Christina Schmid
Konzeption und Gestaltung

Glück

30: Du lernst, dass Glück relativ ist.
31: Es wächst am besten zwischen zwei Zuständen.

Heike Faller / Valerio Vidali: ›Hundert‹

Iglu

Der erste Schritt, im Slow-Walk.
Dann ein Zögern – zurück ins Iglu.

Schwarzwald

Traum von einem Besuch im Schwarzwald bei Sarahs Wohnprojekt. Ein Gespräch mit Ihrer Bankberaterin und dem Architekten, dabei wollte ich nur mal schauen. Alle trinken Bier und noch eins, ich bleibe beim Wasser und bin müde. Vor mir liegt eine lange Fahrt. Die Handys sind alt und haben keinen Empfang, so kann ich nicht schauen, wann der Bus abfährt. Ich soll noch bleiben und etwas essen vom Zuckerbuffet.

Gift

Im Traum entdecken wir einen langen Wurm in der Brotschublade. Wir räumen sie komplett aus, da ist noch etwas: ein blau schimmernder Tausendfüßler, der in der Mitte breit ist wie ein Fladen. Er krabbelt auf eine große Knospe und verschwindet darin. Du rufst mich oder ich dich, wir können uns nicht hören. Du ziehst an einem Faden, der in die geschlossene Blüte führt und wirst ohnmächtig. Das Gift des Tausendfüßlers.

Blau

Gegenüber im Zug Vater und Tochter, sie futtert Bifi, er M&Ms. Sie schaut Videos und streckt ihm die Hand hin: »Blau.« Sie wird gefüttert, bis die Lippen blau sind. Dann ein genervter Blick ins karierte Heft. Sonntagabend, ich kenne das Gefühl. Der Vater sucht ein Erklärvideo über Nährstoffe. »Wenn schon Video gucken, dann was Sinnvolles.«

Schreibtanz

In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.

Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?

Nordpol

»Sonntag ist Nordpol für mich. Unerreichbar. Von einer dicken Eisschicht umgeben. Abweisend und kühl.«

O Mensch

Sabine bläst das Licht aus, Stromausfall, selbst das Sturmlicht am Hafen blinkt nicht mehr. Sie lässt die Fenster zittern, zerrt an den Bäumen und macht Wellen wie am Meer. Alle Schwäne schauen in eine Richtung und sitzen wie Rennfahrer vor dem Start auf dem Wasser neben dem Feuerwehrboot. Wer vergibt den Namen meiner Mutter an so ein Unwetter? Keine Bahn fährt, mein Besuch hängt hier fest.

Du schreibst aus dem Bus und verrätst mir etwas (in Klammern), das dich zum dritten Mal auf den Kopf stellt. Jede Woche eine neue Information. Du machst das gut, das hält mich wach und mein Bild von dir lebendig. Während du Orgel übst, finde ich meinen Blog von 2007, meine Zeit in New York.

Dieses Stöbern in alten Notizen ist wie ein langer Blick in den Spiegel. Eigentlich will ich das nicht sehen. Was für eine Zeitverschwendung, mir im Spiegel beim Älterwerden zuzuschauen. Später werde ich schreiben, denke ich oft. Vielleicht schon seit ich schreiben kann. Ich schreibe ja längst und dieses Schreiben, seine Entwicklung und Anfänge werden sichtbar in meinem Blog.

Alle scheinen zu wissen, wer du bist. Hat dich mal jemand gefragt? Die Suche beginnt in deinem Innersten. Bist du bereit, da reinzugehen? Und mich mitzunehmen? Was soll ich da? Vielleicht ist Verlieben nur eine Idee, ein Ausbruch aus dem was ist, was ich schon kenne. Eine Flucht vom Selbst. Nur noch du, alles andre egal. Alle Gedanken richten sich an dich. Sie brauchen ein Gegenüber, Resonanz, um ihre Kraft zu spüren. Wie der Sturm da draußen, der den See aufwühlt.

Allgemein oder Konkret?

Lieber das Große im Kleinen abhandeln als das Kleine am Großen.

»Es zählt nicht mehr das Erreichte, es reicht das Erzählte.«

Wirbelsturm

Innerhalb von Minuten löst sich der Nebel auf. Erst schaut der Kirchturm raus, dann das andere Ufer. Ich sitze schreibend im Sand der Schmugglerbucht, kneife die Augen zusammen vor lauter Licht. Sonniger Windhauch, in Erwartung auf Wirbelsturm. Lass dich nicht wegwehen!

Abgebremst

Dein Leben ist gerade so viel voller und schneller als meins. Das habe ich nach meinem letzten Jahr im Dauerlauf abgebremst, um genauer hinzuschauen. Um mich einzulassen auf das, was kommen mag. Auf dem Weg zeigen sich zarte Blättchen, die gedanklich zu Büchern heranwachsen. Nur das eigentliche Beet liegt brach, egal wie regelmäßig wir gießen. Seit fünf Jahren, wie ich heute in meinen Notizen las.

Ungeplünderte Notizen

Auf dem Weg zu meinem geliebten Bodensee hält der Zug jetzt so, dass der Mond an der Oberleitung hängen bleibt, in einer Linie über dem Fernsehturm. Im Gepäck die bislang ungeplünderten Notizbücher meiner letzen fünf Jahre. Rohdiamanten, vielleicht.

Tropfend

Im Traum falle ich samt Rucksack ins Hafenwasser. Die Bootsbesitzer lachen mich aus und helfen mir erst raus aus dem brackigen Nass zwischen den Booten, als ich schreie. Es ist Freitagnachmittag und sie wollen schleunigst raus auf den See. Ich hole den Laptop aus dem Rucksack, seine Tastatur ist jetzt stark gewellt, doch er tut noch. Tropfend trotte ich heim. Schmutziges Geschirr stapelt sich am Straßenrand, da fällt mir unsere Küchenbaustelle wieder ein, spülen dürfen wir derweil beim Nachbarn. Ich trage einen Stapel Teller zur Treppe. Der Teppich, der Boden und auch die Schränke sind dort so verklebt, dass ich alles stehen lasse und gehe. Ich tropfe noch immer.

Polyfonie

Den Vormittag verbringe ich lesend. Den Wortschatz auffrischen, auf der Suche nach Begriffen aus der queeren Szene – als wäre das ein Club, in dem eine verheiratete Frau nichts zu suchen hat. Worte für Schubladen. Und die Zwischentöne? Bekommen ein Plus. Heteronormative Welt, ja, wir sind viele, die Norm, wieviele sind mehr, mehr als hetero und mono, um poly ging unser erstes Gespräch, daran ändert doch Heiraten nichts.

Als Kind wollte ich ein Junge sein und bitte bloß keine Brüste bekommen. Ich war sowas von ein Mädchen, am liebsten unter Jungs.

Mich verstecken, unsichtbar sein. Für Wochen wollte ich das jetzt, Winterschlaf. Und plötzlich diese Lust, gesehen zu werden, mich zu zeigen, schön gefunden zu werden, gefunden zu werden. Wie eine Raupe, die sich über Monate verpuppt hat und nun als Schmetterling schlüpft. Noch immer im Schlafanzug (weil Montag, der gehört mir), doch mit einem neuen Leuchten im Blick.

Synchron

Wir warten am Bühneneingang, beide an zweiter Stelle, wir werden synchron die Bühne betreten – du rechts oben, ich links unten. Du blickst zu mir, bis das Orchester sitzt, dann gehen wir los.

In den letzten Takten dann ein optisches Phänomen: Ich konzentriere mich so sehr aufs Singen und Veronika, dass alles um sie herum verschwimmt und verschwindet. Sie leuchtet, hält die Spannung, die Stille, ich kippe gleich um. Zu wenig getrunken, geblinzelt oder geatmet? Die Luft ist ganz schwer. In Zeitlupe lässt sie den Taktstock sinken, ein letztes Mal, mit uns. Hinter mir eine tickende Uhr.

Applaus!

Angenehm verwirrt

Wieder suche ich deinen Blick. Du blickst zurück, länger als ich es aushalte. Was ist das, was mich an dir so angenehm verwirrt? Will ich einfach jemanden neu sehen oder neu gesehen werden? Mich neu erzählen geht vielleicht nur mit einem neuen Gegenüber. Ohne all das, was war oder nicht. Nicht wahr?

Wärmflasche

Verdis Trompeten im Ohr surfe ich auf meiner Wärmflasche durch deinen Sauerkrautauflaufduft.

Höher und heller

Im Traum wohnt Georg in einem Wohnmobil, im Parkdeck über einem Einkaufszentrum. Clara gibt uns eine kleine Führung und lässt durchblicken, wie enttäuscht er ist, dass die versprochene Aussicht ins Grüne jetzt betonverbaut ist. Das Fenster seiner Schlafkoje zeigt direkt auf den Eingang zum Kaufhaus, täglich strömen Menschenmassen darauf zu und alle schauen rein. Auch Max und Vroni berichten von ihrer Hausrenovierung: Sie beschließen, das Dach anzuheben und ringsum ein Fensterband einzusetzen, so wird alles höher und heller.

Nach dem Aufwachen erzähle ich meinem Architekten davon, er entgegnet:»Verrückt, was heute alles geht.«

Musikalisch verzauberter Joghurt

Es gab mal eine Zeit, da fand mein Leben im E-Mail-Postfach statt. Seither wohne ich hier. Liebesbriefe kamen schon länger keine mehr an und doch erwarte ich immer, wenn ich hier reinschaue (mindestens drei, vier, fünf – ach, wahrscheinlich zehn oder zwanzigmal täglich), dass zwischen all den Fragen, Bitten, Aufträgen, Korrekturen, Informationen und Rundbriefen etwas passiert. Etwas Magisches.

Nach Wochen im Schneckenhaus sitzt du plötzlich neben mir. Ein neuer Mensch! Wir tanzen die halbe Nacht im Dreivierteltakt durch den Spiegelsaal. Am Morgen begegnen wir uns lachend am Frühstücksbuffet. Während der Proben und des Konzerts suche ich deinen Blick – wenn sich nicht gerade die Beine der Dirigentin oder die Kleider der Solistinnen zwischen uns schieben. Nach dem Konzert finde ich dich nicht mehr. Dafür unsere Tanzflächen-Gouvernante Frank, die mir deinen Nachnamen verrät. Dann noch Joghurt dazu und schon bist du zu finden! Ich schreibe dir, drehe und wende die Sätze, prüfe den Rhythmus, Klang und Tanz der Wörter auf unverbindliche Leichtigkeit, und klicke auf das Papierflugzeug. Aufgeregt wie früher warte ich jetzt.

Wahrscheinlich ist das Warten selbst das Magische daran. Vielleicht sollte ich öfter mal ein verheißungsvoll glitzerndes Leuchten versenden. Verdi hat dich wahrlich verzaubert, das sah schön aus. Wollte ich dir sagen.

Wasserspiegel

Im Traum bin ich zu Gast bei Thomas Gottschalk, in seinem Domizil am Wasser. Er empfängt mich in der riesigen Garage, dort stehen ein Gefährt mit unheimlich großer Ladefläche und ein Motorrad. Ich soll ihn interviewen, er flirtet lieber. Ich folge ihm durch lange weiße Gänge, vor den Fenstern nur blauer Himmel und weit unten das Meer. Er zeigt mir seine Kunstsammlung, Skulpturen in obszönen Formen. Eine roboterhafte Bedienstete schaut abwechselnd nach ihm und einem leeren Kinderbett, das sie gedankenverloren hin- und herwiegt.

Er fragt mich, ob ich mein Rad dabeihabe, wir könnten eine Tour entlang der Küste machen. Ich kam mit dem Bus, also nehmen wir sein Motorrad – bis kniehohes Wasser die Fahrbahn überschwemmt. Wie das geht, am Steilhang über dem Meer? Die Felswände sind glatte Wasserflächen, wie riesige Spiegel, die Sonne blendet aus allen Richtungen. Wir waten weiter, ich falle hin und die Strömung reißt mich Richtung Klippe, er greift nach meiner Hand und hilft mir auf.

Nach unserem Ausflug schaut er nach seiner Roboterin. Sie wiegt noch immer das Kinderbett, darin nun ein Berg Penne mit Tomatensoße, sie fallen beide hinein, er stopft sich voll mit Nudeln und vernascht sie gleich mit.

Liegen

Geträumt vom Philosophen, der mir stolz das Ergebnis seiner neusten Umräumaktion präsentiert: Das Aquarium weg vom Fenster, dafür hat dort jetzt ein Stall für Kleinvieh Platz, es raschelt im Stroh.

Dann mein erster Tag im neuen Büro: Drei Schreibtische und eine Liegelandschaft aus mehreren Betten. Die Tische sind belegt, also bleiben mir die Betten, die ich ans Fenster schiebe. So mag ich arbeiten, liegend und mit Ausblick auf einen weitläufigen englischen Garten. Wenn nur die anderen nicht wären. Können die Schreibtische auch weg?

Liegemöbel sind ein Thema in meinen Träumen. Mag am Schlafen liegen.

Austern

Traum von Austern, in denen kleine langbeinige Monster wohnen. Glücklicherweise lasse ich anderen den Vortritt, die wissen, wie man die essen muss, um nicht von innen gegessen zu werden.

