders, seinen Körper. Wie manisch schaue ich meine alten Fotos durch und seine Bilder auf Facebook und Instagram der letzten Jahre. Das ist alles, was bleibt, eine Timeline. Am nächsten Tag ist sie gelöscht.

Den letzten Kontakt hatten wir vor zwei Jahren, als ich in New York war und er in Hongkong. Wir haben uns immer wieder verpasst. 2008 waren wir Praktikanten bei Pentagram, gleich an meinem ersten Tag haben wir uns angefreundet. Bei Matt fühlte ich mich wohl, er war geduldig mit meinem holprigen Englisch, wir lachten zusammen über meine Wortschöpfungen. Ich mochte seine ruhige freundliche Art, seinen Humor und seinen offenen Blick auf die Welt. Gemeinsam besuchten wir Ausstellungen und probierten uns durch New Yorks Restaurants, er nahm mich mit zu Konzerten, durch ihn lerne ich die Stadt und viele spannende Menschen kennen. Er stellte mir seine Lieblingsmusik zusammen, der Soundtrack zu meiner vierwöchigen Reise mit dem Zug durch die USA. Am Tag meiner Abreise zurück nach Deutschland begleitete er mich zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich das Ticket falsch gelesen hatte und ich meinen Flug verpassen würde. Matt blieb ruhig und half mir beim Umbuchen, gar kein Problem. Danke, Matt. Für jeden Moment mit dir.

Holzwand

Im Wind bemalt ein Baum die Holzwand einer Scheune.

Durchlässig

Klappernder Fensterladen dem Wind, draußen ist alles weiß. Heute geht es nach Hause, nach drei Tagen im österreichischen Schnee, in denen zu viel gesagt wurde. Es war laut und emotional, jede Nuance der Stimmungen am Tisch sickerte in mich ein. Ich bin zu durchlässig für diese Art der Kommunikation. Und es schmerzt mich, wenn du in Schussfeuer gerätst.

Kreidespur

Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Hauptstraße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrerseite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschenlampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stundenkilometer sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.

Zu weit unten

Als ich den Papiermüll runterbringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handgeschriebenen Zettel, den ich wiedererkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgendämmerung aufs Papier gekrakelt, im Landeanflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papiertonne kleben. Ausgerechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.

Vermissen

Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.

Ruhe

Mein Schlaf ist so durchlässig, ganz dünn und zerbrechlich. Ich sehne mich nach Ruhe, nach einem Bett ohne Autokolonnen, die Morgen für Morgen an unserem Schlaf vorbei kriechen.

Immer nur noch

Nicht mehr geschrieben, seit die Treppen pausieren, nichts mehr festgehalten, seit alle Fragen von außen wichtiger wurden als meine innere Welt. Geträumt, aber verlernt, die Erlebnisse festzuhalten, bis Papier und Stift zur Hand sind. Gegrübelt und formuliert, doch nur im Kopf. Immer nur im Kopf. ›Immer‹ und ›nur‹ aus den Texten streichen, und ›noch‹ auch.

Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.

Acht Jahre

Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.

Linie#14

Linie 9570 – meine letzte Linie an einem der letzten Tage des Sommers. Die Hitzewelle schien endlos, heute dann Kälteeinbruch und Ratlosigkeit vor dem Kleiderschrank. Was trägt man außer Sommerkleider und Sandalen? Wer bin ich, wenn es kühler ist? In den Schaufenstern schon Herbstfarben, dazwischen demonstratives Gelb. Vielleicht ein gelber Regenmantel oder gelbe Gummistiefel? Lieber sonnengelbe Sandalen, ich bin noch nicht so weit.

Nun sitze ich also im Zug zu dir nach Straßburg. Noch steht er. Gegenüber fragt ein Vater seine Tochter: Bist du traurig? Draußen winken die sehr kleine Mutter und der sehr große Bruder, bis der Zug losrollt. Sie verdrückt ein paar Tränen, kramt nach ihrem Pass und zählt die Namen ihrer Freundinnen auf, die sie in Israel besuchen wollen.

Der Zug beschleunigt auf 274 Kilometer pro Stunde, er könnte mehr als doppelt so schnell.

Hunderte Kilometer habe ich in den letzten Monaten im öffentlichen Linienverkehr zurückgelegt, meist sitzend, selten stehend, einmal kauernd (das war nett). Im Dazwischen finde ich plötzlich Zeit, um hinzuschauen und zuzuhören. Man kommt Fremden recht nah, wenn man so unterwegs ist. Manche reisen in ihrem Kokon aus Musik, Film, Arbeit und Lesestoff. Andere blenden völlig aus, dass sie nicht unter sich sind und erzählen offen und laut aus ihrem Leben, manchmal schreibe ich mit.

Sie sieht so traurig aus mit ihren glänzenden dunklen Augen. Der Vater telefoniert leise auf Hebräisch. Auswandern, wie das wohl ist? Eine Linie unterbrechen, um woanders neu anzusetzen.

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.

Linie#13

Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.

Linie#12

Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.

Linie#11

Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevorstehende Hallenhochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch eingeladen – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.

Zwei neue Nebensitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.

Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.

In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufenschüler mit kurzgeschorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.

Linie#10

Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.

Linie#9

Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.

Linie#8

Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.

Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.

Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.

Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgendwoher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farbengeschäft. Immer wieder verwirrend, Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.

Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausgeliehen.

Linie#7

Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken ein Pickel und etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Privatabteil. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.

Linie#6

Schwarz die Kleidung, die Schirme und auch die dicke Regenwolke über uns. Der erste Regen nach einer langen Reihe an Sonnentagen. Der Himmel weint mit.

Als Kurt uns vor dem Jahreswechsel das letzte Mal sah, weinte er beim Abschied. Dann wischte er sich die Tränen ab und winkte uns lachend auf seinen Stock gestützt mit einem weißen Taschentuch hinterher. Wie früher in Metzingen, als mein Vater noch klein war. Damals hatte Onkel Kurt immer ein Tischtuch geholt und gewunken, bis das Auto mit seinen Neffen um die Kurve bog.

Wie sie dann einfach endet, so eine Lebenslinie. Und was für eine: All die tragischen Umbrüche und mutigen Neuanfänge hätten für drei Leben gereicht. Ich lausche den Geschichten über den Lausbub, dessen Schabernack die DDR veranlasste, ihn mit 18 Jahren des Landes zu verweisen. Ein Dandy mit Stil, stets in Anzug und Krawatte, voller Frohsinn, Optimismus und Hilfsbereitschaft. Sein Vermächtnis: Denkt an mich, wenn ihr einem hilfsbedürftigen Menschen begegnet.

Der Friedwald, in dem wir Abschied nehmen, hängt voller Tropfen. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach. An den Buchen hängen Schilder mit Namen, bis zu zehn pro Baum.

Später im Waldhorn steht ein guter Freund aus Jugendzeiten auf und sagt: Wäre er hier, unser Hardy und euer Kurt, er wäre verwundert, wenn ich nichts sagen würde, darum sage ich jetzt was. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn weinen. Statt Schwarz sollten wir Weiß tragen, die Farbe der Hoffnung und der Freude. Wir sollten gemeinsam feiern und uns freuen, dass er da war, und dass er war, wer er war.

Linie#5

Die sieben Minuten Fußweg schaffe ich in vier, wenn ich renne – was ich immer muss, weil mir, egal wieviel Zeit ich habe, kurz vor dem Losgehen noch etwas so Wichtiges einfällt, wie die Spülmaschine auszuräumen (das reicht noch gut), die Blumen zu gießen (ach, immernoch genug Zeit), die Fensterläden zu schließen (jetzt sollte ich aber los) und dann doch noch die Zähne zu putzen (oh, jetzt aber wirklich). Die Schuhe binde ich im Aufzug, während ich mit wenigen Klicks meine Fahrkarte kaufe und hoffe, dass unser WLAN bis ins Erdgeschoss reicht oder dass das mobile Netz diesmal rechtzeitig übernimmt. Die Fahrkarte konnte nicht heruntergeladen werden. Also renne ich, schwer bepackt, den Blick und die Finger auf dem Smartphone, die klackernden Schuhe verfluchend (dass sie so unbequem sind, hatte ich vergessen) den Berg hinab, bis mich ein weißwolliger Hund begeistert oder verstört, aber vor allem laut anbellt und bremst. Jetzt bin ich so richtig wach. Noch zwei Rolltreppen voller müder Menschen (Entschuldigung, darf ich bitte durch), dann unten, gerade noch rechtzeitig, Linie 1, die Türen noch offen, geschafft. Wie immer.

Vier Minuten Umsteigezeit von Gleis drei auf Gleis acht. Treppab, Treppauf, Warten.

Zwei Linienscharen aus Hochspannungsleitungen. Die einen parallel, die anderen diagonal zu uns. In Wellen, von Mast zu Mast.

Die Umgebungskarte empfiehlt mir Luftlinie und behauptet zwei Minuten Fußweg – von Treppen, Gedränge, dem Umweg um die Baustelle und einer roten Ampel weiß sie nichts. Ich renne durch Pfützen, das Wasser spritzt in alle Richtungen, die Uhr ging vor, Linie 4 steht noch da und nimmt mich mit.

Einer mit Sicherheitsnadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt nach Fahrgeld in seinem überweiten Hosenbein und in den überhohen Schnürstiefeln. Ein Loch in der Hosentasche, schnieft er entschuldigend. Er rüttelt am Stoff und braucht drei Haltestellen, bis die Münzen über den Boden nach hinten kullern.

Als wollte mir das rote Lämpchen des Rauchmelders sagen: Ich sehe genau, dass du blinzelst und nicht schläfst.

Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.

Linie#4

In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namensschild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.

Und so verharrt sie in der Rolle des Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Flachbrüstig, in Röcken und klobigen Schuhen, unfrisiert, trotzig, gelangweilt.

Linie#3

Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als eingeschworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeausweichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linienverkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laangsaaaammeeeerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehenbleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnenwarmen Nirgendwo.

Der Reiz des Verspeisens von Nasenpopeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufgeräumt.

Linie#2

In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich bemerkte, dass der Mann neben mir fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außerordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarztstuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungskraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, zu eng am Po, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest deine hätte mich durchaus interessiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, deine Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!

Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch rechtzeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verunmöglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.

Linie#1

Am Anfang war die Linie. Linie 1. In der sitze ich nun und versuche mich in deinem französischen Text zurechtzufinden. Linie 1 um kurz nach eins, voller Schülerinnen und deren Blicke auf mein Schreiben, das nicht weiß, welchem Gedanken es zuerst folgen will. Mein Kopf – ein Knäuel aus Linien, die sich entwirren, die straff gezogen werden, je länger die Reise geht. Linie 1 ist zu kurz dafür, gleich muss ich raus und weiter. Vielleicht sind es gerade zu viele Linien, denen ich folge. Die Punkte sind gesetzt, Anfang und Ziel, vielleicht ein paar Zwischenstopps. Manchmal dauert es Wochen, bis ich die eine oder andere Linie wieder aufnehme, sie in Punkten oder Strichen wie Trippelschritten dem nächsten Etappenziel näherbringe. Ob gepunktet, gestrichelt oder durchgezogen – gerade ist keine dieser Linien. Sie winden sich, schlagen Wellen, zeichnen Umwege in Richtungen, die nie geplant waren. Am Ende ziehen sie sich straff und behaupten, stets zielstrebig gewesen zu sein. Dem traue ich nicht, niemals. So sehr ich es mir manchmal wünsche – wie eintönig wäre doch diese Geradlinigkeit: Nie würden zwei Linien sich kreuzen oder ablenken und in neue Richtungen locken. Eine jede strebte stur ihrem Ziel entgegen, ohne nach links und rechts zu schauen, rücksichtslos und unbeirrbar. Magisch wird es, wenn zwei sich treffen, einander stupsen, sich gegenseitig schieben und ziehen, umeinander winden, eins werden. Linie 1.

Vorm Fensterbrett

Ein Blick aus meinem Küchenfenster: Blauer Himmel mit weißen Wolken, Wind rauscht durch die Bäume im Hinterhof, Vogelgezwitscher, ein weinendes Baby auf dem Balkon nebenan, den ich nicht sehe. Wir kennen uns vom Hören, wohnen Wand an Wand. Wir leben hier auf engstem Raum nebeneinander her, Schuhkarton auf Schuhkarton, Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer, jeder Grundriss ungefähr gleich. 

Die Sonne beleuchtet die Balkone des Nachbarhauses, noch ist niemand draußen. Ein ruhiger Montagmorgen, Brückentag. Beim genaueren Hinsehen etwas Leben hinter den Fenstern: Eine rundliche Frau mit Schürze (4. Etage links), ein nackter Männerrücken (6. Etage rechts), ein Laufstall direkt am Fenster (3. Etage links). 

Eine Frau im lila Bademantel mit blondem Dutt und Sonnenbrille betritt den Balkon (3. Etage rechts). Links darüber beinahe gleichzeitig für einen kurzen Moment eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Hose – und wieder drin, beide. Der lila Bademantel geht mehrmals rein und raus, deckt naschend einen Tisch für zwei. 

Sieht mich jemand? Zu viele Fenster, aus denen zurückgeschaut werden könnte. Ich fühle mich beobachtet beim Beobachten, schließe vorsichtshalber das Fenster und hoffe, das Glas verspiegelt meinen Ausguck. Ich könnte den ganzen Morgen hier sitzen und das Treiben meiner Nachbarn protokollieren. Testweise mal frech mit dem Fernglas einen Zoom auf den Frühstückstisch: Honig, Nutella, aha.

Sie setzt sich, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, ihr wird warm. Sie schält sich aus dem lila Frottee, darunter ein übergroßes weißes T-Shirt. Ein Mann in verwaschenem Rot betritt den Balkon, geht wieder rein und kommt wieder raus, setzt sich ihr gegenüber, jetzt mit Sonnenbrille und Smartphone. Sie trinkt, er tippt. Schlaffe Schultern, noch müde, schweigendes Wachwerden. 

Der Balkon hängt voller weißer Lampions. Außerdem: eine gelbe und eine rote Laterne, Teelichter in Metallbechern mit Lochmustern, ein grauer Emailletopf mit blühenden Zweigen, eine Blumenampel mit Pfingstrosen, ein eingeklappter weißer Sonnenschirm, eine blaue Mülltüte, ein Bastkorb voller Altpapier, eine Holzkiste mit Altglas und ein futuristischer Gasgrill auf einem Holzschränkchen. Vor dem Balkon zwei Wäscheleinen mit bunten Klammern. Ihre Schatten fallen auf die Balkonverkleidung, sie doppeln sich.

Der Mann legt sein Smartphone zur Seite, sie werden munter, sprechen, trinken, löffeln Joghurt aus einem Becher. Sie rücken ihre Stühle nebeneinander, legen die Füße auf dem Balkongeländer ab, räkeln sich in der Sonne. Dann beide an ihren Smartphones, diese Fenster zur Welt.

Balkone sind Bühnen. Eine Vielzahl an Dingen wird hier ausgestellt. Sonnenschirme und bunte Wimpel, trocknende Unterhosen, wuchernde und vertrocknete Pflanzen, ein rotweißer Rettungsring im sechsten Stock. Eine Inventarliste meines Hinterhofs, Balkonporträts, Voyeurismus vom Küchenfenster aus, Ausschnitte aus dem Draußen-Wohnen meiner Nachbarn. Wir leben städtische Anonymität und ignorieren meist, wie dicht wir aufeinander sitzen, wie nah wir uns sind. Und wie ähnlich.

Besser oder anders

Meine Tage sind da, wieder nicht geklappt. So ist das. Bleiben wir halt selbst Kinder und werden nicht erwachsen. Ein Kind bei uns haben, seine Wärme spüren, seine Haut streicheln, ihm beim Schlafen zusehen. Wie es erst gar nichts kann und dann irgendwann krabbeln, babbeln, laufen, sprechen und später dann alles und besser oder anders als wir.

Rollenbild

Gespräch mit Gabi und Hexe über die Rolle der Frau, wenn sie keine Kinder hat. Über die Sprüche, die da kommen, wenn man dann doch noch heiratet mit 46. Über das Abgemeldet sein in der Familie, wenn die Schwester mit 42 doch noch ein Kind bekommt. Und über den Druck, der jetzt da ist – gebärfähiges Alter, verheiratet, jetzt aber los und da kann man doch nachhelfen. Und wenn nicht? Längst überstanden geglaubte Rollenbilder, unfreie Zeiten, ein Leben ohne Kinder ist nicht vorgesehen.

Schmetterling

Richards runder Geburtstag, nur wenige Häuser entfernt, eine andere Welt. Da steht er wieder, dieser Typ von vor acht Jahren, und schaut mich an, als würden wir uns kennen, als wüsste er, was hätte sein können, wer ich hätte sein können. Als ich ihn neben Richard sehe, weiß ich, dass er seinen Sohn ist. Ich kann nicht aufhören ihn anzuschauen und den Gesprächen kaum folgen. Ein kleiner Schmetterling flattert durch meinen Bauch. Ich sage ihm: Wir haben getanzt, vor acht Jahren, ich habe dich geküsst und bin dann weg, eigentlich nur kurz und dann doch heim, mit einem Anderen. Das ist mir öfter passiert, meint er lachend. Und Richard später: Er hat lange geschaut. Und ich? Suchversuche, Chaosjahre. Wenn Erinnerungen an diese Zeit wach werden, treffe ich eine andere Version von mir. So viele Möglichkeiten, mögliche Leben. Und nun also verheiratet.

