Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Acht Jahre

Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.

Linie#14

Linie 9570 – meine letzte Linie an einem der letzten Tage des Sommers. Die Hitzewelle schien endlos, heute dann Kälteeinbruch und Ratlosigkeit vor dem Kleiderschrank. Was trägt man außer Sommerkleider und Sandalen? Wer bin ich, wenn es kühler ist? In den Schaufenstern schon Herbstfarben, dazwischen demonstratives Gelb. Vielleicht ein gelber Regenmantel oder gelbe Gummistiefel? Lieber sonnengelbe Sandalen, ich bin noch nicht so weit.

Nun sitze ich also im Zug zu dir nach Straßburg. Noch steht er. Gegenüber fragt ein Vater seine Tochter: Bist du traurig? Draußen winken die sehr kleine Mutter und der sehr große Bruder, bis der Zug losrollt. Sie verdrückt ein paar Tränen, kramt nach ihrem Pass und zählt die Namen ihrer Freundinnen auf, die sie in Israel besuchen wollen.

Der Zug beschleunigt auf 274 Kilometer pro Stunde, er könnte mehr als doppelt so schnell.

Hunderte Kilometer habe ich in den letzten Monaten im öffentlichen Linienverkehr zurückgelegt, meist sitzend, selten stehend, einmal kauernd (das war nett). Im Dazwischen finde ich plötzlich Zeit, um hinzuschauen und zuzuhören. Man kommt Fremden recht nah, wenn man so unterwegs ist. Manche reisen in ihrem Kokon aus Musik, Film, Arbeit und Lesestoff. Andere blenden völlig aus, dass sie nicht unter sich sind und erzählen offen und laut aus ihrem Leben, manchmal schreibe ich mit.

Sie sieht so traurig aus mit ihren glänzenden dunklen Augen. Der Vater telefoniert leise auf Hebräisch. Auswandern, wie das wohl ist? Eine Linie unterbrechen, um woanders neu anzusetzen.

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.

Linie#13

Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.

Linie#12

Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.

Linie#11

Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevorstehende Hallenhochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch eingeladen – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.

Zwei neue Nebensitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.

Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.

In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufenschüler mit kurzgeschorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.

Linie#10

Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.

Linie#9

Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.

Linie#8

Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.

Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.

Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.

Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgendwoher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farbengeschäft. Immer wieder verwirrend, Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.

Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausgeliehen.

Linie#7

Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken ein Pickel und etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Privatabteil. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.

Linie#6

Schwarz die Kleidung, die Schirme und auch die dicke Regenwolke über uns. Der erste Regen nach einer langen Reihe an Sonnentagen. Der Himmel weint mit.

Als Kurt uns vor dem Jahreswechsel das letzte Mal sah, weinte er beim Abschied. Dann wischte er sich die Tränen ab und winkte uns lachend auf seinen Stock gestützt mit einem weißen Taschentuch hinterher. Wie früher in Metzingen, als mein Vater noch klein war. Damals hatte Onkel Kurt immer ein Tischtuch geholt und gewunken, bis das Auto mit seinen Neffen um die Kurve bog.

Wie sie dann einfach endet, so eine Lebenslinie. Und was für eine: All die tragischen Umbrüche und mutigen Neuanfänge hätten für drei Leben gereicht. Ich lausche den Geschichten über den Lausbub, dessen Schabernack die DDR veranlasste, ihn mit 18 Jahren des Landes zu verweisen. Ein Dandy mit Stil, stets in Anzug und Krawatte, voller Frohsinn, Optimismus und Hilfsbereitschaft. Sein Vermächtnis: Denkt an mich, wenn ihr einem hilfsbedürftigen Menschen begegnet.

Der Friedwald, in dem wir Abschied nehmen, hängt voller Tropfen. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach. An den Buchen hängen Schilder mit Namen, bis zu zehn pro Baum.

Später im Waldhorn steht ein guter Freund aus Jugendzeiten auf und sagt: Wäre er hier, unser Hardy und euer Kurt, er wäre verwundert, wenn ich nichts sagen würde, darum sage ich jetzt was. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn weinen. Statt Schwarz sollten wir Weiß tragen, die Farbe der Hoffnung und der Freude. Wir sollten gemeinsam feiern und uns freuen, dass er da war, und dass er war, wer er war.

Linie#5

Die sieben Minuten Fußweg schaffe ich in vier, wenn ich renne – was ich immer muss, weil mir, egal wieviel Zeit ich habe, kurz vor dem Losgehen noch etwas so Wichtiges einfällt, wie die Spülmaschine auszuräumen (das reicht noch gut), die Blumen zu gießen (ach, immernoch genug Zeit), die Fensterläden zu schließen (jetzt sollte ich aber los) und dann doch noch die Zähne zu putzen (oh, jetzt aber wirklich). Die Schuhe binde ich im Aufzug, während ich mit wenigen Klicks meine Fahrkarte kaufe und hoffe, dass unser WLAN bis ins Erdgeschoss reicht oder dass das mobile Netz diesmal rechtzeitig übernimmt. Die Fahrkarte konnte nicht heruntergeladen werden. Also renne ich, schwer bepackt, den Blick und die Finger auf dem Smartphone, die klackernden Schuhe verfluchend (dass sie so unbequem sind, hatte ich vergessen) den Berg hinab, bis mich ein weißwolliger Hund begeistert oder verstört, aber vor allem laut anbellt und bremst. Jetzt bin ich so richtig wach. Noch zwei Rolltreppen voller müder Menschen (Entschuldigung, darf ich bitte durch), dann unten, gerade noch rechtzeitig, Linie 1, die Türen noch offen, geschafft. Wie immer.

Vier Minuten Umsteigezeit von Gleis drei auf Gleis acht. Treppab, Treppauf, Warten.

Zwei Linienscharen aus Hochspannungsleitungen. Die einen parallel, die anderen diagonal zu uns. In Wellen, von Mast zu Mast.

Die Umgebungskarte empfiehlt mir Luftlinie und behauptet zwei Minuten Fußweg – von Treppen, Gedränge, dem Umweg um die Baustelle und einer roten Ampel weiß sie nichts. Ich renne durch Pfützen, das Wasser spritzt in alle Richtungen, die Uhr ging vor, Linie 4 steht noch da und nimmt mich mit.

Einer mit Sicherheitsnadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt nach Fahrgeld in seinem überweiten Hosenbein und in den überhohen Schnürstiefeln. Ein Loch in der Hosentasche, schnieft er entschuldigend. Er rüttelt am Stoff und braucht drei Haltestellen, bis die Münzen über den Boden nach hinten kullern.

Als wollte mir das rote Lämpchen des Rauchmelders sagen: Ich sehe genau, dass du blinzelst und nicht schläfst.

Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.

Linie#4

In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namensschild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.

Und so verharrt sie in der Rolle des Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Flachbrüstig, in Röcken und klobigen Schuhen, unfrisiert, trotzig, gelangweilt.

Linie#3

Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als eingeschworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeausweichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linienverkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laangsaaaammeeeerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehenbleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnenwarmen Nirgendwo.

Der Reiz des Verspeisens von Nasenpopeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufgeräumt.

Linie#2

In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich bemerkte, dass der Mann neben mir fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außerordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarztstuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungskraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, zu eng am Po, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest deine hätte mich durchaus interessiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, deine Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!

Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch rechtzeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verunmöglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.

