Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Russland

In der Abenddämmerung mit der Familie am Strand, wir liegen im seichten Wasser und diskutieren, ob das Wasser wärmer ist als der Wind. Kirchenglocken scheuchen uns auf, wir müssen uns beeilen, um rechtzeitig vor dem Gottesdienst unsere auf dem Steinboden verstreuten Dinge zu sortieren und einzupacken – es ist unser letzter Abend in Russland. Lena und Jana sitzen wartend auf ihren gepackten Koffern und kommentieren den Kram, den wir im Laufe der Reise gekauft haben, vorwiegend Bücher. Lena sieht die Preise und ist schockiert, wie viel Geld wir ausgegeben haben. Ich sage ihr, was sie in Schuhwerk, Jacken und Gewehre investiere, fließe bei uns eben in Bücher. Sie zuckt mit den Schultern und geht schon mal vor. Das Glockengeläut wird drängender, wir sind zu langsam. Gudrun zeigt uns einen Stein, der aussieht, als habe darauf der faltige Hinterkopf eines Säuglings seinen Abdruck hinterlassen. Sie streicht liebevoll darüber und ist glücklich über ihren Fund. Während wir noch packen, erzählt sie uns alles, was sie im Internet über diese Kirche gelesen hat: Die Bodenplatte sei vom Eingang bis zum Altar unterteilt in sieben Abschnitte, wie die Teile eines Briefes. Und Briefe schreibe man hier nur im Beisein der Mutter, die am Anfang und Ende jedes Absatzes erwähnt sein muss. Der Boden ist nun leer, die Koffer sind gepackt, die Glocken verstummt. Von außen lauschen wir den Gesängen und schauen durch die Kirchenfenster, die farbigen Scheiben wie Buchrücken an Buchrücken im Regal, wir setzen uns auf Höhe der Titel.

Lilablau

Theaterprobe zu Justynas neustem Stück. Ich soll ein Kochbuch dazu gestalten mit handgeschriebenen Rezepten aller Darstellerinnen. Der Saal ist dunkel und leer, das Stück geht los. Futuristische Kostüme, die Handlung verstehe ich nicht. Ich stehe im Weg, werde mal hierhin und mal dorthin geschoben und spontan Teil der Inszenierung. So normal gekleidet wirke ich wie ein Mädchen aus einer anderen Zeit. Wir fahren durch die Stadt, selbst diese ist völlig verändert, wie ein Rendering, es fehlen die Details. Ganze Viertel sind lilablau gestrichen, auch die Dächer und Straßen. Weit und breit keine Autos außer unserem Lastwagen, dessen großflächiger Aufdruck mit einem erstaunt dreinblickenden Smily – ein mit dicken Linien gezeichneter lilablauer Quadratschädel – für das Theaterstück wirbt. Vorne im Wagen sitzen Winfried und Katrin, wir besprechen das Buch: Handschrift und Handskizzen der Gerichte, eine Doppelseite pro Künstlerin. Ich krame in meiner Tasche, mein Smartphone fällt heraus und das Display zersplittert am Polster, das hart ist wie Stein. Alles Kulisse. Ich kann mein Notizbuch nicht finden, also fahren wir zur Google-Zentrale, finden keinen Eingang. Ich rufe meinen Kollegen an und bitte ihn, mir mein Notizbuch und den gelben Kugelschreiber hinunterzuwerfen. Stattdessen öffnet er die gläserne Lamellen-Fassade für mich. Das Gebäude kann noch mehr: Wer versucht an der Fassade hinaufzuklettern, wird mit Illusionen seiner größten Ängste konfrontiert: Spinnen, Wespen, Höhe – individuell projiziert. Google weiß ja alles. Auch über die eigenen Mitarbeiter. Das machen wir uns zunutze und drehen den Spieß um. Im Gebäude wimmelt es von Phobien, bald haben wir alle vertrieben und die Etage für uns. Die Welt, eine Projektionsfläche individueller Ängste und lilablauer Visionen.