Ich beziehe eine Wohnung mit rotem Samtteppich, die Fenster schauen auf die Altstadt. Ich möchte alles umstellen, doch die Vermieterin rät mir, es erst mal so zu lassen, wie es die letzten hundert Jahre gewesen ist. Auch das Kleid, das ich trage, sieht aus wie vor hundert Jahren. Nun denn, probiere ich das mal aus, neue Perspektive. Immerhin – ein Fahrradabstellplatz direkt hinter dem Haus.

Womöglich

Im Traum treffe ich Madame Moneypenny und ich weiß schon alles, was sie über Geld zu sagen hat. So dauert es, bis wir ein Thema finden, das auch sie wirklich interessiert. Ernährung! Und ihre Schuhe, die sehr elegant sind und zu denen sie feine türkisfarbene Strümpfe trägt. Im Schrank sucht sie nach Kaffee, der neben der Brühe steht – das belustigt sie täglich aufs neue. Ich erzähle von New York, sie wittert genau dort in meiner Biografie einen Knick, womöglich hat sie recht.

Unscharf oder dunkel

Im Traum lädt mich meine ehemalige Klassenkameradin Judith überraschend zu ihrem dreißigsten Geburtstag ein. Ich bin etwas irritiert, dass sie erst jetzt dreißig wird, Jahre nach mir. Waren wir nicht alle ein Jahrgang, Dezemberkinder? Dich darf ich auch mitbringen. Als wir ankommen, ist noch kaum jemand da, nur die Familie, Freunde trudeln nach und nach ein. Judith begrüßt uns kurz und muss dann weiter, wir schauen uns um. Der Gasthof ist etwas altmodisch, doch schön vorbereitet. Plötzlich Gejohle und Applaus, ein Gast klärt uns auf: Heute feiern wir Judiths Hochzeit. Die Vorbereitungen sind ein Schauspiel für sich und gleichen einer mühsam einstudierten Choreografie: Der Bräutigam macht Soundcheck mit seiner Band, Stühle werden gerückt und Betten hereingetragen, die Trauung soll im Liegen stattfinden. Der Raum wird abgedunkelt und ich merke, dass ich meine Sonnenbrille trage und die normale Brille nicht mehr finde, also unscharf oder dunkel. Die Zeremonie zieht sich: Freundinnen und Tanten tragen theatralisch Texte vor, dazwischen zahlreiche Auftritte des Bräutigams mit seiner Band, Judith lacht die ganze Zeit, etwas verkrampft. Du gehst zwischendurch raus, die Band ist nicht so deins und Theater schon gar nicht. Dann sehe ich Matthias, der eben erst angekommen ist. Das Programm ist zwar noch in vollem Gange, wir fallen uns trotzdem in die Arme und ich weiß wieder, dass seine Umarmungen die besten sind. Wir lassen uns dann auch nicht mehr los und gehen Arm in Arm durch den Raum, um meine Brille zu suchen. Er erzählt, dass er auch kaum noch Kontakt zu Judith hat und sie sich nur meldet, um zu streiten. Da kommt sie angerannt und gibt Matthias im Vorbeigehen die Hand. Ihr Mann schmettert ein letztes Stück, dann ist es überstanden.

Die Brille finde ich erst nach dem Klingeln des Weckers wieder, da wo sie hingehört, auf dem Nachttisch.

»Das sind Erwachsenenfehler – weißt du, was ich meine?«

Verwüstet

Im Traum kollidiert ein spontan angesetztes Chorprobenwochenende mit Naomis Besuch, der mir wichtiger ist. Also schwänze ich die Probe am Freitag und stoße erst Samstagfrüh dazu. Alles ist anders als die Proben zuvor: die Rhythmen, die Aussprache, die Texte, ich komme nicht mehr mit. In der Pause sollen wir die Zimmer aufräumen, zu denen man nur gelangt, wenn man über einen Turm aus aufeinandergestapelten Hockern auf den Schrank springt und dann durch eine Deckenluke klettert. Ich erinnere mich an derlei Aufstiege aus meinen Träumen – das nervt mich so sehr, dass ich gleich wieder abreisen will. Irgendwie schaffe ich es dann doch nach oben. Die Zimmer sind teilweise dermaßen verwüstet, dass nur noch ein Hochdruckreiniger und Renovierung helfen können. Ich konzentriere mich auf die Balkone, deren Bepflanzung wir etwas stutzen sollen und ich versehentlich komplett zurückschneide. Das vormals grün eingewachsene Haus ist nun kahl, die Erntehelfer auf den Feldern ringsum sind entsetzt. Wir gehen zurück in den Gewölbekeller und proben weiter. Jede halbe Stunde fährt ein Bus, der mich von hier wegbringen könnte. Ich verstehe nicht, wieso ich dann doch bleibe.

Schlupflöcher

Im Traum bewohnen wir Sarahs Haus, nachdem sie sich für das Nomadenleben entschieden hat. Es hat so seine Eigenheiten, Schlupflöcher in Wänden, ein tropfsteinhöhlenartiges Bad – generell eher eine Höhle als ein Haus. Dann steht sie vor der Tür und erklärt mir, was ich noch nicht weiß. Zum Beispiel der Typ, der immer vor der Tür herumlungert: Er will hier rein, um im Flur zu pupsen und dann wieder zu gehen. Wenn wir ihn nicht einlassen, kackt er uns vor die Tür.

In der Nachbarschaft wohnt meine Schwester, die wir besuchen, als sie gerade eine Party vorbereiten will. Ihre Gäste sind schon da, alle zwei Köpfe kleiner als sie, doch sie kommt nicht durch, die Arme voller Käse, der ihr jeden Moment zu entgleiten droht. Ich dränge mich durch die kleinen Gäste, um ihr einen Teil abzunehmen, dann fällt alles runter und wird zertrampelt.

Gartenkreis

Traum und Träume, ineinander verschlungen, wie unsere sechs Beine. Meditation, sagt der Guru, doch wir füßeln und schauen, wie weit wir so gehen können. Ein Junge, gerade mal zwanzig, Marco um die fünfzig, dazwischen ich. Es geht von mir aus, sachte und doch zielstrebig, nur wohin? Wir sehen ein Ritual, das uns Rätsel aufgibt: Ein Mann und eine Frau, die ein Mann sein könnte unter der Perücke, zwischen ihnen eine Fratze aus der Parallelwelt, in der wir nun sitzen. Wir sind alle im Rausch. Ein Tempel oder ein Zelt, das wir abbauen, während wir noch drin sind. Der schwere Stoff drückt uns zu Boden, wir kriechen durch die Farben, Orange und Rottöne. Nach der Meditation gehe ich zu meinem Bett im Schlafsaal, strecke mich darauf aus und überlege, ein Kleid anzuziehen, es ist heiß. Marco schaut mich an, verwundert über meine Initiative vorhin, fasziniert. Die anderen sitzen schon im Gartenkreis: Der Guru, die mit der Perücke, du und alle, die nicht von der Parallelwelt verschluckt wurden. Durch Meditation kamen wir hierher und die bringt uns auch schneller zurück, als uns lieb ist.

Echo der Stille

Ich hatte die Wahl: Ein Jahr lang Abendschule oder eben so richtig Schule in Vollzeit, dafür nur ein paar Wochen. Ich sitze in der zweiten Reihe, bis zur großen Pause geht alles gut. Dann zeigt mir einer ein Video über die Auswirkungen von Juckpulver, er lacht fies, das Pulver muss hier überall verstreut sein. Ich sehe meine Haut schon blühen und spiele die Alterskarte: Ich bin 33 und will einfach nur meine Ruhe haben, klar?

Nebenbei kellnere ich in einem Restaurant. Der Chef ist streng, doch er mag mich und lässt mich hin und wieder außergewöhnliche Rezepte ausprobieren: Ein Eigelb im Heißgetränk, er leckt seine Finger ab und schaut mich an. Der Pianist lädt mich auf ein Getränk ein, ich bestelle ein Klavierstück, das alle zum Zuhören zwingt. Er vertont die Geräusche im Raum, reagiert auf Geschirrgeklapper, Gemurmel, Räuspern, Lachen – ein Klangteppich als Echo, das langsam verstummt. Alle hören zu, Echo der Stille. Mit den Tasten mein Herz erobert.

»Tropft dein Cembalo eigentlich?«

ernsthaft und absichtlich:
privat, unbeholfen, harmlos und niedlich.

Gehäuse

»Die Urform allen Wohnens ist das Dasein nicht im Haus, sondern im Gehäuse. Dieses trägt den Abdruck seines Bewohners. Das neunzehnte Jahrhundert war wie kein anderes wohnsüchtig. Es begriff die Wohnung als Futteral des Menschen und bettete ihn mit all seinem Zubehör so tief in sie ein, daß man ans Innere eines Zirkelkastens denken könnte, wo das Instrument mit allen Ersatzteilen in tiefe, meistens violette Sammethöhlen gebettet, daliegt. Für was nicht alles das neunzehnte Jahrhundert Gehäuse erfunden hat: für Taschenuhren, Pantoffeln, Eierbecher, Thermometer, Spielkarten – und in Ermangelung von Gehäusen Schoner, Läufer, Decken und Überzüge.«

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk

Knick

Ein gutes Buch zu Ende zu lesen ist wie ein Knick. Selbst wenn ich das Buch noch einmal lesen sollte, werde ich diese Worte nie wieder so lesen können, wie beim ersten Mal. Es gibt kein Zurück in diesen Moment. Manchmal ahne ich das schon beim Lesen, dann markiere ich mir die Seite unten mit einem winzigen Knick, zu dem ich später zurückkehre, nach ein paar Tagen oder Wochen ohne neues Buch an meiner Seite. Oft sind es Textstellen zu eben jener Unwiederbringlichkeit des Jetzt.

Auch ins Leben mache ich manchmal solch einen Knick: Wenn ich schreibe.

An der Ostsee

Duschzwang
Museumspantoffeln
Schallplattenunterhalter
Strickarchitektur

Moos

»Die alte Dame neben mir rutscht hin und her. … Ich möchte nicht mehr neben ihr sitzen. In ihrem leeren Blick ist jede Geschichte aufgehoben. Auch meine. Gerade die.«

»Gleich bin ich dran. Obwohl, wer wartet, zur Passivität verdammt ist, ist warten ein aktives Verb. Grammatik ist so beruhigend. Selbst die Ausnahmen können ihr nichts anhaben, machen sie bloß stärker. Vielleicht sollte ich mir herausnehmen, nach Hause zu gehen, noch bevor mein Warten ein Ende findet und einen Sinn.«

»Aber gerade Sie müssen wissen, dass Geschichten nie Antworten auf Fragen geben, sie stellen nur noch mehr Fragen.«

»Danach glaubte ich, in den Moosbetrachtungen auch Anleitungen zum Verfassen von Erzählungen zu erkennen: Die fehlende Wachsschicht des Mooses wurde gepriesen, welche die Pflanze – und damit die Geschichte – durchlässig machte, ohne sie aufzulösen. Dass das Moos keine Wurzel hatte, sondern nur sehr locker am Boden verankert war, und zwar mit Pflanzenteilen, aus denen jederzeit wieder neue Moospflanzen entstehen konnten, erschien mir wie das Verhältnis von Handlung und Sprache. Wie eine Geschichte setzte sich das Moos bevorzugt in Ritzen und Fugen, um dort ungestört weiterzumachen. Es konnte fast überall gedeihen, aber künstlich anlegen ließ es sich nicht.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Murmel

»Ich steckte meine Kugel in die Tasche und ließ meine Hand darin. Und plötzlich brauste ein Gedanke in meinem Kopf …
Was, wenn meine Kugel aus dem kanadischen Automaten vielleicht gar keine Murmel war, sondern dieser Planet?«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Eisfabrik

»Mein Vater kaufte sich einen weißen VW-Bus mit einer lauten Hupe, die drei verschiedene Töne spielen kann. Damit hupt er die ersten zwei Takte von ›Im Frühtau zu Berge‹, dann ist Schluss. Einmal habe ich ihn gefragt, warum es gerade dieses Lied sein müsse, und er antwortete, dass es Appetit auf Eis mache. Der Hauptgrund sei jedoch, dass Frühtau, ach Frühtau, ein Wort sei, das eigentlich selbst eine Eissorte sein müsse. Und daraufhin ging er in den Keller und schuf eine neue Eissorte, die er ›Frühtau‹ nannte, ein Quittensorbet. Später komponierte er auch eine Sorte für burnoutgefährdete Deutsch- und Englischlehrer. Sie besteht aus Kumquats, Dörrpflaumen und gerösteten Mandeln, die ein bisschen angebrannt sein müssen, und heißt ›Plusquam Parfait‹.


Mein Vater fährt immer dann mit dem Eiswagen herum, wenn er Lust dazu hat, selbst im Winter. Die Leute kaufen sein Eis auch in der kalten Jahreszeit. Auf Anfrage kreiert er Sorten für bestimmte Menschen oder Anlässe. Das ist teuer, aber es gibt trotzdem eine Menge Leute, die gern eine Eissorte haben wollen, die nach ihnen benannt ist. So viele Dinge werden nicht nach einem benannt. Für das meiste muss man tot sein und für den Rest reich.


