Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.

»Er wollte noch an etwas denken, doch dann rutschte er im weichen Nebel aus, landete sanft und sank in einen Schlaf.«

»Wenn unsere Augen doch fortgehen könnten, während wir schuften, denkt er. Wir würden arbeiten und sie würden solange über Berg und Tal ziehen.«

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei

Linie 177 und 93

Freitagnachmittag, den Zügen ist es auch zu heiß – allen, darum bekomme ich noch einen, der eigentlich längst weg wäre und auch noch seinen Anschluss, der ebenfalls verspätet eintrifft.

Ein voller Bahnsteig und im Zug nur noch Platz in der Gepäckablage auf dem Boden zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle großartig gefunden – und ehrlich gesagt finde ich das noch immer. Die Aussicht ist zwar begrenzt, dafür bin ich ungestört und störe auch keine der sich im Gang aneinander vorbeidrängenden Passagiere. Die Einen wollen von hinten nach vorne, die Anderen von vorne nach hinten. Wohin bloß? Hautkontakt in heißen Zeiten.

Auf dem Bahnsteig ein Flamingo. Oder eine Frau in beeindruckend hohen Stöckelschuhen und weißrosa Kleid. Ich kann kaum wegsehen von diesen langen Beinen.

Und wieder Linie 1

Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen mit meinem Vorhaben, ganz nebenbei alle Linien Stuttgarts abzufahren. Stets die gleichen Wege.

Neben mir eine Besprechung der bevorstehenden standesamtlichen Trauung. Der einzige Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, nicht zu zerfließen. Seine Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen und langen Ohrhängern. Nur die Rucksäcke passen überhaupt nicht dazu. Die mit den Glitzerpömps soll fotografieren, »dabei kann ich das doch gar nicht professionell.« Ein Hund sei auch eingeladen – große Empörung über so wenig Feingefühl, mangelnden Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben. Wäre auch zu anstrengend für sie, Hallenhochzeit bei 32 Grad. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.

Neue Gruppe, neues Gespräch, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn »… er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen …«. Ihre Mitreisenden nicken nur. Der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.

Bis Böblingen starre ich auf die Gleise, fasziniert darüber, wie schnell das Auge seine Fixpunkte wechselt.

In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Schüler aus der Oberstufe mit kurzgeschorenen Köpfen und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung. Darf man nicht cool finden in dem Alter.

Linie 5

Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass seine Begleitung kaum Platz hat. Er, braungebrannt, die Haare blondiert, die Beine voller Zeichnungen, Musik in den Ohren, die Händen trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Sie, unscheinbar, kaum da. Verstohlen beobachte ich sein Gehabe, verberge mein Schreiben tippend im Smartphone. Provozierend schaut er mich an. Ich muss lachen und schnell weg.

Wieder Linie 2

Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: »Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.«

Linie 44

Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.

Und wieder Linie 2

Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.

Neben mir geht es um Kosenamen: »Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre ich auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt finde es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.«

Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.

Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen, verwirrt mich. Gedanklich gehe ich alle Läden durch, in denen ich einkaufe. Der da, in weißer Latzhose, gehört ins Farbengeschäft. Daneben eine ältere Dame mit goldenem Reif, der den halben Unterarm umfasst.

Linie 88645

Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Zelt. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.

Schülerstreich

Im Traum treffe ich eine Frau in hellgrauer Kutte mit wunderschönem Gesicht, alterslos. Ich setze mich zu ihr und weiche nicht mehr von ihrer Seite. Selbst als Schüler die Hallen fluten und klar wird, die Lehrer müssen raus – Schüler an die Macht, zumindest für einen Tag Schülerstreich. Vor der ruhigen Aura ihrer Rektorin haben sie Respekt, auch vor mir, die ich so entschlossen neben ihr sitze und lausche. Ich begleite die Nonne nach draußen. Sie spricht vom Ende der Sechzigerjahre, als sie nach Indien in ein Kloster ging, dabei lächelt sie in die Ferne der österreichischen Landschaft.

Wir feiern hier in einer Scheune eines der vielen Feste, die ein großes ersetzen sollen. Zu Gast sind auch zwei Frauen mit seltsamen Auswüchsen am Hals, wie fleischige Bärte, mit Haut. Das bringe das Kinderkriegen mit sich, zumindest bei Mädchen, erst nach Jahren bilde es sich zurück. Sie zeigen mir ihre Tricks, wie sie es in der Kleidung verstecken. Das funktioniert gut, daher hatte ich so etwas vorher noch nie gesehen. Da spricht auch keine drüber, sagen die Frauen und schütteln sich lachend. Sie tanzen, verstecken nichts mehr.