Ein Mädchen malt Buchstaben, einen pro Blatt. Das Los soll über ihren Namen entscheiden. Ein Mann in futuristischer Ritterrüstung wacht über ihre Kalligrafie, in einer riesigen Halle aus schmutzigem Beton, vielleicht ein Bunker. Sie freunden sich an. Um die Zeremonie zu verhindern, inszeniert er einen Großbrand, schüttet Benzin oder Wasser aus Kanistern über den Boden, zwei Metallbleche schlagen aufeinander, dazwischen liegen kichernd Rachel und Matthieu und machen Lärm wie Donner. Geknister aus Lautsprechern, projizierte Flammen und rotes Licht verscheuchen die Menschenmenge aus der Halle, nur deren Anführer glaubt dem Feuer nicht. Er schickt ein rostiges, trapezförmiges Flugobjekt, das aus der Luft Wasser in die Halle kippt. Der Ritter flieht, verkleidet und rasiert sich, schneidet sich die Haare ab – nicht einmal das Mädchen erkennt ihn mehr. Sie steht im Kreis der Neuen, der Anführer schreitet durch die Mitte und mustert jede und jeden. Bei dem Mädchen bleibt er stehen, er küsst sie und gibt ihr seine Brille, hinter der es dunkel wird mit weißen Punkten, ein Blick in die Galaxie. Sie wurde auserwählt, nur einen Namen hat sie noch immer nicht.

Traum von einem dunklen Holzhaus, mitten im Wald an einem schlammigen See, vererbt an die Familie meiner Freunde. Wir beziehen es zu dritt, ohne zu wissen, ob wir es uns leisten können. Mein Zimmer steht voll mit Dingen, die ich nicht mehr brauche. Sara, die älteste Schwester, führt ihr Pferd um den See, Ben und ich begleiten sie. Wir landen im Schlamm und sortieren meine Dinge, Schublade um Schublade, die Unterlagen werden nass und gehen unter oder treiben davon. Egal, wir brauchen nur noch uns. In der Nähe gibt es ein Wirtshaus, in dem ich oft sitze. Der Sohn der Wirtin schaut verliebt. Eines Tages zieht er mich unter den Tresen und küsst mich. Es wird eine essbare Landschaft aufgebaut, Orangensaft mit Sprudel in Flaschen gefüllt, kräftig geschüttelt und darüber geschüttet. Alles blubbert und spritzt in Fontänen nach oben. Gelbe Springbrunnen, Blumen aus Obst, ich schaue begeistert zu. Flüsternd erzähle ich dem Jungen von meinen Freunden: Wir sind zusammen, zu dritt. Und ich möchte, dass du dazukommst.

Traum in weiß

Im Traum hänge ich meinen weißen Pullover zurück in den Laden und nehme mir einen neuen. Der Verkäufer merkt es, ich rede mich raus, dass es ein Versehen gewesen sei. Danach gibt es Kuchen in einem idyllischen Garten und ich bestelle immer weiter, obwohl der Kellner (vorhin Pulloververkäufer) gerne Feierabend machen würde.

Giebelhaus aus Oliven

Auf der anderen Seite des Flusses, direkt am Wasser, steht ein kleines Giebelhaus. Es war mal meins, Oma hat es für mich gekauft. Doch es wird seit einiger Zeit rückvergütet, in Oliven. Gleichmäßige Portionen, aus denen Muster gelegt werden können, so groß wie das Haus.

Traum: – und weg.

Keine Aussicht

Ehemaligentreffen in einem Schlossgarten, auf dem Dach eines Hochhauses, mitten in der Stadt. Der Weg windet sich spiralförmig nach oben zu einer Aussichtsplattform, die leider so hoch bewachsen ist, dass es keine Aussicht mehr gibt. Tobi versucht mit Hilfe eines Enterhakens über die Metallkonstruktion auf das grüne Dach zu klettern. Er schafft es nicht und ärgert sich, dass er so schwach geworden ist.