Wieviel Offenheit ist mit dir wirklich möglich? Im Traum fühle ich mich von dir beobachtet. Ich empfinde deinen Blick als einengend, sobald ich nicht in dein Bild von mir passen will oder wenn ich mich erzählend neu erfinde. Wenn ich dieses Leuchten in meinen Augen habe und dieses offene neugierige Lachen im Gesicht, wenn mein Körper durch die Räume schwebt und ich wahrgenommen werde, von dir gehalten und doch frei.

Ich möchte ihn wiedersehen. Meine Gedanken wollen das. Vielleicht reicht auch das. Wieso habe ich seiner Freundin meine Karte gegeben und nicht ihm? Der Abend verging zu schnell, vor lauter Familie trauten wir uns nicht. Lass sie uns zusammen kennenlernen, vielleicht melden sie sich.

Gewürzreste

Am Abend radle ich zu Andrea, um ihr beim Kistenpacken zu helfen. Wir trinken Tee, kochen, plaudern und räumen zumindest die Küchenschränke aus. Wir machen drei Haufen: Einen für ihr Frühstück (mit so vielen Gewürzresten, dass wir herzlich lachen müssen), einen für Berlin und einen für mich: Schimmernde Liebesperlen, rosa Zucker, graues Salz und schwarzer Sesam.

Nasenspitze

Meine kalte Nasenspitze hält mich mal wieder vom Einschlafen ab.

Gehen

Alles ist plötzlich unwichtig. Mit gelben Tulpen zu Jutta ins Krankenhaus. Die Sonne scheint durch die Jalousien, ein gelber Vorhang, gelbe Wände – und sie, ganz klein, mit gelben Augen und vertrocknetem Mund, die Hände an Schläuchen. So ein feiner Mensch, es geht viel zu schnell. Wir bringen Leben in ihr Zimmer, das Lachen der kleinen Carla, die über ihre Beine klettert. Wir schwelgen in Erinnerungen an gemeinsame Tage in Falmenta. Im Mai wird Jennifer heiraten, den Verlobten kennen sie noch nicht. Ich erzähle von unserer kleinen Hochzeit und schaue auf ihre Ringe, Bernd hält ihre Hand. Ich denke an dich, wie du meine Hand gehalten hast auf dem Standesamt. Alles ist besser, wenn du meine Hand hältst.

Werden

Das brauchen die Dinge, wenn sie gut werden sollen: Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit.

Fadenspiel

Ich halte die Fäden achtlos in meinen Händen, so passiert gar nichts. Manchmal ziehe ich sanft an einem, dann geht es ein Stück voran. Doch wenn das Leben mich einholt, dann lasse ich die Fäden fallen und weiß plötzlich wieder, dass ich mehr bin als eine Marionette: Ich halte hier die Fäden in der Hand und wenn mich einer nicht mehr interessiert, schneide ich ihn ab.

Sein Blick

Ich wusste es, als ich seinen Blick bemerkte. So da war noch nie jemand und so da war auch ich noch nie. Dass es das wirklich gibt, hatte ich nie geglaubt. Er schaute abwechselnd zu mir und in sein Skizzenbuch, er zeichnete, wie ich so dastand: Meine Hände, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als sich am Gurt meiner Umhängetasche festzuklammern. Ein kurzer blaue Rock, ein Streifen Rot unter dem schwarzen T-Shirt, rote Kugeln an den Ohren. Weiter kam er nicht, die Zeichnung ist nie fertig geworden. Für den Rest der Exkursion blieb ich in seiner Nähe. Es war mir egal, dass es alle bemerkten. Ich wusste: Da will ich näher ran. Das war in Berlin, vor bald sieben Jahren.

Radius

Maximale Freiheit, minimaler Radius.

Aramsamsam

In der Begrüßungsrede an ihre Gäste gibt das Geburtstagskind den Horror der letzten Wochen eins zu eins wieder. Ich bin versucht, es in ein anderes Licht zu zerren, Dinge positiv zu sehen scheint mir eine Pflicht. Wie das Aramsamsam für meine kleine Schwester, wenn sie eigentlich weinen wollte. Nein, jetzt nicht.

Blindsein

Nach der Chorprobe sitze ich neben Rudolf, der nichts sieht. Wie lernt er mich kennen, wenn ich mich nie richtig vorstelle? Wir sprechen übers Blindsein. Ich erzähle von einem Ausstellungsbesuch mit verbundenen Augen, als Methode, um Kunstvermittlung zu üben. Ich frage ihn, ob er auch in Ausstellungen geht. Manchmal, auf Reisen mit der Familie. Aber was erzeugt die Fantasie für Bilder, wenn man nie welche gesehen hat? Ich spreche über Kunst, er über Physik. Auch er weiß nicht, worin seine Kollegen vertieft sind, ein Leben lang. Ich beschreibe ihm den Nebentisch: Drei Männer, vielleicht Italiener, alle drei in Schwarz gekleidet, jeder in sein Smartphone vertieft. Vor ihnen stehen drei Teller Spaghetti aus dem Parmesan-Rad mit Trüffel, schweigend fangen sie an zu essen. Überhaupt scheint heute Parmesan-Spaghetti-Tag zu sein, an allen Tischen, auch bei uns.

Mond

Die Macke in der Wand fasziniert mich: Ein Mond, er schaut nach rechts, daneben abgeblätterte Farbe und Tapete, darunter ein halbdiagonaler Strich, als würde der Mond einen Satz nach oben machen, Hochsprung. So viel Kraft und Wut, mit der du meine Tastatur gegen die Wand gepfeffert hast.

Perpetuum mobile

Du bügelst meine Stirn mit deinen Fingern, die Falten verschieben sich auf die Backe zu Grübchen. Wir strahlen uns gegenseitig an – ein Perpetuum mobile des Glücks.

Kosmetik, wo es einen Pflug bräuchte.

Lieferservice für Kuchen

Ankunft in der steilen Gasse zu unserer Unterkunft bei Rui, eine kurze Führung durch die blitzsaubere Wohnung und Küche mit Ausblick und Rührmaschine – er betreibt einen Lieferservice für Kuchen. Mittagspause im gemütlichen Zimmer, dann raus ins nahe gelegene Zentrum Lissabons und weiter Richtung Castelo. Wunderbarer Blick über die hügelige Stadt mit Abendsonne und windzerzausten Haaren.

Wieviel Portugal passt in zwölf Tage?

Wartezimmer

Zwei symmetrische Türen, etwa einen Meter auseinander, hellgrau, wie die Wand, die Rahmen etwas dunkler. Die Scharniere jeweils solidarisch: oben hell, unten dunkel. Zwischen den Türen an der Wand eine Lampe, halbrund, oben offen – fast passend zum orange-beige melierten Linoleumfußboden. Knallblaue Sockelleisten, oben parallel dazu orangene Zierleisten auf Türrahmenhöhe (aber nur zwischen den Türen) sowie kurz unter der Decke. Fehler in der Symmetrie: Der Lichtschalter links ist weiter vom Türrahmen entfernt als der rechts. Die linke Tür ist unten auf beiden Seiten leicht engekerbt. Das Schlüsselloch links ist klassisch, rechts ist es rund. Beide Türen öffnen sich fast gleichzeitig. Frau und Herr Doktor, Tür an Tür. Der nächste, bitte.

Ich

Ich. Wo fängt das an? Hier und Jetzt oder bei meiner Geburt oder Zeugung oder der Begegnung meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern? Oder bei meiner ersten Erinnerung? Oder mit meinem ersten Tagebuch, in dem ich mich schreibend an mich selbst richtete?

Ich. 31 Jahre, 163 cm, 55 kg, dünner als ich mich fühle. Ich habe studiert, aber nicht so richtig. Ich arbeite, aber nicht so richtig. Weil allein, daheim und ohne Ziel, von Auftrag zu Auftrag, der mir zufliegt, mich einnimmt, verschlingt und dann wieder ausspuckt. Jedes Mal denke ich, das mache ich noch, danach wird alles anders. Es muss sich etwas ändern, nein – nicht etwas, alles muss sich ändern. Arbeit, Ort, Familiensituation. Entweder ich werde schwanger oder. Oder was?

Ich. Dehydriert. Ich empfange zu viele Signale, Radiowellen, welcher ist mein Sender? Die Antennen sind aufgestellt, der Empfang gestört durch den Matsch in meinem Kopf, wohltuender Nebel, Regenwolken über uns, Stimmen von drüben, Plätschern vom Teich, Tropfen von oben, Schritte im Kies, Wind in den Bäumen, Vogelgezwitscher, klackernde Boule-Kugeln. »Oh la la Monsieur«, ruft einer, der so viel schöner gealtert ist als seine Frau. Ich sehe, wie sie an sich arbeiten, seit Jahren ihre Zweisamkeit verteidigen, gegen sich selbst, das Alter, die Zeit. Ich habe Durst.

Leichtigkeit

Hier komme ich sofort an. Alles ist mir vertraut, das Haus und der Garten, die Abläufe und Rituale, die Offenheit der Leute, die Leichtigkeit. Als würden wir dort ansetzen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Ein unendlicher Aufenthalt auf dem Schloss, nur kurz unterbrochen durch ein Jahr woanders. Wie die Träume, nur kurz unterbrochen durch den Tag. Alles fällt von mir ab, ich möchte auch nicht darüber sprechen, was war, wie es mir ging im letzten Jahr, was ich so mache und was ich noch alles tun könnte. Oder doch – das geht ganz gut aus der Distanz, der Konjunktiv.

Morgenluft

Etappe drei oder sechs unserer Reise: Schloss Vellexon! Ich sitze im Tanzsaal, der jetzt Yogaraum ist – das Schloss hat neue Besitzer. Mein Blick streift über die Landschaft vor dem Fenster, kühle Morgenluft strömt herein und ein Lachen von unten – ich weiß, wem es gehört, ich weiß nur nicht mehr, was ich mit ihm reden soll. Alles gesagt. Neuen Leuten von neuen Ideen zu erzählen, fällt mir so viel leichter, als Freunden, die mich kennen und meine Pläne womöglich gleich in die Schublade einordnen, in der sie mich gut aufgehoben wissen.

Raus

Jetzt haben wir Urlaub! Seltsam, dass ich dermaßen strahle, wenn ich das verkünde. Die Bildschirmabhängigkeit und Lethargie in unserer Wohnung ertrage ich keinen Tag länger – raus hier, raus! Augen auf für die Welt und füreinander. Dabei ist Urlaub nur eine Idee, ein Konzept. Wenn man das braucht. Brauchen wir. Jetzt.

Patrick überredet mich, bei der Critical Mass mitzuradeln. Meine erste Demo (wie peinlich). Ich entdecke neue Ecken, Freunde, Bekannte und das starke Gefühl, auf dem Rad durch den Wagenburgtunnel abwärts zu sausen. Am Ende des Tunnels blendet uns goldenes Abendlicht, kurz bevor die Sonne hinter dem Berg verschwindet.

Leidenschaft

Er spricht so begeistert, da hüpft mein Herz. Seine Leidenschaft für seine Arbeit verdrängt alles andere: Freunde, Freizeit, Urlaub, Liebe, Kinder. Das ist doch nicht gesund! Aber ein Geschenk für die Kunst- und Bücherwelt. Man kann nicht ein bisschen so sein – nur ganz oder gar nicht.

Wurzeln

Vor einigen Jahren hatte ich das große Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Jetzt möchte ich mich ausgraben und verpflanzen. Oder ich lasse den Baum stehen und fliege als Samenkorn weiter in neue Erde. Oder in alte Erde, hier am See?

Leben

Draußen wirbelt ein Sturm die Abendpläne durcheinander, während ich drinnen sitze und nach meiner Mitte suche. Dann traue ich mich doch raus in den warmen Sommerwind und stelle fest: das Leben aus meinen Träumen gibt es tatsächlich. In der fast windgeschützten Bucht werde ich mit offenen Armen willkommen geheißen, so wie ich bin, ganz nah, vom ersten Moment an. Ich bin überrascht, überwältigt, überfordert von so viel Zutraulichkeit und liebevollem Streicheln. Gitarren unterm Sternenhimmel, Barfußtanz im Sand, ein Mondbad. Mein Kopf will diese Nähe, doch mein Körper sucht Distanz. Oder umgekehrt. Wieso bin ich nach Hause und nicht mit? Zu schnell, zu nah, zu viel? Mir fällt wieder ein, wie leicht es hier am See ist. Ich will hier leben. Ich will leben.

Ernst

Das Gefühl, dass ich es nicht ganz ernst meine mit dem, was ich tue.

Verkehrserziehung

Im Wartezimmer liegt ein Spielteppich mit Straßen, Parkplätzen, Bushaltestellen, Kreisverkehr mit Kreisverkehrskunst, Zebrastreifen und Grünstreifen mit Bäumen. Häuser mit Kino, Post, Polizei, Feuerwehr, Tankstelle, Waschanlage und Kiosk, auf den Dächern Lautsprecher, Satellitenschüssel und Windhose. Ein Park mit See, Segelboot und Eisverkäufer, ein Spielplatz mit Wippe und Schaukel. Und ein Bauernhof mit Traktor, Hühnern, Schafen, Scheunentor und Lattenzaun.

Näher ran

Ich habe so große Lust, meine Träume zu tippen, meine Notizbücher und Fotos der letzten Jahre zu durchforsten, Momente auszugraben, etwas großes Ganzes daraus entstehen zu sehen.

Alles hängt mit allem zusammen. Alle Geschichten sind schon einmal dagewesen. Bei jedem Buch, das ich lese, gibt es diese Déjà-vus. Jedes neue Gesicht, in das ich schaue, ähnelt einem, das ich schon kenne. Das Leben besteht aus Wiederholungen das Immergleichen. Ist das gut? Oder soll ich raus aus diesem Kreis, der sich immer enger um mich legt? Ich will tiefer rein und näher ran an den Kern, der die Dinge im Innersten zusammenhält.

Frei

Ich nehme mir einen Tag frei. Heute. Also ob ich nicht jeden Tag frei wäre, das zu tun. Aber es wirklich zu tun und es allen zu sagen, das ist neu. So viele Möglichkeiten, jeden Tag. Schreiben und Zeichnen! Oder ins Freibad? Ein Tag scheint zu wenig und doch, Moment für Moment, unendlich lang.

Badewanne

Im ›Piece of Cake‹ ein Zusammenschnitt von Badewannenszenen aus Filmen: Kinder, Männer und Frauen im Schaum, Wetttauchen, Singen, Essen in der Badewanne, und natürlich Selbstmord und Todschlag, blutrotes Wasser. Und wieder Waschen, Einseifen, Entspannen.

Nachtzug

Du rollst gerade in Berlin ein, im Nachtzug, zu dem ich dich gestern Abend gebracht habe. Ein langer Kuss auf dem Bahnsteig, ein kurzer Gedanke, ob ich nicht einfach mitfahren soll, mit dem Wenigen, was ich bei mir trage: Kleid und Sandalen, Handtasche mit Geld, Handy und Notizbuch. Pflichtbewusstsein und Vernunft halten mich zurück. Doch morgen fahre ich dir entgegen, wir sehen uns in Kassel.

Ausstellung

Meine Ausstellung steht und ist eröffnet. Sie ist leicht zu übersehen, unscheinbar am Rand platziert. Wieso verstecke ich die Dinge so? Vielleicht weil auch meine Sehen so ist? Alltägliche Beobachtungen, nicht inszeniert. Klein, leise und ruhig, im Schatten oder Halbschatten. Schon lustig, die Kunst: Man taucht ab, macht, legt hin, lädt ein – alle kommen, schauen und nicken.

Antrag

Der Bundestag beschließt die Ehe für alle. Clara macht mir spontan einen Antrag, ich sage sofort ja. Du stehst daneben – amüsiert und auch etwas verschreckt, zumal wir gleich allen erzählen, dass wir verlobt sind. Trauung in Konstanz, in der Kapelle, die meinem Papa so gefällt. Dann mit dem Schiff raus auf den See, ein Fest auf dem Wasser, die Nacht in Bregenz. Und dann leben wir am Bodensee, genau zwischen Konstanz und Bregenz, auf einer eigens für uns aufgeschütteten Insel, in einem Haus, das du für uns entwirfst. Wir adoptieren dich und Sabine wird Trauzeugin, die den Junggesellinnenabschied organisiert – garantiert ohne Eierlikör, Alkohol aus Spritzpistolen und Kartoffelsalat in Plastikeimern. Wir tragen Kleider, ich in blau, Clara in pink. Oder doch ein rosa Anzug? So streichen wir dann auch unser Haus mit Holzwerkstatt und Atelier in blau und rosa.