Nun feiern schon die Nächsten mit großer Tafel, an der noch Platz für uns ist. Jakob setzt sich ans andere Ende, er möchte nicht stören. Ich winke ihn zu mir und er klettert umständlich über den fein gedeckten Tisch und die Beine der tafelnden Gäste.

In der Nähe steht ein Baum, darunter eine Picknickdecke, auf der ich Anja zu erkennen glaube. Ich gehe hin, sie ist es und begrüßt mich, als hätten wir uns nicht vor Jahren sondern gestern erst gesehen. In ihrem Nacken erscheint ein Baby und noch eines, sie winden sich um sie wie Würmchen um ein Turngerät. Anja beachtet sie kaum und spricht lässig weiter über Schweden und München.

Bionade

Im Traum sehe ich von Weitem Dennis, er will gerade gehen. Am Ausgang fange ich ihn ab und wir verabreden uns, wir haben uns Jahre nicht gesehen. Zum Abschied küsse ich ihn, wir lachen, er geht zu seinem Date und ich gehe wieder rein. Drei Tage Feiern haben ihre Spuren hinterlassen. Jemand baut verschiedene Bionade-Sorten zu einer Flasche zusammen, unter Gejohle wird versucht daraus zu trinken. Der Boden klebt. In einer ruhigen Ecke spreche ich mit Bettina, dann verschwindet sie in einem Zelt, in dem ihr neugeborenes Baby weint. Nach unserem Fest lassen Jakob und ich alles stehen und liegen und gehen einfach los. Jedes Mal wenn wir kurz nach Hause kommen, sind wir überrascht, dass es noch immer so aussieht, als wäre die Party gerade erst vorbei. Dann gehen wir wieder.

Am Ende einer Lebenslinie

Schwarz die Kleidung, die Schirme und auch die dicke Regenwolke über uns. Der erste Regen nach einer langen Reihe an Sonnentagen. Der Himmel weint mit.

Als Kurt uns vor dem Jahreswechsel das letzte Mal sah, weinte er beim Abschied. Dann wischte er sich die Tränen ab und winkte uns lachend auf seinen Stock gestützt mit einem weißen Taschentuch hinterher. Wie früher in Metzingen, als mein Vater noch klein war. Damals hatte Onkel Kurt immer ein Tischtuch geholt und gewunken, bis das Auto mit seinen Neffen um die Kurve bog.

Wie sie dann einfach endet, so eine Lebenslinie. Und was für eine: All die tragischen Umbrüche und mutigen Neuanfänge hätten für drei Leben gereicht. Ich lausche den Geschichten über den Lausbub, dessen Schabernack die DDR veranlasste, ihn mit 18 Jahren des Landes zu verweisen. Ein Dandy mit Stil, stets in Anzug und Krawatte, voller Frohsinn, Optimismus und Hilfsbereitschaft. Sein Vermächtnis: Denkt an mich, wenn ihr einem hilfsbedürftigen Menschen begegnet.

Der Friedwald, in dem wir Abschied nehmen, hängt voller Tropfen. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach. An den Buchen hängen Schilder mit Namen, bis zu zehn pro Baum.

Später im Waldhorn steht ein alter Freund auf und sagt: Wäre er hier, unser Hardy und euer Kurt, er wäre verwundert, wenn ich nichts sagen würde, darum sage ich jetzt was. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn weinen. Statt Schwarz sollten wir Weiß tragen, die Farbe der Hoffnung und der Freude. Wir sollten gemeinsam feiern und uns freuen, dass er da war, und dass er war, wer er war.

Linie 4

Einer mit Sicherheitsnadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt das Fahrgeld aus seinem überweiten Hosenbein und den überhohen Schnürstiefeln – ein Loch in der Hosentasche, schnieft er entschuldigend.

Als wollte mir das rote Lämpchen des Rauchmelders sagen: Ich sehe genau, dass du blinzelst und nicht schläfst.

Telenovela zu halb geschenkten Johannisbeeren.

Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.

Jaja.
Nanu?
Aha.
Soso.
Naja.
Nö.

