Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Das Gasthaus

Jeden Morgen ein neuer Gast.
Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,
ein kurzer Moment der Achtsamkeit kommt
als ein unerwarteter Besucher.
Heiße sie alle willkommen und bewirte sie!
Selbst wenn sie eine Schar von Sorgen sind,
die mit Gewalt aus deinem Haus
die Möbel fegt,
auch dann, behandle jeden Gast würdig.
Es mag sein, dass er dich ausräumt
für ganz neue Wonnen.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lächelnd an der Tür
und lade sie ein.

Sei dankbar für jeden, wer es auch sei,
denn ein jeder ist geschickt
als ein Führer aus einer anderen Welt.

Rumi

Wasser

»Wasser ist elementar, es ist das, woraus wir gemacht sind, wir können weder im noch ohne Wasser leben. Der Versuch, zu definieren, was mir Schwimmen bedeutet, ist, wie eine Muschel zu betrachten, die in einem Meter Tiefe in klarem stillem Wasser liegt. Da ist sie, scharf und konturiert, doch sobald ich nach ihr greife, die Oberfläche durchdringe, wird sie vom Kräuseln fragmentiert. Aus einer Muschel werden fünf, fünfundzwanzig Muscheln, kleinere und größere, und ich taste mich blind vor nach dem, was ich ganz klar gesehen hatte, bevor ich versuchte, danach zu greifen.«

Leanne Shapton: Bahnen ziehen

Linda und Frederik

»Diese jungen Menschen […] agierten als Repräsentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorgesetzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren. Sie kannten keine Abteilungen und deren Abteilungsleiter, keine kurzen und langen Dienstwege und auch nicht den Geruch von frisch gesaugten Teppichböden, der die Arme schwer, den Rücken krumm und die Schritte langsam machte. Sie waren selbstständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts.«

Juli Zeh: Unterleuten

Über das Magische und Heilige zwischen Wäsche, Spüle und Hausputz:

»Dieses Aufräumen ordnet etwas auf allen Ebenen und irgendwann weiß ich, ich kann wieder aufhören. Dann hat es sich auch in mir geordnet oder die Antwort darauf, wie der nächste Schritt aussehen kann, ist da.«

Ein morgendlicher Kuss auf die eigenen Schultern. Jeden Tag eine Kerze für sich selbst anzünden. Spiegelnotiz: Ich bin die Heldin meines Alltags. Tanzend mit dem Besen auf dem Dach. Und Putzen nur im schönsten Kleid. Denn entweder ist alles heilig oder nichts.

Anregungen von Cambra Skadé, ›Auf dem Herzensweg‹ von Sabrina Gundert

Gerhard

»Wie sollte sich ein intelligenter Mensch überhaupt zum Handeln entschließen, wenn doch die Hauptaufgabe des Verstandes darin bestand, zu jedem ›Für‹ ein ›Wieder‹ zu präsentieren? […] Lieber ein kluger Zauderer als ein dummer Draufgänger.«

Juli Zeh: Unterleuten

»… die Menschen werden Tag für Tag neu geboren, an ihnen liegt es, ob sie den gestrigen Tag weiterleben oder den neuen Tag, das Heute, von Grund und Wiege auf beginnen. Doch da ist die Erfahrung, alles was wir im Laufe der Zeit gelernt haben, […] doch wir leben das Leben in der Regel so, als hätten wir keine Erfahrung von früher, oder wir bedienen uns nur jenen Teiles, der es uns gestattet, bei den Irrtümern zu bleiben, wobei wir uns auf Erklärungen und Lektionen der Erfahrung berufen, und nun kommt mir ein Gedanke, der euch absurd scheinen mag, ein Widersinn, dass nämlich die Erfahrung sich weitaus mehr in der Ganzheit der Gesellschaft auswirkt als in jedem einzelnen ihrer Glieder, die Gesellschaft nutzt die Erfahrung aller, aber kein Einzelner will oder kann in Gänze die eigene Erfahrung ausschöpfen.«

José Saramago: Das steinerne Floß

»Die Essenz dessen, was wir wissen, aus dem Halbschatten hervorziehen.«

Karl Ove Knausgård

»Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe ... Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person.«

Peter Stamm: Agnes

»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen ... Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen ... Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«

Peter Stamm: Agnes

Schwitzendes Bild mit 5 Sieben

»… eine sprachsprühende Feier der Freundschaft und der Literatur, dieser beiden lebensrettenden Anker.«