Ich versuche, ein Gespräch mit Wolfgang anzufangen, frage, wie es ihm so geht. Sobald es beruflich wird, rennen er und Franzi kichernd davon. Tobi schenkt mir ein Hemd mit geometrischen Strichgrafiken, das mir wohl schon früher gut an ihm gefallen hat. Ihm ist es jetzt zu klein, während ich es höchstens als viel zu großes Nachthemd anziehen kann.

Auf dem Rückweg kommen wir durch einen labyrinthischen Garten, umgeben von einem Wohnviertel, das nach Geld riecht. Jeder Balkon hat eine individuelle Verkleidung – eine geschmackloser als die andere. Was wir sehen, sind die Spitzen von Wolkenkratzern. Wir finden den Aufzug nach unten in die Stadt, müssen aber warten. Vor uns steht eine Gruppe Jugendlicher, alle in Schwarz gekleidet, mit glänzendem Haar und von Drogen irrem Blick. Sie verschwinden im Aufzug, wir rücken auf in einen gläsernen Vorbau. Hinter uns schiebt sich ein alter Mann durch die Tür, vor sich einen Rollstuhl mit Hund.

Traum von Papieren, ineinander gesteckt, mit Plänen darauf, die nicht mehr lesbar sind vor lauter Linien.

Coquille d’escargot

Wir erkunden das leerstehende Haus gegenüber. Die Zimmer sind über die Etagen schneckenhausförmig hintereinander angeordnet. Unten gibt es ein kleines Restaurant mit überdachter Terrasse. Als Gäste vor der Tür stehen, bewirten wir sie spontan mit dem Wenigen, das die Küche noch zu bieten hat, vor allem das Geschirr ist rar. Jakob fängt an zu kochen, setzt sich dann aber doch lieber auf die Terrasse zu den Gästen. Also übernehme ich und versuche, das Allerlei aus Kohl und Nüssen zu retten. Plötzlich steht der Sohn der Hausbesitzer im Raum und sucht nach Dingen, die wir längst verlegt haben. Wir lassen uns nichts anmerken, servieren, kassieren und gehen unauffällig davon.

Natürlich träume ich von dir, wenn ich in deinem Bett schlafe. Wir fahren Auto, jeweils allein. Wir bewerben uns an den selben Schulen, werden abgelehnt. Wir stehen nebeneinander auf Gruppenfotos, ohne einander zu kennen oder jemals wirklich begegnet zu sein. Wir sehen uns nicht, wenn wir uns sehen. Wir träumen und leben aneinander vorbei.

Fliegende Haare

Zwei Lehrer stehen neben dem Treppenaufgang und platzieren eine Stellwand, damit sich niemand verläuft. Lachend stellen sie fest, dass der Gang viel zu breit ist, um ihn abzusperren. Ich frage sie nach dem Weg. Tür reiht sich an Tür, eine steht offen und Carsten davor. Verwundert fragt er: „Was soll denn hier unterrichtet werden? Das Zimmer ist voller Betten!“ Laura und Heike stürmen hinein und hüpfen von Bett zu Bett. Die beiden kuscheln sich eng aneinander und in die Decken, bis Laura auf den Plattenteller rutscht und sich dreht, dass ihre Haare fliegen. Ich denke an die 2000 Euro Kaution, die jede von uns zahlen musste, und behaupte, die Rolle der Aufseherin liege mir am besten. Mit mahnendem Zeigefinger stelle ich mich mitten in den Raum, scharfe Zurechtweisungen bellend. Peinlich, wie gut ich das kann. Eigentlich steckte ich lieber mit den beiden unter der Decke, aber da ist kein Platz für mich, für niemanden. Lauras fliegende Haare sind ansteckend, die elektrische Ladung knistert auf meinem Kopf.