Dahinter das Meer

Vollmond in Galéria

Steinblume

Blume oder Vogel

Schattenplatz in Calvi

Seemannsgarn in Bastia

Farbstufen

Linie 6

In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz graviert. Ein übergroßes Namensschild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich daran fest, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.

Linie 74

Der Reiz des Verspeisens von Nasenpopeln hat sich mir noch nie erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufgeräumt.

Und so verharrt sie in der Rolle des Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Flachbrüstig, in Röcken und klobigen Schuhen, unfrisiert, trotzig, gelangweilt.

Linie 2

Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als eingeschworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeausweichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linienverkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laangsaaameeeerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehenbleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnenwarmen Nirgendwo.

Linie 3

In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich merkte, dass mein Mann fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außerordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarztstuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht gewesen und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungskraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, hinten zu eng, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest die von Clara hätte mich durchaus interessiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, die Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!

… Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch rechtzeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verunmöglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.

Wäscheklammern, mit und ohne Schatten.
Aus der Sammlung »Die wenigen Dinge, die ich über meine Nachbarn weiß«.

Linie 1

Am Anfang war die Linie. Linie 1. In der sitze ich nun und versuche mich in Claras französischem Text zurechtzufinden. Linie 1 um kurz nach eins, voller Schülerinnen und deren Blicke auf mein Schreiben, das nicht weiß, welchem Gedanken es zuerst folgen will. Mein Kopf – ein Knäuel aus Linien, die sich entwirren, die straff gezogen werden, je länger die Reise geht. Linie 1 ist zu kurz dafür, gleich muss ich raus und weiter. Vielleicht sind es gerade zu viele Linien, denen ich folge. Die Punkte sind gesetzt, Anfang und Ziel, vielleicht ein paar Zwischenstopps. Manchmal dauert es Wochen, bis ich die eine oder andere Linie wieder aufnehme, sie in Punkten oder Strichen wie Trippelschritten dem nächsten Etappenziel näher bringe. Ob gepunktet, gestrichelt oder durchgezogen – gerade ist keine dieser Linien. Sie winden sich, schlagen Wellen, zeichnen Umwege in Richtungen, die nie geplant waren. Am Ende ziehen sie sich straff und behaupten, stets zielstrebig gewesen zu sein. Dem traue ich nicht, niemals. So sehr ich es mir manchmal wünsche – wie langweilig wäre doch diese Geradlinigkeit: Nie würden zwei Linien sich kreuzen oder ablenken und in neue Richtungen locken. Eine jede strebte stur ihrem Ziel entgegen, ohne nach links und rechts zu schauen, rücksichtslos und unbeirrbar. Magisch wird es, wenn zwei sich treffen, einander stupsen, sich gegenseitig schieben und ziehen, umeinander winden, eins werden. Linie 1.

Vorm Fensterbrett

Ein Blick aus meinem Küchenfenster: Blauer Himmel mit weißen Wolken, Wind rauscht durch die Bäume im Hinterhof, Vogelgezwitscher, ein weinendes Baby auf dem Balkon nebenan, den ich nicht sehe. Wir kennen uns vom Hören, wohnen Wand an Wand. Wir leben hier auf engstem Raum nebeneinander her, Schuhkarton auf Schuhkarton, Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer, jeder Grundriss ungefähr gleich. 

Die Sonne beleuchtet die Balkone des Nachbarhauses, noch ist niemand draußen. Ein ruhiger Montagmorgen, Brückentag. Beim genaueren Hinsehen etwas Leben hinter den Fenstern: Eine rundliche Frau mit Schürze (4. Etage links), ein nackter Männerrücken (6. Etage rechts), ein Laufstall direkt am Fenster (3. Etage links). 

Eine Frau im lila Bademantel mit blondem Dutt und Sonnenbrille betritt den Balkon (3. Etage rechts). Links darüber beinahe gleichzeitig für einen kurzen Moment eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Hose – und wieder drin, beide. Der lila Bademantel geht mehrmals rein und raus, deckt naschend einen Tisch für zwei. 

Sieht mich jemand? Zu viele Fenster, aus denen zurückgeschaut werden könnte. Ich fühle mich beobachtet beim Beobachten, schließe vorsichtshalber das Fenster und hoffe, das Glas verspiegelt meinen Ausguck. Ich könnte den ganzen Morgen hier sitzen und das Treiben meiner Nachbarn protokollieren. Testweise mal frech mit dem Fernglas einen Zoom auf den Frühstückstisch: Honig, Nutella, aha.