R E N T E
E R N T E

(re)lire

Abends lese ich in meinem Tagebuch von 2015 und stoße auf ein Zitat von Knausgard, dem nur Essays und Tagebücher sinnvoll erscheinen. – Aus einer Stimme, »einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen?«

La page

Aus George Perecs Träume von Räumen: »Ich bewohne mein Blatt Papier, ich statte es aus, ich durchlaufe es. Ich lasse weiße Stellen, Zwischenräume (Sprünge im Sinne von Unterbrechungen, Durchgängen, Übergängen). Ich schreibe auf den Rand. Ich beginne eine neue Zeile. Ich verweise auf die Fußnote¹. Ich nehme ein neues Blatt. […] So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, mit aufs weiße Papier gebrachten Zeichen. Den Raum beschreiben: ihn benennen, ihn abstecken, wie jene Hersteller von Portolankarten, die die Küsten mit Hafennamen, den Namen von Kaps und kleinen Buchten vollschrieben, bis die Erde am Ende nur noch durch ein fortlaufendes Textband vom Meer getrennt war.«

1) Ich liebe die Verweise auf Fußnoten, selbst wenn ich dort nichts Besonderes zu vermerken habe.

Im Kapitel »Das Schlafzimmer« behauptet Perec, sich an alle Räume bzw. Betten zu erinnern, in denen er je geschlafen hat. Von Raumbeschreibungen erhofft er sich Zugang zu weiteren Erinnerungen: »Es liegt mit Sicherheit daran, dass der Raum bei mir so wirkt wie eine Madeleine bei Proust (unter dessen Zeichen dieses ganze Projekt selbstverständlich gestellt ist)«.

Zeitkunst

»Die Tonkunst ist ähnlich wie die Wortkunst im Gegensatz etwa zur Malerei oder Bildhauerei eine Zeitkunst.«

»Schumann benutzte ein verkehrt eingestelltes Metronom. Seine irreführenden Zeitangaben mußten später richtiggestellt werden.«

Der komische Kafka

Zwei Aufgaben des Lebensumfangs:
Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob Du Dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.
ZZ 94

Es gibt nur ein Ziel, keinen Weg.
Was wir Weg nennen, ist Zögern.
HAL 22

Wozu?

»Als die Stehl ihm gar – ungefragt – mitteilte, dass sie ein Werk über Deutschland zu schreiben gedenke, fragte er schroff: ›Wozu?‹ – Die Stehl hatte hierüber nicht nachgedacht und blieb die Antwort schuldig.«

Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden
Gefunden in der Bismarckstraße, Stuttgart

»Es geht hier übrigens nicht um mich – ich nehme nur diesen meinen Fall, um zu illustrieren, welch merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit sich einstellt, wenn man zu genau (oder: nicht genau genug) hinguckt.«

»Gottseidank weiß mein Zettelkasten nichts von Ordnungsprinzipien und Selbstverlorenheiten. Ihn zu durchstreifen ist jedesmal wie ein Spaziergang durch den undurchforsteten Dschungel. Was sich beim Durchstreifen anzettelt, ist Kondensation des Glücks, ist Wolkenbildung und Erinnerungsregen.«

Alissa Walser, zitiert in: Zettelkästen, Maschinen der Phantasie

»Ach lass – […] : Es ist Nichts so eilig, daß es nicht durch Liegenlassen noch eiliger würde !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

»Am Ende sind doch immer die Schlimmsten Meister, das heißt : Vorgesetzte, Chefs, Direktoren, Präsidenten, Generale, Kanzler. Ein anständiger Mensch schämt sich, Vorgesetzter zu sein !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

»Zwei Gefahren bedrohen unaufhörlich diese Welt: die Ordnung und die Unordnung.«

Paul Valéry, zitiert in: Claude Simon, der Wind

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

»Denn nicht wenigen scheint es, als käme die Gegenwart sich selbst abhanden.«

Hanno Rauterberg: Das große Leuchten
DIE ZEIT No 17

»… eine Allegorie dieses schillernden Umwegs, das formvollendete Pamphlet der spielerischen Sublimation.«

Ingeborg Harms: Die Zauberlehrlinge machen Party
DIE ZEIT Nr. 12/2013

»Die Gewissheit, dass alles geschrieben ist, macht uns zunichte oder zu Phantasmen.«

Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel

»Die Kehrseite der Individualisierung ist die transzendentale Obdachlosigkeit, die Einsamkeit des Ichs, das in keiner Ordnung mehr aufgehoben ist.«