Kein Tag ohne Schreiben, dem Denken wegen. Das Papier ist mein Zuhause, da bin ich ich. Jeden Tag neu.

Mein Kinderzimmer

Ein Hochbett mit guter Aussicht auf die Blumenwiese, die damals noch kein Wohngebiet war. Wand und Decke aus Holz mit Astlöchern, in denen ich Tiere sah. Neben dem Kopfkissen an der Wand ein Bildchen, ich glaube gestickt von Mama. Sie hatte ein paar so Schätze, eine hübsche Nadeldose (die hat sie heute noch) und Metallplättchen mit Glasblumen, selbstgemacht, nur wie? Unter dem Hochbett mein Puppenhaus mit elektrischem Licht und Klingel, es hat mal Mama und ihrer Schwester gehört. Opa baute mir den dritten Stock dazu: Kinderzimmer und Bad. Vom Taschengeld kaufte ich mir Polly Pocket, noch kleinere Welten. Und gegenüber der Kaufladen, auch von Mama geerbt. Jetzt mit Holzgemüse (vielleicht auch erst später, als es der Laden meiner Schwester war). Mein Schreibtisch hatte vorne so ein rundes Fach für Stifte und einen roten Stuhl. Immer lief ein Hörspiel rauf und runter. Dazu habe ich gemalt und mir selbst Geschichten erzählt. Oder den Barbies Kleider genäht, Villen aus Lego gebaut und Gärten angelegt. Und jedem Besuch musste ich es zeigen: Mein Zimmer, meine Welt.

*

Sie hat ein Sternchen geboren, vorletzte Nacht.

Schreibfluss

Abends wiegen die Sorgen schwerer als morgens. War es vor den Morgenseiten nicht umgekehrt? Muss ich mich nun auch abends leer schreiben? Oder einfach immer weiterschreiben, den Stift nicht mehr absetzen, jeden Atemzug festhalten in einem immerwährenden Schreibfluss ohne Punkt und Komma mit Sprüngen in alle Richtungen unvermitteltselbstdielücken
zwischendenwörternweglassennurnoch
einflussausbuchstabenbisinalleewigkeit, Amen.

Sammlung

Etwas Magie in meinem Zimmer: An der Wand zwei Regenbögen und ein Sonnenfleck. Das will ich immer einfangen und wie einen Schatz aufbewahren.

Elternkind

Ich sehe anderer Leute Kinder und schaue nicht die Kinder an, sondern die Eltern – aus der Kind-Perspektive.

Serotonin

Miserabel geschlafen, die dritte Nacht in Folge. Seit ich von Serotoninmangel gehört habe. Nun liegt sogar ein Druck auf meiner Schlafqualität.

Fensterblicke

Stickige Luft im Wartezimmer. Das Fenster unterteilt die Komplexität der Welt in einzelne Ausschnitte. Jeder für sich genommen scheint verständlich, wie jeder Moment für sich genommen erträglich ist. Ich schaue auf einen Fensterausschnitt, vorne ein altes Dach, dahinter eine neue Fassade, oben ein Stück Himmel. Neun Fenster, neun Ausschnitte. Ich mag diese Aufteilung der Welt, Fensterblicke. Details statt das große Ganze. So ist es auch mit meinen Grundsatzfragen – die kleinen Beobachtungen retten mich vor dem großen unfassbaren Ganzen.

Das Loch

Dieser Typ, der mir alle paar Jahre über den Weg radelt oder läuft oder plötzlich dasteht und guckt – als ob er mich immer mal wieder daran erinnern wollte, dass ich mich nicht erinnern kann. Als ob er wüsste, wer ich bin und wer ich nicht war, als ich ihn küsste und kurz darauf ging und einen Anderen mit nach Hause nahm. War das überhaupt er? Oder hatte ich mir den Kuss nur gedacht, als ich ihn bei einer anderen Party tanzen sah? Von dort kam ich nicht mehr nach Hause, es war zu spät. Ich fragte einen harmlos aussehenden Jungen, ob ich bei ihm schlafen könne. Ich wusste nichts über ihn, folgte ihm zu seiner Wohnung, bekam ein großes weißes T-Shirt und legte mich in sein Bett. Ich wachte früh auf und nahm den Bus, nur weg, nichts wie weg. Wer war ich? War ich überhaupt? Ich kannte hier niemanden und niemand kannte mich. Hinter mir war alles zusammengebrochen, alle wollten weg, also ging auch ich. Nur wohin? Und wie sollte es weitergehen? Ich war einsam, ohne Heimat, Liebe, Halt und so sehr auf der Suche. Dann fand ich das große Nichts. Das Vergessen. Ein Loch in meiner Erinnerung. Manchmal krabbelt dieser Typ dort heraus. Vielleicht will er mir sagen, wie es dort ist, in diesem Loch, in dem ich ihn einfach so habe stehenlassen, um kurz etwas zu holen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar so gemeint. Oder jemand hat schräg geguckt und mich erkannt, ich wollte kein Gerede. Oder ich ahnte, dass er gerade dabei war, sich zu verlieben, mich zu verhexen und dann zu gehen. Vorher ging ich. Doch er geht nicht. Taucht ab und zu auf und guckt. Dieser schiefe Mund, immer in Bewegung, als wüsste seine Zunge nicht wohin mit sich. Nächstes Mal frage ich ihn, was damals war, ob was war, ob mein eigentliches Leben genau dort in diesem Loch weiterging, während ich hier draußen danach suche.

Fernweh

Das Leben wird also langsamer mit 31. Man geht nicht mehr aus und merkt es nicht einmal. Nur wenn eine Freundin kommt, die man schon 12 Jahre kennt, oder immer noch nicht. Man leert eine Flasche Wein und lacht wie früher. Und dann? Man spricht von dreimonatigem Fernweh, dem man keine Reise entgegensetzt, sondern ein aalglattes Portfolio, zu dem weder Werber noch Architekten nein sagen können. Für wen will man arbeiten? Will man überhaupt arbeiten? Und was tun, wenn nicht? Hinschmeißen, Esandersmachen, Panik.

Draußen dreht sich das Karussell weniger schnell.

In jeder Familie herrscht ein anderes Schweigen.

Kleiner und dunkler

Im Zug hätte ich das Buch gerne kleiner und dunkler gemacht – es ist so bunt, dass alle hinschauen.

– Es gibt ja auch wieder Anfänge.
– Nein, nur noch Enden, lauter lose Enden.

Krutenau

Vorbereitung der Exkursion mit Clara durch Krutenau. Ich fühle mich wie Oskar auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Black.

Tous les jours

Ich bin nicht gut darin,
Dinge jeden Tag zu tun.

L’automne

Die Blätter fallen so schnell

Feuilles

Wie schnell die Blätter gelb geworden sind, wie schnell sie fallen. Ich schreibe bis spät und bin doch eine Woche hinterher.

Baguette

Beobachtung: Wer in Frankreich ein Baguette kauft, muss sofort ein ein Stück davon abbrechen und essen. So gesehen bei zwei jungen Damen, die kurz hintereinander den Laden verließen.

Vélhop!

Mein Rad ausprobiert, Freiheit gespürt.

un / une – deux | heaven ≠ sky

Croissants gekauft – zwei, um Fehler zu vermeiden (un / une – deux). Im Atelier gefrühstückt. Nebenan ein Schrei-Seminar. Im Atelier du Livre vorbeigeschaut, Hélène meine Bücher präsentiert – auf Englisch, das sie besser spricht als versteht. Zu Mittag meine ersten Schritte über den Fluss, Quiche aux légumes. Im Flur vor meiner Tür hockt, sitzt und steht eine Zeichenklasse in drei Etagen. Nachmittags offizieller Atelierbesuch, meine Bücher präsentiert (heaven ≠ sky). Abends einsam gefühlt, eingekauft, etwas verlaufen.

Ici et là

Früh aufgewacht, über Anfänge nachgedacht. Anfangen war einfacher, als wir alle am Anfang standen, neu waren. Aufs Neue beweisen wollten, wer wir sind, den Anderen und uns selbst. Fangen wir an, erfinden wir uns neu. Fangbereit für alles Neue, das kommen mag. Hier bin ich neu.

The Blue Room

Ankunft in Strasbourg. Vor der Akademie überfällt mich eine unendliche Müdigkeit, die sich wie Nebel zwischen mich und die Stadt legt. Atelierbesichtigung und weiter zur Wohnung: Wohnzimmer, Küche und Bad (ein Traum in beige – wie daheim), vier Gästezimmer. Das mit der roten Aufschrift »The Blue Room« wird meins. Traumloser Mittagsschlaf.

Je weniger sie sagt, desto wertvoller jeder einzelne Buchstabe. Und sei es nur ein »VlG Mama«.

Das mag ich:
Mit dem Fahrrad über lose Pflastersteine holpern.

Die Welt in ja und nein, gut und böse, schwarz und weiß – keine Graustufen oder Farbnuancen, und schon gar keine Überraschungen.

Strickmuster

Wandertag mit treuloser Tomate, der das Leben noch viel enger gestrickt wird als mir. Ich falle durch die Maschen und verfange mich beim Kletterversuch zum Faden, um ihn selbst weiter zu stricken im chaotischen, aber authentischen Muster meiner Launen.

Den äußeren Einwirkungen oder den inneren Auswirkungen ausgeliefert.

Das Kapital

Erst am Boden,
jetzt über der Heizung –
verknittert.

Paradies

Wir sitzen im Paradies und spielen Familie, bis wir uns nicht mehr sehen. Jeder verstrickt in seiner Rolle, bis wir eigene Wege gehen. Fürsorge oder Vormundschaft, Mündigkeit oder Lethargie, Hängematte oder Touristenprogramm, karibischer Strand oder Stau im Regenwald.

Kann Darf Muss

Diese Angst, dass irgendwer dahinter kommen könnte, dass ich nichts kann, dass er es allen erzählt, dass es dann vorbei ist. Was dann noch bleibt, ist eine Zukunft, in der ich nichts mehr machen darf (oder muss), von dem ich denke, dass ich es nicht kann.

Château Vellexon

Die Spiegelkugel schaukelt im Wind und wirft Lichtpunkte aufs Gras. Wo fängt man an, wenn die Tage eines ganzen Monats dem Vergessen überlassen wurden? Hier und Jetzt oder wieder im Gestern, das an Glanz verliert, sobald man darüber schläft? Ich rücke eine Stufe abwärts, dem Sonnenstreifen nach, und überlege, wie Leben geht.

Joa mei

Bayrische Stellen aus Oma Heidis Kochbiografie:
Wos woitsn ia do? D’Heidi hod koa Zeit, die muas oaboiten. Hermann, des moch ma ned. Mei, des is obr vui Geid. Mei Heidi, der Moa woa net so voam Krieg. Mei Heidi, wos hama dem ois gwünschd. I hob de Himme auf de Welt. Geh her da. Brauchst nadierlich scho a guads Essn. Heidi, hoast du scho Hai hergricht fia moagn Fria? – Mei, hob i no net. Hoi-Stoll. Deandl. Gunkeln. I muas owai oaboiten. Hots dem Deandl wieda Hoar gflochtn, muss se wieda schreibn. Wos woitsn ia doh, wo kimmtsn ia her, wer seidsn ia? Joa und? Wo gherstn du hi? Mit der brauchst dich fei net anfreunden, die ist evangelisch Mei, mir kimme doch des Deandl net so weit fuad lossn, do seng ma nimma dazue. I kimm von der Metzgerei Wurz und mecht bei eana die Pergament-Düten abholn, die bsteillt woan sand. Sigstes Hermann, etz hama die Schererei. Des wirst sehn. Mei, des hand doch Luthrische! Mechtst du den Moa heiratn? Die Heidi hod en Freind, en Schwob! Mei Heidi, wos verlongst uns do ob! Des kima mir doch goa ned leisten, wos du do mechst. Verlobung, des kenne mir joa goa ned. Joa mei, wenn aich des glongt. Des muss ma ned, mocht ma ned, braucht ma ned. Heidi, i mog mit dir und mim Frieder geh! Worum host denn du koan Bruada ned? Mei, des is hoid a Lutrischer. Bajuwaren. Joa, wos hobds n ia zwoa vor? Hermann, du wiast di no wundern, aber mei Geid findst du net. Joa, ma woas ned, wos fia a Zeit kimmt, dann simmer froh dran. Blau und weiß kariert mit Herzerl drauf. Sterbbeidl. Gestern host du verkaufa derfa und haid derf i verkaufa. Obhaideln. Schweinderl. Du deafst es ned auslossn, gell, hoids fest, hoits joa fest! Loss ned aus! Deafst ned auslossn! Doss ma a Kaibe hoaltn konn. Nojoa, do kimma a nix dafia. Joa Heidi, woaßt du denn ned, doss wia die Zwiebel vorher andämpfen? I wos des scho, doss ia des so mocht.

Was macht dieser große, großartige, zu Großem bestimmte Mann hier?
Wie kommt es, dass er mich überhaupt sieht?
Ich zeige ihm meinen Laden, der ihm viel zu klein wäre.
Was ich erst sehe, als er kniet.

Ich spiele mich
Sobald jemand guckt
Dann lache ich und rede
Als sei alles gut
Sobald ich allein bin
Bleibt nur das Grinsen
Und ich bin weg

Dein Krieg

Du führst mich
Auf ein Schlachtfeld
Das ich nie betreten wollte
Das ich verlassen hatte
Bevor es geschah
Ich ging einfach
Und doch trägt es
Meinen Namen
Ich erinnere mich nicht
Kann mich nicht erinnern
Vergesslichkeit oder Selbstschutz
Wenn das nicht das Gleiche ist
Amnesie der Liebe
Die bleibt
Nur ohne uns

Alpenhof

Bergauf in der Appenzellerbahn: Der schmale Streifen Bodensee erhebt sich, wird flächig und immer größer, wird zu einem riesigen, glänzenden Spiegel unter unentschlossenem Himmel. Drei Länder teilen ihn unter sich auf, sind verbunden durch ihn, den sie lieben. Bergauf, bergauf – die Schweiz wie aus dem Bilderbuch: Eine Katzenleiter am Bahnwärterhaus, ein schwarz glänzender Mähroboter unter Obstbäumen, eine Wandergruppe in knallfarbigen Anoraks. An der Endstation wartet das Postauto zum Alpenhof: Buchvernissage!

Mein Leben

Mein Leben begann an einem vollgekrümelten Küchentisch. Nach 19 Jahren Sauberkeit beobachtete ich voller Freude und Freiheitsglück, wie mein zukünftiger Mitbewohner die Krümel einfach mit der Hand zur Seite fegte. Auf die dürftig gesäuberte, etwa DIN A4 große Fläche legte er den Mietvertrag – meinen Mietvertrag! Dann ging es los.

Beschäftigt

Das beschäftigt mich. Ich will aber nicht, dass es mich beschäftigt. Also muss ich mich beschäftigen.

Geht

Geht, geht gut, geht sehr gut. Geschirrgeklapper, Kirschen, Küsse, Komisches, Kaninchen, Kaba, Kanone, Danone-Sahnejoghurt, Kurt. Aber, Kadabra, Trara, Tralala, Lala, Luna, Leon, Lego, Go, Go, Go! No, No, No! Notwendigkeit, -keiten, Reiten? Eieiei, Eiertanz, Eier – gebraten, gekocht, geschält, gespiegelt, gekentert auf dem Bodensee, Juhee? Nee, nee. Du, Ich, ähm … Sauerrahm, Rama, Radieschen, Ratatouille, rasante Rosinen. Wie geht es ihnen, so kleingeschrieben? Frieden: alle lieben! Sieben Zwerge, fünf Berge, drei Särge – keiner mehr. Zahlen bitte. Wortklaubereien, Kreide, quietschende Gänsehaut, hinter den Ohren: grün. Genau, und laut, lauter Laute, läuternd, erläuternd, er läutert Euter mit Morgenmilch, der Knilch. Seifenschaum und Pulverschnee, Sonnenbrand auf Füßen, rückenschwimmend im Wahnsinn der Dinge im Kopf.

Ach und Krach

Es ist und bleibt eine Baustelle. Es wird um-, an- oder neugebaut. Ein jeder plant, erfindet, verändert, macht und tut, bis kein Stein mehr liegt, wo er war. Der Gestaltungswille sitzt in allen Ecken. Er überstreicht, überfließt, überformt, Möbel, Häuser, Städte. Die Welt leckt sich ihre Wunden. Ach! Und Krach, überall.

Limmat-Gedicht

»Gibt’s ein Gedicht?«

Hinter mir steht ein kugelrunder Herr. Seine Glatze glänzt in der Morgensonne, er grinst mich an.

»Gibt’s ein Gedicht, gibt’s ein Gedicht?«

Äh, naja … so ähnlich vielleicht?