Linie#1

Am Anfang war die Linie. Linie 1. In der sitze ich nun und versuche mich in deinem französischen Text zurechtzufinden. Linie 1 um kurz nach eins, voller Schülerinnen und deren Blicke auf mein Schreiben, das nicht weiß, welchem Gedanken es zuerst folgen will. Mein Kopf – ein Knäuel aus Linien, die sich entwirren, die straff gezogen werden, je länger die Reise geht. Linie 1 ist zu kurz dafür, gleich muss ich raus und weiter. Vielleicht sind es gerade zu viele Linien, denen ich folge. Die Punkte sind gesetzt, Anfang und Ziel, vielleicht ein paar Zwischenstopps. Manchmal dauert es Wochen, bis ich die eine oder andere Linie wieder aufnehme, sie in Punkten oder Strichen wie Trippelschritten dem nächsten Etappenziel näherbringe. Ob gepunktet, gestrichelt oder durchgezogen – gerade ist keine dieser Linien. Sie winden sich, schlagen Wellen, zeichnen Umwege in Richtungen, die nie geplant waren. Am Ende ziehen sie sich straff und behaupten, stets zielstrebig gewesen zu sein. Dem traue ich nicht, niemals. So sehr ich es mir manchmal wünsche – wie eintönig wäre doch diese Geradlinigkeit: Nie würden zwei Linien sich kreuzen oder ablenken und in neue Richtungen locken. Eine jede strebte stur ihrem Ziel entgegen, ohne nach links und rechts zu schauen, rücksichtslos und unbeirrbar. Magisch wird es, wenn zwei sich treffen, einander stupsen, sich gegenseitig schieben und ziehen, umeinander winden, eins werden. Linie 1.

Vorm Fensterbrett

Ein Blick aus meinem Küchenfenster: Blauer Himmel mit weißen Wolken, Wind rauscht durch die Bäume im Hinterhof, Vogelgezwitscher, ein weinendes Baby auf dem Balkon nebenan, den ich nicht sehe. Wir kennen uns vom Hören, wohnen Wand an Wand. Wir leben hier auf engstem Raum nebeneinander her, Schuhkarton auf Schuhkarton, Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer, jeder Grundriss ungefähr gleich. 

Die Sonne beleuchtet die Balkone des Nachbarhauses, noch ist niemand draußen. Ein ruhiger Montagmorgen, Brückentag. Beim genaueren Hinsehen etwas Leben hinter den Fenstern: Eine rundliche Frau mit Schürze (4. Etage links), ein nackter Männerrücken (6. Etage rechts), ein Laufstall direkt am Fenster (3. Etage links). 

Eine Frau im lila Bademantel mit blondem Dutt und Sonnenbrille betritt den Balkon (3. Etage rechts). Links darüber beinahe gleichzeitig für einen kurzen Moment eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Hose – und wieder drin, beide. Der lila Bademantel geht mehrmals rein und raus, deckt naschend einen Tisch für zwei. 

Sieht mich jemand? Zu viele Fenster, aus denen zurückgeschaut werden könnte. Ich fühle mich beobachtet beim Beobachten, schließe vorsichtshalber das Fenster und hoffe, das Glas verspiegelt meinen Ausguck. Ich könnte den ganzen Morgen hier sitzen und das Treiben meiner Nachbarn protokollieren. Testweise mal frech mit dem Fernglas einen Zoom auf den Frühstückstisch: Honig, Nutella, aha.

Sie setzt sich, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, ihr wird warm. Sie schält sich aus dem lila Frottee, darunter ein übergroßes weißes T-Shirt. Ein Mann in verwaschenem Rot betritt den Balkon, geht wieder rein und kommt wieder raus, setzt sich ihr gegenüber, jetzt mit Sonnenbrille und Smartphone. Sie trinkt, er tippt. Schlaffe Schultern, noch müde, schweigendes Wachwerden. 

Der Balkon hängt voller weißer Lampions. Außerdem: eine gelbe und eine rote Laterne, Teelichter in Metallbechern mit Lochmustern, ein grauer Emailletopf mit blühenden Zweigen, eine Blumenampel mit Pfingstrosen, ein eingeklappter weißer Sonnenschirm, eine blaue Mülltüte, ein Bastkorb voller Altpapier, eine Holzkiste mit Altglas und ein futuristischer Gasgrill auf einem Holzschränkchen. Vor dem Balkon zwei Wäscheleinen mit bunten Klammern. Ihre Schatten fallen auf die Balkonverkleidung, sie doppeln sich.

Der Mann legt sein Smartphone zur Seite, sie werden munter, sprechen, trinken, löffeln Joghurt aus einem Becher. Sie rücken ihre Stühle nebeneinander, legen die Füße auf dem Balkongeländer ab, räkeln sich in der Sonne. Dann beide an ihren Smartphones, diese Fenster zur Welt.

Balkone sind Bühnen. Eine Vielzahl an Dingen wird hier ausgestellt. Sonnenschirme und bunte Wimpel, trocknende Unterhosen, wuchernde und vertrocknete Pflanzen, ein rotweißer Rettungsring im sechsten Stock. Eine Inventarliste meines Hinterhofs, Balkonporträts, Voyeurismus vom Küchenfenster aus, Ausschnitte aus dem Draußen-Wohnen meiner Nachbarn. Wir leben städtische Anonymität und ignorieren meist, wie dicht wir aufeinander sitzen, wie nah wir uns sind. Und wie ähnlich.

Sein Blick

Ich wusste es, als ich seinen Blick bemerkte. So da war noch nie jemand und so da war auch ich noch nie. Dass es das wirklich gibt, hatte ich nie geglaubt. Er schaute abwechselnd zu mir und in sein Skizzenbuch, er zeichnete, wie ich so dastand: Meine Hände, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als sich am Gurt meiner Umhängetasche festzuklammern. Ein kurzer blaue Rock, ein Streifen Rot unter dem schwarzen T-Shirt, rote Kugeln an den Ohren. Weiter kam er nicht, die Zeichnung ist nie fertig geworden. Für den Rest der Exkursion blieb ich in seiner Nähe. Es war mir egal, dass es alle bemerkten. Ich wusste: Da will ich näher ran. Das war in Berlin, vor bald sieben Jahren.

Kosmetik, wo es einen Pflug bräuchte.

Wartezimmer

Zwei symmetrische Türen, etwa einen Meter auseinander, hellgrau, wie die Wand, die Rahmen etwas dunkler. Die Scharniere jeweils solidarisch: oben hell, unten dunkel. Zwischen den Türen an der Wand eine Lampe, halbrund, oben offen – fast passend zum orange-beige melierten Linoleumfußboden. Knallblaue Sockelleisten, oben parallel dazu orangene Zierleisten auf Türrahmenhöhe (aber nur zwischen den Türen) sowie kurz unter der Decke. Fehler in der Symmetrie: Der Lichtschalter links ist weiter vom Türrahmen entfernt als der rechts. Die linke Tür ist unten auf beiden Seiten leicht engekerbt. Das Schlüsselloch links ist klassisch, rechts ist es rund. Beide Türen öffnen sich fast gleichzeitig. Frau und Herr Doktor, Tür an Tür. Der nächste, bitte.