Das Eis meines Vaters ist anders als andere Eise, die man sonst so bekommt. Die Sorten haben Namen wie ›Schulfrei‹, ›Freude‹ oder ›Schöner Götterfunken‹. Aber es gibt auch düstere Sorten wie ›Melancola‹, ›Mathe-Eis‹ und ›Kummerspeck‹. Er hat Eis für jeden Tag in der Woche. Montags gibt es Sauren Apfel, dienstags Zartbitter, mittwochs Grießbreis und donnerstags Rhabarberkucheneis mir Baiser. Die Wochenendsorten sind zwanzig Cent teurer. Das Freitagseis besteht aus eine Kugel Schokovanille mit Pfannkuchenstreifen darin und einem Geheimnis. Das heißt, innen in der Kugel versteckt er eine kleine Überraschung. Meistens ist es etwas zu essen, ein Kaugummi, ein Schokopfefferminztaler oder ein Karamellbonbon. Doch hin und wieder ist es etwas anderes, ein runder Kiesel, eine Muschel oder ein gestreiftes Schneckenhaus. Jedenfalls muss man dieses Eis sehr langsam essen.

Das Samstagseis birgt zwar keine Überraschungen, ist aber dafür eine Riesenmonsterkugel Fiordilatte mit rosaroter Himbeersahnehaube. Sonntags gibt es Mandeleis mit Meersalz in der Konzentration menschlicher Tränen. Das Sonntagseis enthält kaum noch Wasser, sondern ist eher wie kaltes Marzipan. Dieses Eis gibt es auch – mit jahreszeitlichen Variationen – an höheren Festtagen wie Ostern (mit Hefekranzstückchen), Pfingsten (mit rosa Pfeffer) und den Adventssonntagen (mit Apfel, Nuss und Mandelkern). Allerdings heißt es an den Feiertagen ›Kyrieleis‹. Alle Tageseiskugeln kann man ausschließlich an ihren jeweiligen Wochentagen erhalten.

Mein Vater denkt sich auch Eissorten aus, die er nur in Kombination verkauft. ›Stadtlandfluss‹ zum Beispiel besteht aus drei Kugeln, nämlich ›Stadt‹ (Gin und Tonic), ›Land‹ (Milch und Honig) und ›Fluss‹ (Wasserminze). Die Sorte ›Freiheit und Abenteuer‹ besteht aus jeweils einer Kugel wildem Thymian und einer aus Pistazie-Sambal. Es gibt außerdem eine Sorte, die heißt ›Vorfrühling‹ und besteht aus Waldmeister und Jasmin. Eine andere heißt ›Sommer‹, ein Blutorangeneis, unter das er die gelben, orangenen und roten Blütenblätter von Ringelblumen mischt. ›Herbst‹ macht er aus Birne in Rosenwasser und ›Winter‹ aus Sternanis und Kokosmakronenkrümeln. Alle vier Kugeln zusammen kosten so viel wie drei, denn die Jahreszeit, die gerade ist, gibt es gratis dazu.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Amrita

»Die Menschen … können nur im Hier und Jetzt leben, dafür sind sie geschaffen, aber aus irgendeinem Grund denken sie ständig an Vergangenes oder machen sich Sorgen um Zukünftiges. Das kommt mir so komisch vor, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, diese Gedanken rauszulassen, nämlich Geschichten zu schreiben. Ich glaube, indem ich allerlei Sachen über verschiedene Leute aufschreibe, kann ich mir allmählich immer klarer über das werden, was ich selber fühle.«

»Man versteht die selbstverständlichsten Sachen nicht, solange man nicht mindestens einen so kraftvollen Sonnenuntergang gesehen hat. Wir lesen eine Million Bücher, sehen eine Million Filme, küssen den Liebsten eine Million Mal, bis wir endlich begriffen haben: Den heutigen Tag gibt es nur ein einziges Mal.«

»Paß auf, daß du nicht alles so überstürzt wie ich, hörst du! Schau dir das Essen an, das Mutter für dich kocht, den Pullover, den sie für dich kauft. Schau deinen Klassenkameraden ins Gesicht, sieh hin, wenn ein Haus in deiner Nachbarschaft abgerissen wird, sieh dir alles genau an. … Daß der Himmel blau ist, zum Beispiel, oder fünf Finger an jeder Hand sind, daß man Vater und Mutter hat, daß man Grüße mit unbekannten Leuten auf der Straße tauschen kann – es ist, wie seinen Durst mit frischem Wasser zu stillen. Man muß jeden Tag trinken, um weiterzuleben. Das ist mit allem so. Wenn man nicht trinkt, verdurstet man irgendwann und stirbt, genauso ist das. Weil man nicht getrunken hat, obwohl genug Wasser da ist.«

»Als Kind habe ich es immer so traurig gefunden, wenn der Abend nahte. … Die Dunkelheit verdeckte die Zukunft, und der Sonnenschein des nächsten Tages schien unglaublich fern. Die Zeit kam mir dichtgedrängt vor … Kinder haben immer ein untrügliches Gespür dafür, ›daß es das Jetzt nur dieses eine Mal gibt‹. Ihre Arme und Beine wachsen so schnell, daß sie fast das Knarren hören können, deshalb weiß ihr Körper einfach instinktiv, daß es mit dem Jetzt genauso sein muß.«

Banana Yoshimoto: Amrita

Romantische Ruine

»Die als verfallene Ritterfeste gebaute Löwenburg bekommt bald ihren zerbombten Hauptturm zurück.«

Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne mehr in meinem E-Mail-Postfach als bei dir.

Nähe

»Glück ist, im Fremden die Nähe zu finden, die man bei Freunden manchmal gar nicht mehr sieht. Oder sich nicht zu sehen traut.«

»Das mag nach ›Schuster, bleib bei deinen Leisten‹ klingen. Aber es heißt vor allem, dass es zuletzt keine Literatur ohne persönliche Erfahrung geben kann.«

Es fehlt nichts.

Wintersonne

Matt

»… He even came to my thirtieth birthday party in Oakland that doubled as performance art, where I demanded that everyone wear white and that no one speak. In the video of it, Matt is the star, master of communicating through silence—playful, reverent, and true. This is how I will remember him.«

Ivy Johnson, thank you for sharing this memory.

Treppentanz

Immer nur noch

Nicht mehr geschrieben, seit die Treppen pausieren, nichts mehr festgehalten, seit alle Fragen von außen wichtiger wurden als meine innere Welt. Geträumt, aber verlernt, die Erlebnisse festzuhalten, bis Papier und Stift zur Hand sind. Gegrübelt und formuliert, doch nur im Kopf. Immer nur im Kopf. ›Immer‹ und ›nur‹ aus den Texten streichen, und ›noch‹ auch.

20 Jahre Blut

Wieviele Liter sind das?
Durchschnittlich:
70 Milliliter im Monat
840 Milliliter im Jahr
16,8 Liter in 20 Jahren

Niemand hat sich dieses Datum gemerkt und mit mir den Abschied der Kindheit gefeiert. Keiner sprach darüber, wie schmerzhaft es ist, das Mädchen zurückzulassen und es erst viel später wieder in sich zu entdecken. Das Baby im Kind im Mädchen in der Frau in der Mutter in der Großmutter. Alle da. Alle bin ich.

Es gab auch keine Willkommensfeier für meine Fruchtbarkeit, die erst jetzt interessant wird. Erst zwanzig Jahre später fand ich einen Kompass und einen Reiseführer (nicht schön, doch hilfreich) als Weggefährten für meine monatliche Reise durch das innere Jahr. Jeden Morgen ein neuer Cocktail. Zyklisch leben, das wär doch was. Wer bin ich heute?

»Die Zeit verläuft nicht linear, ebenso wenig die Erinnerungen. Man erinnert sich immer stärker an das, was einem gerade emotional nahe ist. An Weihnachten denkt man immer, das vergangene Weihnachten wäre erst vor kurzem gewesen, obwohl es zwölf Monate zurückliegt. Der eigentlich nähere Sommer von vor sechs Monaten liegt dagegen gefühlt viel ferner. Die Erinnerungen an Dinge, die emotional der Gegenwart ähnlich sind, nehmen quasi eine Abkürzung.«

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

»Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es. Das hast du schon immer getan. Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, und du weißt es.«

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.

Wer morgens zerknittert aufsteht, hat den ganzen Tag, um sich zu entfalten.

»Für mich hatte diese Korrespondenz die ursprüngliche Qualität von etwas, das seinen Zweck nur in sich selber findet.«

Eulàlia Bosch in: I send you this Cadmium Red ...

Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?

Acht Jahre

Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.

Fugengewächs

Linie#14

Linie 9570 – meine letzte Linie an einem der letzten Tage des Sommers. Die Hitzewelle schien endlos, heute dann Kälteeinbruch und Ratlosigkeit vor dem Kleiderschrank. Was trägt man außer Sommerkleider und Sandalen? Wer bin ich, wenn es kühler ist? In den Schaufenstern schon Herbstfarben, dazwischen demonstratives Gelb. Vielleicht ein gelber Regenmantel oder gelbe Gummistiefel? Lieber sonnengelbe Sandalen, ich bin noch nicht so weit.

Nun sitze ich also im Zug zu dir nach Straßburg. Noch steht er. Gegenüber fragt ein Vater seine Tochter: Bist du traurig? Draußen winken die sehr kleine Mutter und der sehr große Bruder, bis der Zug losrollt. Sie verdrückt ein paar Tränen, kramt nach ihrem Pass und zählt die Namen ihrer Freundinnen auf, die sie in Israel besuchen wollen.

Der Zug beschleunigt auf 274 Kilometer pro Stunde, er könnte mehr als doppelt so schnell.

Hunderte Kilometer habe ich in den letzten Monaten im öffentlichen Linienverkehr zurückgelegt, meist sitzend, selten stehend, einmal kauernd (das war nett). Im Dazwischen finde ich plötzlich Zeit, um hinzuschauen und zuzuhören. Man kommt Fremden recht nah, wenn man so unterwegs ist. Manche reisen in ihrem Kokon aus Musik, Film, Arbeit und Lesestoff. Andere blenden völlig aus, dass sie nicht unter sich sind und erzählen offen und laut aus ihrem Leben, manchmal schreibe ich mit.

Sie sieht so traurig aus mit ihren glänzenden dunklen Augen. Der Vater telefoniert leise auf Hebräisch. Auswandern, wie das wohl ist? Eine Linie unterbrechen, um woanders neu anzusetzen.

étoile filante

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.

»Er wollte noch an etwas denken, doch dann rutschte er im weichen Nebel aus, landete sanft und sank in einen Schlaf.«

»Wenn unsere Augen doch fortgehen könnten, während wir schuften, denkt er. Wir würden arbeiten und sie würden solange über Berg und Tal ziehen.«

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei

Linie#13

Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.

Linie#12

Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.

Linie#11

Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevorstehende Hallenhochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch eingeladen – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.

Zwei neue Nebensitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.

Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.

In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufenschüler mit kurzgeschorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.

Linie#10

Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.

Linie#9

Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.

Linie#8

Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.

Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.

Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.

Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgendwoher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farbengeschäft. Immer wieder verwirrend, Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.

Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausgeliehen.

briques en chemin

stylo-plume

Linie#7

Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken ein Pickel und etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Privatabteil. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.

Schülerstreich

Im Traum treffe ich eine Frau in hellgrauer Kutte mit wunderschönem Gesicht, alterslos. Ich setze mich zu ihr und weiche nicht mehr von ihrer Seite. Selbst als Schüler die Hallen fluten und klar wird, die Lehrer müssen raus – Schüler an die Macht, zumindest für einen Tag Schülerstreich. Vor der ruhigen Aura ihrer Rektorin haben sie Respekt, auch vor mir, die ich so entschlossen neben ihr sitze und lausche. Ich begleite die Nonne nach draußen. Sie spricht vom Ende der Sechzigerjahre, als sie nach Indien in ein Kloster ging, dabei lächelt sie in die Ferne der österreichischen Landschaft.

Wir feiern hier in einer Scheune eines der vielen Feste, die ein großes ersetzen sollen. Zu Gast sind auch zwei Frauen mit seltsamen Auswüchsen am Hals, wie fleischige Bärte, mit Haut. Das bringe das Kinderkriegen mit sich, zumindest bei Mädchen, erst nach Jahren bilde es sich zurück. Sie zeigen mir ihre Tricks, wie sie es in der Kleidung verstecken. Das funktioniert gut, daher hatte ich so etwas vorher noch nie gesehen. Da spricht auch keine drüber, sagen die Frauen und schütteln sich lachend. Sie tanzen, verstecken nichts mehr.

Nun feiern schon die Nächsten mit großer Tafel, an der noch Platz für uns ist. Du setzt dich ans andere Ende, möchtest nicht stören. Ich winke dich zu mir und du kletterst umständlich über den fein gedeckten Tisch und die Beine der tafelnden Gäste.

In der Nähe steht ein Baum, darunter eine Picknickdecke, auf der ich Anja zu erkennen glaube. Ich gehe hin, sie ist es und begrüßt mich, als hätten wir uns nicht vor Jahren sondern gestern erst gesehen. In ihrem Nacken erscheint ein Baby und noch eines, sie winden sich um sie wie Würmchen um ein Turngerät. Anja beachtet sie kaum und spricht lässig weiter über ihre Zeit in Schweden und München.