Der Raum mit den Fäden

Aus einem kleinen Riss in meiner linken Handfläche fallen rote, klebrige Quader, alle gleich groß, etwa einen Zentimeter lang, dazwischen ein größeres Dreieck. Die letzten ziehe ich vorsichtig heraus, bis nur noch ein kleines Eck aus dem Riss ragt. Das sei Lobe, sagt Naomi, ein Blutplasma, das manchmal ausfällt, ausgelöst von Allergien. Fasziniert und angeekelt zugleich spielt sie mit den glitschigen Klötzchen. Ich fege sie mit der Hand vom Tisch in den Müll. Das hatte ich noch nie. Liegt es an diesem Haus? Mitten im Nirgendwo, umgeben von Landschaft – wenn nur die große Straße nicht wäre. Man hört sie nur, sieht sie nicht, denn vor den Fenstern stehen Mauern, nur durch das Glasdach fällt Licht. Ich suche den Raum mit den Fäden, knipse alle Lichtschalter an und aus, bis sich die Leute in der Küche beschweren. Ich finde die Ziehharmonika-Konstruktion, an der die Fäden früher hingen. Kein Platz mehr für solche Spielereien, die Konstruktion wird jetzt als Wäscheständer genutzt. Früher hing sie an der Decke, die Fäden reichten bis zum Boden und füllten den ganzen Raum. Man konnte darin tauchen, erinnert sich Georgs Vater, der nun auch hier lebt. Allen im Haus erzähle ich von den Klötzchen, der Riss ist schon fast verheilt. Der Mitbewohner kommt rein, er war beim Frisör und sieht jetzt doof aus.

Wien

Die Nachbarn meiner Eltern haben sich in Wien eingemietet, wo wir sie besuchen. Ringsherum stehen Betonklötze, eine Fernsehanstalt ohne Fenster, Büros. Die Wohnung selbst gleicht einem Labor, eine Pritsche mit abwaschbarem Bezug, schwere Plastikvorhänge als Raumteiler, kein Fenster. Ich mache mir die Finger schmutzig an einem schwarzen, klebrigen Klumpen, doch es gibt keine Küche, kein Bad, kein Waschbecken, an dem ich mir die Hände waschen könnte. Ich wische sie an meinem hellblauen Pullover ab, wo das ölige Zeug abperlt und zu kleinen Krabbelkäfern wird. Ich versuche, dir Zeichen zu geben, etwas stimmt hier nicht, doch man tut alles, um uns abzulenken. Eine junge Frau verführt uns, oder wir verführen sie, denn plötzlich ist sie nackt. Sie verliert die Kontrolle über sich, dabei sollte sie uns kontrollieren. Sie ignoriert die Anweisungen ihres Chefs von nebenan. Ich streiche über ihren glatten, weißen Rücken und finde eine winzige Nadel in der Haut. Ich ziehe sie raus und weiß, dass sie uns gilt. Ich manipuliere den Plan, den ich nicht durchschaue. Man befiehlt uns, uns anzuziehen für eine Fahrt mit dem Aufzug in den nächsten Stock. Ich lasse mir Zeit, stelle mich absichtlich blöd an, gebe dir Zeichen, versuche dich zu warnen. Wir werden in den Aufzug geschubst, er fährt aufwärts, biegt ab, gleitet am Dachfirst entlang und weiter durch die Stadt. Ich frage, ob eine Wohnung mit so weit auseinanderliegenden Zimmern nicht unpraktisch sei. Immerhin der Eingang sei zentral und zudem müsse man froh sein, in Wien überhaupt eine Wohnung zu finden. Der gläserne Kasten hält an einer Ampel, wir werden entführt.

Fremde Schubladen

Ein Holzschrank mit drei großen Schubladen, am Waldrand neben dem Haus. In der obersten Schublade finde ich Papiere, meine Papiere in allerlei Farben. Bald werden sie sich wellen, vergilben, unbrauchbar sein. Wie kamen sie hierher? In der mittleren Schublade liegen Briefe, Erinnerungen, Herzen. Alles ist durcheinander. Hast du sie durchgesehen? Hast du den Brief an dich gefunden? Mich gefunden? Hast du verstanden? In der untersten Schublade lagert dein Holz.