Das Loch

Dieser Typ, der mir alle paar Jahre über den Weg radelt oder läuft oder plötzlich dasteht und guckt – als ob er mich immer mal wieder daran erinnern wollte, dass ich mich nicht erinnern kann. Als ob er wüsste, wer ich bin und wer ich nicht war, als ich ihn küsste und kurz darauf ging und einen Anderen mit nach Hause nahm. War das überhaupt er? Oder hatte ich mir den Kuss nur gedacht, als ich ihn bei einer anderen Party tanzen sah? Von dort kam ich nicht mehr nach Hause, es war zu spät. Ich fragte einen harmlos aussehenden Jungen, ob ich bei ihm schlafen könne. Ich wusste nichts über ihn, folgte ihm zu seiner Wohnung, bekam ein großes weißes T-Shirt und legte mich in sein Bett. Ich wachte früh auf und nahm den Bus, nur weg, nichts wie weg. Wer war ich? War ich überhaupt? Ich kannte hier niemanden und niemand kannte mich. Hinter mir war alles zusammengebrochen, alle wollten weg, also ging auch ich. Nur wohin? Und wie sollte es weitergehen? Ich war einsam, ohne Heimat, Liebe, Halt und so sehr auf der Suche. Dann fand ich das große Nichts. Das Vergessen. Ein Loch in meiner Erinnerung. Manchmal krabbelt dieser Typ dort heraus. Vielleicht will er mir sagen, wie es dort ist, in diesem Loch, in dem ich ihn einfach so habe stehenlassen, um kurz etwas zu holen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar so gemeint. Oder jemand hat schräg geguckt und mich erkannt, ich wollte kein Gerede. Oder ich ahnte, dass er gerade dabei war, sich zu verlieben, mich zu verhexen und dann zu gehen. Vorher ging ich. Doch er geht nicht. Taucht ab und zu auf und guckt. Dieser schiefe Mund, immer in Bewegung, als wüsste seine Zunge nicht wohin mit sich. Nächstes Mal frage ich ihn, was damals war, ob was war, ob mein eigentliches Leben genau dort in diesem Loch weiterging, während ich hier draußen danach suche.

Fernweh

Das Leben wird also langsamer mit 31. Man geht nicht mehr aus und merkt es nicht einmal. Nur wenn eine Freundin kommt, die man schon 12 Jahre kennt, oder immer noch nicht. Man leert eine Flasche Wein und lacht wie früher. Und dann? Man spricht von dreimonatigem Fernweh, dem man keine Reise entgegensetzt, sondern ein aalglattes Portfolio, zu dem weder Werber noch Architekten nein sagen können. Für wen will man arbeiten? Will man überhaupt arbeiten? Und was tun, wenn nicht? Hinschmeißen, Esandersmachen, Panik.

Draußen dreht sich das Karussell weniger schnell.

In jeder Familie herrscht ein anderes Schweigen.

Kleiner und dunkler

Im Zug hätte ich das Buch gerne kleiner und dunkler gemacht – es ist so bunt, dass alle hinschauen.

– Es gibt ja auch wieder Anfänge.
– Nein, nur noch Enden, lauter lose Enden.

Krutenau

Vorbereitung der Exkursion mit Clara durch Krutenau. Ich fühle mich wie Oskar auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Black.

Tous les jours

Ich bin nicht gut darin,
Dinge jeden Tag zu tun.

L’automne

Die Blätter fallen so schnell

Feuilles

Wie schnell die Blätter gelb geworden sind, wie schnell sie fallen. Ich schreibe bis spät und bin doch eine Woche hinterher.

Baguette

Beobachtung: Wer in Frankreich ein Baguette kauft, muss sofort ein ein Stück davon abbrechen und essen. So gesehen bei zwei jungen Damen, die kurz hintereinander den Laden verließen.

Vélhop!

Mein Rad ausprobiert, Freiheit gespürt.

un / une – deux | heaven ≠ sky

Croissants gekauft – zwei, um Fehler zu vermeiden (un / une – deux). Im Atelier gefrühstückt. Nebenan ein Schrei-Seminar. Im Atelier du Livre vorbeigeschaut, Hélène meine Bücher präsentiert – auf Englisch, das sie besser spricht als versteht. Zu Mittag meine ersten Schritte über den Fluss, Quiche aux légumes. Im Flur vor meiner Tür hockt, sitzt und steht eine Zeichenklasse in drei Etagen. Nachmittags offizieller Atelierbesuch, meine Bücher präsentiert (heaven ≠ sky). Abends einsam gefühlt, eingekauft, etwas verlaufen.

Ici et là

Früh aufgewacht, über Anfänge nachgedacht. Anfangen war einfacher, als wir alle am Anfang standen, neu waren. Aufs Neue beweisen wollten, wer wir sind, den Anderen und uns selbst. Fangen wir an, erfinden wir uns neu. Fangbereit für alles Neue, das kommen mag. Hier bin ich neu.

The Blue Room

Ankunft in Strasbourg. Vor der Akademie überfällt mich eine unendliche Müdigkeit, die sich wie Nebel zwischen mich und die Stadt legt. Atelierbesichtigung und weiter zur Wohnung: Wohnzimmer, Küche und Bad (ein Traum in beige – wie daheim), vier Gästezimmer. Das mit der roten Aufschrift »The Blue Room« wird meins. Traumloser Mittagsschlaf.

Je weniger sie sagt, desto wertvoller jeder einzelne Buchstabe. Und sei es nur ein »VlG Mama«.

Das mag ich:
Mit dem Fahrrad über lose Pflastersteine holpern.

Die Welt in ja und nein, gut und böse, schwarz und weiß – keine Graustufen oder Farbnuancen, und schon gar keine Überraschungen.

Den äußeren Einwirkungen oder den inneren Auswirkungen ausgeliefert.

Das Kapital

Erst am Boden,
jetzt über der Heizung –
verknittert.

Kann Darf Muss

Diese Angst, dass irgendwer dahinter kommen könnte, dass ich nichts kann, dass er es allen erzählt, dass es dann vorbei ist. Was dann noch bleibt, ist eine Zukunft, in der ich nichts mehr machen darf (oder muss), von dem ich denke, dass ich es nicht kann.

Château Vellexon

Die Spiegelkugel schaukelt im Wind und wirft Lichtpunkte aufs Gras. Wo fängt man an, wenn die Tage eines ganzen Monats dem Vergessen überlassen wurden? Hier und Jetzt oder wieder im Gestern, das an Glanz verliert, sobald man darüber schläft? Ich rücke eine Stufe abwärts, dem Sonnenstreifen nach, und überlege, wie Leben geht.

Joa mei

Bayrische Stellen aus Oma Heidis Kochbiografie:
Wos woitsn ia do? D’Heidi hod koa Zeit, die muas oaboiten. Hermann, des moch ma ned. Mei, des is obr vui Geid. Mei Heidi, der Moa woa net so voam Krieg. Mei Heidi, wos hama dem ois gwünschd. I hob de Himme auf de Welt. Geh her da. Brauchst nadierlich scho a guads Essn. Heidi, hoast du scho Hai hergricht fia moagn Fria? – Mei, hob i no net. Hoi-Stoll. Deandl. Gunkeln. I muas owai oaboiten. Hots dem Deandl wieda Hoar gflochtn, muss se wieda schreibn. Wos woitsn ia doh, wo kimmtsn ia her, wer seidsn ia? Joa und? Wo gherstn du hi? Mit der brauchst dich fei net anfreunden, die ist evangelisch Mei, mir kimme doch des Deandl net so weit fuad lossn, do seng ma nimma dazue. I kimm von der Metzgerei Wurz und mecht bei eana die Pergament-Düten abholn, die bsteillt woan sand. Sigstes Hermann, etz hama die Schererei. Des wirst sehn. Mei, des hand doch Luthrische! Mechtst du den Moa heiratn? Die Heidi hod en Freind, en Schwob! Mei Heidi, wos verlongst uns do ob! Des kima mir doch goa ned leisten, wos du do mechst. Verlobung, des kenne mir joa goa ned. Joa mei, wenn aich des glongt. Des muss ma ned, mocht ma ned, braucht ma ned. Heidi, i mog mit dir und mim Frieder geh! Worum host denn du koan Bruada ned? Mei, des is hoid a Lutrischer. Bajuwaren. Joa, wos hobds n ia zwoa vor? Hermann, du wiast di no wundern, aber mei Geid findst du net. Joa, ma woas ned, wos fia a Zeit kimmt, dann simmer froh dran. Blau und weiß kariert mit Herzerl drauf. Sterbbeidl. Gestern host du verkaufa derfa und haid derf i verkaufa. Obhaideln. Schweinderl. Du deafst es ned auslossn, gell, hoids fest, hoits joa fest! Loss ned aus! Deafst ned auslossn! Doss ma a Kaibe hoaltn konn. Nojoa, do kimma a nix dafia. Joa Heidi, woaßt du denn ned, doss wia die Zwiebel vorher andämpfen? I wos des scho, doss ia des so mocht.