Sie setzt sich, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, ihr wird warm. Sie schält sich aus dem lila Frottee, darunter ein übergroßes weißes T-Shirt. Ein Mann in verwaschenem Rot betritt den Balkon, geht wieder rein und kommt wieder raus, setzt sich ihr gegenüber, jetzt mit Sonnenbrille und Smartphone. Sie trinkt, er tippt. Schlaffe Schultern, noch müde, schweigendes Wachwerden. 

Der Balkon hängt voller weißer Lampions. Außerdem: eine gelbe und eine rote Laterne, Teelichter in Metallbechern mit Lochmustern, ein grauer Emailletopf mit blühenden Zweigen, eine Blumenampel mit Pfingstrosen, ein eingeklappter weißer Sonnenschirm, eine blaue Mülltüte, ein Bastkorb voller Altpapier, eine Holzkiste mit Altglas und ein futuristischer Gasgrill auf einem Holzschränkchen. Vor dem Balkon zwei Wäscheleinen mit bunten Klammern. Ihre Schatten fallen auf die Balkonverkleidung, sie doppeln sich.

Der Mann legt sein Smartphone zur Seite, sie werden munter, sprechen, trinken, löffeln Joghurt aus einem Becher. Sie rücken ihre Stühle nebeneinander, legen die Füße auf dem Balkongeländer ab, räkeln sich in der Sonne. Dann beide an ihren Smartphones, diese Fenster zur Welt.

Balkone sind Bühnen. Eine Vielzahl an Dingen wird hier ausgestellt. Sonnenschirme und bunte Wimpel, trocknende Unterhosen, wuchernde und vertrocknete Pflanzen, ein rotweißer Rettungsring im sechsten Stock. Eine Inventarliste meines Hinterhofs, Balkonporträts, Voyeurismus vom Küchenfenster aus, Ausschnitte aus dem Draußen-Wohnen meiner Nachbarn. Wir leben städtische Anonymität und ignorieren meist, wie dicht wir aufeinander sitzen, wie nah wir uns sind. Und wie ähnlich.

Ich: Küchen und Schlafzimmer
Julia: Reisen und Essen
Mama: Sprüche und Schnörkel
Papa: Immobilien und Stereoanlagen

Das Gasthaus

Jeden Morgen ein neuer Gast.
Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,
ein kurzer Moment der Achtsamkeit kommt
als ein unerwarteter Besucher.
Heiße sie alle willkommen und bewirte sie!
Selbst wenn sie eine Schar von Sorgen sind,
die mit Gewalt aus deinem Haus
die Möbel fegt,
auch dann, behandle jeden Gast würdig.
Es mag sein, dass er dich ausräumt
für ganz neue Wonnen.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lächelnd an der Tür
und lade sie ein.

Sei dankbar für jeden, wer es auch sei,
denn ein jeder ist geschickt
als ein Führer aus einer anderen Welt.

Rumi

So vergnügt und gut gelaunt wie du bist, könntest du jeden Moment einschlafen.

Sein Blick

Ich wusste es, als ich seinen Blick bemerkte. So da war noch nie jemand und so da war auch ich noch nie. Dass es das wirklich gibt, hatte ich nie geglaubt. Er schaute abwechselnd zu mir und in sein Skizzenbuch, er zeichnete, wie ich so dastand: Meine Hände, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als sich am Gurt meiner Umhängetasche festzuklammern. Ein kurzer blaue Rock, ein Streifen Rot unter dem schwarzen T-Shirt, rote Kugeln an den Ohren. Weiter kam er nicht, die Zeichnung ist nie fertig geworden. Für den Rest der Exkursion blieb ich in seiner Nähe. Es war mir egal, dass es alle bemerkten. Ich wusste: Da will ich näher ran. Das war in Berlin, vor bald sieben Jahren.