Vor dem Schrank im Gras liegt ein Strauß Plastikblumen, täuschend echt, aber viel zu schön. Du bist noch nicht zurück, sitzt auf einem Dach und hämmerst. Also gehe ich die knarrende Treppe hinauf zu deinem Haus, um eine Vase zu suchen. Ich finde nur den Krug, den wirst du brauchen, sobald du zurück bist. Ich fülle ihn mit Wasser und stelle die Blumen hinein. In diesem Moment verwelken sie und hängen müde ihre Köpfe über den Rand. Die Treppe knarrt unter schweren Stiefeln, ich fühle mich ertappt.

Wieso lagere ich meine Dinge hier – alles, was mich daran erinnert, wer ich war? Ich kam hierher, um mich in den Dingen zu spiegeln, um mich zu sehen. Folgst du mir? Was siehst du? Und warum versteckst du dich? Auch ich verstecke mich, hinter unübersehbaren Farben, hinter knalligem Prunk, der mich wie ein Wirbelsturm umgibt und vor der Ruhe da draußen schützt.

Noch immer das welke Kraut in der Hand suche ich nach dem Abfalleimer. Gibt’s hier nicht. Darum liegt die Wiese voll mit Dingen, die zu Blumen werden, wenn man sie nur lässt.

Dass ich nur ich bin

Der alte Mann räumt die mit großer Schrift beschriebenen Papierbögen zur Seite. Die Geschichte eines Mädchens, wie er sie sich zusammengereimt hat – und er hat an sie geglaubt. Er riskierte sein Priesteramt und seine Freiheit im Westen, um sie zu retten. Getarnt als Polizist verfolgte er die feine Gesellschaft in ihrem Wagen ohne Verdeck. Hände hoch, und alle wurden festgenommen, bis auf das Mädchen, das in der Mitte auf dem Rücksitz saß. Das Mädchen war ich, die ich jetzt in der Tür stehe und den alten Mann umarme, in Tränen aufgelöst, schluchzend. Mich, wie ich dort auf dem Papier stehe, hat er erfunden und damit meine eigentliche Geschichte ausradiert. Ein wenig kann ich seine Enttäuschung darüber verstehen, dass ich nur ich bin und nicht die Anna, wie er sie herbeigeschrieben hat. Er versucht sich aus meiner Umarmung zu befreien, denn in der Tür steht jetzt die Nachbarin, kopfschüttelnd über den alten Priester in den Armen eines Mädchens.

Ich spaziere die Straße entlang, Andreas im Schlepptau. Er ist zuvorkommend, höflich, blind vor Liebe für mich. An der Tür zu meinem Wohnheim angekommen fällt mir ein, das Licht ist kaputt. Kurzerhand repariert er dies und jenes, während ich die Treppe nach oben steige. Meine WG ist unter dem Dach, zweistöckig, darunter eine weitere, aus der lautes Lachen lockt. Ich trete ein, stelle mich vor als die, die schon vor Monaten eingezogen, aber erst jetzt wirklich da ist. Die Frauen nennen mir ihre Namen, die ich nicht verstehe. Ich solle sie wiederholen und mir besser gleich merken, meint die eine mit gemeinem Blick. Schwarze Locken rahmen ihr finsteres Gesicht. Hinten auf dem Sofa kuschelt ein Pärchen. Sie ruft herüber, dass sie oben im Zimmer neben meinem wohne. Ich fühle mich nicht unwohl, trotz der eigenartigen Aggression im Raum. Die Frisuren der Frauen sind anders, fast futuristisch, die Räume, die Möbel und das Licht dagegen wie in dem historischen Roman des Priesters. Anna heiße ich hier. Hinter mir steht plötzlich Andreas, der alles repariert und sogar das Treppenhaus nass gewischt hat. Seine blonden Löckchen, sein freundliches Gesicht und seine aufrechte Haltung machen einen guten Eindruck bei den Frisuren am Tisch. Doch er folgt mir nach oben in mein Zimmer, wo ich vier Betten für die Nacht vorbereite. Zwei Freunde von Andreas betreten die WG und strecken sich gleich auf den Matratzen aus. Andreas schaut mich an, will etwas sagen, oder auch nicht. Er will mich. Von nebenan ist ein Wimmern zu hören, ein Kind. Ich gehe rüber und schaue nach. Ein kleines Mädchen im Schlafanzug sitzt aufrecht im Bett. Sie fragt nach ihrer Mama. Sie ist unten, sage ich. Soll ich sie rufen? Nein, das ist gut, sagt sie und ordnet ihre Kuscheltiere neu an. Gute Nacht, sage ich und verschwinde im Bad. Ruhe, ein Spiegel. Ich sehe mich zum ersten Mal, sehe, dass meine Bluse zwar neu, aber altmodisch geschnitten und von grausamer Farbe ist. Ich lösche das Licht und taste mich zu meinem Bett. Andreas müsste da sein, vielleicht findet er mich.