Was macht dieser große, großartige, zu Großem bestimmte Mann hier?
Wie kommt es, dass er mich überhaupt sieht?
Ich zeige ihm meinen Laden, der ihm viel zu klein wäre.
Was ich erst sehe, als er kniet.

Ich spiele mich
Sobald jemand guckt
Dann lache ich und rede
Als sei alles gut
Sobald ich allein bin
Bleibt nur das Grinsen
Und ich bin weg

Dein Krieg

Du führst mich
Auf ein Schlachtfeld
Das ich nie betreten wollte
Das ich verlassen hatte
Bevor es geschah
Ich ging einfach
Und doch trägt es
Meinen Namen
Ich erinnere mich nicht
Kann mich nicht erinnern
Vergesslichkeit oder Selbstschutz
Wenn das nicht das Gleiche ist
Amnesie der Liebe
Die bleibt
Nur ohne uns

Alpenhof

Bergauf in der Appenzellerbahn: Der schmale Streifen Bodensee erhebt sich, wird flächig und immer größer, wird zu einem riesigen, glänzenden Spiegel unter unentschlossenem Himmel. Drei Länder teilen ihn unter sich auf, sind verbunden durch ihn, den sie lieben. Bergauf, bergauf – die Schweiz wie aus dem Bilderbuch: Eine Katzenleiter am Bahnwärterhaus, ein schwarz glänzender Mähroboter unter Obstbäumen, eine Wandergruppe in knallfarbigen Anoraks. An der Endstation wartet das Postauto zum Alpenhof: Buchvernissage!

Mein Leben

Mein Leben begann an einem vollgekrümelten Küchentisch. Nach 19 Jahren Sauberkeit beobachtete ich voller Freude und Freiheitsglück, wie mein zukünftiger Mitbewohner die Krümel einfach mit der Hand zur Seite fegte. Auf die dürftig gesäuberte, etwa DIN A4 große Fläche legte er den Mietvertrag – meinen Mietvertrag! Dann ging es los.

Beschäftigt

Das beschäftigt mich. Ich will aber nicht, dass es mich beschäftigt. Also muss ich mich beschäftigen.

Geht

Geht, geht gut, geht sehr gut. Geschirrgeklapper, Kirschen, Küsse, Komisches, Kaninchen, Kaba, Kanone, Danone-Sahnejoghurt, Kurt. Aber, Kadabra, Trara, Tralala, Lala, Luna, Leon, Lego, Go, Go, Go! No, No, No! Notwendigkeit, -keiten, Reiten? Eieiei, Eiertanz, Eier – gebraten, gekocht, geschält, gespiegelt, gekentert auf dem Bodensee, Juhee? Nee, nee. Du, Ich, ähm … Sauerrahm, Rama, Radieschen, Ratatouille, rasante Rosinen. Wie geht es ihnen, so kleingeschrieben? Frieden: alle lieben! Sieben Zwerge, fünf Berge, drei Särge – keiner mehr. Zahlen bitte. Wortklaubereien, Kreide, quietschende Gänsehaut, hinter den Ohren: grün. Genau, und laut, lauter Laute, läuternd, erläuternd, er läutert Euter mit Morgenmilch, der Knilch. Seifenschaum und Pulverschnee, Sonnenbrand auf Füßen, rückenschwimmend im Wahnsinn der Dinge im Kopf.

Ach und Krach

Es ist und bleibt eine Baustelle. Es wird um-, an- oder neugebaut. Ein jeder plant, erfindet, verändert, macht und tut, bis kein Stein mehr liegt, wo er war. Der Gestaltungswille sitzt in allen Ecken. Er überstreicht, überfließt, überformt, Möbel, Häuser, Städte. Die Welt leckt sich ihre Wunden. Ach! Und Krach, überall.

Limmat-Gedicht

»Gibt’s ein Gedicht?«

Hinter mir steht ein kugelrunder Herr. Seine Glatze glänzt in der Morgensonne, er grinst mich an.

»Gibt’s ein Gedicht, gibt’s ein Gedicht?«

Äh, naja … so ähnlich vielleicht?

»Alles Gute!«

Noch immer grinsend setzt der Herr beschwingt seinen Weg entlang der Limmat fort. Erst als er aus meinem Blickfeld entschwindet, bemerke ich, dass er mir meinen Gedanken geklaut hat. Ein nicht mehr zu begreifender Satzanfang steht mitten auf der Seite und weiß nicht mehr, was er sagen wollte.

Das morgendliche Flussufer erscheint mir plötzlich ganz klar, als hätte der Herr meine Brille geputzt. Ein neonroter Kindergarten rennt mich halb um, Schulklassen am letzten Schultag vor den großen Ferien, Jogger im Minutentakt, Rentnerinnen auf Bänken und Stufen, Z’nüni bei den Bauarbeitern gegenüber, glitzerndes Geplätscher, Zigarettenrauch, ein Hauch Sonnencreme.

Es ist Sommer, endlich Sommer, endlich auch im Notizbuch, im Kleiderschrank, auf meiner Haut.

Sendepause

Seit geraumer Zeit gibt es diese unstillbare Sehnsucht nach einer Sendepause. Nach einer Pause für das Internet – übrigens das einzige Ding, das noch genutzt wird. Nein, kein Radio mehr, kein Fernsehen. Bücher ja, aber Musik stört zumeist und Filme beschäftigen so sehr und so lange, dass man seine Träume nicht mehr sieht. Nach und nach haben also immer mehr Leute damit aufgehört, in die Röhre zu schauen. Etwas ratlos sind sie nun, die Leute, denn sie wissen nicht mehr, wonach sie ihre Polstergarnitur ausrichten sollen. Das ist gar nicht so einfach, seit es den Fernseher, dieses Lagerfeuer, nicht mehr gibt.

Manchmal denkt jemand an die Anekdoten der Väter, vor allem an die, die so oft erzählt wurden, dass die eigene Vorstellung davon fast mit der eigenen Erinnerung verwechselt wird. Sie waren klein, die Väter und auch deren Brüder, die noch kleiner waren. Zusammen saßen sie da, nebeneinander, beide mit erwartungsfrohem Blick auf dem Fernsehgerät. Sie starrten gebannt auf das Testbild, obwohl sie wussten, dass das Programm davon auch nicht schneller beginnt. Später, als das Programm eigentlich schon begonnen hat, lehnen sich die Väter der Väter aus dem Fenster und fischen, die Antenne in der Hand, nach dem Empfang. Nichts. Kein Ton, kein Bild – Rauschen.

Dann war plötzlich auch das Rauschen weg. Bild- und Sprachlosigkeit. Stille. Nichts war mehr zu hören oder zu sehen. Sendepause aller Instanzen. Selbst die Väter schwiegen und ihre Anekdoten verblassten. Nur noch wenige erinnern sich an das Rauschen. Kaum jemand weiß noch, wie das Testbild damals aussah. Dabei hatten sie so lange und so oft davor gesessen und gewartet, dass es anfing und losging und blitzte und donnerte und störte und beschäftigte und von den Träumen ablenkte und die Bücher vertonte und verfilmte.