Bionade

Im Traum sehe ich von Weitem Dennis, er will gerade gehen. Am Ausgang fange ich ihn ab und wir verabreden uns, wir haben uns Jahre nicht gesehen. Zum Abschied küsse ich ihn, wir lachen, er geht zu seinem Date und ich gehe wieder rein. Drei Tage Feiern haben ihre Spuren hinterlassen. Jemand baut verschiedene Bionade-Sorten zu einer Flasche zusammen, unter Gejohle wird versucht daraus zu trinken. Der Boden klebt. In einer ruhigen Ecke spreche ich mit Bettina, dann verschwindet sie in einem Zelt, in dem ihr neugeborenes Baby weint. Nach unserem Fest lassen wir alles stehen und liegen und gehen einfach los. Jedes Mal wenn wir kurz nach Hause kommen, sind wir überrascht, dass es noch immer so aussieht, als wäre die Party gerade erst vorbei. Dann gehen wir wieder.

Linie#6

Schwarz die Kleidung, die Schirme und auch die dicke Regenwolke über uns. Der erste Regen nach einer langen Reihe an Sonnentagen. Der Himmel weint mit.

Als Kurt uns vor dem Jahreswechsel das letzte Mal sah, weinte er beim Abschied. Dann wischte er sich die Tränen ab und winkte uns lachend auf seinen Stock gestützt mit einem weißen Taschentuch hinterher. Wie früher in Metzingen, als mein Vater noch klein war. Damals hatte Onkel Kurt immer ein Tischtuch geholt und gewunken, bis das Auto mit seinen Neffen um die Kurve bog.

Wie sie dann einfach endet, so eine Lebenslinie. Und was für eine: All die tragischen Umbrüche und mutigen Neuanfänge hätten für drei Leben gereicht. Ich lausche den Geschichten über den Lausbub, dessen Schabernack die DDR veranlasste, ihn mit 18 Jahren des Landes zu verweisen. Ein Dandy mit Stil, stets in Anzug und Krawatte, voller Frohsinn, Optimismus und Hilfsbereitschaft. Sein Vermächtnis: Denkt an mich, wenn ihr einem hilfsbedürftigen Menschen begegnet.

Der Friedwald, in dem wir Abschied nehmen, hängt voller Tropfen. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach. An den Buchen hängen Schilder mit Namen, bis zu zehn pro Baum.

Später im Waldhorn steht ein guter Freund aus Jugendzeiten auf und sagt: Wäre er hier, unser Hardy und euer Kurt, er wäre verwundert, wenn ich nichts sagen würde, darum sage ich jetzt was. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn weinen. Statt Schwarz sollten wir Weiß tragen, die Farbe der Hoffnung und der Freude. Wir sollten gemeinsam feiern und uns freuen, dass er da war, und dass er war, wer er war.

Linie#5

Die sieben Minuten Fußweg schaffe ich in vier, wenn ich renne – was ich immer muss, weil mir, egal wieviel Zeit ich habe, kurz vor dem Losgehen noch etwas so Wichtiges einfällt, wie die Spülmaschine auszuräumen (das reicht noch gut), die Blumen zu gießen (ach, immernoch genug Zeit), die Fensterläden zu schließen (jetzt sollte ich aber los) und dann doch noch die Zähne zu putzen (oh, jetzt aber wirklich). Die Schuhe binde ich im Aufzug, während ich mit wenigen Klicks meine Fahrkarte kaufe und hoffe, dass unser WLAN bis ins Erdgeschoss reicht oder dass das mobile Netz diesmal rechtzeitig übernimmt. Die Fahrkarte konnte nicht heruntergeladen werden. Also renne ich, schwer bepackt, den Blick und die Finger auf dem Smartphone, die klackernden Schuhe verfluchend (dass sie so unbequem sind, hatte ich vergessen) den Berg hinab, bis mich ein weißwolliger Hund begeistert oder verstört, aber vor allem laut anbellt und bremst. Jetzt bin ich so richtig wach. Noch zwei Rolltreppen voller müder Menschen (Entschuldigung, darf ich bitte durch), dann unten, gerade noch rechtzeitig, Linie 1, die Türen noch offen, geschafft. Wie immer.

Vier Minuten Umsteigezeit von Gleis drei auf Gleis acht. Treppab, Treppauf, Warten.

Zwei Linienscharen aus Hochspannungsleitungen. Die einen parallel, die anderen diagonal zu uns. In Wellen, von Mast zu Mast.

Die Umgebungskarte empfiehlt mir Luftlinie und behauptet zwei Minuten Fußweg – von Treppen, Gedränge, dem Umweg um die Baustelle und einer roten Ampel weiß sie nichts. Ich renne durch Pfützen, das Wasser spritzt in alle Richtungen, die Uhr ging vor, Linie 4 steht noch da und nimmt mich mit.

Einer mit Sicherheitsnadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt nach Fahrgeld in seinem überweiten Hosenbein und in den überhohen Schnürstiefeln. Ein Loch in der Hosentasche, schnieft er entschuldigend. Er rüttelt am Stoff und braucht drei Haltestellen, bis die Münzen über den Boden nach hinten kullern.

Als wollte mir das rote Lämpchen des Rauchmelders sagen: Ich sehe genau, dass du blinzelst und nicht schläfst.

Telenovela zu halb geschenkten Johannisbeeren.

Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.

Jaja.
Nanu?
Aha.
Soso.
Naja.
Nö.

Dahinter das Meer

Vollmond in Galéria

Steinblume

Blume oder Vogel

Schattenplatz in Calvi

Seemannsgarn in Bastia

Farbstufen

Linie#4

In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namensschild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.

Und so verharrt sie in der Rolle des Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Flachbrüstig, in Röcken und klobigen Schuhen, unfrisiert, trotzig, gelangweilt.

Linie#3

Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als eingeschworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeausweichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linienverkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laangsaaaammeeeerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehenbleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnenwarmen Nirgendwo.

Der Reiz des Verspeisens von Nasenpopeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufgeräumt.

Straßenblumen

Linie#2

In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich bemerkte, dass der Mann neben mir fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außerordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarztstuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungskraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, zu eng am Po, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest deine hätte mich durchaus interessiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, deine Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!

Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch rechtzeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verunmöglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.

Wäscheklammern, mit und ohne Schatten.
Aus der Sammlung »Die wenigen Dinge, die ich über meine Nachbarn weiß«.

Linie#1

Am Anfang war die Linie. Linie 1. In der sitze ich nun und versuche mich in deinem französischen Text zurechtzufinden. Linie 1 um kurz nach eins, voller Schülerinnen und deren Blicke auf mein Schreiben, das nicht weiß, welchem Gedanken es zuerst folgen will. Mein Kopf – ein Knäuel aus Linien, die sich entwirren, die straff gezogen werden, je länger die Reise geht. Linie 1 ist zu kurz dafür, gleich muss ich raus und weiter. Vielleicht sind es gerade zu viele Linien, denen ich folge. Die Punkte sind gesetzt, Anfang und Ziel, vielleicht ein paar Zwischenstopps. Manchmal dauert es Wochen, bis ich die eine oder andere Linie wieder aufnehme, sie in Punkten oder Strichen wie Trippelschritten dem nächsten Etappenziel näherbringe. Ob gepunktet, gestrichelt oder durchgezogen – gerade ist keine dieser Linien. Sie winden sich, schlagen Wellen, zeichnen Umwege in Richtungen, die nie geplant waren. Am Ende ziehen sie sich straff und behaupten, stets zielstrebig gewesen zu sein. Dem traue ich nicht, niemals. So sehr ich es mir manchmal wünsche – wie eintönig wäre doch diese Geradlinigkeit: Nie würden zwei Linien sich kreuzen oder ablenken und in neue Richtungen locken. Eine jede strebte stur ihrem Ziel entgegen, ohne nach links und rechts zu schauen, rücksichtslos und unbeirrbar. Magisch wird es, wenn zwei sich treffen, einander stupsen, sich gegenseitig schieben und ziehen, umeinander winden, eins werden. Linie 1.

Vorm Fensterbrett

Ein Blick aus meinem Küchenfenster: Blauer Himmel mit weißen Wolken, Wind rauscht durch die Bäume im Hinterhof, Vogelgezwitscher, ein weinendes Baby auf dem Balkon nebenan, den ich nicht sehe. Wir kennen uns vom Hören, wohnen Wand an Wand. Wir leben hier auf engstem Raum nebeneinander her, Schuhkarton auf Schuhkarton, Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer, jeder Grundriss ungefähr gleich. 

Die Sonne beleuchtet die Balkone des Nachbarhauses, noch ist niemand draußen. Ein ruhiger Montagmorgen, Brückentag. Beim genaueren Hinsehen etwas Leben hinter den Fenstern: Eine rundliche Frau mit Schürze (4. Etage links), ein nackter Männerrücken (6. Etage rechts), ein Laufstall direkt am Fenster (3. Etage links). 

Eine Frau im lila Bademantel mit blondem Dutt und Sonnenbrille betritt den Balkon (3. Etage rechts). Links darüber beinahe gleichzeitig für einen kurzen Moment eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Hose – und wieder drin, beide. Der lila Bademantel geht mehrmals rein und raus, deckt naschend einen Tisch für zwei. 

Sieht mich jemand? Zu viele Fenster, aus denen zurückgeschaut werden könnte. Ich fühle mich beobachtet beim Beobachten, schließe vorsichtshalber das Fenster und hoffe, das Glas verspiegelt meinen Ausguck. Ich könnte den ganzen Morgen hier sitzen und das Treiben meiner Nachbarn protokollieren. Testweise mal frech mit dem Fernglas einen Zoom auf den Frühstückstisch: Honig, Nutella, aha.

Sie setzt sich, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, ihr wird warm. Sie schält sich aus dem lila Frottee, darunter ein übergroßes weißes T-Shirt. Ein Mann in verwaschenem Rot betritt den Balkon, geht wieder rein und kommt wieder raus, setzt sich ihr gegenüber, jetzt mit Sonnenbrille und Smartphone. Sie trinkt, er tippt. Schlaffe Schultern, noch müde, schweigendes Wachwerden. 

Der Balkon hängt voller weißer Lampions. Außerdem: eine gelbe und eine rote Laterne, Teelichter in Metallbechern mit Lochmustern, ein grauer Emailletopf mit blühenden Zweigen, eine Blumenampel mit Pfingstrosen, ein eingeklappter weißer Sonnenschirm, eine blaue Mülltüte, ein Bastkorb voller Altpapier, eine Holzkiste mit Altglas und ein futuristischer Gasgrill auf einem Holzschränkchen. Vor dem Balkon zwei Wäscheleinen mit bunten Klammern. Ihre Schatten fallen auf die Balkonverkleidung, sie doppeln sich.

Der Mann legt sein Smartphone zur Seite, sie werden munter, sprechen, trinken, löffeln Joghurt aus einem Becher. Sie rücken ihre Stühle nebeneinander, legen die Füße auf dem Balkongeländer ab, räkeln sich in der Sonne. Dann beide an ihren Smartphones, diese Fenster zur Welt.

Balkone sind Bühnen. Eine Vielzahl an Dingen wird hier ausgestellt. Sonnenschirme und bunte Wimpel, trocknende Unterhosen, wuchernde und vertrocknete Pflanzen, ein rotweißer Rettungsring im sechsten Stock. Eine Inventarliste meines Hinterhofs, Balkonporträts, Voyeurismus vom Küchenfenster aus, Ausschnitte aus dem Draußen-Wohnen meiner Nachbarn. Wir leben städtische Anonymität und ignorieren meist, wie dicht wir aufeinander sitzen, wie nah wir uns sind. Und wie ähnlich.

Ich: Küchen und Schlafzimmer
Julia: Reisen und Essen
Mama: Sprüche und Schnörkel
Papa: Immobilien und Stereoanlagen

Das Gasthaus

Jeden Morgen ein neuer Gast.
Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,
ein kurzer Moment der Achtsamkeit kommt
als ein unerwarteter Besucher.
Heiße sie alle willkommen und bewirte sie!
Selbst wenn sie eine Schar von Sorgen sind,
die mit Gewalt aus deinem Haus
die Möbel fegt,
auch dann, behandle jeden Gast würdig.
Es mag sein, dass er dich ausräumt
für ganz neue Wonnen.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lächelnd an der Tür
und lade sie ein.

Sei dankbar für jeden, wer es auch sei,
denn ein jeder ist geschickt
als ein Führer aus einer anderen Welt.

Rumi

So vergnügt und gut gelaunt wie du bist, könntest du jeden Moment einschlafen.

Sein Blick

Ich wusste es, als ich seinen Blick bemerkte. So da war noch nie jemand und so da war auch ich noch nie. Dass es das wirklich gibt, hatte ich nie geglaubt. Er schaute abwechselnd zu mir und in sein Skizzenbuch, er zeichnete, wie ich so dastand: Meine Hände, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als sich am Gurt meiner Umhängetasche festzuklammern. Ein kurzer blaue Rock, ein Streifen Rot unter dem schwarzen T-Shirt, rote Kugeln an den Ohren. Weiter kam er nicht, die Zeichnung ist nie fertig geworden. Für den Rest der Exkursion blieb ich in seiner Nähe. Es war mir egal, dass es alle bemerkten. Ich wusste: Da will ich näher ran. Das war in Berlin, vor bald sieben Jahren.