Ist das Simon, der seinen Kopf auf Händen trägt? Und was ist das für ein Fenster? Ist er übergeschnappt oder einfach glücklich, so kopflos durch die Räume zu laufen? Mir hinterher, von mir weg. Dick ist er geworden und doch so elegant in schwarz und weiß, im Anzug mit Fliege. Ich lasse ihn stehen, seinen Kopf nehme ich mit.

4 Uhr 53

Scherben neben meinem Bett – das Wasserglas. Ich stelle mir vor, wie sich die Splitter vom Boden lösen, in meine Träume schleichen, über meine Finger auf meine Haut. Lieber liege ich wach und starre auf das scharfe Geglitzer zu meinen Füßen. Und wenn jemand reinkommt?

Ich komme nicht raus aus diesem Gedankenklumpen voller Kisten, voller Papiere, die vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, wertvoll sind. Wir streicheln sie, die zerbrechlichen Blätter, von denen viele schief gefaltet, aber wahrscheinlich alle leer sind. Man müsste jemanden fragen, der sich damit auskennt. Ich sollte damit aufhören, sie zu streicheln, denn mein Streicheln wird im Schlaf zu einem Kratzen, dem Papier und Haut nicht gewachsen sind. Sie werden zerfallen, so oder so. Wir werden zerfallen. Grau, braun, beige, verschiedene Formate, die Großen streicheln sich am besten. Mach die Kisten zu, aber bleib, bitte bleib.

Gepäck

Das Gepäck ist weg, wo sind die Koffer? Ich muss zurück, doch all die Leute! Aus der U-Bahn schwappt ein Menschenstrom. Alles drückt und schiebt und drängt mich weiter, dann plötzlich bin ich draußen. Beladen mit Taschen und Koffern kämpfe ich mich durch die Straßen. Das Gepäck beisammen zu halten erfordert alle Kraft und Aufmerksamkeit. Von oben knallt die Sonne, ich schleppe mich weiter, habe es eilig, verliere ein Gepäckstück nach dem anderen, doch weiter, dringend weiter, bis ich mich verlaufen habe. Die Straßen kenne ich, die Städte wechseln, bei Nacht sind sie doch alle gleich. An einer dunklen Ecke stehen meine Koffer. Zu viele Koffer für eine Reisende allein. Als ich sie öffne, fällt mir ein, dass sie leer sind. Das waren sie die ganze Zeit.

Schon wieder geträumt, den schwer bepackten Traum. Die Städte wechseln, die Eile bleibt. Eine Traumreise in die Metropolen der Welt, wo ich nichts besseres zu tun weiß, als Terminen und Koffern nachzujagen.

Dabei reise ich doch nie mit Koffer!

Rund

Ein rundes Gefühl in den Armen.
Wie ein Plakat mit Kreis,
Eine Kuppel auf dem Dach,
Oder eine große Kugel tragend.
Wir hüpfen im Sitzen über die Wiese.
Ein kleiner, enger Nachmittag mit Sonne,
Die Arme rund, bereit zur Umarmung.
Fliehkräfte beim Aufwachen,
Im bequemsten Bett der Welt.

Gute Nacht

Wenn man sich abends Gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unternommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verabschiedet.