Seit geraumer Zeit gibt es nun diese unstillbare Sehnsucht nach dem Testbild von damals. Alle sprechen davon, alle wollen es sehen. Wenn das Testbild da ist, dann geht es bald los. Doch bevor der Vorhang sich hebt, ist Sendepause.

Zwölf Minuten

Noch eine Minute. Vielen Dank, Sie hören von uns. Die unvollendeten Sätze hallen nach, unbeantwortete Fragen hängen in der Luft und die Lücken werden mehr und größer und schwarz. Das wird nix.

Haben Sie auch nichts vergessen? Den Koffer, den Schirm, habe ich. Nur das Geld, die Plastikkarten, die Identität gingen auf dem Weg verloren.
Er hat abstehende Ohren. Ich glaube so war das manchmal, das Gefühl, es zerreißt mich, wenn ich –
Dein Knäckebrot passt hier ebenso wenig rein wie Cake!
Also warum ich damals immer wieder und ohne nachzudenken, es war das Zerreißen, der Dolch in meinem Körper, der mir eine Lebendigkeit im Sterben vorgaukelte. Und dann lag ich da wie tot oder zumindest todmüde in den Schlaf flüchtend, weil ich ihn da neben mir nicht sehen und von unserer gespielten ahnungslosen Nähe nichts wissen wollte. Vergessen im Schlaf. Wenn ich jetzt morgens aufwache, zerreißt mich kein Dolch, nur eine warme Sucht nach Unendlichkeit.
Bekommen andere auch Dolche ab? Wie viele habe ich schon zerrissen? Nur weil ich Augen habe?

Eisgekühlte Kunst

Ich schlage das Buch auf und alles ist weg. Dieses Weiß, dieser Kugelschreiber aus blauem Kunststoff – falsch zwischen all dem dicken Moos. Dieses Hadern, dieser Unmut über laute Straßen – verstummt zwischen Hombroichs alten Bäumen.

Wir sind uns zu nah, mein Bauch krampft sich zusammen, die Musik schnulzt mich zu, das Parfüm des Nebensitzers drängt sich auf und das Lied wiederholt sich bis in alle Zeiten, bis ich im Altersheim sitze und mich einer mit Falten umrankten und wässrig gewordenen Augen ansieht und erdolcht. Dann falle ich vom schlecht gemusterten Stuhl und er, der mir zu Hilfe eilt, stolpert und fällt und wir liegen am Boden und lachen und alles tut weh.

Erdolcht mich öfter, erdolcht mich einmal täglich, auf dass ein Schreibausbruch den Alltag lahmlegt und die Welt zum Glühen bringt, rettet mich aus dieser Verkopftheit und verwandelt den Zug in eine funkensprühende Rakete.

Er steigt aus? Er steht. Er sucht und findet eine Zeitung, um sich hinter ihr zu verstecken.

Spuren

Ausgetretene Stufen und festgetrampelte Trampelpfade, verwohnte Wohnungen und zerlesene Bücher, abgegriffene Tische und durchgesessene Sessel. Spuren, die Geschichten erzählen von denen, die vor mir da waren. Nichts Neues. Und doch das, was uns über Generationen hinweg zusammenhält. Spuren, die mich erden.

Zu viel Luft

»Du schreibst jetzt?
Wie lange denn?«

Das weiß ich nicht
Das weiß ich nie

Nur ein wenig Wahnsinn
Und etwas mehr
Als deine Hände
auf der Stufe vor mir liegen
Sie könnten zupacken
Meine Knöchel umfassen
Bis ich rückwärts falle

Du lachst
Ich habe Angst

»Darf ich reinkommen?«

Nein

»Aber –
Warum nicht?«

Lass mich bitte

Vielleicht finde ich mich
Im Spiegel wieder
Doch da ist nur Haut
Sie brennt
Und zerfällt

Alles hier in dieser Wohnung
Wenn wir tagelang nur uns sehen
Uns nicht mehr sehen
Weder uns gegenseitig
Noch uns selbst

Ich starre auf meinen Teller
Die Ordnung der Reste zu entschlüsseln

Intellektueller Tourismus
Nichts weiß ich

»Du bist süß.«

2503011221 11:52
Jede Klorolle hat ihre Nummer, ihre Zeit

Die Sinfonie der Lüftung
Unaufhörlich
Und wenn sie aufhört zu singen
Beginnt der Kühlschrank

»Ich glaube Stille
würden wir nicht ertragen.«

Oh doch

»Totale Stille, also gar nichts?
Kein Wind?
Kein Vogel?
Kein Radio?«

Kalte nackte Fliesen
Meine Zehen frieren
Ich zerfalle
Habe mich verirrt
In diesen vier Wänden

Es ist sauber
Und kalt
Arbonia

»Dein Mund steht offen.«

Luft

»Deine Lippen sind vertrocknet.«

Zu viel Luft

»Lüftung?«

Heizung

»Haut?«

Ruhe jetzt

Dazwischen

Mit dem Kopf zwischen zwei Leben. Noch am einen Ort und doch schon nicht mehr da. Hier wie dort fehlt die andere Hälfte der Zeit, Planung und Gepäck geraten durcheinander, in der Hektik geht die Konzentration flöten.

Zuhause bin ich nunmehr im Dazwischen, zwischen Abfahrt und Ankunft, während hier und dort ihren Standort wechseln und mein Wohnzimmer seine Tapete – Heute: Schneemotive.

!

Punkt. Nein, ein Ausrufezeichen! Zwei!! Drei!!!
Nun stehen sie da und hallen nach, als hätten sie zu laut gelacht. Sowohl von lautem Gelächter als auch von Ausrufezeichen will man wissen, was davor kam. Und, was war? – Unangemessen überschwänglich und viel zu euphorisch. Der Punkt ist entlarvt. Er vollführt hier seine Akrobatik mit dem Strich, ohne zu beachten, was er da unterstreicht. Aussagen waren gestern. Der alles ironisierende Zeitgenosse bevorzugt den Punkt.

Hausieren

Heute weigere ich mich erstmals in diesem Studium ausdrücklich, eine Hausaufgabe zu erfüllen. Doch es raubt mir den Schlaf, also knipse ich den Tag wieder an und lasse den Stift erklären, dass Hausieren nicht mein Medium ist – Kunst hin, Workshop her.
Ein Medium vorgegeben zu bekommen widerstrebt mir zutiefst, vor allem wenn der Inhalt dem Medium wegen erst noch erfunden werden muss. Ausgebildet für Inhalt und Form habe ich mir über die Jahre eingebildet, dass Inhalt am besten aus sich selbst heraus entsteht, und erst dann das Haus verlässt, wenn er weiß wie und warum. Solange bleibt er drinnen.
Nach vier Monaten Dauerbeschallung von außen, ist es drinnen still geworden. Nun kann klopfen wer mag, ich habe nichts zu sagen, will nicht gestört werden, geschweige denn andere stören und bleibe zu Hause, wo ein dickes, graues, schlechtes Gewissen vor der Tür steht und nervt.

Verknotet

In den Kopf geht alles rein, verquirlt sich und was rauskommt ist ein spannendes Durcheinander. Nur wenn man zieht, entsteht ein Knoten. Dann kommt gar nichts mehr. Jeder Satz ist rausgepresst und was da steht, hat so wenig mit mir zu tun wie die Finanzwelt, die Raumfahrt, Comedy, Hiphop, Erdnussflips, Computerspiele, Zigaretten, Schusswaffen, Autolärm, Skifahren, Paprika und Zürich.