Wasser

»Wasser ist elementar, es ist das, woraus wir gemacht sind, wir können weder im noch ohne Wasser leben. Der Versuch, zu definieren, was mir Schwimmen bedeutet, ist, wie eine Muschel zu betrachten, die in einem Meter Tiefe in klarem stillem Wasser liegt. Da ist sie, scharf und konturiert, doch sobald ich nach ihr greife, die Oberfläche durchdringe, wird sie vom Kräuseln fragmentiert. Aus einer Muschel werden fünf, fünfundzwanzig Muscheln, kleinere und größere, und ich taste mich blind vor nach dem, was ich ganz klar gesehen hatte, bevor ich versuchte, danach zu greifen.«

Leanne Shapton: Bahnen ziehen

76

Zum Busfahrer:
»Werden Sie am Bahnhof zur 76?«

Linda und Frederik

»Diese jungen Menschen […] agierten als Repräsentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorgesetzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren. Sie kannten keine Abteilungen und deren Abteilungsleiter, keine kurzen und langen Dienstwege und auch nicht den Geruch von frisch gesaugten Teppichböden, der die Arme schwer, den Rücken krumm und die Schritte langsam machte. Sie waren selbstständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts.«

Juli Zeh: Unterleuten

SwiftKey

Seit du über die Tasten wischst:
Als für also.
Passieren ist zu weit.
Für mir leid.
So ist das also nochmal genau?
Vertrauen ruhig die Sachen.
Denke auch, dass der gelb gut wird.
Muss von dir zu mir!
Dann wirst du ja jetzt wie ich ohne Bär aussehe.
Frei mich!

Über das Magische und Heilige zwischen Wäsche, Spüle und Hausputz:

»Dieses Aufräumen ordnet etwas auf allen Ebenen und irgendwann weiß ich, ich kann wieder aufhören. Dann hat es sich auch in mir geordnet oder die Antwort darauf, wie der nächste Schritt aussehen kann, ist da.«

Ein morgendlicher Kuss auf die eigenen Schultern. Jeden Tag eine Kerze für sich selbst anzünden. Spiegelnotiz: Ich bin die Heldin meines Alltags. Tanzend mit dem Besen auf dem Dach. Und Putzen nur im schönsten Kleid. Denn entweder ist alles heilig oder nichts.

Anregungen von Cambra Skadé, ›Auf dem Herzensweg‹ von Sabrina Gundert

Gerhard

»Wie sollte sich ein intelligenter Mensch überhaupt zum Handeln entschließen, wenn doch die Hauptaufgabe des Verstandes darin bestand, zu jedem ›Für‹ ein ›Wieder‹ zu präsentieren? […] Lieber ein kluger Zauderer als ein dummer Draufgänger.«

Juli Zeh: Unterleuten

Kosmetik, wo es einen Pflug bräuchte.

Aus der Zeit gefallen

Sabrinas schönste Sprichwörter, Teil 2

Adlerauge sei wachsam.
Er muss die Wassertaufe bestehen.
Aus den Ärmeln gesaugt.
Weg gegangen, Schnaps vergangen.
Sie hält uns zum Affen.

Hochzeitsvorbereitungen

Traum von Hochzeitsvorbereitungen, Glitzerkleidsuche und einer WG-Besprechung für eine Demo. Später stehe ich nackt und selbstbewusst in einer Gemeinschaftsdusche voller exotischer Grünpflanzen, wo ich meinen Sandkastenfreund Thomas treffe. Und wie schon mit 13 muss ich ihm sagen, dass das mit uns nichts wird, obwohl wir schon im Kindergarten geplant hatten, dass wir mal heiraten und einen Bauernhof haben werden.

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Warum stehst du morgens auf?
Wie viele Rollenbilder sind gesund?
Gibst du auch mal nach?

»… die Menschen werden Tag für Tag neu geboren, an ihnen liegt es, ob sie den gestrigen Tag weiterleben oder den neuen Tag, das Heute, von Grund und Wiege auf beginnen. Doch da ist die Erfahrung, alles was wir im Laufe der Zeit gelernt haben, […] doch wir leben das Leben in der Regel so, als hätten wir keine Erfahrung von früher, oder wir bedienen uns nur jenen Teiles, der es uns gestattet, bei den Irrtümern zu bleiben, wobei wir uns auf Erklärungen und Lektionen der Erfahrung berufen, und nun kommt mir ein Gedanke, der euch absurd scheinen mag, ein Widersinn, dass nämlich die Erfahrung sich weitaus mehr in der Ganzheit der Gesellschaft auswirkt als in jedem einzelnen ihrer Glieder, die Gesellschaft nutzt die Erfahrung aller, aber kein Einzelner will oder kann in Gänze die eigene Erfahrung ausschöpfen.«

José Saramago: Das steinerne Floß

Freitags keine Nudeln

»Die Essenz dessen, was wir wissen, aus dem Halbschatten hervorziehen.«

Karl Ove Knausgård

Mottenfallen, Duschgel, Zahnpasta, Rasierklingen, English Breakfast Tea, Macadamia Creme und Kreuzkümmelsamen wären noch gut.

Wahlsonntagsspaziergang

Beim Wahlsonntagsspaziergang kommt mir eine grinsende Familie entgegen. Der Kurze hat wohl gerade eine Frage gestellt, daraufhin der Vater: »Ja nee, man kann tatsächlich auch CDU wählen.«

Törtchentourismus: Pão de rala, Evora

Wartezimmer

Zwei symmetrische Türen, etwa einen Meter auseinander, hellgrau, wie die Wand, die Rahmen etwas dunkler. Die Scharniere jeweils solidarisch: oben hell, unten dunkel. Zwischen den Türen an der Wand eine Lampe, halbrund, oben offen – fast passend zum orange-beige melierten Linoleumfußboden. Knallblaue Sockelleisten, oben parallel dazu orangene Zierleisten auf Türrahmenhöhe (aber nur zwischen den Türen) sowie kurz unter der Decke. Fehler in der Symmetrie: Der Lichtschalter links ist weiter vom Türrahmen entfernt als der rechts. Die linke Tür ist unten auf beiden Seiten leicht engekerbt. Das Schlüsselloch links ist klassisch, rechts ist es rund. Beide Türen öffnen sich fast gleichzeitig. Frau und Herr Doktor, Tür an Tür. Der nächste, bitte.

Spiralen

Im Traum eine Wanderung in schwerem Geschmeide, danach ein Empfang und Oper. Wer kam denn auf diese Kombination? Die Nachbarn. Und doch meldet sich ein Großteil der Belegschaft für diesen Ausflug an. Die Tafel, an der gespeist werden soll, besteht aus einem Holztisch und in den Boden eingelassenen Holzpflöcken als Hocker, alles steht schief auf der freien Wiese am Hang, unbrauchbar für Sekt in Gläsern. Im Wirtshaus nebenan ist noch ein schlauchiges Nebenzimmer frei, wir ordnen die Tische neu an und dann doch wieder zurück. Die Nachbarn tragen elegante Kleider mit zartem Halschmuck, der sich optisch von einem Hals zum nächsten fortsetzt, wie Spiralen, die sich um Häuser winden und in den Kleidern wiederfinden. Meine Schwester bestellt Kir Royal für alle, obwohl wir noch verkatert sind. Deine Kollegen stoßen dazu, Daniel und Ferdi in glitzernden Radlerhosen, für die Demo, die gleich beginnt. Eine Choreografie langsamer Schritte, alle stehen im gleichen Abstand zueinander und staksen so uniformiert den Berg hinab. Ich schaue zu und kenne den Zweck der Demo nicht. Ich frage eine der Veranstalterinnen, die mich fassungslos zurückfragt, ob ich das wirklich nicht gehört hätte – in den Medien sei seit Wochen nichts anderes. Ich gestehe, dass mich Nachrichten zu sehr mitnehmen und ich sie daher meide. Sie holt aus und gib mir eine Zusammenfassung der Geschehnisse, ich nicke betroffen. Dann müssen wir schnell los zur Oper. Eigentlich wissen wir schon jetzt, dass zehn Minuten für den Weg nicht reichen, wir werden den Anfang verpassen und bis zur Pause vor verschlossenen Türen warten müssen. Die Treppe ist so überfüllt, dass wir über die Geländer steigen und in unseren langen Kleidern außen weiterklettern. Noch fünf Minuten, einmal durch die ganze Stadt.

Aber die Freiheit!
Aber die Einsamkeit?

Die Familienchronik als Vorwort zu mir selbst?

Ich

Ich. Wo fängt das an? Hier und Jetzt oder bei meiner Geburt oder Zeugung oder der Begegnung meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern? Oder bei meiner ersten Erinnerung? Oder mit meinem ersten Tagebuch, in dem ich mich schreibend an mich selbst richtete?

Ich. 31 Jahre, 163 cm, 55 kg, dünner als ich mich fühle. Ich habe studiert, aber nicht so richtig. Ich arbeite, aber nicht so richtig. Weil allein, daheim und ohne Ziel, von Auftrag zu Auftrag, der mir zufliegt, mich einnimmt, verschlingt und dann wieder ausspuckt. Jedes Mal denke ich, das mache ich noch, danach wird alles anders. Es muss sich etwas ändern, nein – nicht etwas, alles muss sich ändern. Arbeit, Ort, Familiensituation. Entweder ich werde schwanger oder. Oder was?

Ich. Dehydriert. Ich empfange zu viele Signale, Radiowellen, welcher ist mein Sender? Die Antennen sind aufgestellt, der Empfang gestört durch den Matsch in meinem Kopf, wohltuender Nebel, Regenwolken über uns, Stimmen von drüben, Plätschern vom Teich, Tropfen von oben, Schritte im Kies, Wind in den Bäumen, Vogelgezwitscher, klackernde Boule-Kugeln. »Oh la la Monsieur«, ruft einer, der so viel schöner gealtert ist als seine Frau. Ich sehe, wie sie an sich arbeiten, seit Jahren ihre Zweisamkeit verteidigen, gegen sich selbst, das Alter, die Zeit. Ich habe Durst.

Vielleicht interessant

Gestern am Fluss, da lagst du und ich wollte, dass du mich siehst. Seit ich denken kann, will ich gesehen werden. Von Männern. Papa, Opa, die Jungs aus der Nachbarschaft, aus der Parallelklasse, aus dem Dorf, der Clique, im Delta, im Urlaub am Strand mit 13 in diesem Bikini mit Reißverschluss zwischen den noch nicht vorhandenen Brüsten. Ich öffnete ihn dennoch so weit wie möglich. Schaut mich an! Was seht ihr? Sehe ich mich erst durch euren Blick? Ein unscheinbares komisches Mädchen, vielleicht interessant. Was sie wohl denkt? Wie sie wohl nackt aussieht? Wie sie im Bett ist? Und wenn sie erst loslässt und aufblüht, dann wird sie groß und schön und berühmt mit ihrem schiefen Blick auf die Welt. Ganz genau beschreibt, seziert, durchbohrt sie die Menschen um sich herum. Projektionsfläche, ich und ihr. Warum interessiert mich der Blick der Männer? Derjenigen, die stark scheinen und schonungslos in ihrem Urteil. Dein Blick. Weil du schreibst? Weil ich schon immer eine Romanfigur sein wollte? Wenn sich mein Handeln durch deine Feder fügt, wenn meinen Weg nicht mehr ich bestimme, sondern dein Schreiben. Und warum nicht mein Schreiben? Ein Leben, erschrieben statt erlebt? Kann ich nur beschreiben, was ich auch erlebt habe? Als ob ich schon so viel erlebt hätte. Genug, um mich den Rest meines Lebens mit dem Bisherigen zu befassen. Am liebsten möchte ich doch Bücher lesen, in denen ich selbst vorkomme, wahrhaftig, mein Innerstes erfasst. Und warum solltest du das besser können als ich? Zumal noch ein Mann, irgendein schreibender Mann.

Leichtigkeit

Hier komme ich sofort an. Alles ist mir vertraut, das Haus und der Garten, die Abläufe und Rituale, die Offenheit der Leute, die Leichtigkeit. Als würden wir dort ansetzen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Ein unendlicher Aufenthalt auf dem Schloss, nur kurz unterbrochen durch ein Jahr woanders. Wie die Träume, nur kurz unterbrochen durch den Tag. Alles fällt von mir ab, ich möchte auch nicht darüber sprechen, was war, wie es mir ging im letzten Jahr, was ich so mache und was ich noch alles tun könnte. Oder doch – das geht ganz gut aus der Distanz, der Konjunktiv.

Morgenluft

Etappe drei oder sechs unserer Reise: Schloss Vellexon! Ich sitze im Tanzsaal, der jetzt Yogaraum ist – das Schloss hat neue Besitzer. Mein Blick streift über die Landschaft vor dem Fenster, kühle Morgenluft strömt herein und ein Lachen von unten – ich weiß, wem es gehört, ich weiß nur nicht mehr, was ich mit ihm reden soll. Alles gesagt. Neuen Leuten von neuen Ideen zu erzählen, fällt mir so viel leichter, als Freunden, die mich kennen und meine Pläne womöglich gleich in die Schublade einordnen, in der sie mich gut aufgehoben wissen.

Overall

Im Traum besuche ich Kasia in ihrer Hütte auf dem Berg. Statt ihrer Kunst nachzugehen, kümmert sie sich dort um drei Puppen. Du holst mich ab und setzt mich auf deinen Rücken, du rennst mit mir den Berg hinauf, so schnell, dass wir zwei Radfahrer überholen und fast abheben. Du lässt mich los und rennst weiter, ich rudere mit den Armen, mache Schwimmbewegungen und schwebe dir langsam hinterher. Da steht Paul in einem roten Overall und spritzt eine Fassade ab. Ich frage ihn, was er da macht. Er sagt, er habe seinen Job verloren, ihm ist ein großer Fehler unterlaufen, er möchte nicht darüber reden. Ich warte an der Straßenkreuzung, bis er fertig ist. Ich will ihn fragen, wohin er jetzt geht. Er schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, biegt um eine Ecke und ist plötzlich weg – wie vom Erdboden verschluckt. Ich renne hin und her und rufe: Paul! Paul! Paul? Wo bist du?