Ijoma Mangold: Wir Stadtkinder
DIE ZEIT Nr. 47/2012

Vom Spiel zu zur Kreativität

»Mehr als alles andere ist es die kreative Wahrnehmung, die dem einzelnen das Gefühl gibt, dass das Leben lebenswert ist. Im Gegensatz dazu steht eine Form der Beziehung der äußeren Realität, die sich als Angepasstheit bezeichnen lässt, die Welt (und ihre einzelnen Teile) wird dann nur als etwas wahrgenommen, dessen man sich bedienen kann oder das Anpassung erfordert. Diese Anpassung bringt für den einzelnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit mich sich und ist mit der Vorstellung verbunden, dass alles sinnlos und das Leben nicht lebenswert ist. Viele der betroffenen Menschen haben gerade soviel an kreativer Lebensweise erfahren, dass sie zu der quälenden Erkenntnis kommen, die meiste Zeit unschöpferisch zu sein, im Bann der Kreativität eines anderen oder einer Maschine.«

D. W. Winnicott: Vom Spiel zu zur Kreativität

»Unsere Herzschläge gehören nicht nur unserem Körper. Wir betten sie in die Weite der Tage, und sie sind stets leise gerade an den Orten zu vernehmen, die wir zurücklassen müssen. Schreiben hat häufig mit den Orten zu schaffen, die man zurücklässt. Und mit dem Horchen nach dem eigenen Herzschlag.«

Hermann Hesse

»Texte werden immer wieder korrigiert, variiert, weiterverzweigt, Graphiken mehrschichtig überarbeitet, Bilder und Skulpturen dem Verfall preisgegeben, Zeichnungen in Sekundenschnelle auf einen Papierbogen und dann auf den nächsten geworfen. Über schonungslose Tagebucheintragungen, Filme, Polaroids und Abfallsammlungen werden, zuletzt immer engmaschiger, flüchtige Lebensmomente derart unübersichtlich festgehalten, dass man am Ende nichts mehr sieht und nichts mehr weiß.«

»Wörter sind zum Weinen, Bilder zum träumerischen Sich gehen lassen.«

Dieter Roth: Die Haut der Welt

»Auf die Frage ›wer?‹ antworten, heißt, wie Hannah Arendt nachdrücklich betont hat, die Geschichte eines Lebens erzählen.«

Paul Ricœur, Zeit und Erzählung

Books

»Without books, history is silent, literature dumb, thought and speculation at a standstill. Without books, the development of civilisation would have been impossible. They are engines of change, windows on the world, and (as a poet said) ›lighthouses erected in the sea of time‹. They are companions, teachers, magicians, bankers of the treasures of the mind. Books are humanity in print.«

Barbara W. Tuchman

»Aber es herrscht eine giftige Statusangst, ein gewaltiges Sinnvakuum, ein wahnsinniges selbstreferenzielles Klima.«

Katja Kullmann, Rasende Ruinen

Zu Anaïs Nin

»Ich bin überzeugt, wenn Sie bei Ihrer Schriftstellerei Erfolg haben, werden Sie die auch aufgeben, um sich zu bestrafen.«

»Nie trifft man den anderen im gleichen Gemütszustand, der gleichen Phase, der gleichen Stimmung – niemals. Wir sitzen alle auf einer Wippe.«

»Im Zug begann ich zu schreiben, um die Siebenmeilenstiefelsprünge meines Lebens durch die Ameisenaktivität meiner Feder auszugleichen.«

Über eine solche Fülle von bezeugtem Leben müsste sich ein Biograph eigentlich freuen … sie hat alles sagen wollen, was sich irgend sagen lässt … die Fülle des Formulierten und Notierten führt in ein Dickicht in welchem sich Anaïs Nin auch verliert und versteckt.
Es gibt Situationen, da macht man viele Worte um das eine Wort nicht sagen zu müssen, das einen so zeigen könnte, wie man sich selbst nicht sehen möchte und wie man nicht gesehen werden will … Zudecken mit Material haben Analytiker das genannt.
Gegen was schreibt sie an? Welchen Schmerz sollen die vielen Worte lindern, und wovon lenken sie ab?

Linde Salber

»Der halb bewusste Dämmer zwischen Selbsttäuschung und Betrogen werden.«

Hartmut Böhme

»Es ist leichter ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen.«

Laurie Penny