Archivologie, Fazit

Das Archiv ist mächtig, aber nicht so neutral, wie es gerne wäre. Das Archiv weiß mehr als die Geschichtsbücher und stößt doch an die Grenzen des Sagbaren. Das Archiv lebt auf, wenn es zum Produktionsort einer Erzählung wird, doch lebendig ist es nur im Entstehen.

Euch interessiert also nur der Rahmen

Von Außen nach Innen
Das Außen stülpt sich über Alles

Vom Vorhang ins Licht
Der Vorhang bildet den Hintergrund

Vom Rahmen zur Form
Der Rahmen erdrückt den Inhalt

Welcher Inhalt eigentlich?

Irgendwie postmoderne Beliebigkeit

Wir ertragen nicht, wie sie spricht. Ohne einen Punkt zu finden hangelt sie sich von einem verschachtelten Halbsatz zum nächsten. Ihre fragmentierten Phrasen untermalt sie theatralisch mit einer unangemessenen Berührtheit. Ihre langen, dünnen Finger räkeln sich verkrampft und in unendlicher Langsamkeit vor ihrem Körper. Wir halten still und sehen zu Boden oder zur Decke. Nachdrücklich sucht sie nach etwas Greifbarem – und findet Schubladen. Die Zeit hält den Atem an. Ihre Stimme kippt ins Hysterische und trotzdem will keiner hinhören. Ihre und unsere einzige Rettung wäre es, sie zu unterbrechen, doch keine weiß was zu sagen bleibt in diesem luftleeren Raum. »Emotionen um ihrer selbst willen – der Inhalt war wie weg.« Konjunktur der Gefühle, ein vielstimmiger Monolog, ein Wortschwall, dem wir Woche um Woche ausgeliefert sind. Wir sitzen fest in unserer Rolle der Zuhörer. Je mehr sie sagt, desto leerer werden wir.

Hinter mir steht ein Koffer. Plötzlich knallt es – nur die Heizung. Der Koffer hinter meinem Rücken macht mich trotzdem nervös. Diese eingepflanzten Bilder. Kofferbombe, Teddybär, Hitler.

*geklaut

Achtung; U2 nach Botnang fährt ein und mit ihr die Leere, gelb, und sie spricht ausländisch. Ich spreche bald gar nicht mehr und fühle auch nichts, die Hände sind taub, die Augen sehen doppelt. Schwarze Balken, Grauwert, ich bin grau und bleich und müde. Ich brauche Urlaub bis zum Ende meines Lebens. Ihr habt frei und ich verliere mein Weltvertrauen und schreibe dagegen an, bis der Sekundenzeiger oben ist. Früher fuhr die U2 noch nach Hause. Wo das sein soll und ob es das überhaupt je geben wird, weiß ich nicht mehr. Ich schreibe mich müde und schlafe mich gesund. Gesund von leuchtenden Rechtecken der Verinselung, auf denen wir nach Oasen suchen. Schuhe mit Ns drauf, Rucksack mit Kreis, Haare mit Farbe, Sitze mit Quadraten, blau mit gelb, karriert gegen Flecken, schreiben gegen Unwirklichkeit, Beton mit Plastik, Mann ohne Frau, Hut mit Schleife, Tunnel ohne Licht, Hand mit Exzem, Nacht ohne Bedeutung, Liebe ohne Eifersucht, Tage ohne Zeit, Zeit ohne dich, du ohne M, Blume im Haar, Grinsen im Gesicht, Knopf im Ohr, Grummeln im Bauch, Lärm im Kopf*, Brille im Gesicht, Schluss für Heute.

Zu alt und für immer verdorben

Ein Silbertablett nach dem anderen wird an meiner Nase vorbei getragen, ich muss nur zugreifen: Wissenshäppchen, nach denen ich nie gefragt habe. Für mein Päckchen undiskutierter Fragezeichen ist hier kein Platz, auch nicht nach Feierabend, denn die Häppchen wollen verdaut werden und die nächste Ladung steht bereit für wissenshungrige Studentinnen – die eigentlich schon satt sind.

Das große Gejammer um Bachelor, Master, ECTS und Bologna kann ich erst jetzt nachvollziehen, nach zweieinhalb Jahren Freiheit. Bücher gelesen, Texte geschrieben, nachgedacht und Fragen gestellt habe ich erst, als mich keiner mehr danach gefragt hat. Die Anerkennung für meinen Fleiß hat mir dann gefehlt und der Austausch mit anderen Beobachtern, Grüblern und Lesern. Darum bin ich hier.

Jetzt bleibt keine Zeit mehr, meinem Blick dorthin nachzugehen, wo er hängen bleibt. Auch nicht für eigne Wege, wegen der Themenschubladen, Journalismusrezepte und Bewertungskriterien, die in zwei Semester passen müssen. »Vielleicht bist du zu alt fürs Studieren«, vermutet Antonia und Jakob meint: »Wenn du einmal Freiheit geschnuppert hast, bist du verdorben für so eine Mühle.«

Zum ersten Mal

Heute habe ich zum ersten Mal verschlafen. Dann habe ich zum ersten Mal geschwänzt, weil zu spät kommen ist schlimm in der Schweiz. Dann habe ich zum ersten Mal mein Zimmer umgestellt, jetzt steht der Schreibtisch im Licht und macht mir vielleicht nicht mehr so viel Angst, wie in der dunklen Ecke, wo jetzt das Bett steht. Möbel-Tetris auf dreizehn Quadratmetern.

Das tolle an neuen Städten: Man kann die gewöhnlichsten Dinge zum ersten Mal tun. Und es gibt noch hunderte von Dingen, die hier gerne zum ersten Mal getan werden wollen.

Den Tag habe ich heute jedenfalls wunderbar vertrödelt und den Stapel ungelesener Texte und den noch nicht vorhandenen Stapel geschriebener Texte erfolgreich ignoriert. Ganz nebenbei ist mir jetzt immerhin ein Text passiert.

Entweder oder beides

Vor dem Schreiben war das Malen. Mir und allen war klar: Ich werde Künstlerin! Mit dem Lesen und Schreiben begann ein Tauziehen zwischen Pinsel und Füller. Ich werde Schriftstellerin! Oder Journalistin! Aber was ist dann mit dem Visuellen? Also Kommunikationsdesign. Farbe und Pinsel waren mein Ventil, bis das herbeigesehnte Designstudium so viele Regeln in meinem Kopf platzierte, dass heute kein unbegründeter Strich mehr möglich ist. Was, wenn bald auch kein Text, kein Satz, kein Wort mehr richtig scheint? Hat jedes Studium den Verlust seiner Ausdrucksmittel zur Folge? Tötet Theorie die Praxis? Dabei dient mir doch das Schreiben als produktives Beruhigungsmittel, wenn Angst, Wut und Leere mich unter sich begraben. Ich schreibe gegen sie an, ich fange sie ein und banne sie in abstrakte Texte, um sie von mir und mich von ihnen zu lösen. Anonyme Blicke zwischen die Zeilen dieser Texte verändern und prägen mein Schreiben im Netz.

Wenn es ernst wird, wissenschaftlich oder so, ist keine eurer Schwammigkeiten vor mir sicher, ob visuell oder sprachlich: ich will erklären, veranschaulichen, präzisieren, verdichten, aufräumen. Ich liebe es zu redigieren, zu korrigieren und zu verbessern, in freiwilliger Freiheit auch nachts. Nur wenn einer sagt, das muss so und soll anders und die Zeit läuft aus, dann entstehen abgehackte Sätze einer roboterhaften Dienstleisterin. Da behält das letzte Wort der Diplomingenieur, der sach- und fachkundig an seinen bestehenden technisch-konstruktiven Wortkonstrukten hängt. Die ganze Welt schreibt sich ihren unvermittelbaren Fachwortschatz auf die Visitenkarte, die kein Kindergartenmädchen versteht. So nicht! Ich werde Kommunikationsdesignerin mit der Vertiefung publizieren und vermitteln!