»Alles Gute!«

Noch immer grinsend setzt der Herr beschwingt seinen Weg entlang der Limmat fort. Erst als er aus meinem Blickfeld entschwindet, bemerke ich, dass er mir meinen Gedanken geklaut hat. Ein nicht mehr zu begreifender Satzanfang steht mitten auf der Seite und weiß nicht mehr, was er sagen wollte.

Das morgendliche Flussufer erscheint mir plötzlich ganz klar, als hätte der Herr meine Brille geputzt. Ein neonroter Kindergarten rennt mich halb um, Schulklassen am letzten Schultag vor den großen Ferien, Jogger im Minutentakt, Rentnerinnen auf Bänken und Stufen, Z’nüni bei den Bauarbeitern gegenüber, glitzerndes Geplätscher, Zigarettenrauch, ein Hauch Sonnencreme.

Es ist Sommer, endlich Sommer, endlich auch im Notizbuch, im Kleiderschrank, auf meiner Haut.

Sendepause

Seit geraumer Zeit gibt es diese unstillbare Sehnsucht nach einer Sendepause. Nach einer Pause für das Internet – übrigens das einzige Ding, das noch genutzt wird. Nein, kein Radio mehr, kein Fernsehen. Bücher ja, aber Musik stört zumeist und Filme beschäftigen so sehr und so lange, dass man seine Träume nicht mehr sieht. Nach und nach haben also immer mehr Leute damit aufgehört, in die Röhre zu schauen. Etwas ratlos sind sie nun, die Leute, denn sie wissen nicht mehr, wonach sie ihre Polstergarnitur ausrichten sollen. Das ist gar nicht so einfach, seit es den Fernseher, dieses Lagerfeuer, nicht mehr gibt.

Manchmal denkt jemand an die Anekdoten der Väter, vor allem an die, die so oft erzählt wurden, dass die eigene Vorstellung davon fast mit der eigenen Erinnerung verwechselt wird. Sie waren klein, die Väter und auch deren Brüder, die noch kleiner waren. Zusammen saßen sie da, nebeneinander, beide mit erwartungsfrohem Blick auf dem Fernsehgerät. Sie starrten gebannt auf das Testbild, obwohl sie wussten, dass das Programm davon auch nicht schneller beginnt. Später, als das Programm eigentlich schon begonnen hat, lehnen sich die Väter der Väter aus dem Fenster und fischen, die Antenne in der Hand, nach dem Empfang. Nichts. Kein Ton, kein Bild – Rauschen.

Dann war plötzlich auch das Rauschen weg. Bild- und Sprachlosigkeit. Stille. Nichts war mehr zu hören oder zu sehen. Sendepause aller Instanzen. Selbst die Väter schwiegen und ihre Anekdoten verblassten. Nur noch wenige erinnern sich an das Rauschen. Kaum jemand weiß noch, wie das Testbild damals aussah. Dabei hatten sie so lange und so oft davor gesessen und gewartet, dass es anfing und losging und blitzte und donnerte und störte und beschäftigte und von den Träumen ablenkte und die Bücher vertonte und verfilmte.

Seit geraumer Zeit gibt es nun diese unstillbare Sehnsucht nach dem Testbild von damals. Alle sprechen davon, alle wollen es sehen. Wenn das Testbild da ist, dann geht es bald los. Doch bevor der Vorhang sich hebt, ist Sendepause.

Zwölf Minuten

Noch eine Minute. Vielen Dank, Sie hören von uns. Die unvollendeten Sätze hallen nach, unbeantwortete Fragen hängen in der Luft und die Lücken werden mehr und größer und schwarz. Das wird nix.

Vergessen

Haben Sie auch nichts vergessen? Den Koffer, den Schirm, habe ich. Nur das Geld, die Plastikkarten, die Identität gingen auf dem Weg verloren.

Der Junge im Zug gegenüber hat abstehende Ohren. Ich glaube so war das manchmal, das Gefühl, es zerreißt mich, wenn ich –
… sein Knäckebrot passt hier so wenig rein wie Cake!

Also warum ich damals immer wieder und ohne nachzudenken – es war ein Stechen, ein Pfeil in meinem Körper, der mir eine Lebendigkeit im Sterben vorgaukelte. Und dann lag ich da wie tot oder zumindest todmüde in den Schlaf flüchtend, weil ich ihn da neben mir nicht sehen und von unserer gespielten ahnungslosen Nähe nichts wissen wollte. Vergessen im Schlaf. Wenn ich jetzt morgens aufwache, sticht mich kein Pfeil, nur eine warme Sucht nach Unendlichkeit. Bekommen andere auch Pfeile ab? Wie viele habe ich schon getroffen? Nur weil ich Augen habe?

Eisgekühlte Kunst

Ich schlage das Buch auf und alles ist weg. Dieses Weiß, dieser Kugelschreiber aus blauem Kunststoff – falsch zwischen all dem dicken Moos. Dieses Hadern, dieser Unmut über laute Straßen – verstummt zwischen Hombroichs alten Bäumen.

Zu nah

Wir sind uns zu nah, mein Bauch krampft sich zusammen, die Musik schnulzt mich zu, das Parfüm des Nebensitzers drängt sich auf und das Lied wiederholt sich bis in alle Ewigkeit, bis ich im Altersheim sitze und mich einer mit Falten umrankten und wässrig gewordenen Augen ansieht. Dann falle ich vom schlecht gemusterten Stuhl und er, der mir zu Hilfe eilt, stolpert und fällt und wir liegen am Boden und lachen und alles tut weh.

Schaut mich an, einmal täglich, auf dass ein Schreibausbruch den Alltag lahmlegt und die Welt zum Glühen bringt, rettet mich aus dieser Verkopftheit und verwandelt den Zug in eine funkensprühende Rakete.

Er steigt aus? Er steht. Er sucht und findet eine Zeitung, um sich hinter ihr zu verstecken.

Spuren

Ausgetretene Stufen und festgetrampelte Trampelpfade, verwohnte Wohnungen und zerlesene Bücher, abgegriffene Tische und durchgesessene Sessel. Spuren, die Geschichten erzählen von denen, die vor mir da waren. Nichts Neues. Und doch das, was uns über Generationen hinweg zusammenhält. Spuren, die mich erden.

Zu viel Luft

»Du schreibst jetzt?
Wie lange denn?«

Das weiß ich nicht
Das weiß ich nie

Nur ein wenig Wahnsinn
Und etwas mehr
Als deine Hände
auf der Stufe vor mir liegen
Sie könnten zupacken
Meine Knöchel umfassen
Bis ich rückwärts falle

Du lachst
Ich habe Angst

»Darf ich reinkommen?«

Nein

»Aber –
Warum nicht?«

Lass mich bitte

Vielleicht finde ich mich
Im Spiegel wieder
Doch da ist nur Haut
Sie brennt
Und zerfällt

Alles hier in dieser Wohnung
Wenn wir tagelang nur uns sehen
Uns nicht mehr sehen
Weder uns gegenseitig
Noch uns selbst

Ich starre auf meinen Teller
Die Ordnung der Reste zu entschlüsseln

Intellektueller Tourismus
Nichts weiß ich

»Du bist süß.«

2503011221 11:52
Jede Klorolle hat ihre Nummer, ihre Zeit

Die Sinfonie der Lüftung
Unaufhörlich
Und wenn sie aufhört zu singen
Beginnt der Kühlschrank

»Ich glaube Stille
würden wir nicht ertragen.«

Oh doch

»Totale Stille, also gar nichts?
Kein Wind?
Kein Vogel?
Kein Radio?«

Kalte nackte Fliesen
Meine Zehen frieren
Ich zerfalle
Habe mich verirrt
In diesen vier Wänden

Es ist sauber
Und kalt
Arbonia

»Dein Mund steht offen.«

Luft

»Deine Lippen sind vertrocknet.«

Zu viel Luft

»Lüftung?«

Heizung

»Haut?«

Ruhe jetzt

Dazwischen

Mit dem Kopf zwischen zwei Leben. Noch am einen Ort und doch schon nicht mehr da. Hier wie dort fehlt die andere Hälfte der Zeit, Planung und Gepäck geraten durcheinander, in der Hektik geht die Konzentration flöten.

Zuhause bin ich nunmehr im Dazwischen, zwischen Abfahrt und Ankunft, während hier und dort ihren Standort wechseln und mein Wohnzimmer seine Tapete – Heute: Schneemotive.

!

Punkt. Nein, ein Ausrufezeichen! Zwei!! Drei!!!
Nun stehen sie da und hallen nach, als hätten sie zu laut gelacht. Sowohl von lautem Gelächter als auch von Ausrufezeichen will man wissen, was davor kam. Und, was war? – Unangemessen überschwänglich und viel zu euphorisch. Der Punkt ist entlarvt. Er vollführt hier seine Akrobatik mit dem Strich, ohne zu beachten, was er da unterstreicht. Aussagen waren gestern. Der alles ironisierende Zeitgenosse bevorzugt den Punkt.

Deckenbilder

Ein verspiegeltes schwarzes Rechteck auf dem Tisch. Der Blick darauf geht nach unten und sieht die Decke mit Beamer, Kabelkanal, Leuchtstoffröhren, Steckdose, Haken. Oder Himmel.

Tombola

Durch Tombola zum Trampolin, es trampeln die Ampeln, wenn die Pendel enden, denn wer kann die Kenner nennen, oder öfter was öffnen, öffentlich, Flöter und Kläffer im Kloster, dem Globus ein Obolus, lustig im durstigen Dunst, sonst, ansonsten die Sonne, nicht ohne, oder Tiroler, ein rollender oller Teller im Text.

Hausieren

Heute weigere ich mich erstmals in diesem Studium ausdrücklich, eine Hausaufgabe zu erfüllen. Doch es raubt mir den Schlaf, also knipse ich den Tag wieder an und lasse den Stift erklären, dass Hausieren nicht mein Medium ist – Kunst hin, Workshop her.
Ein Medium vorgegeben zu bekommen widerstrebt mir zutiefst, vor allem wenn der Inhalt dem Medium wegen erst noch erfunden werden muss. Ausgebildet für Inhalt und Form habe ich mir über die Jahre eingebildet, dass Inhalt am besten aus sich selbst heraus entsteht, und erst dann das Haus verlässt, wenn er weiß wie und warum. Solange bleibt er drinnen.
Nach vier Monaten Dauerbeschallung von außen, ist es drinnen still geworden. Nun kann klopfen wer mag, ich habe nichts zu sagen, will nicht gestört werden, geschweige denn andere stören und bleibe zu Hause, wo ein dickes, graues, schlechtes Gewissen vor der Tür steht und nervt.

Verknotet

In den Kopf geht alles rein, verquirlt sich und was rauskommt ist ein spannendes Durcheinander. Nur wenn man zieht, entsteht ein Knoten. Dann kommt gar nichts mehr. Jeder Satz ist rausgepresst und was da steht, hat so wenig mit mir zu tun wie die Finanzwelt, die Raumfahrt, Comedy, Hiphop, Erdnussflips, Computerspiele, Zigaretten, Schusswaffen, Autolärm, Skifahren, Paprika und Zürich.

Archivologie, Fazit

Das Archiv ist mächtig, aber nicht so neutral, wie es gerne wäre. Das Archiv weiß mehr als die Geschichtsbücher und stößt doch an die Grenzen des Sagbaren. Das Archiv lebt auf, wenn es zum Produktionsort einer Erzählung wird, doch lebendig ist es nur im Entstehen.

Dezemberhimmel

Mit dem Kopf in der Zukunft, während sich die Gegenwart der Schweizer Landschaft vor dem Zugfenster ausbreitet. Der Himmel ist schön, Dezemberhimmel. Driving home for Christmas.

Euch interessiert also nur der Rahmen

Von Außen nach Innen
Das Außen stülpt sich über Alles

Vom Vorhang ins Licht
Der Vorhang bildet den Hintergrund

Vom Rahmen zur Form
Der Rahmen erdrückt den Inhalt

Welcher Inhalt eigentlich?

Zuhause

Die Wahrnehmung des Ich im Gehäuse:
Haut, Körper Kleidung, Raum, Haus.
Eine Parabel für das Existieren überhaupt.

Wo immer sie mit ihrem Mann ist, ist sie zu Hause.
Er ist ihr Gehäuse und sie seines.

Wortwelt

Ich bin gefangen in Worten, die ich nicht mehr verstehe oder unbedarft einfach so verwende, seit ich gehört und gelesen habe, dass hinter jedem Wort eine neue Welt aufgeht.

Irgendwie postmoderne Beliebigkeit

Wir ertragen nicht, wie sie spricht. Ohne einen Punkt zu finden hangelt sie sich von einem verschachtelten Halbsatz zum nächsten. Ihre fragmentierten Phrasen untermalt sie theatralisch mit einer unangemessenen Berührtheit. Ihre langen, dünnen Finger räkeln sich verkrampft und in unendlicher Langsamkeit vor ihrem Körper. Wir halten still und sehen zu Boden oder zur Decke. Nachdrücklich sucht sie nach etwas Greifbarem – und findet Schubladen. Die Zeit hält den Atem an. Ihre Stimme kippt ins Hysterische und trotzdem will keiner hinhören. Ihre und unsere einzige Rettung wäre es, sie zu unterbrechen, doch keine weiß was zu sagen bleibt in diesem luftleeren Raum. »Emotionen um ihrer selbst willen – der Inhalt war wie weg.« Konjunktur der Gefühle, ein vielstimmiger Monolog, ein Wortschwall, dem wir Woche um Woche ausgeliefert sind. Wir sitzen fest in unserer Rolle der Zuhörer. Je mehr sie sagt, desto leerer werden wir.

Hinter mir steht ein Koffer. Plötzlich knallt es – nur die Heizung. Der Koffer hinter meinem Rücken macht mich trotzdem nervös. Diese eingepflanzten Bilder. Kofferbombe, Teddybär, Hitler.

*geklaut

Achtung; U2 nach Botnang fährt ein und mit ihr die Leere, gelb, und sie spricht ausländisch. Ich spreche bald gar nicht mehr und fühle auch nichts, die Hände sind taub, die Augen sehen doppelt. Schwarze Balken, Grauwert, ich bin grau und bleich und müde. Ich brauche Urlaub bis zum Ende meines Lebens. Ihr habt frei und ich verliere mein Weltvertrauen und schreibe dagegen an, bis der Sekundenzeiger oben ist. Früher fuhr die U2 noch nach Hause. Wo das sein soll und ob es das überhaupt je geben wird, weiß ich nicht mehr. Ich schreibe mich müde und schlafe mich gesund. Gesund von leuchtenden Rechtecken der Verinselung, auf denen wir nach Oasen suchen. Schuhe mit Ns drauf, Rucksack mit Kreis, Haare mit Farbe, Sitze mit Quadraten, blau mit gelb, karriert gegen Flecken, schreiben gegen Unwirklichkeit, Beton mit Plastik, Mann ohne Frau, Hut mit Schleife, Tunnel ohne Licht, Hand mit Exzem, Nacht ohne Bedeutung, Liebe ohne Eifersucht, Tage ohne Zeit, Zeit ohne dich, du ohne M, Blume im Haar, Grinsen im Gesicht, Knopf im Ohr, Grummeln im Bauch, Lärm im Kopf*, Brille im Gesicht, Schluss für Heute.

Zu alt und für immer verdorben

Ein Silbertablett nach dem anderen wird an meiner Nase vorbei getragen, ich muss nur zugreifen: Wissenshäppchen, nach denen ich nie gefragt habe. Für mein Päckchen undiskutierter Fragezeichen ist hier kein Platz, auch nicht nach Feierabend, denn die Häppchen wollen verdaut werden und die nächste Ladung steht bereit für wissenshungrige Studentinnen – die eigentlich schon satt sind.

Das große Gejammer um Bachelor, Master, ECTS und Bologna kann ich erst jetzt nachvollziehen, nach zweieinhalb Jahren Freiheit. Bücher gelesen, Texte geschrieben, nachgedacht und Fragen gestellt habe ich erst, als mich keiner mehr danach gefragt hat. Die Anerkennung für meinen Fleiß hat mir dann gefehlt und der Austausch mit anderen Beobachtern, Grüblern und Lesern. Darum bin ich hier.

Jetzt bleibt keine Zeit mehr, meinem Blick dorthin nachzugehen, wo er hängen bleibt. Auch nicht für eigne Wege, wegen der Themenschubladen, Journalismusrezepte und Bewertungskriterien, die in zwei Semester passen müssen. »Vielleicht bist du zu alt fürs Studieren«, vermutet Antonia und Jakob meint: »Wenn du einmal Freiheit geschnuppert hast, bist du verdorben für so eine Mühle.«

Zum ersten Mal

Heute habe ich zum ersten Mal verschlafen. Dann habe ich zum ersten Mal geschwänzt, weil zu spät kommen ist schlimm in der Schweiz. Dann habe ich zum ersten Mal mein Zimmer umgestellt, jetzt steht der Schreibtisch im Licht und macht mir vielleicht nicht mehr so viel Angst, wie in der dunklen Ecke, wo jetzt das Bett steht. Möbel-Tetris auf dreizehn Quadratmetern.