Wasser

»Wasser ist elementar, es ist das, woraus wir gemacht sind, wir können weder im noch ohne Wasser leben. Der Versuch, zu definieren, was mir Schwimmen bedeutet, ist, wie eine Muschel zu betrachten, die in einem Meter Tiefe in klarem stillem Wasser liegt. Da ist sie, scharf und konturiert, doch sobald ich nach ihr greife, die Oberfläche durchdringe, wird sie vom Kräuseln fragmentiert. Aus einer Muschel werden fünf, fünfundzwanzig Muscheln, kleinere und größere, und ich taste mich blind vor nach dem, was ich ganz klar gesehen hatte, bevor ich versuchte, danach zu greifen.«

Leanne Shapton: Bahnen ziehen

76

Zum Busfahrer:
»Werden Sie am Bahnhof zur 76?«

Linda und Frederik

»Diese jungen Menschen […] agierten als Repräsentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorgesetzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren. Sie kannten keine Abteilungen und deren Abteilungsleiter, keine kurzen und langen Dienstwege und auch nicht den Geruch von frisch gesaugten Teppichböden, der die Arme schwer, den Rücken krumm und die Schritte langsam machte. Sie waren selbstständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts.«

Juli Zeh: Unterleuten

SwiftKey

Seit du über die Tasten wischst:
Als für also.
Passieren ist zu weit.
Für mir leid.
So ist das also nochmal genau?
Vertrauen ruhig die Sachen.
Denke auch, dass der gelb gut wird.
Muss von dir zu mir!
Dann wirst du ja jetzt wie ich ohne Bär aussehe.
Frei mich!

Über das Magische und Heilige zwischen Wäsche, Spüle und Hausputz:

»Dieses Aufräumen ordnet etwas auf allen Ebenen und irgendwann weiß ich, ich kann wieder aufhören. Dann hat es sich auch in mir geordnet oder die Antwort darauf, wie der nächste Schritt aussehen kann, ist da.«

Ein morgendlicher Kuss auf die eigenen Schultern. Jeden Tag eine Kerze für sich selbst anzünden. Spiegelnotiz: Ich bin die Heldin meines Alltags. Tanzend mit dem Besen auf dem Dach. Und Putzen nur im schönsten Kleid. Denn entweder ist alles heilig oder nichts.

Anregungen von Cambra Skadé, ›Auf dem Herzensweg‹ von Sabrina Gundert

Gerhard

»Wie sollte sich ein intelligenter Mensch überhaupt zum Handeln entschließen, wenn doch die Hauptaufgabe des Verstandes darin bestand, zu jedem ›Für‹ ein ›Wieder‹ zu präsentieren? […] Lieber ein kluger Zauderer als ein dummer Draufgänger.«

Juli Zeh: Unterleuten

Kosmetik, wo es einen Pflug bräuchte.

Aus der Zeit gefallen

Sabrinas schönste Sprichwörter, Teil 2

Adlerauge sei wachsam.
Er muss die Wassertaufe bestehen.
Aus den Ärmeln gesaugt.
Weg gegangen, Schnaps vergangen.
Sie hält uns zum Affen.

Hochzeitsvorbereitungen

Traum von Hochzeitsvorbereitungen, Glitzerkleidsuche und einer WG-Besprechung für eine Demo. Später stehe ich nackt und selbstbewusst in einer Gemeinschaftsdusche voller exotischer Grünpflanzen, wo ich meinen Sandkastenfreund Thomas treffe. Und wie schon mit 13 muss ich ihm sagen, dass das mit uns nichts wird, obwohl wir schon im Kindergarten geplant hatten, dass wir mal heiraten und einen Bauernhof haben werden.

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Warum stehst du morgens auf?
Wie viele Rollenbilder sind gesund?
Gibst du auch mal nach?

»… die Menschen werden Tag für Tag neu geboren, an ihnen liegt es, ob sie den gestrigen Tag weiterleben oder den neuen Tag, das Heute, von Grund und Wiege auf beginnen. Doch da ist die Erfahrung, alles was wir im Laufe der Zeit gelernt haben, […] doch wir leben das Leben in der Regel so, als hätten wir keine Erfahrung von früher, oder wir bedienen uns nur jenen Teiles, der es uns gestattet, bei den Irrtümern zu bleiben, wobei wir uns auf Erklärungen und Lektionen der Erfahrung berufen, und nun kommt mir ein Gedanke, der euch absurd scheinen mag, ein Widersinn, dass nämlich die Erfahrung sich weitaus mehr in der Ganzheit der Gesellschaft auswirkt als in jedem einzelnen ihrer Glieder, die Gesellschaft nutzt die Erfahrung aller, aber kein Einzelner will oder kann in Gänze die eigene Erfahrung ausschöpfen.«

José Saramago: Das steinerne Floß

Freitags keine Nudeln

»Die Essenz dessen, was wir wissen, aus dem Halbschatten hervorziehen.«

Karl Ove Knausgård

Mottenfallen, Duschgel, Zahnpasta, Rasierklingen, English Breakfast Tea, Macadamia Creme und Kreuzkümmelsamen wären noch gut.