Eiswasser

Im Traum packe ich einen weißen Transporter voll mit meinen Sachen, die sich in den letzten Wochen angehäuft haben. Als ich fertig bin, stelle ich ihn in die Garage. Wir fahren erst nach dem Abschlussfest am Samstag los. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich jemand daran zu schaffen macht, das Gefährt rollt langsam los, ich springe auf und versuche, die Fahrerin aufzuhalten. Hinten drin sitzt eine Gruppe junger Frauen – Sozialarbeiterinnen, wird mir gesagt, als würde dies das »Ausleihen« meines Mietwagens entschuldigen. Ich erzähle von meinem ehrenamtlichen Engagement der letzten Wochen, alle sind unbeeindruckt. Beim Besuch der Lebenshilfe werde ich still und bewundere, wie aufopferungsvoll die Frauen hier täglich für die Menschen da sind. Sie lachen und trinken Schnaps. Die Fahrerin erzählt mir von ihrem familiären Schicksal: Als die Tochter verkündete, sie wolle weg und Kunst studieren, habe sich der Vater ins Eiswasser gelegt. Er hätte gerettet werden können, doch er sagte nur danke und tauchte ab.

Schwarzwasserhütte

Hüttenschlaf mit verzerrten Fratzen, Symbolen, Fischgräten im Schutzhelm, von einer Form in die andere fließend. Kein Zeichner kommt mit bei der Geschwindigkeit, in der sich alles ändert – Themen, Farben, Kulissen.

Clara und Philipp packen ihre Sachen. Aus dem Fenster des Frühstücksraums schaut ein Kind, in der Nähe Kuhglockengeläut, vor mir die aufgehende Sonne und schattige Berge. Ich hänge noch zwischen Traum und Tag, im Wissen, dass der Traum das eigentliche Leben ist, aufregend und wirr.

Raus

Jetzt haben wir Urlaub! Seltsam, dass ich dermaßen strahle, wenn ich das verkünde. Die Bildschirmabhängigkeit und Lethargie in unserer Wohnung ertrage ich keinen Tag länger – raus hier, raus! Augen auf für die Welt und füreinander. Dabei ist Urlaub nur eine Idee, ein Konzept. Wenn man das braucht. Brauchen wir. Jetzt.

Patrick überredet mich, bei der Critical Mass mitzuradeln. Meine erste Demo (wie peinlich). Ich entdecke neue Ecken, Freunde, Bekannte und das starke Gefühl, auf dem Rad durch den Wagenburgtunnel abwärts zu sausen. Am Ende des Tunnels blendet uns goldenes Abendlicht, kurz bevor die Sonne hinter dem Berg verschwindet.

Lichtschacht

Im Traum muss mein Uropa raus aus seinem Haus. Sein ganzes Leben hat er dort gewohnt, jetzt wird es abgerissen. Nana plant einen Sitzstreik, denn das dürfen wir uns nicht bieten lassen – zumal wir nicht wissen, wohin mit ihm. Wir selbst haben testweise ein Haus geplant und bauen lassen: Ein riesiger Lichtschacht in der Mitte sorgt für Tageslicht in allen Etagen. Es gibt kleine Wohnungen, Einzelzimmer, Gemeinschaftsräume und Arbeitsplätze. Alles aus Holz, nur unter der Treppe liegt Teppich – du schüttelst den Kopf darüber. Sonst ist es ein gutes Haus, aber wer weiß, ob wir es uns jemals leisten können. Im Garten steht ein großer Baum, zwischen den Ästen sitzt mein Papa mit Säge. Die Leiter steht zu weit entfernt, ich bin nicht schnell genug, also springt er und lässt sich auf alle Viere ins Gras plumpsen. Sylvia lädt uns ein zu einer alternativen Stadtführung in Feuerbach. Ich bin zu spät dran, auf dem Weg zur Bahn hält jemand mein Rad fest – es ist Sylvia, die ihre eigene Veranstaltung schwänzt. Stattdessen gehen wir zurück zu unserem Haus, das jetzt von Festivalbesuchern besetzt ist. Heute tanzt jeder auf einer anderen Party.

Erdrutsch

Traumversatzstücke: Ein rotes Silberpapier auf dem großen Zeh, bewundert von den Damen aus der Nachbarschaft. Eine Wiese, regennass und voller Picknickdecken. Vortanzen, Abwarten, krabbelnde Kinder. Ein Erdrutsch im Schlamm. Ein riesiger Saal mit gigantischem Kronleuchter, einstürzende Decke, die den Blick auf die Sterne freigibt. Ich falle nach oben in die Nacht.

Russland

In der Abenddämmerung mit der Familie am Strand, wir liegen im seichten Wasser und diskutieren, ob das Wasser wärmer ist als der Wind. Kirchenglocken scheuchen uns auf, wir müssen uns beeilen, um rechtzeitig vor dem Gottesdienst unsere auf dem Steinboden verstreuten Dinge zu sortieren und einzupacken – es ist unser letzter Abend in Russland. Lena und Jana sitzen wartend auf ihren gepackten Koffern und kommentieren den Kram, den wir im Laufe der Reise gekauft haben, vorwiegend Bücher. Lena sieht die Preise und ist schockiert, wie viel Geld wir ausgegeben haben. Ich sage ihr, was sie in Schuhwerk, Jacken und Gewehre investiere, fließe bei uns eben in Bücher. Sie zuckt mit den Schultern und geht schon mal vor. Das Glockengeläut wird drängender, wir sind zu langsam. Gudrun zeigt uns einen Stein, der aussieht, als habe darauf der faltige Hinterkopf eines Säuglings seinen Abdruck hinterlassen. Sie streicht liebevoll darüber und ist glücklich über ihren Fund. Während wir noch packen, erzählt sie uns alles, was sie im Internet über diese Kirche gelesen hat: Die Bodenplatte sei vom Eingang bis zum Altar unterteilt in sieben Abschnitte, wie die Teile eines Briefes. Und Briefe schreibe man hier nur im Beisein der Mutter, die am Anfang und Ende jedes Absatzes erwähnt sein muss. Der Boden ist nun leer, die Koffer sind gepackt, die Glocken verstummt. Von außen lauschen wir den Gesängen und schauen durch die Kirchenfenster, die farbigen Scheiben wie Buchrücken an Buchrücken im Regal, wir setzen uns auf Höhe der Titel.

Leidenschaft

Er spricht so begeistert, da hüpft mein Herz. Seine Leidenschaft für seine Arbeit verdrängt alles andere: Freunde, Freizeit, Urlaub, Liebe, Kinder. Das ist doch nicht gesund! Aber ein Geschenk für die Kunst- und Bücherwelt. Man kann nicht ein bisschen so sein – nur ganz oder gar nicht.

»Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe ... Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person.«

Peter Stamm: Agnes

Lilablau

Theaterprobe zu Justynas neustem Stück. Ich soll ein Kochbuch dazu gestalten mit handgeschriebenen Rezepten aller Darstellerinnen. Der Saal ist dunkel und leer, das Stück geht los. Futuristische Kostüme, die Handlung verstehe ich nicht. Ich stehe im Weg, werde mal hierhin und mal dorthin geschoben und spontan Teil der Inszenierung. So normal gekleidet wirke ich wie aus einer anderen Zeit. Wir fahren durch die Stadt, selbst diese ist völlig verändert, wie ein Rendering, es fehlen die Details. Ganze Viertel sind lilablau gestrichen, auch die Dächer und Straßen. Weit und breit keine Autos außer unserem Lastwagen, dessen großflächiger Aufdruck mit einem erstaunt dreinblickenden Smiley – ein mit dicken Linien gezeichneter lilablauer Quadratschädel – für das Theaterstück wirbt. Vorne im Wagen sitzen Winfried und Katrin, wir besprechen das Buch: Handschrift und Handskizzen der Gerichte, eine Doppelseite pro Künstlerin. Ich krame in meiner Tasche, mein Smartphone fällt heraus und das Display zersplittert am Polster, das hart ist wie Stein. Alles Kulisse. Ich kann mein Notizbuch nicht finden, also fahren wir zur Google-Zentrale, finden keinen Eingang. Ich rufe meinen Kollegen an und bitte ihn, mir mein Notizbuch und den gelben Kugelschreiber herunterzuwerfen. Stattdessen öffnet er die gläserne Lamellen-Fassade für mich. Das Gebäude kann noch mehr: Wer versucht an der Fassade hinaufzuklettern, wird mit Illusionen seiner größten Ängste konfrontiert: Spinnen, Wespen, Höhe – individuell projiziert. Google weiß ja alles. Auch über die eigenen Mitarbeiter. Das machen wir uns zunutze und drehen den Spieß um. Im Gebäude wimmelt es von Phobien, bald haben wir alle vertrieben und die Etage für uns. Die Welt, eine Projektionsfläche individueller Ängste und lilablauer Visionen.

Wurzeln

Vor einigen Jahren hatte ich das große Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Jetzt möchte ich mich ausgraben und verpflanzen. Oder ich lasse den Baum stehen und fliege als Samenkorn weiter in neue Erde. Oder in alte Erde, hier am See?

Käse

Traum von einem Theaterstück, zu dem wir mehrfach zu spät kommen. Bei der Dernière sehen wir zumindest den Schluss: Ein gedeckter Tisch mit rotem Essen, rote Bete, Traubensaft, Beeren – später in gelb, dann in weiß. Dazwischen schleichen Schildkröten, die von zwei kleinen blonden Mädchen in weißen Hemdchen durch den Raum gejagt werden. Die Rollen von Schauspielern und Publikum drehen sich um, das Publikum steht im Rampenlicht und wird von den Darstellern beklatscht. Darüber hängt ein Käfig mit müden Vögeln. Am Ende stellt sich heraus: Alles nur zu Werbezwecken für Käse.

Leben

Draußen wirbelt ein Sturm die Abendpläne durcheinander, während ich drinnen sitze und nach meiner Mitte suche. Dann traue ich mich doch raus in den warmen Sommerwind und stelle fest: das Leben aus meinen Träumen gibt es tatsächlich. In der fast windgeschützten Bucht werde ich mit offenen Armen willkommen geheißen, so wie ich bin, ganz nah, vom ersten Moment an. Ich bin überrascht, überwältigt, überfordert von so viel Zutraulichkeit und liebevollem Streicheln. Gitarren unterm Sternenhimmel, Barfußtanz im Sand, ein Mondbad. Mein Kopf will diese Nähe, doch mein Körper sucht Distanz. Oder umgekehrt. Wieso bin ich nach Hause und nicht mit? Zu schnell, zu nah, zu viel? Mir fällt wieder ein, wie leicht es hier am See ist. Ich will hier leben. Ich will leben.

»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen ... Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen ... Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«

Peter Stamm: Agnes

Feuertaufe

Ein Mädchen malt Buchstaben, einen pro Blatt. Das Los soll über ihren Namen entscheiden. Ein Mann in futuristischer Ritterrüstung wacht über ihre Kalligrafie, in einer riesigen Halle aus schmutzigem Beton, vielleicht ein Bunker. Sie freunden sich an. Um die Zeremonie zu verhindern, inszeniert er einen Großbrand, schüttet Benzin oder Wasser aus Kanistern über den Boden, zwei Metallbleche schlagen aufeinander, dazwischen liegen kichernd Rachel und Matthieu und machen Lärm wie Donner. Geknister aus Lautsprechern, projizierte Flammen und rotes Licht verscheuchen die Menschenmenge aus der Halle, nur deren Anführer glaubt dem Feuer nicht. Er schickt ein rostiges, trapezförmiges Flugobjekt, das aus der Luft Wasser in die Halle kippt. Der Ritter flieht, verkleidet und rasiert sich, schneidet sich die Haare ab – nicht einmal das Mädchen erkennt ihn mehr. Sie steht im Kreis der Neuen, der Anführer schreitet durch die Mitte und mustert jede und jeden. Bei dem Mädchen bleibt er stehen, er küsst sie und gibt ihr seine Brille, hinter der es dunkel wird mit weißen Punkten, ein Blick in die Galaxie. Sie wurde auserwählt, nur einen Namen hat sie noch immer nicht.

Lärm

Zwei Metallbleche schlagen aufeinander wie Donnergrollen, dazwischen liegen Mathieu und Rachel und machen Lärm.

Waldhaus

Traum von einem dunklen Holzhaus, mitten im Wald an einem schlammigen See, vererbt an die Familie meiner Freunde. Wir beziehen es zu dritt, ohne zu wissen, ob wir es uns leisten können. Mein Zimmer steht voll mit Dingen, die ich nicht mehr brauche. Sara, die älteste Schwester, führt ihr Pferd um den See, Ben und ich begleiten sie. Wir landen im Schlamm und sortieren meine Dinge, Schublade um Schublade, die Unterlagen werden nass und gehen unter oder treiben davon. Egal, wir brauchen nur noch uns. In der Nähe gibt es ein Wirtshaus, in dem ich oft sitze. Der Sohn der Wirtin schaut verliebt. Eines Tages zieht er mich unter den Tresen und küsst mich. Es wird eine essbare Landschaft aufgebaut, Orangensaft mit Sprudel in Flaschen gefüllt, kräftig geschüttelt und darüber geschüttet. Alles blubbert und spritzt in Fontänen nach oben. Gelbe Springbrunnen, Blumen aus Obst, ich schaue begeistert zu. Flüsternd erzähle ich dem Jungen von meinen Freunden und unserem Haus, in dem noch Platz für ihn sei.