Das tolle an neuen Städten: Man kann die gewöhnlichsten Dinge zum ersten Mal tun. Und es gibt noch hunderte von Dingen, die hier gerne zum ersten Mal getan werden wollen.

Den Tag habe ich heute jedenfalls wunderbar vertrödelt und den Stapel ungelesener Texte und den noch nicht vorhandenen Stapel geschriebener Texte erfolgreich ignoriert. Ganz nebenbei ist mir jetzt immerhin ein Text passiert.

Entweder oder beides

Vor dem Schreiben war das Malen. Mir und allen war klar: Ich werde Künstlerin! Mit dem Lesen und Schreiben begann ein Tauziehen zwischen Pinsel und Füller. Ich werde Schriftstellerin! Oder Journalistin! Aber was ist dann mit dem Visuellen? Also Kommunikationsdesign. Farbe und Pinsel waren mein Ventil, bis das herbeigesehnte Designstudium so viele Regeln in meinem Kopf platzierte, dass heute kein unbegründeter Strich mehr möglich ist. Was, wenn bald auch kein Text, kein Satz, kein Wort mehr richtig scheint? Hat jedes Studium den Verlust seiner Ausdrucksmittel zur Folge? Tötet Theorie die Praxis? Dabei dient mir doch das Schreiben als produktives Beruhigungsmittel, wenn Angst, Wut und Leere mich unter sich begraben. Ich schreibe gegen sie an, ich fange sie ein und banne sie in abstrakte Texte, um sie von mir und mich von ihnen zu lösen. Anonyme Blicke zwischen die Zeilen dieser Texte verändern und prägen mein Schreiben im Netz.

Wenn es ernst wird, wissenschaftlich oder so, ist keine eurer Schwammigkeiten vor mir sicher, ob visuell oder sprachlich: ich will erklären, veranschaulichen, präzisieren, verdichten, aufräumen. Ich liebe es zu redigieren, zu korrigieren und zu verbessern, in freiwilliger Freiheit auch nachts. Nur wenn einer sagt, das muss so und soll anders und die Zeit läuft aus, dann entstehen abgehackte Sätze einer roboterhaften Dienstleisterin. Da behält das letzte Wort der Diplomingenieur, der sach- und fachkundig an seinen bestehenden technisch-konstruktiven Wortkonstrukten hängt. Die ganze Welt schreibt sich ihren unvermittelbaren Fachwortschatz auf die Visitenkarte, die kein Kindergartenmädchen versteht. So nicht! Ich werde Kommunikationsdesignerin mit der Vertiefung publizieren und vermitteln!

Weiß ich

Der Bleistift kratz über das Papier, er wird lauter, immer lauter. Ich kann wegsehen von dem Wahnsinn, der über die Seite jagt, sie füllt und verdunkelt. Nur weghören kann ich nicht: das Ohr hat kein Lid. Plötzlich habe ich dieses Lied im Ohr – das Kratzen wird leiser, auch das Gelächter und das Geschwätz. Ich öffne die Augen und sehe Weiß, Weiß soweit das Auge reicht. Die Welt um mich herum ist ausradiert. Der Radiergummi in meiner Hand zeugt davon, wer all die Produktivität zunichte gemacht hat. Der Druck war zu groß, die Konzentration hat sich in der Stille des bleigrauen Nebels verflüchtigt. Am Anfang war der Bleistift, bis die Mine abbrach und nur ein unbrauchbares Stück Holz zurückblieb. Hätte ich ein Messer, könnte ich spitzenmäßig schnitzen. Und dann ein Klecks Rot in all dem Weiß.

Ich bin so alleine hier. Mein Rock ist zu kurz. Alle starren mich an, weil ich nicht weiß wohin mit meinen Händen, wohin mit mir. Zeit übrig in einer fremden Stadt, die meine werden soll. War das immer so? In jeder neuen Stadt? Was neu ist: die sich immer klarer abzeichnende Aversion gegen Autos, Menschenansammlungen, Lärm, Kneipenviertel, enge, dunkle, überteuerte Wohnungen, die Wichtigkeit eines jeden, der durch die Straßen eilt. Ich spiele mit. Ich spiele mit dem Gedanken all das hinter mir zu lassen. All die Show, all das Streben, alles nur für diesen Moment des: Guck mal, hab ich gemacht! Meine Ruhe will ich haben, den Himmel vom Bett aus sehen und hören will ich Vögel statt Autos, Klavier statt Diskos, den tropfenden Wasserhahn statt tickender Uhren, das Rascheln von Papier statt piepsender Telefone. Ruhe. Was sind wir nur immer alle am Suchen, um am Ende die Sehnsucht nach dem Nichts zu finden. Leer – mein Blick, mein Kopf, mein Bauch. Wer zeigt mir diese Stadt? Wer macht, dass ich sie mögen lerne? Wer sagt mir wo meine Heimat ist? Wer weiß? Kein anderer kann sehen, wie schön diese Kratzer sind, nur du vielleicht. Du siehst so manches und manchmal sehen wir uns an. Müssen wir uns schon bemühen zu sehen, was wir haben? Kommst du mit, kommst du nach? Jetzt weine ich. Weil meine Heimat – das bist du. Du und die kleinen stillen Momente und der Himmel und das Grün des Sommers und der weiche Nebel des Winters und das Wasser und die Luft – die auf jeden Fall nicht so stinkt wie diese und jede Stadt.

Die Kirchenglocke schlägt im Takt und lacht über meine Kalkulationen und Rechtfertigungen, sie diktiert uns:
Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld.

Spiegelblind

Im ständigen Abgleich mit dem Ich von Heute und Gestern und allen anderen. Mindestens täglich denke ich über mein Geschlecht nach und über mein Alter. Zeit im Zeitgeist. Wie alt ich mich fühle. Welche Rolle ich spiele. Als Frau. Mein Frausein so zu durchdenken macht den stets unkomplizierten Umgang mit Männern befremdlich, die Unterschiede überhaupt zu benennen ist dir fremd. Ich suche und frage und schaue zu, bin schläfrig und desinteressiert und desillusioniert. Ich bleibe stehen, während die Zeit an mir vorbeirast. Die Zeit steht still und ich bin eine alte Lady, müde und voller Geschichten. Meine Augen sind satt und noch habe ich nichts verstanden. In mir sitzt ein Kind – neugierig, ungeduldig, hochnäsig, besserwisserisch, überzeugt, jähzornig, pubertierend. Und eine müde Frau – erschöpft, ausgebrannt und leer. Und eine fürsorgliche Mutter. Und eine Großmutter – ruhig, gelassen und mit der Welt im Reinen, der alten zumindest, denn all das Neue geht zu schnell. Ich bin langsam und bremse euch aus. Verzeiht, dass ich euch eure Jugend stehle, weil mich das alles nicht mehr berührt. Ich sehe nicht hin und habe doch alles schon mal gesehen.

Mein Gesicht ist älter geworden. Aus dem Spiegel blickt mich eine sachliche, freundliche, fast selbstbewusste junge Frau an. Ich mag sie und möchte das Bild mitnehmen, doch ich kann es mir nicht merken. Die Blicke von Fremden prallen auf die Aura meiner inneren Leere und ich vergesse, was sie sehen. Ich wäre lieber unsichtbar, nicht durchsichtig und verblasst wie eine verkleinerte, unscharf verwischte schwarz-weiß-Kopie meiner selbst. Habe ich zu oft in den Spiegel geschaut? Oder waren es doch zu viele Fotografien, die mich – nein, meine Hülle festhalten und in Pixel und Punkt bannen wollten?

Heiße Luft

Jemanden eingehend und allumfassend über Tage und Wochen zu beobachten, ruft nichts weiter hervor, als eine dicke Unterstreichung des ersten Eindrucks. Als ich ihn besser kennenlernte, war mir nicht mehr klar, warum ich ihn anfangs als unsicher und phrasenhaft empfunden hatte. Ich fand ihn schlichtweg langweilig und glaubte keinen Moment, dass er mehr zustande bringen würde, als Material und Ausreden anzuhäufen. Wie ein kleiner, ungeduldiger Schüler trat er von einem Bein auf das andere, drauf und dran einfach wegzurennen, um hinter der nächsten Kurve sein großes Abenteuer zu finden. Wie er nun wieder um den heißen Brei tänzelt, weckt meinen ersten Eindruck erneut. Wie er sich windet und hinter Floskeln versteckt, mit wippenden, unentschlossenen Schritten den Weg nicht weiß, aber unbedingt irgendetwas machen muss und keinen Augenblick ruhig sitzen bleibt. Er trommelt mit der Hand auf den Tisch, um seine nichtswagenden, oft aufgesagten Worte zu unterstreichen. Er übt deren Aussprache, spricht mit stolzem Akzent und bedient sich abgelauschter Redewendungen der Amerikaner. Wer bin ich, festsitzend in meinem Käfig der Sprachlosigkeit, so über ihn zu richten? Gab ich mir doch alle Mühe, ihn als den abenteuerlustigen, unterhaltsamen, zielstrebigen, sympathischen und attraktiven jungen Mann zu sehen, den er darstellt, wenn ich ihn zwischen Tür und Angel, Arbeit und Küche, Architektur und Alkohol antreffe. Und doch, nach jeder unvermeidlichen Musterung seiner Bewegungsabläufe ist er wieder da, mein abschätziger Blick. Sein Gehampel lässt mich noch ruhiger und unaufgeregter dasitzen. Ich werde mir der angenehmen Stille in mir bewusst, während der heiße Wind meine Haare zerzaust, durch die Maisfelder saust und durch die Bäume rauscht. Je aufgeregter der Wind, desto ruhiger meine Gedanken. Die Wolken ziehen über das Land, Geschirr klappert in der Küche und ich sitze auf der schattigen Veranda. Ja, ich sehne mich nach genau dieser zeitlosen Langeweile, wann immer die Welt um mich herum nervös zuckt und brummt und unbedingt irgendetwas machen muss. Das Leben ist in mir und hier, die ganz einfachen Gedanken, die alles erklären und doch nichts verstehen, aber vor allem nichts müssen.

Bevor mich keiner fragt

Zwei Tage im Nirgendwo

Bis zum kugelrunden Bauch im Wasser, alle fünf Meter einer, die Angel im Blick, die Ausrüstung perfekt. Fischköpfe dümpeln am Ufer, wo die Jungs ihr Anglerglück versuchen. Ausbeute: drei. Auf der Ladefläche sitzend, mit wehenden Haaren den Berg hinauf zum Campingplatz inmitten von grün. Die Klimaanlage tut ihr bestes, um das mobile Provisorium auf soundsovielen Squarefoot kühl zu halten.

Vom Urlaub am Fluss ins Landleben der Morgans. Haus Nummer zwei nach dem großen Brand, innerhalb von drei Jahren vollgemüllt, von einem Fuhrpark umrundet, als wären es vergessene Spielzeugautos. Mitten im Nirgendwo aufzuwachsen, lässt einem dicken Jungen wohl keine andere Wahl, als die Tage im Keller mit Videospielen und die Wochenenden mit Angeln oder Schießen hinter sich zu bringen. Die zwei Hunde hecheln und die fünf Katzen schleichen durch ein abgedunkeltes, muffiges Chaos der Konsumkultur. Kulturvermittlung, wo keine gemeinsamen Interessen bestehen. Eine Prinzessin von einem anderen Stern sieht zu und schweigt und beißt in das frittierte, fetttriefende Allerlei. Im Kopf nur Kunst und Bücher, und Gemüse im Fahrradkorb der süddeutschen Kleinstadt. Die Natur ist gemein und Tiere sind doof. Während der Stift über das Papier gleitet, krabbelt eine Ameise im Zickzackkurs zwischen die Zeilen.

Detroit

Nach vier spannenden Tagen in Chicago voll feinster Architektur, Blues, Sonne und Riesensee stand am Memorial Day der Mietwagen für uns bereit: ein knallroter Fiat 500. Damit durch Detroit und die USA zu tingeln wäre zwar ein amüsanter Anknüpfungspunkt an die Reise zu viert im Twingo durch Skandinavien, allerdings sind wir ja in Amerika und um den Fiat herum stehen weit und breit lauter Jeeps, also beschließen die Jungs, dass wir noch mal etwas Geld drauflegen, um nach einigem Hin und Her einen blauen Passat Richtung Detroit zu steuern. Auf dem Weg machen wir Halt an Dünenstränden und im aufgeräumten Grand Rapdis, der zweitgrößten Stadt in Michigan. Seit Dienstag Abend sind wir in the D und wohnen bei Paul. Wie schön er das Haus innen renoviert hat, lässt sich von außen noch nicht erahnen, aber bald wird es blau verkleidet.

Über den Stuttgarter Regisseur Marcello hatten wir schon im Vornherein Kontakt zu seinen Freunden, mit denen er in den Neunzigerjahren Filme über Detroit drehte. Nach und nach besuchen wir sie und erfahren immer mehr über diese kaputte Stadt mit ihren traurigen aber eigentümlich schönen Industrie- und Wohnruinen und zerfledderten Vierteln, von denen manche eine ganz besondere Energie und Motivation ausstrahlen. Wir treffen auf Nachbarn, die zusammen ihr Viertel aufräumen und Gemeinschaftsgärten anlegen, auf Urban Farming zwischen verlassenen und abgebrannten Wohnhäusern und die Natur, die sich überall in dieser riesigen Stadt breit macht. Es gibt so viel zu sehen und mit jedem Tag wird unsere Liste länger.

Auf den Spuren des Individualkonsums, dem Amerikanischen Traum schlechthin. Wir besichtigen seine Relikte vom Auto aus, danach frönen wir der Nostalgie auf der Route 66. Destruktive Fragezeichen vom Rücksitz des überdimensionierten Mietwagens.

Unzerplatzbare Seifenblasen

Wenn einem schon beim Aufwachen der Tod einfällt. Man denkt an das weiße Licht, an das Nichts und an die Leere. Das wars dann. Einfach so. Ohne dass noch jemand weiß, was war. Religion fällt einem ein, später vielleicht, der Angst wegen. Statt mit angemessen ängstlicher Miene die eigene Endlichkeit zu thematisieren, verfällt man in flapsige Ironie und vergisst es schnell wieder. Dann steht man auf und macht weiter und lebt.

Am Abend sagt einer, dass das Bewusstsein aus Energie besteht und dass Energie sich nicht einfach auflöst. Das hilft.

»Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bisschen weg, oder man geht richtig weg, oder man bleibt.
Erst bin ich ein Stückchen weggegangen und habe gemerkt, ein Stückchen ist schon zuviel, aber noch nicht genug. Ein Stückchen ist zuviel zum Umkehren und Zurückgehen, aber man ist noch nicht richtig weggegangen.«

Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was Du nicht siehst

Ich habe die Ruhe wach zu sein.
Die wachen Gedanken machen mich müde.

How to survive as a painting

Der Engel hat gelogen.

Zwei Jahre nachgedacht, um nun gar nichts mehr zu wissen.

Vielleicht lese ich auch einfach gerne
Und schaue mir gerne Bilder an
Und träume vor mich hin
Den lieben langen Tag
Bücher lesen ist kein Beruf
Bilder anschauen auch nicht
Aber die Öffentlichkeitsarbeit für –
Ich werde protestieren
Werde mich fluchend daran erinnern
Dass ich Kunst studieren wollte

Frühling. Ich traue mich aus dem Haus. Nur wenige Schritte weiter begegne ich anderen Frühlingsflaneuren. Ihr Schwatzen verschreckt mich, ich beschleunige meinen Schritt und senke den Blick zum Asphalt. Die Sonne im Rücken kriechen die Zweifel von den ausgetretenen Sommerschuhen bis in das verwaschene Grün meiner Strickjacke. Die erste Begegnung mit bekannten Gesichtern überstehe ich mit leichtem Bauchweh. Ich nehme den schmalen Weg hinter den Häuserreihen und beruhige mich. Da ist es, da sitzt sie, freut sich über das Gänseblümchen und meinen Kuchen. Was sie alles kann! Und macht! Ich schrumpfe und verstecke in Gedanken alles, was ich noch gestern an die große Glocke meines Schneckenhauses gehängt habe. Ich gehe weiter, verworrene Wege, vor und zurück, über alle drei Ampeln der Kreuzung. Fühle mich beobachtet und fast wie nackt ohne den grauen Wintermantel. Drei Bauarbeiter machen Pause und sehen mir dabei zu, wie ich die Treppe hinunter tripple und kurze Zeit später wieder hoch. Die Schuhsohlen sind nach innen abgelaufen, sicher habe ich X-Beine, und dann noch dieser Hintern – er fängt die Blicke auf und wackelt weiter, weiter in ruhige Gassen, vorbei an verschlafenen Schrebergärten, einem einsamen Kindergarten, Fußballfeld, Tennisplatz, Vereinsheim, einer braungrünen Wiese, einer lauten Hauptstraße – ich hasse Autos. Sportlich verkleidete Kinder rasen an mir vorbei. Ich hasse sportliche Kinder. Sie sind laut und grell und müssen immer zeigen, wie gut und wie viel besser als andere sie dies und jenes können. Ich will zurück in mein Schneckenhaus.