Wahlsonntagsspaziergang

Beim Wahlsonntagsspaziergang kommt mir eine grinsende Familie entgegen. Der Kurze hat wohl gerade eine Frage gestellt, daraufhin der Vater: »Ja nee, man kann tatsächlich auch CDU wählen.«

Törtchentourismus: Pão de rala, Evora

Wartezimmer

Zwei symmetrische Türen, etwa einen Meter auseinander, hellgrau, wie die Wand, die Rahmen etwas dunkler. Die Scharniere jeweils solidarisch: oben hell, unten dunkel. Zwischen den Türen an der Wand eine Lampe, halbrund, oben offen – fast passend zum orange-beige melierten Linoleumfußboden. Knallblaue Sockelleisten, oben parallel dazu orangene Zierleisten auf Türrahmenhöhe (aber nur zwischen den Türen) sowie kurz unter der Decke. Fehler in der Symmetrie: Der Lichtschalter links ist weiter vom Türrahmen entfernt als der rechts. Die linke Tür ist unten auf beiden Seiten leicht engekerbt. Das Schlüsselloch links ist klassisch, rechts ist es rund. Beide Türen öffnen sich fast gleichzeitig. Frau und Herr Doktor, Tür an Tür. Der nächste, bitte.

Russland

In der Abenddämmerung mit der Familie am Strand, wir liegen im seichten Wasser und diskutieren, ob das Wasser wärmer ist als der Wind. Kirchenglocken scheuchen uns auf, wir müssen uns beeilen, um rechtzeitig vor dem Gottesdienst unsere auf dem Steinboden verstreuten Dinge zu sortieren und einzupacken – es ist unser letzter Abend in Russland. Lena und Jana sitzen wartend auf ihren gepackten Koffern und kommentieren den Kram, den wir im Laufe der Reise gekauft haben, vorwiegend Bücher. Lena sieht die Preise und ist schockiert, wie viel Geld wir ausgegeben haben. Ich sage ihr, was sie in Schuhwerk, Jacken und Gewehre investiere, fließe bei uns eben in Bücher. Sie zuckt mit den Schultern und geht schon mal vor. Das Glockengeläut wird drängender, wir sind zu langsam. Gudrun zeigt uns einen Stein, der aussieht, als habe darauf der faltige Hinterkopf eines Säuglings seinen Abdruck hinterlassen. Sie streicht liebevoll darüber und ist glücklich über ihren Fund. Während wir noch packen, erzählt sie uns alles, was sie im Internet über diese Kirche gelesen hat: Die Bodenplatte sei vom Eingang bis zum Altar unterteilt in sieben Abschnitte, wie die Teile eines Briefes. Und Briefe schreibe man hier nur im Beisein der Mutter, die am Anfang und Ende jedes Absatzes erwähnt sein muss. Der Boden ist nun leer, die Koffer sind gepackt, die Glocken verstummt. Von außen lauschen wir den Gesängen und schauen durch die Kirchenfenster, die farbigen Scheiben wie Buchrücken an Buchrücken im Regal, wir setzen uns auf Höhe der Titel.

»Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe ... Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person.«