Ernst

Das Gefühl, dass ich es nicht ganz ernst meine mit dem, was ich tue.

Nachbarsgrün

Schwitzendes Bild mit 5 Sieben

Verkehrserziehung

Im Wartezimmer liegt ein Spielteppich mit Straßen, Parkplätzen, Bushaltestellen, Kreisverkehr mit Kreisverkehrskunst, Zebrastreifen und Grünstreifen mit Bäumen. Häuser mit Kino, Post, Polizei, Feuerwehr, Tankstelle, Waschanlage und Kiosk, auf den Dächern Lautsprecher, Satellitenschüssel und Windhose. Ein Park mit See, Segelboot und Eisverkäufer, ein Spielplatz mit Wippe und Schaukel. Und ein Bauernhof mit Traktor, Hühnern, Schafen, Scheunentor und Lattenzaun.

Näher ran

Ich habe so große Lust, meine Träume zu tippen, meine Notizbücher und Fotos der letzten Jahre zu durchforsten, Momente auszugraben, etwas großes Ganzes daraus entstehen zu sehen.

Alles hängt mit allem zusammen. Alle Geschichten sind schon einmal dagewesen. Bei jedem Buch, das ich lese, gibt es diese Déjà-vus. Jedes neue Gesicht, in das ich schaue, ähnelt einem, das ich schon kenne. Das Leben besteht aus Wiederholungen das Immergleichen. Ist das gut? Oder soll ich raus aus diesem Kreis, der sich immer enger um mich legt? Ich will tiefer rein und näher ran an den Kern, der die Dinge im Innersten zusammenhält.

Frei

Ich nehme mir einen Tag frei. Heute. Also ob ich nicht jeden Tag frei wäre, das zu tun. Aber es wirklich zu tun und es allen zu sagen, das ist neu. So viele Möglichkeiten, jeden Tag. Schreiben und Zeichnen! Oder ins Freibad? Ein Tag scheint zu wenig und doch, Moment für Moment, unendlich lang.

Badewanne

Im ›Piece of Cake‹ ein Zusammenschnitt von Badewannenszenen aus Filmen: Kinder, Männer und Frauen im Schaum, Wetttauchen, Singen, Essen in der Badewanne, und natürlich Selbstmord und Todschlag, blutrotes Wasser. Und wieder Waschen, Einseifen, Entspannen.

Nachtzug

Du rollst gerade in Berlin ein, im Nachtzug, zu dem ich dich gestern Abend gebracht habe. Ein langer Kuss auf dem Bahnsteig, ein kurzer Gedanke, ob ich nicht einfach mitfahren soll, mit dem Wenigen, was ich bei mir trage: Kleid und Sandalen, Handtasche mit Geld, Handy und Notizbuch. Pflichtbewusstsein und Vernunft halten mich zurück. Doch morgen fahre ich dir entgegen, wir sehen uns in Kassel.

Heimweg

Traum: Auf dem Heimweg komme ich an Anjas Elternhaus vorbei, im Garten laufen die Vorbereitungen für ihre Hochzeit. Ich winke ihr von der Straße aus zu, sie bittet mich rein und zeigt mir das Chaos der Vorbereitungen – so vieles ist noch nicht fertig, in drei Stunden kommen die Gäste. Ich werde empfangen und umsorgt, als wäre ich ihre beste Freundin, selbst ihre Mutter und Schwester lassen alles liegen, um mich angemessen zu begrüßen und zu bewirten, dabei bin ich nicht mal eingeladen und so gut kennen wir uns gar nicht. Vielleicht sind sie froh über die kurze Ablenkung in dieser angespannten Situation. Zum Abschied drücke ich Anja, wünsche ihr einen wunderschönen Tag und Gelassenheit mit den Kleinigkeiten, die nicht mehr fertig werden. Ich packe meine sieben Taschen und gehe zur Bahn. An der Haltestelle steht Sebastian. Welch eine Überraschung, ihn hier zu sehen! Er trägt einen schwarzen Anzug, der steht ihm gut. Bisher kannte ich ihn nur in praktischen Outdoor-Klamotten. Wir umarmen uns zur Begrüßung, lange, zu lange. Ich spüre seine Wärme, mag seine Nähe, da kommt meine Bahn. Kurzentschlossen steigt er mit ein. Durchs Fenster zeige ich auf den Garten, in dem gleich seine Hochzeit stattfindet, die ersten Gäste sind schon da. Er zieht mich an sich, versteckt uns hinter einer Zeitung und küsst mich. Die Stadt wimmelt von den Hochzeitsgästen seiner zukünftigen Frau. Er lacht nur und die Bahn rollt weiter bergab, Station um Station macht er keine Anstalten auszusteigen und umzukehren. Als ich dann aussteigen will, greift er zwei meiner Taschen und geht voraus. Ich kämpfe noch mit einem Henkel, der hat sich verhakt und es dauert Minuten, bis ich ihn befreit habe. Die Bahn rollt schon wieder, die Türen sind noch offen, ich springe ab und stehe inmitten einer vierspurigen Straße. Da kommt Sebastian keuchend angelaufen, sein Anzug ist zerknittert und das weiße Hemd klebt an ihm wie nach einem Marathon. So kann er nicht heiraten. Ich weiß, sagt er lachend und nimmt meine Hand.

Geschichten

Im Traum kommst du, um mich zu wecken, küsst mich auf den Mund. Ich schrecke auf, kann mich nicht bewegen – ich träume noch. Stimme des Erzählers: »Die Leute machen weiter, jeden Tag, denn die Geschichte muss ja weitergehen.« Ich sehe ein Kinderbuch über eine Welt, etwas mittelalterlich, mit Markt und Stadtmauer. Ein Kind fragt immerzu: »Und wie geht die Geschichte weiter?« Alle tun komische Dinge, die nicht zueinander passen, da jeder seine eigene Geschichte schreibt, ohne auf die Geschichten der anderen einzugehen. Alle reden durcheinander. Geschichten in Geschichten und niemand, der uns das Erzählen lehrt. Wer erzählt, ist verantwortlich für das Durcheinander hier.

Ausstellung

Meine Ausstellung steht und ist eröffnet. Sie ist leicht zu übersehen, unscheinbar am Rand platziert. Wieso verstecke ich die Dinge so? Vielleicht weil auch meine Sehen so ist? Alltägliche Beobachtungen, nicht inszeniert. Klein, leise und ruhig, im Schatten oder Halbschatten. Schon lustig, die Kunst: Man taucht ab, macht, legt hin, lädt ein – alle kommen, schauen und nicken.

Antrag

Der Bundestag beschließt die Ehe für alle. Clara macht mir spontan einen Antrag, ich sage sofort ja. Du stehst daneben – amüsiert und auch etwas verschreckt, zumal wir gleich allen erzählen, dass wir verlobt sind. Trauung in Konstanz, in der Kapelle, die meinem Papa so gefällt. Dann mit dem Schiff raus auf den See, ein Fest auf dem Wasser, die Nacht in Bregenz. Und dann leben wir am Bodensee, genau zwischen Konstanz und Bregenz, auf einer eigens für uns aufgeschütteten Insel, in einem Haus, das du für uns entwirfst. Wir adoptieren dich und Sabine wird Trauzeugin, die den Junggesellinnenabschied organisiert – garantiert ohne Eierlikör, Alkohol aus Spritzpistolen und Kartoffelsalat in Plastikeimern. Wir tragen Kleider, ich in blau, Clara in pink. Oder doch ein rosa Anzug? So streichen wir dann auch unser Haus mit Holzwerkstatt und Atelier in blau und rosa.

Drei Heiratsanträge

Lieber mit Justyna am Feuer, lieber neue Leute mit Geschichten von einem Tag in Polen mit drei Heiratsanträgen in einer Familie, einer davon auf einem Ameisenhaufen. Ja! Jubelnder Sprung in einen Fluss.

Kuchen

Im Traum ein Mord oder Selbstmord. Ich habe damit zu tun, weiß aber nicht, was passiert ist. Ich irre durch die Universität auf der Suche nach Spuren, die ich verwischen will. Eine Trauerrede im Hörsaal, nur Männer in schwarzen Anzügen, daneben ein Theaterstück von Studierenden. Als Kulisse steht da ein Lastwagen, ich setze mich ins Fahrerhaus und verfolge die Handlung, als könnte sie mir sagen, was passiert ist. Auf meinem Bauch entdecke ich Fußnoten, zu jedem Leberfleck eine. Du setzt dich zu mir auf den Fahrersitz und schaukelst, bis die Kulisse wackelt und die Karosserie nach vorne wegklappt. Wir sitzen im Rampenlicht, die Schauspieler spielen einfach weiter. Ich will nicht gesehen werden, flüchte in unsere Wohnung – sie ist winzig und von dunklen Tüchern verhangen. Muffige Geheimnisse liegen in der Luft, die Nachbarin heult, stürzt die Treppe hinab, du gehst und schaust nach ihr. Bei mir sind Steffis Kinder, auf die ich aufpassen soll, auch Amelie und Vincent. Alle wollen meine Aufmerksamkeit, doch ich fühle mich verfolgt. Die Kinder haben Hunger, da fällt mir ein: Es gibt eine Kantine, die gratis die Reste eines Luxushotels anbietet. Man soll anfangs zumindest vorgeben, Spenden zu wollen. Es gibt Berge an Kuchen, Törtchen und Waffeln, aber nur noch winzige Teller. Ich lade mir meinen so voll, dass ich ihn kaum tragen kann. Auf dem Weg vom Buffet zu den Tischen verliere ich einen Brownie, einen Käse-Kirschkuchen und eine vor Zucker triefende belgische Waffel. Der ganze Boden liegt voller Kuchen, mein Teller ist leer. Ich gehe zurück zum Buffet und finde nur neue Kuchen: Rhabarber mit Baiser-Bergen, verbrannte Reste. Auch die schlage ich mir auf den Teller und verliere sie auf dem Weg zum Tisch, an dem die Kinder sitzen, mit großen Augen und knurrenden Bäuchen. Das unfreundliche Personal (wie die Kuchen aus dem Hotel aussortiert) schaut mich vorwurfsvoll an, liest die Kuchen vom Boden auf und stellt sie zurück ans Buffet. Ein Anschein von Schlaraffenland, die Behauptung von Großzügigkeit, aber am Ende doch nur leere Teller und ein verklebter, krümeliger Boden. Und eben ein Mord, an den ich mich nicht erinnern kann.

Kein Tag ohne Schreiben, dem Denken wegen. Das Papier ist mein Zuhause, da bin ich ich. Jeden Tag neu.

Ameisenstraße

Der Traum ist bunt und laut, gewaltsam und schön. Männer, Frauen, verwischt – reduziert auf ein Gesicht, das wie ein Mahnmal vor mir schwebt. Als ich aufwache, krabbeln überall Ameisen.

Alles verkaufen und verschenken, nur ein Rucksack und los. Oder liegt es am Sommer, dass ich die Dinge, Bücher und Wollsachen nicht mehr verstehe?

Mein Kinderzimmer

Ein Hochbett mit guter Aussicht auf die Blumenwiese, die damals noch kein Wohngebiet war. Wand und Decke aus Holz mit Astlöchern, in denen ich Tiere sah. Neben dem Kopfkissen an der Wand ein Bildchen, ich glaube gestickt von Mama. Sie hatte ein paar so Schätze, eine hübsche Nadeldose (die hat sie heute noch) und Metallplättchen mit Glasblumen, selbstgemacht, nur wie? Unter dem Hochbett mein Puppenhaus mit elektrischem Licht und Klingel, es hat mal Mama und ihrer Schwester gehört. Opa baute mir den dritten Stock dazu: Kinderzimmer und Bad. Vom Taschengeld kaufte ich mir Polly Pocket, noch kleinere Welten. Und gegenüber der Kaufladen, auch von Mama geerbt. Jetzt mit Holzgemüse (vielleicht auch erst später, als es der Laden meiner Schwester war). Mein Schreibtisch hatte vorne so ein rundes Fach für Stifte und einen roten Stuhl. Immer lief ein Hörspiel rauf und runter. Dazu habe ich gemalt und mir selbst Geschichten erzählt. Oder den Barbies Kleider genäht, Villen aus Lego gebaut und Gärten angelegt. Und jedem Besuch musste ich es zeigen: Mein Zimmer, meine Welt.

*

Sie hat ein Sternchen geboren, vorletzte Nacht.

Müder Künstler

»Kunst macht genauso müde wie andere Jobs, oder noch viel müder, weil nie klar sein wird, wieso man das tut. Das muss man selbst wissen.«

Blau oder rotweiß gestreift zu schwarz, oder rosa zu schwarzweiß kariert?