Sonntagskloß im Hals. Vergessen ist die zuckersüße watteweiche Glückseligkeit der verschlafenen Morgenstunden in deiner warmen Nähe. Im gleißenden Tageslicht verengt sie meinen Blick. Ich werde blöde, anhänglich und einfach.
Vergesse mich und merke, wenn ich jetzt nicht rausgehe platze ich. Und ich bleibe und platze. Gehe dann raus, ohne dich. Da fällt mir wieder ein: Vergiss dich nicht. Vergiss mich nicht. Vergiss nicht.
Vergiss es.

Die Lebensaufgabe erschöpft sich. Sie geben uns auf. Sie geben uns Aufgaben auf. Sie wollen nicht glorifiziert werden. Ich glorifiziere. Der unfertige Satz steht im Raum und wird als Meinung verstanden. Die Wahrheit bleibt im Hals stecken. Ich übergebe mich und das Wort an dich.

Kurz vor November

Sonntag. Langsame Schritte, gedrückte Stimmung, skeptische Blicke zu den tief hängenden Wolken. Die Melancholie herbstlicher Gärten. Etwas Großes, beinahe Bedrohliches steht uns bevor. Und sei es nur der November mit seiner nass-kalten Dunkelheit. Ich wäre gerne wieder zu zweit. Heute, hier, jetzt. Und immer. Solange immer eben geht. Und schon sehe ich deine hochgezogenen Augenbrauen, deine Körperspannung, die sich zum vorsichtigen, aber zügigen Rückzug wappnet. Die erklärenden, fuchtelnden Worte des Verstehens, aber –
Ja, wir haben das besprochen, vom ersten Tee an war das dein und somit unser Thema. Immer und Exklusivität sind Illusionen, die uns das Leben schwer machen, wenn nur noch daran erinnert und gezerrt wird. Doch die milde, verführerische Süße des Hier und Jetzt! Warme Sonnenstrahlen brechen zwischen den Wolken hindurch. Die sonntäglichen Spaziergänger erwachen, ja lachen und toben mit den Kindern durch die leuchtenden Farben des Oktobers.

Diese spröde Schlichtheit als Ergebnis meiner einsamen Projekte verwundert mich zumeist selbst. Kalt wiederspricht sie meiner inneren Welt, die organisch wabert, wimmelt und strahlt.

Und doch erscheint es mir die natürlichste politische Grundhaltung gegen all die
links
ist alles keine Lösung
keine Ahnung
weniger ist mehr
tut doch nicht so erwachsen
erwachsen gibt es nicht
aneinandergereihte Allgemeinplätze
Floskeln der Ahnungslosigkeit
mir fehlen die Worte
es gibt nichts zu sagen
ausgedrückt
vergessen
ist mir
zu groß
egal
als ob
soll doch wer anders
immer
nur
ich ich ich

Und wie gehe ich nun um mit der außerordentlichen Freiheit einer Nichtbeziehung voller Liebe ohne Eifersucht und Erwartungen? Die emotionalen Grenzen in meinem zurechtgerückten Kopf produzieren schon beim Gedanken an mögliche Eskapaden des absoluten im Moment Seins schlechtes Gewissen. Es ist Zeit, die Zäune, Mauern und Schutzwälle einzureißen, die Fenster aufzureißen und den frischen Wind tief einzuatmen, den grauen Erwartungsmüll frei und loszulassen. Hier und Jetzt. Ich und du oder ihr. Meine Welt, mein Leben, die Ideen – das größte Geschenk. Nimm es an, pack es aus und freu dich daran, immer wieder, jeden Tag und in jedem noch so kleinen Moment, in dem ein Einfall deinen Kopf durchzuckt und als Geistesblitz in deine Welt einschlägt, um dort ein weiteres, unerwartetes Monument zu hinterlassen.

Ein Kürbisfeld! Orangene Inseln im Grünbraun der vor dem Zugfenster vorbeiziehenden Landschaft.

Und so baue ich weiter und um und aus und hoch hinaus. Darüber der blaue Himmel, wie gemalt. Die Luft, so wie sie sein soll. Eine leichte Brise, angenehm warm. Manchmal auch Sturm. Bin ich da allein? Dort gibt es keine Fragezeichen. Alles ist selbstverständlich und gut so, in ständigem Wandel. Eine unermessliche Fülle an Details, in sich perfekt und unfassbar. Sie ist da. Du hast sie gesehen, im Glanz meiner Augen. Ich habe sie verlassen, für dich, und dann vergessen. Jetzt wo ich sie wieder sehe, könnte ich mich in ihr verlieren. Eure Welt wird zum Traum, der meine Welt vollmüllt und zu dem macht, was sie ist. Hier versammeln sich die Extreme. Das Gute wie das Schlechte. Die Banalitäten gehen verloren im Grau. Was ich mag findet seinen Platz, stellt sich zusammen. Eine Ansammlung an Kuriositäten, Entdeckungen im Zuviel und Zuwenig. Was ich mag wird geschliffen, poliert und schwebt und glänzt in der watteweichen, warmen, leuchtenden Luft.

Je tiefer ich mich hineinträume, desto härter der Aufprall auf dem Boden eurer Realität. Die scheppernde Lautsprecheransage reißt mich aus dem Rundgang durch die wundersame Einrichtung meiner Räume und Gebäude, Gärten und Plätze, Miniaturen und detailreichen Vergrößerungen. Maßstäbe entscheide ich, oder jemand, der das alles hier archiviert.
Ich war so lange nicht hier –

Öffentliche Verkehrsmittel

Buch vergessen. Aus dem Fenster schauen, grübeln, beobachten, entdecken, aussteigen, umsteigen, sitzen, warten, ein Lächeln von dem Typ mit dem seltsam kantigen Gesicht. Wars überhaupt ein Lächeln oder nur ein Blick, sachlich, aber einen Tick zu lang? Zumindest hat er mir gefallen, der Blick. Und mich zum Lächeln gebracht – habe ich gelächelt? Innerlich vielleicht. Das Wort Lächeln mag ich überhaupt nicht. Schmunzeln klingt besser und schmunzeln muss ich über frühe Busverknalltheiten. Und ein spätes Wiedersehen mit übermütigem Geständnis von – ja, von was eigentlich? Ein Blick, immer einen Tick zu lang, den ich ihm morgens an seiner Haltestelle schenkte. Als die Liebe noch ausschließlich Gedankenspiel war. Weder seinen Namen wusste ich, noch sonst. War nicht wichtig, habe ich auch jetzt wieder vergessen. Und dann wartete er draußen, nach seinem flüchtigen Abschied, als die Party noch in vollem Gang war und nur ich beschloss das Menschengedränge im heruntergekommenen Studentenwohnheim zu verlassen. Die seltsame Situation bei mir. Wie langweilig. Manches bleibt besser Gedankenspiel.

du – das ist zumeist einer, den ich liebe, geliebt habe oder lieben wollte. Oder ich, im Selbstgespräch, die ich mir etwas vorwerfe und mich auffordere, endlich anzufangen.

ich – das bin ich. Wie ich bin, im Moment, immer wieder anders. Wie ich sein will. Oder wie ich nicht sein will. Mein schreibendes Ich ist wer anders.

ihr – meist ein Vorwurf. Eure Welt, eure Regeln, euer System. Ihr seid anders, wollt und erwartet etwas von mir, das ich nicht kann, will und bin.

wir – ein Konstrukt in meinem Kopf, erträumt und selbst wenn auch mal real ein wir da ist – mein Wir besteht aus mir, und dir – wie ich dich sehe und sehen will.

er – wird oft mitten im Text zum du. Wenn ich in Erinnerungen schwelge, mich in Sehnsüchte stürze und dir sagen will, was nie oder zu oft gesagt wurde.

Beim Fingernägelschneiden denke ich an Chris. Daran, wie er mir, die ich mich abmühte mir mit der linken Hand die Nägel der rechten Hand zu kürzen, die Schere aus der Hand nahm, mich auf seinen Schoß setzte und fachgemäß alles abschnitt, was für ekelhafte Kratzgeräusche in der Nacht verantwortlich war. Das milbenverseuchte Ausklappsofa im ewig dämmrigen Dachzimmer mit muffigem Teppich und verblichenen Kunstdrucken auf der mittelbraunen Holzvertäfelung. Die klapprige Küche mit Mini-Wintergarten-Balkon – im Sommer unerträglich heiß, im Winter bitterkalt. Der Kühlschrank leer, also bestellten wir Pizza oder Indisch zum Film. Ein Film nach dem anderen, Serien in unermesslicher Auswahl flimmerten über den farbfalschen Riesenflachbildmonitor. Betrunkene Nächte, getanzt haben wir gern. Beim Tanzen denke ich auch an ihn. Weil ich wohl so tanze wie er, aber nicht so gut. Ich, ein egoistisches Miststück von 20 Jahren. Mir, nie verziehen, lebenslänglich. Wären da keine gemeinsamen Freunde, die sich selbst nach Jahren der Funkstille und geglätteten Wogen noch überlegen, wen von uns sie zu ihrer Abschiedsparty einladen – es würde nicht stören. Aber so werde ich mitten im Spätsommertag von indirektem Langzeithass heimgesucht und fange plötzlich an, die Fragmente der Erinnerung an uns zusammenzuklauben. Unsere E-Mails sind der Schlüssel zur damaligen Faszination …

3

Kerzenstummel vergangener Beziehungen, Marmeladenreste gefällter Bäume. Nummer drei fehlt noch. Es müssen immer drei sein. Drei.

Urlaub

Paula wirft ihren Hund Bonsai ins Wasser und lässt ihr Marienkäferboot mit Apfelfamilie auf der Saale schwimmen.

Technikverweigerung und Wünschelrute: Architektenpaar auf Fahrrädern an der Elbe.

Dunkel (November 2004 – April 2010)

Faszinierend traurige Augen, lange dunkle Mäntel, lange Haare und Nieten überall. Tiefgründiges Dunkel. Aber ich träumte von Farben.
– Die nicht.

Später, seitenlange Briefe, stundenlange Gespräche und der schwüle Sommer im Halbdunkeln einer Halbbeziehung. Ich wollte raus.
– Er nicht.

Die Farben eines Sommers in neuer, strahlender Zweisamkeit – schleichend von einem dunklen Herbstgrau verschluckt. Das Grau blieb bei ihm.
– Ich nicht.

Sonnenstrahlen im Herzen, Farben vor Augen und Träume im Kopf. Endlich.
– Nur ich.

So fand mich einer, mitten im Winter, der eine, dachte ich. Das Dunkel lag hinter ihm, die Einsamkeit war seine Freundin. Ich wollte näher, mehr, alles.
– Er nicht.

So verlor ich mich, mitten im Sommer, und ihn. Das Dunkel, so ist das also. Die Einsamkeit, ich ertrug sie nicht. Kalt. Farblos. Leer.
– Ich?

Die Einsamkeit rettete mich, behutsam, Schritt für Schritt, aus den Tiefen des Dunkels. Am Ende wartete der Frühling. Sonnenstrahlen, Farben, Träume. Wiedergefunden.
– Ich.

Unverfänglich positiv

Sie steht auf und geht. Gerade wird ein Herz ausgeschüttet – Zuviel für sie. Für mich auch. Und so höre ich nicht zu. Ein anderes Gesprächsthema muss her. Was mir einfällt sind unterhaltsame Zweifel, allgemeine Probleme und persönliche Katastrophen. Unverfänglich positiv sind höchstens schönes Wetter und gutes Essen.

Samthandschuhe

Burn Out, Psychose, Depression. Sie hat die Sache erkannt, benannt und in eine Schublade gepackt. Nein, besser gleich in eine Kiste zum Mitnehmen, Pflegen, Loswerden. Sie ist uns allen voraus und überlegen, ein Opfer der Umstände, Zeit, Gesellschaft. Dass auch ich meine Zweifel habe, gilt nicht. Denn mir geht es ja gut. Ihr geht es schlecht. Dann packe ich also mal wieder meine Samthandschuhe aus. Etwas verstaubt sind sie, nach all der Egozentrik nach dem Absturz nach der Selbstaufgabe nach der absoluten Liebe. Ja, früher hatte ich sie immer bei mir, die Samthandschuhe mit genügend positiver Energie für die faszinierend tiefgründigen Depressionen dieser Welt.

weg da
da —
— weg
da! der weg
weg damit

einfach
ohne
extra

mit —
— machen
— dabei
— ohne

lebensentwürfe

statt
zu
leben

dahin
dorthin

wem gehört das?

hier

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt.

Goodbye

Schöne Abschiedsparty, fast alle sind da und haben Spaß. Am nächsten Morgen fehlen die Videos auf meiner Kamera, vielleicht besser so. Mein Englisch kam mir plötzlich so gut vor. War das so?

Meine letzte Woche in New York verbringe ich tagsüber bei Pentagram und nachts am Computer, bis das Buch über mein Praktikum hier und in Berlin fertig ist. Der Freitag nach einer durchgemachten Nacht ist etwas vernebelt mit Team-Lunch und viel zu viel Goodbye.

Jetzt ist Montag, in vier Stunden geht mein Flug. Für 30 Tagen durch die USA: Seattle, Portland, San Francisco, Yosemite National Park, Monterey, Big Sur, Los Angeles, Grand Canyon, Santa Fe, Denver, Chicago und (für weitere fünf Tage) New York. Und dann zurück nach Germany.

Matt hat mir den Soundtrack zu meiner Reise zusammengestellt und auf meinen iPod gepackt. Der große Rucksack steht bereit, Jesse wartet schon auf den Einzug in mein Zimmer und der Computer freut sich auf vier Wochen Pause.

Also los!

Käsespätzle

Cassie war im deutschen Restaurant Lorelei und es gab Käsespätzle. Daraufhin üben wir die deutsche Aussprache von »ich liebe Käsespätzle« und »lecker«.

Es ist Sonntagabend, viel zu spät, mein Bett schreit schon ganz laut, doch meine Listen rauben mir den Schlaf. Neben meinem Fulltimejob habe ich mir vorgenommen, mein Buch übers Praxissemester anzugehen. Außerdem gilt es, freie Betten in Los Angeles, Denver und Chicago zu finden. Nebenbei möchte ich so viel wie möglich von New York sehen, bevor es in zwei Wochen schon losgeht. Zwei Wochen. Ich will nicht weg aus dieser großartigen Stadt.

Die Nachfolgerin für mein Zimmer ist schon da: Jesse aus Denver. Sie und Pete haben dort einen gemeinsamen Freund, den soll ich unbedingt treffen. In San Francisco werde ich mir das Office von Pentagram anschauen und in Monterey habe ich schon eine Schlafgelegenheit. Und so füllen sich die vier Wochen.

Am Samstag geht es zum Brunch in eines meiner Lieblingsrestaurants. Ausdrücklich kein Fastfood, daher kommen wir viel zu spät nach Queens, Yelena ist etwas sauer, dass wir nur eine Stunde für die Kunst im PS1 haben. Dabei heißt die Ausstellung ›Take your time‹ und für Olafur Eliasson braucht man die auch – wunderbar!

Ich geh ja gleich schlafen. Nur noch kurz die Einladung für meine Goodbye Party am Samstag rausschicken: An alle Leute, die ich in vier Monaten kennengelernt habe. Mal sehen, wer sich auf den Weg zu uns nach Bushwick macht.

Candlelight

Nach einem langen Dienstag steige ich müde und hungrig die vier Stockwerke zu unserer Wohnung hoch, schließe die Tür auf und … huch! Alles voller Kerzen. Meine Mitbewohner sitzen nicht wie gewöhnlich schweigend an ihren Bildschirmen, sondern am vom Kerzenlicht erleuchteten Tisch. What happened?
»It's Energy Saving Day.«

Mir war bis dahin nicht bewusst, dass Amerikaner so etwas haben und ich bin tief beeindruckt. Als ich den Kühlschrank öffne und nicht einmal dort das Licht brennt, finde ich das doch übertrieben. Das Eis schmilzt ja schon! Da kommt die Wahrheit ans Licht (oder ins Dunkel): Jemand hat vergessen die Stromrechnung zu bezahlen, also wurde uns der Strom abgestellt. Eigentlich ganz schön so für einen Abend: Flackerndes Kerzenlicht und Pete mit seiner Gitarre. Nur kochen geht heute nicht.

The Met

Am Sonntag gehe ich mit Pete und Brian ins Metropolitan Museum, riesige Menschentrauben stehen auf der Treppe vor dem Eingang. Ich träume immer öfter von Stille und Leere – Wüste wäre gut.

Die Kunst ist gigantisch und das Museum so groß, dass wir nicht mal die Hälfte schaffen. Da muss ich nochmal hin, unbedingt. An den Bildern von Chuck Close können wir nur noch vorbeirennen – wahrscheinlich waren wir zu lange bei den Ägyptern, Griechen und Römern, bei der afrikanischen und indianischen Kunst und in der permanenten Sammlung der Moderne. Auch das Dach mit Blick über den Central Park verpassen wir leider.