Peter Stamm: Agnes

Lilablau

Theaterprobe zu Justynas neustem Stück. Ich soll ein Kochbuch dazu gestalten mit handgeschriebenen Rezepten aller Darstellerinnen. Der Saal ist dunkel und leer, das Stück geht los. Futuristische Kostüme, die Handlung verstehe ich nicht. Ich stehe im Weg, werde mal hierhin und mal dorthin geschoben und spontan Teil der Inszenierung. So normal gekleidet wirke ich wie aus einer anderen Zeit. Wir fahren durch die Stadt, selbst diese ist völlig verändert, wie ein Rendering, es fehlen die Details. Ganze Viertel sind lilablau gestrichen, auch die Dächer und Straßen. Weit und breit keine Autos außer unserem Lastwagen, dessen großflächiger Aufdruck mit einem erstaunt dreinblickenden Smily – ein mit dicken Linien gezeichneter lilablauer Quadratschädel – für das Theaterstück wirbt. Vorne im Wagen sitzen Winfried und Katrin, wir besprechen das Buch: Handschrift und Handskizzen der Gerichte, eine Doppelseite pro Künstlerin. Ich krame in meiner Tasche, mein Smartphone fällt heraus und das Display zersplittert am Polster, das hart ist wie Stein. Alles Kulisse. Ich kann mein Notizbuch nicht finden, also fahren wir zur Google-Zentrale, finden keinen Eingang. Ich rufe meinen Kollegen an und bitte ihn, mir mein Notizbuch und den gelben Kugelschreiber herunterzuwerfen. Stattdessen öffnet er die gläserne Lamellen-Fassade für mich. Das Gebäude kann noch mehr: Wer versucht an der Fassade hinaufzuklettern, wird mit Illusionen seiner größten Ängste konfrontiert: Spinnen, Wespen, Höhe – individuell projiziert. Google weiß ja alles. Auch über die eigenen Mitarbeiter. Das machen wir uns zunutze und drehen den Spieß um. Im Gebäude wimmelt es von Phobien, bald haben wir alle vertrieben und die Etage für uns. Die Welt, eine Projektionsfläche individueller Ängste und lilablauer Visionen.

»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen ... Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen ... Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«

Peter Stamm: Agnes

Feuertaufe

Ein Mädchen malt Buchstaben, einen pro Blatt. Das Los soll über ihren Namen entscheiden. Ein Mann in futuristischer Ritterrüstung wacht über ihre Kalligrafie, in einer riesigen Halle aus schmutzigem Beton, vielleicht ein Bunker. Sie freunden sich an. Um die Zeremonie zu verhindern, inszeniert er einen Großbrand, schüttet Benzin oder Wasser aus Kanistern über den Boden, zwei Metallbleche schlagen aufeinander, dazwischen liegen kichernd Rachel und Matthieu und machen Lärm wie Donner. Geknister aus Lautsprechern, projizierte Flammen und rotes Licht verscheuchen die Menschenmenge aus der Halle, nur deren Anführer glaubt dem Feuer nicht. Er schickt ein rostiges, trapezförmiges Flugobjekt, das aus der Luft Wasser in die Halle kippt. Der Ritter flieht, verkleidet und rasiert sich, schneidet sich die Haare ab – nicht einmal das Mädchen erkennt ihn mehr. Sie steht im Kreis der Neuen, der Anführer schreitet durch die Mitte und mustert jede und jeden. Bei dem Mädchen bleibt er stehen, er küsst sie und gibt ihr seine Brille, hinter der es dunkel wird mit weißen Punkten, ein Blick in die Galaxie. Sie wurde auserwählt, nur einen Namen hat sie noch immer nicht.

Waldhaus

Traum von einem dunklen Holzhaus, mitten im Wald an einem schlammigen See, vererbt an die Familie meiner Freunde. Wir beziehen es zu dritt, ohne zu wissen, ob wir es uns leisten können. Mein Zimmer steht voll mit Dingen, die ich nicht mehr brauche. Sara, die älteste Schwester, führt ihr Pferd um den See, Ben und ich begleiten sie. Wir landen im Schlamm und sortieren meine Dinge, Schublade um Schublade, die Unterlagen werden nass und gehen unter oder treiben davon. Egal, wir brauchen nur noch uns. In der Nähe gibt es ein Wirtshaus, in dem ich oft sitze. Der Sohn der Wirtin schaut verliebt. Eines Tages zieht er mich unter den Tresen und küsst mich. Es wird eine essbare Landschaft aufgebaut, Orangensaft mit Sprudel in Flaschen gefüllt, kräftig geschüttelt und darüber geschüttet. Alles blubbert und spritzt in Fontänen nach oben. Gelbe Springbrunnen, Blumen aus Obst, ich schaue begeistert zu. Flüsternd erzähle ich dem Jungen von meinen Freunden und unserem Haus, in dem noch Platz für ihn sei.