Weiß ich

Der Bleistift kratz über das Papier, er wird lauter, immer lauter. Ich kann wegsehen von dem Wahnsinn, der über die Seite jagt, sie füllt und verdunkelt. Nur weghören kann ich nicht: das Ohr hat kein Lid. Plötzlich habe ich dieses Lied im Ohr – das Kratzen wird leiser, auch das Gelächter und das Geschwätz. Ich öffne die Augen und sehe Weiß, Weiß soweit das Auge reicht. Die Welt um mich herum ist ausradiert. Der Radiergummi in meiner Hand zeugt davon, wer all die Produktivität zunichte gemacht hat. Der Druck war zu groß, die Konzentration hat sich in der Stille des bleigrauen Nebels verflüchtigt. Am Anfang war der Bleistift, bis die Mine abbrach und nur ein unbrauchbares Stück Holz zurückblieb. Hätte ich ein Messer, könnte ich spitzenmäßig schnitzen. Und dann ein Klecks Rot in all dem Weiß.

Ich bin so alleine hier. Mein Rock ist zu kurz. Alle starren mich an, weil ich nicht weiß wohin mit meinen Händen, wohin mit mir. Zeit übrig in einer fremden Stadt, die meine werden soll. War das immer so? In jeder neuen Stadt? Was neu ist: die sich immer klarer abzeichnende Aversion gegen Autos, Menschenansammlungen, Lärm, Kneipenviertel, enge, dunkle, überteuerte Wohnungen, die Wichtigkeit eines jeden, der durch die Straßen eilt. Ich spiele mit. Ich spiele mit dem Gedanken all das hinter mir zu lassen. All die Show, all das Streben, alles nur für diesen Moment des: Guck mal, hab ich gemacht! Meine Ruhe will ich haben, den Himmel vom Bett aus sehen und hören will ich Vögel statt Autos, Klavier statt Diskos, den tropfenden Wasserhahn statt tickender Uhren, das Rascheln von Papier statt piepsender Telefone. Ruhe. Was sind wir nur immer alle am Suchen, um am Ende die Sehnsucht nach dem Nichts zu finden. Leer – mein Blick, mein Kopf, mein Bauch. Wer zeigt mir diese Stadt? Wer macht, dass ich sie mögen lerne? Wer sagt mir wo meine Heimat ist? Wer weiß? Kein anderer kann sehen, wie schön diese Kratzer sind, nur du vielleicht. Du siehst so manches und manchmal sehen wir uns an. Müssen wir uns schon bemühen zu sehen, was wir haben? Kommst du mit, kommst du nach? Jetzt weine ich. Weil meine Heimat – das bist du. Du und die kleinen stillen Momente und der Himmel und das Grün des Sommers und der weiche Nebel des Winters und das Wasser und die Luft – die auf jeden Fall nicht so stinkt wie diese und jede Stadt.

Die Kirchenglocke schlägt im Takt und lacht über meine Kalkulationen und Rechtfertigungen, sie diktiert uns:
Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld.

Spiegelblind

Im ständigen Abgleich mit dem Ich von Heute und Gestern und allen anderen. Mindestens täglich denke ich über mein Geschlecht nach und über mein Alter. Zeit im Zeitgeist. Wie alt ich mich fühle. Welche Rolle ich spiele. Als Frau. Mein Frausein so zu durchdenken macht den stets unkomplizierten Umgang mit Männern befremdlich, die Unterschiede überhaupt zu benennen ist dir fremd. Ich suche und frage und schaue zu, bin schläfrig und desinteressiert und desillusioniert. Ich bleibe stehen, während die Zeit an mir vorbeirast. Die Zeit steht still und ich bin eine alte Lady, müde und voller Geschichten. Meine Augen sind satt und noch habe ich nichts verstanden. In mir sitzt ein Kind – neugierig, ungeduldig, hochnäsig, besserwisserisch, überzeugt, jähzornig, pubertierend. Und eine müde Frau – erschöpft, ausgebrannt und leer. Und eine fürsorgliche Mutter. Und eine Großmutter – ruhig, gelassen und mit der Welt im Reinen, der alten zumindest, denn all das Neue geht zu schnell. Ich bin langsam und bremse euch aus. Verzeiht, dass ich euch eure Jugend stehle, weil mich das alles nicht mehr berührt. Ich sehe nicht hin und habe doch alles schon mal gesehen.

Mein Gesicht ist älter geworden. Aus dem Spiegel blickt mich eine sachliche, freundliche, fast selbstbewusste junge Frau an. Ich mag sie und möchte das Bild mitnehmen, doch ich kann es mir nicht merken. Die Blicke von Fremden prallen auf die Aura meiner inneren Leere und ich vergesse, was sie sehen. Ich wäre lieber unsichtbar, nicht durchsichtig und verblasst wie eine verkleinerte, unscharf verwischte schwarz-weiß-Kopie meiner selbst. Habe ich zu oft in den Spiegel geschaut? Oder waren es doch zu viele Fotografien, die mich – nein, meine Hülle festhalten und in Pixel und Punkt bannen wollten?

Heiße Luft

Jemanden eingehend und allumfassend über Tage und Wochen zu beobachten, ruft nichts weiter hervor, als eine dicke Unterstreichung des ersten Eindrucks. Als ich ihn besser kennenlernte, war mir nicht mehr klar, warum ich ihn anfangs als unsicher und phrasenhaft empfunden hatte. Ich fand ihn schlichtweg langweilig und glaubte keinen Moment, dass er mehr zustande bringen würde, als Material und Ausreden anzuhäufen. Wie ein kleiner, ungeduldiger Schüler trat er von einem Bein auf das andere, drauf und dran einfach wegzurennen, um hinter der nächsten Kurve sein großes Abenteuer zu finden. Wie er nun wieder um den heißen Brei tänzelt, weckt meinen ersten Eindruck erneut. Wie er sich windet und hinter Floskeln versteckt, mit wippenden, unentschlossenen Schritten den Weg nicht weiß, aber unbedingt irgendetwas machen muss und keinen Augenblick ruhig sitzen bleibt. Er trommelt mit der Hand auf den Tisch, um seine nichtswagenden, oft aufgesagten Worte zu unterstreichen. Er übt deren Aussprache, spricht mit stolzem Akzent und bedient sich abgelauschter Redewendungen der Amerikaner. Wer bin ich, festsitzend in meinem Käfig der Sprachlosigkeit, so über ihn zu richten? Gab ich mir doch alle Mühe, ihn als den abenteuerlustigen, unterhaltsamen, zielstrebigen, sympathischen und attraktiven jungen Mann zu sehen, den er darstellt, wenn ich ihn zwischen Tür und Angel, Arbeit und Küche, Architektur und Alkohol antreffe. Und doch, nach jeder unvermeidlichen Musterung seiner Bewegungsabläufe ist er wieder da, mein abschätziger Blick. Sein Gehampel lässt mich noch ruhiger und unaufgeregter dasitzen. Ich werde mir der angenehmen Stille in mir bewusst, während der heiße Wind meine Haare zerzaust, durch die Maisfelder saust und durch die Bäume rauscht. Je aufgeregter der Wind, desto ruhiger meine Gedanken. Die Wolken ziehen über das Land, Geschirr klappert in der Küche und ich sitze auf der schattigen Veranda. Ja, ich sehne mich nach genau dieser zeitlosen Langeweile, wann immer die Welt um mich herum nervös zuckt und brummt und unbedingt irgendetwas machen muss. Das Leben ist in mir und hier, die ganz einfachen Gedanken, die alles erklären und doch nichts verstehen, aber vor allem nichts müssen.