Frühlingsspaziergang und dann zum Carnegie Deli, dort teilen wir uns einen Fleischberg und das größte Käsekuchenstück der Welt.

Chess

Am Mittwoch kann ich mich vor acht aus dem Office schleichen und mir die Abschlussausstellung an der Parsons Design School anschauen. Anschließend gehe ich mit Brian (Architekt bei Pentagram) ins Fat Cat mit Livemusik, Billiard, Ping Pong, Scrabble und Chess. Die englischen Schachfiguren heißen von nun an Jumper, Runner, Tower und Farmer und Brian schreibt ein Lied drüber.

Am Freitag ist Rinas letzter Tag bei Pentagram, nach Feierabend gehen wir ins East Village zur teamübergreifendem Arbeitsklima-Analyse überarbeiteter Praktikantinnen und Freelancerinnen. Schön, die Mädels mal außerhalb des Büros zu sehen.

Chocolate

Unser Nachbar zeichnet traurig dreinblickende Gestalten, die ab heute im Kleiderladen seiner Freundin in der Lower East Side zu sehen sind. Die Eröffnung feiert er mit einem Chocolatier, dessen Kreation alles übertrifft, was ich bisher an Schokolade probiert habe (und das ist nicht wenig). Die Party ist komisch, aber nun kenne ich Fritz – in rosa Netzstrümpfen. Er hat mal in meinem Zimmer gewohnt.

Superflat

Am Samstag gehe ich ins Brooklyn Museum zu Murakamis grinsenden Blumen. Faszinierend, wie aggressiv mich das macht. Vor dem Museum treffe ich Yelena von Pentagram. Sie hat freien Eintritt zum Botanical Garden für sich und ihre Gäste, spontan gehe ich mit.

Wie gut das tut: Grünes Gras, blühende Kirschbäume, ein Duftgarten, Gewächshäuser mit exotischen Pflanzen, ein chinesischer Garten, ein Teich mit Fischen und ein Bach mit plantschenden Enten. Nach dieser Portion Ruhe verstören mich die lauten Straßen. Diese Stadt ist so laut, Dauerbeschallung, immer und überall.
I need a break.

Abends gehe ich mit Pete und unserem Nachbarn zur ›Peace of Pizza Party at Glasslands‹ – da gibt es Farbe und Wände zum Bemalen, jetzt habe ich Farbspritzer auf den Klamotten, wie früher. Ich vermisse Pinsel und Farbe, könnte ich doch mal wieder versuchen.

Queue

Das mag ich: »Hi Christina, nice to meet you! Oh, you will go to Denver? We are from Denver! You could meet our friends there! … – Hey, this is our friend Christina, we just met her, she's awesome! She will travel through Amerika …«

Und so plant sich meine Reise weiter in der Warteschlange zum Konzert, für das ich ein übriges Ticket ergattern kann: ManMan und Yeasayer – der Drummer wohnt in unserem Haus und seine Musik läuft bei uns rauf und runter.

Spring

New York riecht nach Frühling, die Bäume blühen, Vögel zwitschern, die Melodie des Eiswagens tönt durch die Straßen und die New Yorker machen Mittagspause im Park. Und ich verbringe die Tage und Nächte im Keller, lasse die Plotter auf Hochtouren laufen, schneide Berge von Papier zurecht (wieviele Bäume muss ich wohl pflanzen, um diese Exzesse wieder gutzumachen?) und produziere auf Hochtouren Prototypen für poster, postcards, stationery, bags, boxes, brochures und presentation boards.

Neuer Rekord: Im Office von 8 AM bis 3:30 AM. Dann mit dem Taxi nach Hause.

Family Time

Ihr kommt gerade recht zum Pillow Fight am Union Square, alles ist voller Federn. Dann Jetlag, also bringe ich euch ins Hotel und gehe spontan zum Konzert von Digitalism in die Webster Hall. Die Fans kreischen zu laut und der Fisch im Aquarium neben der Bar sieht auch etwas depressiv aus. Also nach Hause, Osterbrunch vorbereiten.

Dann kommt es doch anders, ein Typ steht etwas verzweifelt vor unserer verschlossenen Haustür, er will zu einer Party in den dritten Stock und lädt mich dazu ein. Ein riesiger Raum mit zehn Bewohnern, ganz pur, nichts renoviert und irgendwo gibts wohl auch Zimmer. In diesem Haus ist jedes Stockwerk anders. Der Typ weiß mir allerlei Tipps über das Reisen mit dem Zug durch die USA. Die Dimensionen werden mir erst klar, als Pete Europa auf Amerika legt.

Die Woche mit meiner Familie ist mit Abstand die anstrengendste, seit ich hier bin. Ich zeige ihnen alles: Meine Lieblingsorte, verschiedene Viertel, Läden, Restaurants und natürlich die Touri-Highlights, die ich selbst noch nicht kenne: Rockefeller Center, Flatiron Building, Financial District, mit der Staten Island Ferry vorbei an der Statue of Liberty, Central Park, MoMA, Shopping in Soho und der Upper East Side, Gallery hopping in Chelsea, Restaurants im West Village, in der Lower East Side, in Greenich Village … Ich ziehe zu Ihnen ins Hotel mit gigantischen Matratzen, einer doppelköpfigen Dusche und Aussicht auf den Times Square aus dem 31. Stock.

Das Fazit der Eltern: Beeindruckend, aber so laut und all die Menschen … Kein Wunder leben hier alle in ihrer eigenen kleinen Blase, mit Soundtrack aus dem iPod auf den Ohren und in der Subway die Nasen hinter Buchseiten versteckt. Zurück in die Ruhe, Naturpark Donautal.

Erst jetzt fällt mir auf, wie laut es hier ist.

13

Kein Skyscraper in New York hat einen dreizehnten Stock.

Very

Ja, es gibt mich noch. Auch wenn ich mich schon lange nicht mehr von Kopf bis Fuß gesehen habe, der Spiegel in der WG ist zu klein. Die Geschichten schreibe ich nur noch im Kopf, die Tage und Erlebnisse ziehen vorbei, ohne dass ich ein Foto mache. Dabei passiert hier doch immer was.

Viel zu tun bei Pentagram: Bobby’s Burger Palace braucht Verpackungen für Hamburger, Fries, Fingerfood, Soft-Drinks und Napkins. Das Museum of Art and Design will Tüten und Kisten in allen Größen für den Museumsshop. Der Annual Report muss zu Channel Thirteen (zwanzig Blocks westlich von hier und es regnet New Yorker Regen – ich brauche dringend Gummistiefel). Dies und das muss hier und dort hin. Das muss geklebt, gecuttet, gescannt, fotografiert, gedoubblecheckt werden. Bevor der Fotograf fürs Portfolio fotografieren darf, sollen Vorfotos vom gewünschten Bildaufbau gemacht werden. Für Meetings braucht man Kaffee, Tee, Milch (non fat, fat reduced, half-half, whole oder organic?) die fünf gängigen amerikanischen Zuckersorten, Früchteteller, Muffins, Croissants und Cookies vom Edelkonditor, Orangensaft – und bitte alles im richtigen Layout drapiert. Was wäre Pentagram ohne seine Praktikanten?

Trotz langer Arbeitstage gewöhne ich mich an Feierabendprogramm. Bei einer Recherche nach Illustratoren und Cartoonisten für das Redesign des Atlantic Magazins, stoße ich auf eine Veranstaltung in einem kleinen Buchladen: Die beiden Verfasser von ›Monseur Jean‹, einem berühmten französischen Comic-Charakter, sind aus Paris angereist, um den New Yorker Comicfans (hauptsächlich selbst Cartoonisten) zu erzählen, dass sie wirklich ALLES zusammen zeichnen und schreiben. Und ich bin nun im Besitz meines ersten Comicbuchs.

Im sonntäglich überfüllten Guggenheim Museum bleiben Matt und mir (beide notorische Zuspätkommer) 40 Minuten für eine überkitschige Autoexplosion in der Eingangshalle und tolle Sprengstoffkunst von Cai Guo-Qiang.

Endlich ist das Justice Konzert, das ich in Berlin verpasst hatte. Ich weiß nicht, wie oft ich Pete auf dem Weg nach den Tickets frage – am Ende verliert er sie doch. Das Gute an Onlinetickets: Wir können sie nochmal ausdrucken, im Copyshop. Glück gehabt, das Konzert ist großartig, trotz der Sitze um uns herum.

Am Samstag gleich zum nächsten Konzert ins Studio B zu Fixed und Cut Copy.

Ich träume noch auf Deutsch, mit Ausnahme einer Horrornacht, in der alle auf Englisch auf mich einreden und ich nichts, gar nichts mehr verstehe. Aber es gibt ja Wecker und in unserer WG gleich drei, die jeden Morgen um die Wette klingeln und jeder hört die anderen mit dem Wachwerden kämpfen.

Table!

Mit rotem Tape klebe ich meine Forderung an die Wand: Table! Der friendly Reminder wirkt, Pete und Martin gehen zu ›Eikia‹ und kaufen uns endlich einen Tisch. Platz für Whiskey zu Monopoly.

Stefan Sagmeisters Ausstellung hat ihren letzten Tag. Bei der Vernissage waren die hunderte Bananen an der Wand noch grün, jetzt sind sie braun und verströmen ihr volles Aroma in den Ausstellungsräumen. Der Meister ist sogar da und lässt sich auf Österreichisch interviewen.

Yusuke und ich beschließen, dass japanisches Essen super wäre und er für mich Nudelsuppe kocht. Lecker! Nur die Stäbchen und das japanische Schlürfen liegen mir noch nicht. Ich muss trotzdem mal nach Japan.

Bei einem Spaziergang durch den kleinen Park neben der Brooklyn Bridge sehe ich den Sonnenuntergang und in der Ferne die Freiheitsstatue, winzig klein.

Die Arbeitswoche startet ruhig und endet stressig – am Freitagabend soll ich länger bleiben. Dann kommt es anders und ich habe spontan ab halb neun frei. Matt hat zwei Konzertkarten und ich noch 20 Minuten, um im Nieselschnee zum Bowery Ballroom zu kommen. Dort spielen Anna Ternheim, El Perro del Mar und Lykke Li. Ganz wunderbar. Danke Matt!

Sonntagsdienst: Um 2 PM soll ich einen Fotografen im neuen New York Times Building treffen. Meine Aufgabe besteht darin, »I’m from Pentagram« zu sagen und für zwei Stunden beim Shooting dabei zu sein. Dokumentiert wird das Leitsystem und das Logo an der Fassade. Interessant, die verschiedenen Arbeitsplätze der Journalisten zu sehen – unglaublich in welchem Chaos manche Menschen arbeiten.

Anschließend finde ich irgendwo Energie für die neue Ausstellung im MoMA: Color Chart – eine Bodenarbeit aus buntem Tape, die perfekte Kunst für mich!

Ribbit

Wieder Party im verrückten Künstlerhaus. Rubulad heißt es, wie ich jetzt weiß. Das Thema diesmal: Leap Before You Look – dress froggy. Also gut: Ribbits für alle und für mich ein Krönchen, mal sehen, welchen der Frösche ich küssen mag. Die Party ist großartig, sie haben einfach drüber dekoriert, noch mehr als beim letzten Mal, die ganze Decke hängt voll, hinter jeder Ecke eine andere Welt, anderes Licht, andere Musik, verkleidete Menschen, die Leute sind verrückt und ich auch. Im Rausch des Abends will ich alles festhalten, mitschreiben, verirre mich in den Zwischengeschossen, über Leitern aufs Dach, verliere meine Freunde. Als ich sie gefühlte Stunden später von weitem tanzen sehe, finde ich sie doof. Pete sammelt mich ein, er will mich heimbringen, ich will bleiben, doch ich kann nicht mehr sprechen, habe die Garderobennummer verloren. Pete kämpft um meine Jacke, das dauert ewig, doch Zeit, die gibts nicht mehr für mich. Ich schaffe es bis zwei Meter vor unsere Wohnungstür, dort bleibe ich sitzen. Von Prinzessin zu Kröte. Weil ungeküsst?

Washington D.C.

Zum Presidents’ Day fahren Pete und ich raus aus New York nach Washington D.C.
Der Bus startet in Chinatown und vier Stunden später kommen wir im Fake-Chinatown Washingtons an.

Lustige Wände in der Metro-Station, die sehen hier alle so aus. Kein Gebäude darf höher gebaut werden als das Capitol, so ist es von überall zu sehen. Das Wasserbecken kenne ich aus Forrest Gump. Pete erklärt mir Amerika und seine Geschichte.

Plötzlich ist es Frühling und so warm, dass alle in T-Shirts zwischen dem Weißen Haus, dem Lincoln Memorial und dem Jefferson Memorial herumlaufen. Wir legen uns ins Gras und blinzeln in die Sonne. Es ist Februar!

Der Nachmittag bringt Regen. Ein schöner Ausflug, erholsam und lehrreich. Washington als Stadt ist etwas langweilig, umso glücklicher sind wir nachts zurück in New York City.

Sugar Clouds

Essengehen in New York ist großartig: Alle Speisen dieser Welt in einer Stadt! Diesmal: Japanisch. Matt bestellt einen ganzen Tisch voller kleiner Teller und Schüsseln. Und als Nachtisch gibt es für jeden einen Becher rosa Zucker für die Cotton Candy Machine. Das Ergebnis taufe ich Sugar Clouds.

Ewige Sonne

Freitags treffe ich mich mit Matt im Apple Store, wo wir uns den dünnsten Laptop der Welt in echt anschauen. Sharon und Yusuke stoßen dazu, beide haben in Los Angeles gelebt, bis ihnen die ewige Sonne auf den Keks ging und sie nach New York gezogen sind. Gemeinsam gehen wir nach Little Italy für die beste Pizza der Welt, wie behauptet wird. Zum Nachtisch gibts Nachtisch bei ›Rice to Riches‹ und alles ist lustig, was man auf den Fotos nicht sieht.

Wir besuchen Cassie bei ihrem Zweitjob im East Village: Coat Checking in einer Salsa Bar. Normalerweise verbringt sie ihre Zeit neben den Jacken, Mänteln und Taschen damit, die tanzenden Paare zu zeichnen. Trotz oder wegen der Musik und des Publikums haben wir einen super Abend.

Am Samstag ein paar Sonnenstrahlen. In Williamsburg entdecke ich den Beakon’s Closet und zum Dinner treffe ich Matt: Heute Thailändisch und Vegan. Ich sollte nicht immer vom Essen erzählen, aber das ist in New York das größte Vergnügen! Noch passe ich in meine Hosen.

Wir wollen zu einem Konzert ins BAM, wo wir Matts Freunde in der Warteschlange treffen. Wir kommen nicht mehr rein. Ein Glück, denn unsere Alternative ist so unglaublich großartig, verrückt und magisch, dass ich sofort eine weitere Nacht in diesem Art Loft durchtanzen will. Die Party findet nur einmal im Monat statt. Wie das Haus wohl im Normalzustand aussieht? Alles ist voll mit wilder Deko – heute zum Thema Valentine’s Day.

More nightlife, please!

Sesame Street

Intensive Tage mit der Sesamstraße. Ich soll mir überlegen, was in der Spielzeugwelt Amerikas fehlen könnte und werde zum Fotografieren in den Toys“R”Us am Times Square und in Spielzeug- und Kinderbuch-Abteilungen verschiedener Großketten geschickt. Die Verkäuferinnen dort tun mir leid: Von morgens bis abends dudelt hier Kindermusik aus allen Ecken. Unglaublich, wieviele Sesamstraßenregale es hier bereits gibt, nun also noch mehr. Innerhalb von zwei Tagen stampfen wir zehn neue Produktideen aus dem Boden – und sei es nur eine neue Verpackung für Straßenmalkreide mit Elmo drauf.

Für die Eröffnungsparty der neuen Ausstellung im museumofsex ›sexindesign – designinsex‹ am Donnerstag darf ich mal kurz Pause machen. Es gibt dort wirklich ein paar fast nackte, mit Tape beklebte Leute und unter den Gästen interessant aufgebrezelte New Yorker. Nach einem Glas sparkling wine und einem Rundgang durch die Sexwelt muss ich zurück zur Arbeit und in Photoshop die neuen Produkte in den Läden platzieren. Um eins habe ich dann Feierabend. Im Office ist noch einiges los, die anderen Teams arbeiten fast täglich so lang – was ist denn das bitte für ein Leben?

Endlich zu Hause wird das mit dem wohlverdienten Schlaf leider nichts. Auch meine Mitbewohner waren bei der Eröffnung im museumofsex (dank mir standen sie auf der Gästeliste) und Pete hat den perfekten Ort genutzt, um eine Frau mit nach Hause zu nehmen. Das geht dann so die ganze Nacht, auf Spanisch.

Um Punkt 9 Uhr geht es für mich weiter mit der Sesamstraße. Seit dem Anschiss nach der ersten Woche habe ich gelernt pünktlich zu kommen.