Nachbarsgrün

Schwitzendes Bild mit 5 Sieben

Das Loch

Dieser Typ, der mir alle paar Jahre über den Weg radelt oder läuft oder plötzlich dasteht und guckt – als ob er mich immer mal wieder daran erinnern wollte, dass ich mich nicht erinnern kann. Als ob er wüsste, wer ich bin und wer ich nicht war, als ich ihn küsste und kurz darauf ging und einen Anderen mit nach Hause nahm. War das überhaupt er? Oder hatte ich mir den Kuss nur gedacht, als ich ihn bei einer anderen Party tanzen sah? Von dort kam ich nicht mehr nach Hause, es war zu spät. Ich fragte einen harmlos aussehenden Jungen, ob ich bei ihm schlafen könne. Ich wusste nichts über ihn, folgte ihm zu seiner Wohnung, bekam ein großes weißes T-Shirt und legte mich in sein Bett. Ich wachte früh auf und nahm den Bus, nur weg, nichts wie weg. Wer war ich? War ich überhaupt? Ich kannte hier niemanden und niemand kannte mich. Hinter mir war alles zusammengebrochen, alle wollten weg, also ging auch ich. Nur wohin? Und wie sollte es weitergehen? Ich war einsam, ohne Heimat, Liebe, Halt und so sehr auf der Suche. Dann fand ich das große Nichts. Das Vergessen. Ein Loch in meiner Erinnerung. Manchmal krabbelt dieser Typ dort heraus. Vielleicht will er mir sagen, wie es dort ist, in diesem Loch, in dem ich ihn einfach so habe stehenlassen, um kurz etwas zu holen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar so gemeint. Oder jemand hat schräg geguckt und mich erkannt, ich wollte kein Gerede. Oder ich ahnte, dass er gerade dabei war, sich zu verlieben, mich zu verhexen und dann zu gehen. Vorher ging ich. Doch er geht nicht. Taucht ab und zu auf und guckt. Dieser schiefe Mund, immer in Bewegung, als wüsste seine Zunge nicht wohin mit sich. Nächstes Mal frage ich ihn, was damals war, ob was war, ob mein eigentliches Leben genau dort in diesem Loch weiterging, während ich hier draußen danach suche.

Fundstücke

Und immer sah eine aus
wie meine Oma mit so Locken.

Selbst eine Briefmarke
wäre dir zu groß.

Du liest und liest, bis du
nichts mehr siehst.

Hypnagogic visions greet me
on the verge of sleep.

Fernweh

Das Leben wird also langsamer mit 31. Man geht nicht mehr aus und merkt es nicht einmal. Nur wenn eine Freundin kommt, die man schon 12 Jahre kennt, oder immer noch nicht. Man leert eine Flasche Wein und lacht wie früher. Und dann? Man spricht von dreimonatigem Fernweh, dem man keine Reise entgegensetzt, sondern ein aalglattes Portfolio, zu dem weder Werber noch Architekten nein sagen können. Für wen will man arbeiten? Will man überhaupt arbeiten? Und was tun, wenn nicht? Hinschmeißen, Esandersmachen, Panik.

Draußen dreht sich das Karussell weniger schnell.

»… eine sprachsprühende Feier der Freundschaft und der Literatur, dieser beiden lebensrettenden Anker.«

In jeder Familie herrscht ein anderes Schweigen.

Papierquadrate

Heimaturlaub

Neonzahlen

Rohbaukirche

Doppelgänger

Lilabeeren

Nachtschatten

Blättermeer

Traum in weiß

Im Traum hänge ich meinen weißen Pullover zurück in den Laden und nehme mir einen neuen. Der Verkäufer merkt es, ich rede mich raus, dass es ein Versehen gewesen sei. Danach gibt es Kuchen in einem idyllischen Garten und ich bestelle immer weiter, obwohl der Kellner (vorhin Pulloververkäufer) gerne Feierabend machen würde.

Kleiner und dunkler

Im Zug hätte ich das Buch gerne kleiner und dunkler gemacht – es ist so bunt, dass alle hinschauen.

Giebelhaus aus Oliven

Auf der anderen Seite des Flusses, direkt am Wasser, steht ein kleines Giebelhaus. Es war mal meins, Oma hat es für mich gekauft. Doch es wird seit einiger Zeit rückvergütet, in Oliven. Gleichmäßige Portionen, aus denen Muster gelegt werden können, so groß wie das Haus.

R E N T E
E R N T E

– Es gibt ja auch wieder Anfänge.
– Nein, nur noch Enden, lauter lose Enden.

Conversation in Numbers

How long did you drive from there?
How long will you stay here?
When is the opening?
When were you here last year?
How many years have you lived there?
When will you go back home?
When do you get up in the morning?
At which time do you start working?
How many people work there?
How old are you?
Since when do you live here?
What time is it?

Traum: – und weg.

Farbschichten

Schnörkelschatten

Feuilles de la Krutenau

Nebelblick