Und ich weiß mehr als ich weiß

Mein Ich ist wandelbar, wie jedes Ich
Allein wenn ich die Augen schließe
Bin ich wer anders und kann jede sein
Heute früh sogar ein Mann
Wann genau der Traum begann
Macht keiner fest
Denn Träume geben sich die Klinken
Einfach so von Hand zu Hand
Ohne Begrüßung, ohne Abschied
Kämpft sich das Traumschiff auf und ab
Und durch die Wogen
Über Wellenberge durch Wellentäler
Alles gleichzeitig und manchmal nichts
Und viel, so viel, dass beim Aufwachen
Brei daraus geworden ist
Wie ich wünscht’ ich könnte reimen
Dann entsteht am Ende Sinn
Doch so bleibt nur das Beschreiben
Von Frauen und Männern
Die ich selber bin
––
Meine Oma wirkt nervös und fahrig
Enkel nur Montags und Dienstags
Das ist nicht genug
Ich schlafe ein und werde nicht wach
Als der Dozent fragt wo denn alle sind
Die Oma rennt im Kreis
Bis sie umkippt, in meine Arme
Ein Sessel, ein Glas Wasser
Wir sind im Haus meiner Eltern
Sie erwacht mit einem Lächeln
Hat vergessen wer sie ist
Ich erkenne hier nichts wieder
Doch sie erkennt nicht mal mehr mich
Sie tanzt zur Tür, zum Garten
Wo Dunkelheit sie zu verschlucken droht
Im Wahn des Moments will sie weiter
Ich halte sie fest
Verzweifelt gehe ich zum Telefon
Ein Arzt, ein Notfall
Die Verbindung zerhackt die Wörter
Hallo, hören Sie mich?
Vater und Schwester eilen vorbei
Keine Zeit für Omas Allüren
Sie kommen und gehen
Und lassen mich stehen
Dann kommen sie wieder
Und versprechen zu helfen
––
Höchste Zeit, ich bin in den Bergen
Mit meinem besten Freund
Den ich zuvor noch nie gesehen
Er ist verrückt, wie meine Oma
Gefangen im Moment, ohne alle Sorgen
Vor dem Wandern gehen wir baden
Meer, Felsen und Freizeit
Buntes Gelächter vom Ufer gegenüber
Bis sich der Himmel verdunkelt
Der Sittenstrolch hat zugeschlagen
Alle Hotels verbarrikadiert
Wir warten im Schlafsaal
Auf dass die Zeit vergeht
Auch ich bin nun ein Mann
Haare sprießen auf uns allen
Die einen haben Sex
Die anderen dösen im Dämmerlicht
Vorhänge verdecken die Fenster
Doch die Angst kriecht durch die Tür
Sie knarzt und durch den Spalt
Schlüpfen zwei Gespenster
Schwarzweiß bemalte Gesichter
Freundin des einen, Freund der anderen
Beide mit Sense und lachendem Hohn
Der Sex greift um sich, die Frau trägt Bart
Eine Haarsträhne am Ellbogen
Was soll das alles und wie geht es Oma
Der Wecker klingelt ein fünftes Mal
Was kann der Tag schon dazu sagen
Nichts weiß er, denn ich bin viele

Halbschlaf-Kino

Dein gleichmäßiger Atem zerteilt die Zeit in Einatmen, Ausatmen, Stille. Einatmen, Ausatmen, Stille. Ich liege wach und mag mich nicht. In der Ecke wacht ein Schatten über uns. Das Halbschlaf-Kino lüftet seinen Vorhang, der Opernsaal wird zur Requisite, die Dimensionen heben sich auf. Der Schatten wird zum Riesen und steigt mit einem Schritt auf einen Logenplatz, sein Schuh passt gerade so hinein.

ich denke also bist du

deine Hände streicheln alles glatt, schlichte Sachlichkeit, unendliche Schönheit, klare, fein geschwungene Kurven, in weichem Grau. Grau, wieso Grau? Bilder, unfassbare Bilder, keine Farbmusterexplosionen, wie sonst, doch auch sie verschwinden, sobald ich sie bemerke, die Visionen, die du für mich modellierst.