»Keep going, it’s bigger than we are.«

Ballett und Superball

Endlich Freitag und Feierabend, es schüttet, aber egal: Ausflug mit Matt und seinen Freunden zum Whitney Museum, das ist Freitagabends gratis, und so stehen 100 schwarze Regenschirme vor dem Eingang zur Kunst. Anschließend gehen wir Ukrainisch essen und von dort kugelrund nach Hause.

Melissa ist ausgezogen, also habe ich jetzt mein eigenes Zimmer. Martin hat sich übers Wochenende zum Snowboarden verkrümelt. Pete und ich sind fleißig und planen die Wohnung um. Erst mal brauchen wir Möbel: Einen Ping Pong- und Dining Table in einem! Und Stühle und ein Trampolin und einen Boxsack, vielleicht einen Whirlpool … Und wenn wir fertig sind, gibts eine Party. Wahrscheinlich meine Abschiedsparty, aber daran mag ich jetzt überhaupt gar nicht denken.

Abends treffen wir Matt beim Studio B in Brooklyn, dort ist so viel los, dass wir uns einen Club in Greenpoint suchen und eine Gay-Party im Galapagos finden. Drei Drinks sind zwei zu viel, Pete bringt mich heim.

Keine Ausrede für einen verkaterten Sonntag auf der Couch. Cassie und ich haben Karten fürs New York City Ballet, dem Pentagram kürzlich ein neues Erscheinungsbild verpasst hat. So kamen wir drauf.

Als Kontrastprogramm erlebe ich danach meinen ersten richtig amerikanischen Abend mit Cassies Freunden, einem Berg Fingerfood und Superball. Football ist ein seltsames Spiel, ganz oft kommt Werbung, so wird mir nicht langweilig.

Couchpotatoes

Meine Roommates werden demnächst von der Couch aufgegessen oder von einem ihrer Wii-Games verschluckt. Apropos Wii – es gibt einen neuen Star im Wii-Bowling: Nach nur drei Games halte ich den neuen Strike-Record!

Am Samstag kann ich Pete überreden, sich ausnahmsweise von der Couch zu trennen und mit mir nach Chelsea zu fahren, zu einer Ausstellung der handgezeichneten Karten von Paula Scher. Nach drei weiteren Galerien genehmigen wir uns in einem rosa-mint-grünen Café mit rosa gekleidetem Männerpersonal den süßesten Cup Cake ever, der uns einen unglaublichen Energieschub verpasst. Wir durchwandern halb Manhattan, bis wir in der First Avenue zwischen zahlreichen knallig-bunten indischen Restaurants das Birthday-Restaurant finden. Am Nachbartisch behauptet tatsächlich jemand Geburtstag zu haben: Tausend Lichterketten blinken, aus den Lautsprechern tönt ›Happy Birthday‹ mit indischem Akzent und jeder bekommt eine Kugel Eis mit Wunderkerze.

Nach dem Dinner ist immer noch genügend Energie übrig, also geht unser Spaziergang weiter. Eine Gruppe äußerst düsterer Gestalten in einer dunklen Ecke eines kleinen Parks liefert uns die beste Erklärung für den Ausdruck ›mindfuck‹: Sie spielen Schach.

An der nächsten Ecke entdecken wir ein Aquariums- und Fischgeschäft und in der Straße vor der Williamsburg Bridge jedes erdenkliche amerikanische Fastfood-Restaurant Tür an Tür. Für die Überquerung der Brücke brauchen wir fast eine halbe Stunde und danach sind wir dann auch äußerst glücklich über die Couch, von der sich Martin seit unserem Aufbruch nicht getrennt hat.

Team

Mit der Arbeitswoche geht auch Matts Praktikum bei Pentagram zu Ende. Er wird mir fehlen. An seinem Arbeitsplatz neben der Treppe zum Bastelkeller komme ich täglich mehrfach vorbei und er grinst immer so vergnügt.

Zur Abschiedsfeier gehen wir in die Bar direkt neben dem Büro, die mir bislang überhaupt nicht aufgefallen ist. So lerne ich endlich die Praktikanten aus den anderen Teams besser kennen. Kai aus meinem Team erzählt mir, dass eigentlich kaum jemand länger als eineinhalb Jahre bei Pentagram arbeitet, dass unser Chef Michael Bierut immer berühmter wird und zwischen all den Meetings, Interviews und Workshops an der Yale School kaum Zeit für das Team und schon gar nicht für die Praktikanten bleibt. Auch interessant: Die Partner und ihre Teams bringen unterschiedlich viel Geld in die Kasse, die unter allen aufgeteilt wird. Leitsysteme bringen Geld, Kulturprojekte weniger, dafür mehr Prestige. Sehr verschieden sind auch die Arbeitsweisen innerhalb der Teams. Unsers ist wohl am besten organisiert, jeden Morgen um 9 Uhr sind alle pünktlich da. Andere Teams fangen irgendwann zwischen 10 und 11 an und bleiben bis nachts im Büro. Das Team von Paula Scher, deren riesiger Hund neben ihrem Schreibtisch wacht, geht kollektiv zum Lunch und Gerüchten zufolge hat sie ihre Angestellten am liebsten auch am Wochenende zu Hause um sich. Irgendwann findet sie auch noch Zeit für ihre Kunst, die ich mir morgen anschauen will.

Cony Island

Pete und ich machen einen Ausflug nach Cony Island. Außer uns beiden kommt bei dem eisigen Wind niemand auf die Idee, die alten Achterbahnen im Winterschlaf zu besuchen. Nur in Nathans Hotdog-Bude ist was los. Hier findet jährlich ein weltberühmter Fresswettbewerb statt. Der Rekord liegt bei 51 Hotdogs in zwölf Minuten – wir belassen es bei zwei pro Person.

Germany?

»… Where in Germany? … Oh, the south! Is it near Munich and Schloss Neuschwanstein? I was in Frankfurt … Berlin – I’ve never been there … Black Forrest? Oh yes, nice – that’s awesome!«

Wie klein good old Germany von hier gesehen ist, zeigt mir die riesige Amerikakarte in unserer WG – alle bisherigen Mitbewohner haben darauf ihre Herkunft markiert. Unten ist ganz klein eine Weltkarte abgebildet, mein Klebepunkt deckt ganz Europa ab.

Sparklers

Als ich Freitagnacht in unserem von Melissas Umzugskisten belagerten Zuhause ankomme, tritt Pete etwas zerknittert aus seinem Zimmer. Er findet eine Flasche Whiskey, Eiswürfel gibts auch und meine Wunderkerzen vom verkorksten Silvester liegen noch auf dem Küchentisch, also feiern wir spontan Silvester nach. Happy 2008!

museumofsex

Zwischenzeitlich habe ich etwa drei Regenwälder an Papier gecuttet, zehn Dosen Sprühkleber versprüht und zwanzig Rollen Tape aller Art verklebt. Zur Abwechslung darf ich diese Woche Bilder für das museumofsex in Photoshop zurecht schneiden … Ich will keine Orgien und Fesselspielchen auf meinem Bildschirm, schon gar nicht wenn permanent Leute vorbeigehen und grinsend Kommentare abgeben. Am Donnerstag ist dann eine Party im Museum und Gerüchten zufolge sollen die Angestellten dort nackt rumlaufen. Ich werde berichten.

Home

Am Sonntag ziehe ich nach Brooklyn in die Jefferson Street. Ich suche mir eine Verbindung mit nur zweimal Umsteigen – woher hätte ich auch wissen können, dass manche Subway-Stationen am Sonntag geschlossen sind? Am Ende muss ich fünfmal umsteigen, Koffer und Tasche über viel zu viele Stufen schleppen, bis der Gurt meiner Reisetasche kracht und ich fix und fertig bei Pete und Martin ankomme (der Muskelkater in meinen Armen hält sich bis jetzt). Die beiden zeigen mir die Nachbarschaft: Industriell, viele Lofts, auch die Evergreen Avenue ist alles andere als grün. In einem Restaurant überreden mich die beiden, etwas typisch Amerikanisches zu probieren: Meatloaf, aha.

Momentan wohnt noch Melissa in Martins künftigem Zimmer und Martin in meinem und ich schlafe provisorisch für die ersten beiden Wochen im Gästebett. Anders als die anderen Schlafkojen ist es nur mit einem Vorhang vom riesengroßen Wohnzimmer abgetrennt und die Matratze ist unglaublich hart. Melissa wird in zwei Wochen ausziehen und wohl einen großen Teil der Möbel mitnehmen. Sie sammelt alles aus den Siebzigerjahren, so sind auch Kaffeemaschine, Toaster, Geschirr und Gläser von damals. Außerdem kocht sie leidenschaftlich gerne und laut Pete nie zweimal das Gleiche. Die ersten beiden Abende bin ich mit meinem Käsebrot ganz schön neidisch, heute darf ich mitessen: lecker.

In der WG nebenan findet gerade eine Bandprobe statt, Punkrock … ab elf wird’s dann netterweise still.

That’s awesome!

… sagt hier jeder ständig, weil ja alles soo großartig ist. Vor allem Sara sagt es gern – mit ihr bin ich am Samstag ins MoMA und das ist nun wirklich großartig und voll mit Kunst und Design, fast zu viel für einen Tag. Im Museum treffen wir zwei Kollegen von Pentagram, Samstags ist MoMA-Tag. Danach wollen meine Beine nicht mehr, also setze ich mich in einen Bus, um mir von dort aus die Fifth Avenue anzuschauen. Bei der Houston Street steige ich aus und gehe spontan ins Kino. Noch in der Warteschlange weiß ich nicht, welchen Film ich sehen will, als mich eine Frau mit wunderbar französischem Akzent anspricht. Ihrer Empfehlung folge ich gern: ›The Diving Bell and the Butterfly‹. Französisch mit englischem Untertitel verstehe ich besser als gedacht. Die Handlung berührt mich sehr, ich muss an Opa denken. Die Französin stammt aus Paris, sie erzählt, dass sie überall in Manhattan Schaufenster dekoriert. Ihre neuste Tapete bei Prada ein paar Straßen weiter schaue ich mir gleich an.

Kiss me

Kiss me at first sight or should I laugh because my life is missing?

Mein erster englischer Kühlschrankmagnetwörtersatz.

Am Samstagmittag spaziere ich los: Vorbei an den Gebäuden der Columbia University, zahlreichen Denkmälern irgendwelcher Freiheitskämpfer und dem Morning Side Park (der nachts gefährlich sein soll) bis zum Central Park. Nach zwei Stunden zwischen Joggern, Bikern, Pärchen, Herrchen, Frauchen, Hündchen (mit Jäckchen) und struppigen Kötern, Müttern mit Geländekinderwägen, Baseball trainierenden Vätern und Söhnen, schnatternden Enten im halb zugefrorenen Gewässer, vielen neugierigen Eichhörnchen (Squirrels) und entspannten, freundlich grüßenden Spaziergängern, habe ich den Park mit seinen 340 Hektar dann fast durchquert und mir eine Hot Chocolate mit Triple Chocolate Cookie verdient.

Bei Einbruch der Dunkelheit gehe ich zum Empire State Building. Bis ich oben bin, muss ich mich in 15 Schlangen einreihen, mich durchchecken lassen, fürs Erinnerungsfoto vor Greenscreen in die Kamera grinsen, sämtliche Extras mehrfach ablehnen, zweimal Aufzug fahren, um dann im Andenkenshop zu landen. Draußen dann die unglaubliche Höhe von 86 Stockwerken. Während der langen Warterei lerne ich drei Mädels kennen, die zwar schon immer in New York wohnen, nun aber zum ersten mal hier oben sind. Sie zeigen mir die markanten Punkte von Manhattan.

Work

Die ersten zwei Tage bei Pentagram liegen hinter mir. Das Büro ist in einem ehemaligen Bankgebäude, das auch mal ein Nachtclub war, in der Fifth Avenue direkt gegenüber vom Madison Square Park. Im Keller gibt es noch zwei alte Tresortüren, eine Materialbibliothek und den riesigen Modellbautisch – dort fühle ich mich gleich wohl. Auch sonst mag ich’s: Alles ist gut organisiert, das Materiallager gefüllt, die Anzahl der Drucker und Plotter lässt mich den Kopf schütteln und dienstags bis donnerstags kocht die Köchin healthy Lunch für alle, was sich ein bisschen nach Design-Camp anfühlt. Meine Aufgaben beschränken sich bislang auf Basteln und Türen in Architekturplänen zählen – die FIT Fashion School ein paar Straßen weiter braucht Türschilder und ein neues Leitsystem. Wer weiß was noch kommt. Die Subway scheint hier direkt unter dem Gebäude durchzufahren, im Keller und im ersten Stock dröhnt es alle paar Minuten. Besonders gemein ist der neue Teppich: Sobald ich ein paar Schritte durchs Büro gehe, muss ich beim Berühren des nächsten Tischs damit rechnen, einen elektrischen Schlag zu bekommen – Autsch!

Loft

Als ich mich am Dienstagabend für das Minizimmer in der gemütlichen Miniwohnung des ruhigen, netten, schwulen, spanischen Kochs inklusive zweier Minihunde in Queens entscheide, kommt seinerseits keine Rückmeldung mehr. Vielleicht hatte ich erwähnt, dass ich Hunde nicht so mag. Dafür stehen nun zwei Loftbesichtigungen in Brooklyn an.

Loft Nummer eins: Industriehalle, riesengroß, be»wohnt« von drei Produktdesignern, die den Großteil des Stockwerks als Werkstatt nutzen und lustige Möbel bauen. Die Heizung etwas unterdimensioniert, die Bäder im Originalzustand von damals … zu krass für mich, also weiter.

Eigentlich will ich zu Fuß zur nächsten Wohnung, doch es weht ein furchtbar eisiger Wind und ich bin ziemlich allein auf den Straßen, also nehme ich die Subway. Als ich dann völlig durchgefroren und fertig dort ankomme, öffnen mir zwei nette Jungs die Tür zu einem gemütlichen Loft und machen mir erstmal einen Tee. Hier endet meine Wohnungssuche, in 10 Tagen ziehe ich nach Bushwick zu Pete und Martin. Mein Schlafzimmer dort ist ein fensterloser Schuhkarton mit Bett und Kleiderstange, der Wohnraum riesig, hell und voller weicher Sofas. Das Beste ist der Blick vom Dach auf Manhattan.

Silvester … am Times Square

Ich wollte da ja nicht hin. Stunden in der Kälte, kein Sekt, kein Feuerwerk. Die Kugel platzt, Konfetti prasselt über die Köpfe, wir sehen es auf der Leinwand. Ein paar Funken sprühen, alle jubeln für zwei Minuten, fallen sich in die Arme und schon setzt sich die riesige Menschenmasse in Bewegung. Sie suchen nach der Party des Jahres, aber die gibt es nicht, nicht an diesem Abend. Nächstes Jahr bitte ganz unspektakulär, zu zweit Feuerwerk gucken und mit Sekt anstoßen. Happy new year!

Nachher eine Zimmerbesichtigung in Queens: »gay latin chef easy going & respectful to all.« – na denn.

Morgen ist mein erster Arbeitstag bei Pentagram, ich bin gespannt. Und etwas aufgeregt.

Big

Es schläft sich wunderbar im Queensize-Bett aus fünf übereinander gestapelten Matratzen. Meinen ersten Morgen in New York verbringe ich damit, mir die Stadt lesend näherzubringen. Erst mittags traue ich mich aus dem Haus. Alles so groß, riesengroß … und ich fühle mich ein kleines bisschen einsam zwischen den überdimensionierten Wolkenkratzern und Menschenmassen. Verwirrt setze ich mich in einen roten Touri-Doppeldeckerbus, der mich durch Lower Manhattan schaukelt.

Morgen kommt Besuch aus meinem Heimatdorf, dann wird Silvester gefeiert. Hoffentlich nicht am Times Square, da war es mir heute schon zu voll.

Guten Rutsch!

Ich bin da!

3:45 Uhr: Aufstehen, Anziehen, Koffer ins Auto schleppen, los. Der Flug startet im leuchtenden Morgen von Stuttgart und landet kurz danach im nebeligen Zürich. Das Gepäck und ich haben 40 Minuten für den Umstieg – knapp, aber es klappt. Und dann wieder hoch in die Luft und über den großen Teich.

Es hat was, Manhattan langsam im diesigen Sonnenschein auftauchen zu sehen. Noch eine Brücke und noch ein Tunnel und schon bin ich mitten im Gewusel aus gelben Taxis und mit Tüten bepackten Menschen zwischen den Häuserschluchten.

Schönes Zimmer im Studentenwohnheim der Columbia University, inklusive Abenteuerdusche, die völlig unvermittelt in alle Richtungen losbrausen kann. Es ist recht laut hier. Ich weiß nicht, ob das der Wind ist, der um die Häuser pfeift, oder die Autos vom Broadway. Kalt ist es übrigens gar nicht: 9 Grad Celsius. Oder 48 Grad Fahrenheit.

Blöd dass ich aus der Wohnung schon bald wieder weg muss, aber um die Zimmersuche komme ich wohl nicht herum.

Erst mal schlafen. Bald mehr!