Bevor mich keiner fragt

Zwei Tage im Nirgendwo

Bis zum kugelrunden Bauch im Wasser, alle fünf Meter einer, die Angel im Blick, die Ausrüstung perfekt. Fischköpfe dümpeln am Ufer, wo die Jungs ihr Anglerglück versuchen. Ausbeute: drei. Auf der Ladefläche sitzend, mit wehenden Haaren den Berg hinauf zum Campingplatz inmitten von grün. Die Klimaanlage tut ihr bestes, um das mobile Provisorium auf soundsovielen Squarefoot kühl zu halten.

Vom Urlaub am Fluss ins Landleben der Morgans. Haus Nummer zwei nach dem großen Brand, innerhalb von drei Jahren vollgemüllt, von einem Fuhrpark umrundet, als wären es vergessene Spielzeugautos. Mitten im Nirgendwo aufzuwachsen, lässt einem dicken Jungen wohl keine andere Wahl, als die Tage im Keller mit Videospielen und die Wochenenden mit Angeln oder Schießen hinter sich zu bringen. Die zwei Hunde hecheln und die fünf Katzen schleichen durch ein abgedunkeltes, muffiges Chaos der Konsumkultur. Kulturvermittlung, wo keine gemeinsamen Interessen bestehen. Eine Prinzessin von einem anderen Stern sieht zu und schweigt und beißt in das frittierte, fetttriefende Allerlei. Im Kopf nur Kunst und Bücher, und Gemüse im Fahrradkorb der süddeutschen Kleinstadt. Die Natur ist gemein und Tiere sind doof. Während der Stift über das Papier gleitet, krabbelt eine Ameise im Zickzackkurs zwischen die Zeilen.

Detroit

Nach vier spannenden Tagen in Chicago voll feinster Architektur, Blues, Sonne und Riesensee stand am Memorial Day der Mietwagen für uns bereit: ein knallroter Fiat 500. Damit durch Detroit und die USA zu tingeln wäre zwar ein amüsanter Anknüpfungspunkt an die Reise zu viert im Twingo durch Skandinavien, allerdings sind wir ja in Amerika und um den Fiat herum stehen weit und breit lauter Jeeps, also beschließen die Jungs, dass wir noch mal etwas Geld drauflegen, um nach einigem Hin und Her einen blauen Passat Richtung Detroit zu steuern. Auf dem Weg machen wir Halt an Dünenstränden und im aufgeräumten Grand Rapdis, der zweitgrößten Stadt in Michigan. Seit Dienstag Abend sind wir in the D und wohnen bei Paul. Wie schön er das Haus innen renoviert hat, lässt sich von außen noch nicht erahnen, aber bald wird es blau verkleidet.

Über den Stuttgarter Regisseur Marcello hatten wir schon im Vornherein Kontakt zu seinen Freunden, mit denen er in den Neunzigerjahren Filme über Detroit drehte. Nach und nach besuchen wir sie und erfahren immer mehr über diese kaputte Stadt mit ihren traurigen aber eigentümlich schönen Industrie- und Wohnruinen und zerfledderten Vierteln, von denen manche eine ganz besondere Energie und Motivation ausstrahlen. Wir treffen auf Nachbarn, die zusammen ihr Viertel aufräumen und Gemeinschaftsgärten anlegen, auf Urban Farming zwischen verlassenen und abgebrannten Wohnhäusern und die Natur, die sich überall in dieser riesigen Stadt breit macht. Es gibt so viel zu sehen und mit jedem Tag wird unsere Liste länger.

Auf den Spuren des Individualkonsums, dem Amerikanischen Traum schlechthin. Wir besichtigen seine Relikte vom Auto aus, danach frönen wir der Nostalgie auf der Route 66. Destruktive Fragezeichen vom Rücksitz des überdimensionierten Mietwagens.

Unzerplatzbare Seifenblasen

Wenn einem schon beim Aufwachen der Tod einfällt. Man denkt an das weiße Licht, an das Nichts und an die Leere. Das wars dann. Einfach so. Ohne dass noch jemand weiß, was war. Religion fällt einem ein, später vielleicht, der Angst wegen. Statt mit angemessen ängstlicher Miene die eigene Endlichkeit zu thematisieren, verfällt man in flapsige Ironie und vergisst es schnell wieder. Dann steht man auf und macht weiter und lebt.

Am Abend sagt einer, dass das Bewusstsein aus Energie besteht und dass Energie sich nicht einfach auflöst. Das hilft.

»Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bisschen weg, oder man geht richtig weg, oder man bleibt.
Erst bin ich ein Stückchen weggegangen und habe gemerkt, ein Stückchen ist schon zuviel, aber noch nicht genug. Ein Stückchen ist zuviel zum Umkehren und Zurückgehen, aber man ist noch nicht richtig weggegangen.«

Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was Du nicht siehst

Ich habe die Ruhe wach zu sein.
Die wachen Gedanken machen mich müde.

How to survive as a painting

Der Engel hat gelogen.

Zwei Jahre nachgedacht, um nun gar nichts mehr zu wissen.

Vielleicht lese ich auch einfach gerne
Und schaue mir gerne Bilder an
Und träume vor mich hin
Den lieben langen Tag
Bücher lesen ist kein Beruf
Bilder anschauen auch nicht
Aber die Öffentlichkeitsarbeit für –
Ich werde protestieren
Werde mich fluchend daran erinnern
Dass ich Kunst studieren wollte

Frühling. Ich traue mich aus dem Haus. Nur wenige Schritte weiter begegne ich anderen Frühlingsflaneuren. Ihr Schwatzen verschreckt mich, ich beschleunige meinen Schritt und senke den Blick zum Asphalt. Die Sonne im Rücken kriechen die Zweifel von den ausgetretenen Sommerschuhen bis in das verwaschene Grün meiner Strickjacke. Die erste Begegnung mit bekannten Gesichtern überstehe ich mit leichtem Bauchweh. Ich nehme den schmalen Weg hinter den Häuserreihen und beruhige mich. Da ist es, da sitzt sie, freut sich über das Gänseblümchen und meinen Kuchen. Was sie alles kann! Und macht! Ich schrumpfe und verstecke in Gedanken alles, was ich noch gestern an die große Glocke meines Schneckenhauses gehängt habe. Ich gehe weiter, verworrene Wege, vor und zurück, über alle drei Ampeln der Kreuzung. Fühle mich beobachtet und fast wie nackt ohne den grauen Wintermantel. Drei Bauarbeiter machen Pause und sehen mir dabei zu, wie ich die Treppe hinunter tripple und kurze Zeit später wieder hoch. Die Schuhsohlen sind nach innen abgelaufen, sicher habe ich X-Beine, und dann noch dieser Hintern – er fängt die Blicke auf und wackelt weiter, weiter in ruhige Gassen, vorbei an verschlafenen Schrebergärten, einem einsamen Kindergarten, Fußballfeld, Tennisplatz, Vereinsheim, einer braungrünen Wiese, einer lauten Hauptstraße – ich hasse Autos. Sportlich verkleidete Kinder rasen an mir vorbei. Ich hasse sportliche Kinder. Sie sind laut und grell und müssen immer zeigen, wie gut und wie viel besser als andere sie dies und jenes können. Ich will zurück in mein Schneckenhaus.