Schreibfluss

Abends wiegen die Sorgen schwerer als morgens. War es vor den Morgenseiten nicht umgekehrt? Muss ich mich nun auch abends leer schreiben? Oder einfach immer weiterschreiben, den Stift nicht mehr absetzen, jeden Atemzug festhalten in einem immerwährenden Schreibfluss ohne Punkt und Komma mit Sprüngen in alle Richtungen unvermitteltselbstdielücken
zwischendenwörternweglassennurnoch
einflussausbuchstabenbisinalleewigkeit, Amen.

Bauchnabel

Geträumt von der Gestaltung eines Buchtitels mit Loch als Bauchnabel. Von einer Ausstellung mit Fotoshooting, Jonas als Model und Blitzanlage. Daneben Musik aus Kopfhörern, selbst komponiert. Ich kenne die Posen, mein Stift ist zerbrochen, mein Magen rebelliert.

»Der Prozess des Kunstschaffens konfrontiert eine Gesellschaft mit sich selbst. Die Kunst bringt Dinge ans Licht. Sie erleuchtet uns. Sie durchdringt unsere anhaltende Dunkelheit. Sie beleuchtet das Herz unserer eigenen Finsternis und sagt: Na, siehst du?«

Sammlung

Etwas Magie in meinem Zimmer: An der Wand zwei Regenbögen und ein Sonnenfleck. Das will ich immer einfangen und wie einen Schatz aufbewahren.

Elternkind

Ich sehe anderer Leute Kinder und schaue nicht die Kinder an, sondern die Eltern – aus der Kind-Perspektive.

Serotonin

Miserabel geschlafen, die dritte Nacht in Folge. Seit ich von Serotoninmangel gehört habe. Nun liegt sogar ein Druck auf meiner Schlafqualität.

Fensterblicke

Stickige Luft im Wartezimmer. Das Fenster unterteilt die Komplexität der Welt in einzelne Ausschnitte. Jeder für sich genommen scheint verständlich, wie jeder Moment für sich genommen erträglich ist. Ich schaue auf einen Fensterausschnitt, vorne ein altes Dach, dahinter eine neue Fassade, oben ein Stück Himmel. Neun Fenster, neun Ausschnitte. Ich mag diese Aufteilung der Welt, Fensterblicke. Details statt das große Ganze. So ist es auch mit meinen Grundsatzfragen – die kleinen Beobachtungen retten mich vor dem großen unfassbaren Ganzen.

Das Loch

Dieser Typ, der mir alle paar Jahre über den Weg radelt oder läuft oder plötzlich dasteht und guckt – als ob er mich immer mal wieder daran erinnern wollte, dass ich mich nicht erinnern kann. Als ob er wüsste, wer ich bin und wer ich nicht war, als ich ihn küsste und kurz darauf ging und einen Anderen mit nach Hause nahm. War das überhaupt er? Oder hatte ich mir den Kuss nur gedacht, als ich ihn bei einer anderen Party tanzen sah? Von dort kam ich nicht mehr nach Hause, es war zu spät. Ich fragte einen harmlos aussehenden Jungen, ob ich bei ihm schlafen könne. Ich wusste nichts über ihn, folgte ihm zu seiner Wohnung, bekam ein großes weißes T-Shirt und legte mich in sein Bett. Ich wachte früh auf und nahm den Bus, nur weg, nichts wie weg. Wer war ich? War ich überhaupt? Ich kannte hier niemanden und niemand kannte mich. Hinter mir war alles zusammengebrochen, alle wollten weg, also ging auch ich. Nur wohin? Und wie sollte es weitergehen? Ich war einsam, ohne Heimat, Liebe, Halt und so sehr auf der Suche. Dann fand ich das große Nichts. Das Vergessen. Ein Loch in meiner Erinnerung. Manchmal krabbelt dieser Typ dort heraus. Vielleicht will er mir sagen, wie es dort ist, in diesem Loch, in dem ich ihn einfach so habe stehenlassen, um kurz etwas zu holen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar so gemeint. Oder jemand hat schräg geguckt und mich erkannt, ich wollte kein Gerede. Oder ich ahnte, dass er gerade dabei war, sich zu verlieben, mich zu verhexen und dann zu gehen. Vorher ging ich. Doch er geht nicht. Taucht ab und zu auf und guckt. Dieser schiefe Mund, immer in Bewegung, als wüsste seine Zunge nicht wohin mit sich. Nächstes Mal frage ich ihn, was damals war, ob was war, ob mein eigentliches Leben genau dort in diesem Loch weiterging, während ich hier draußen danach suche.

Fundstücke

Und immer sah eine aus
wie meine Oma mit so Locken.

Selbst eine Briefmarke
wäre dir zu groß.

Du liest und liest, bis du
nichts mehr siehst.

Hypnagogic visions greet me
on the verge of sleep.

Fernweh

Das Leben wird also langsamer mit 31. Man geht nicht mehr aus und merkt es nicht einmal. Nur wenn eine Freundin kommt, die man schon 12 Jahre kennt, oder immer noch nicht. Man leert eine Flasche Wein und lacht wie früher. Und dann? Man spricht von dreimonatigem Fernweh, dem man keine Reise entgegensetzt, sondern ein aalglattes Portfolio, zu dem weder Werber noch Architekten nein sagen können. Für wen will man arbeiten? Will man überhaupt arbeiten? Und was tun, wenn nicht? Hinschmeißen, Esandersmachen, Panik.

Draußen dreht sich das Karussell weniger schnell.

»… eine sprachsprühende Feier der Freundschaft und der Literatur, dieser beiden lebensrettenden Anker.«

In jeder Familie herrscht ein anderes Schweigen.

Papierquadrate

Heimaturlaub

Neonzahlen

Rohbaukirche

Doppelgänger

Lilabeeren

Nachtschatten

Blättermeer

Traum in weiß

Im Traum hänge ich meinen weißen Pullover zurück in den Laden und nehme mir einen neuen. Der Verkäufer merkt es, ich rede mich raus, dass es ein Versehen gewesen sei. Danach gibt es Kuchen in einem idyllischen Garten und ich bestelle immer weiter, obwohl der Kellner (vorhin Pulloververkäufer) gerne Feierabend machen würde.

Kleiner und dunkler

Im Zug hätte ich das Buch gerne kleiner und dunkler gemacht – es ist so bunt, dass alle hinschauen.

Giebelhaus aus Oliven

Auf der anderen Seite des Flusses, direkt am Wasser, steht ein kleines Giebelhaus. Es war mal meins, Oma hat es für mich gekauft. Doch es wird seit einiger Zeit rückvergütet, in Oliven. Gleichmäßige Portionen, aus denen Muster gelegt werden können, so groß wie das Haus.

R E N T E
E R N T E

– Es gibt ja auch wieder Anfänge.
– Nein, nur noch Enden, lauter lose Enden.

Conversation in Numbers

How long did you drive from there?
How long will you stay here?
When is the opening?
When were you here last year?
How many years have you lived there?
When will you go back home?
When do you get up in the morning?
At which time do you start working?
How many people work there?
How old are you?
Since when do you live here?
What time is it?

Traum: – und weg.

Farbschichten

Schnörkelschatten

Feuilles de la Krutenau

Nebelblick

Sichtschutz

Krutenau

Vorbereitung der Exkursion mit Clara durch Krutenau. Ich fühle mich wie Oskar auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Black.

Alexandra: »The good thing about you is that you are humble.«

Keine Aussicht

Ehemaligentreffen in einem Schlossgarten, auf dem Dach eines Hochhauses, mitten in der Stadt. Der Weg windet sich spiralförmig nach oben zu einer Aussichtsplattform, die leider so hoch bewachsen ist, dass es keine Aussicht mehr gibt. Tobi versucht mit Hilfe eines Enterhakens über die Metallkonstruktion auf das grüne Dach zu klettern. Er schafft es nicht und ärgert sich, dass er so schwach geworden ist.

Ich versuche, ein Gespräch mit Wolfgang anzufangen, frage, wie es ihm so geht. Sobald es beruflich wird, rennen er und Franzi kichernd davon. Tobi schenkt mir ein Hemd mit geometrischen Strichgrafiken, das mir wohl schon früher gut an ihm gefallen hat. Ihm ist es jetzt zu klein, während ich es höchstens als viel zu großes Nachthemd anziehen kann.

Auf dem Rückweg kommen wir durch einen labyrinthischen Garten, umgeben von einem Wohnviertel, das nach Geld riecht. Jeder Balkon hat eine individuelle Verkleidung – eine geschmackloser als die andere. Was wir sehen, sind die Spitzen von Wolkenkratzern. Wir finden den Aufzug nach unten in die Stadt, müssen aber warten. Vor uns steht eine Gruppe Jugendlicher, alle in Schwarz gekleidet, mit glänzendem Haar und von Drogen irrem Blick. Sie verschwinden im Aufzug, wir rücken auf in einen gläsernen Vorbau. Hinter uns schiebt sich ein alter Mann durch die Tür, vor sich einen Rollstuhl mit Hund.

Clara

Clara erzählt mir von ihren Eltern und dem Haus in Paris, in dem sie aufgewachsen ist. Sie zeichnet und erzählt es so plastisch, dass ich mich fühle mich wie in einem Märchen. Das Haus gleicht einem Puzzle: In der Wohnung oben links hat die Mutter früher gewohnt. Als der Vater dazu kam, wurde es zu klein für zwei, also nahmen sie die Werkstatt im Erdgeschoss dazu und bauten sie um. Später kam auch die zweite Etage dazu. Der Parkplatz wurde zum Garten, über den Hof schleicht Claras Katze. Häuser der Kindheit – ich will mehr davon!

Tous les jours

Ich bin nicht gut darin,
Dinge jeden Tag zu tun.

L’automne

Die Blätter fallen so schnell

Traum von Papieren, ineinander gesteckt, mit Plänen darauf, die nicht mehr lesbar sind vor lauter Linien.

(re)lire

Abends lese ich in meinem Tagebuch von 2015 und stoße auf ein Zitat von Knausgard, dem nur Essays und Tagebücher sinnvoll erscheinen. – Aus einer Stimme, »einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen?«

Feuilles

Wie schnell die Blätter gelb geworden sind, wie schnell sie fallen. Ich schreibe bis spät und bin doch eine Woche hinterher.

Farbschatten

Farbscheiben

unfinished thoughts

Collection of unfinished thoughts told to Markéta.

Nachtlicht

Deckenblick

Baguette

Beobachtung: Wer in Frankreich ein Baguette kauft, muss sofort ein ein Stück davon abbrechen und essen. So gesehen bei zwei jungen Damen, die kurz hintereinander den Laden verließen.

Markéta ist zurück aus Prag. Schön, nicht mehr allein in der Wohnung zu sein. Nach einer achtstündigen Autofahrt kratzt sie all ihre Energie zusammen, um den Abend – wie per Mail verabredet – mit mir zu verbringen. Sie zeigt mir das Ergebnis einer zweijährigen Recherche, ein Buch über konzeptionelle Literatur in Zentraleuropa: »Třídit slova / Literatura a konceptuální tendence 1949–2015«. Sie erklärt und übersetzt mir ein paar der Texte und Konzepte:

Alle Wörter der Odyssee alphabetisch sortiert und wieder zu einem Buch gebunden.

Alle Schrift einer Straße auf einem Plakat komprimiert.

Ein Fahrplan, dessen Ortsnamen durch Körperteile ersetzt wurden.

Texte, die ausschließlich aus Fußnoten bestehen.

Texte, von denen nur noch die Satzzeichen übrig sind.

Steffi neulich: „Glaubst du immer noch, dass die Zeit springt, wenn du durch Türen gehst?“

Vélhop!

Mein Rad ausprobiert, Freiheit gespürt.

Coquille d’escargot

Wir erkunden das leerstehende Haus gegenüber. Die Zimmer sind über die Etagen schneckenhausförmig hintereinander angeordnet. Unten gibt es ein kleines Restaurant mit überdachter Terrasse. Als Gäste vor der Tür stehen, bewirten wir sie spontan mit dem Wenigen, das die Küche noch zu bieten hat, vor allem das Geschirr ist rar. Jakob fängt an zu kochen, setzt sich dann aber doch lieber auf die Terrasse zu den Gästen. Also übernehme ich und versuche, das Allerlei aus Kohl und Nüssen zu retten. Plötzlich steht der Sohn der Hausbesitzer im Raum und sucht nach Dingen, die wir längst verlegt haben. Wir lassen uns nichts anmerken, servieren, kassieren und gehen unauffällig davon.

La page

Aus George Perecs Träume von Räumen: »Ich bewohne mein Blatt Papier, ich statte es aus, ich durchlaufe es. Ich lasse weiße Stellen, Zwischenräume (Sprünge im Sinne von Unterbrechungen, Durchgängen, Übergängen). Ich schreibe auf den Rand. Ich beginne eine neue Zeile. Ich verweise auf die Fußnote¹. Ich nehme ein neues Blatt. […] So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, mit aufs weiße Papier gebrachten Zeichen. Den Raum beschreiben: ihn benennen, ihn abstecken, wie jene Hersteller von Portolankarten, die die Küsten mit Hafennamen, den Namen von Kaps und kleinen Buchten vollschrieben, bis die Erde am Ende nur noch durch ein fortlaufendes Textband vom Meer getrennt war.«

1) Ich liebe die Verweise auf Fußnoten, selbst wenn ich dort nichts Besonderes zu vermerken habe.

Im Kapitel »Das Schlafzimmer« behauptet Perec, sich an alle Räume bzw. Betten zu erinnern, in denen er je geschlafen hat. Von Raumbeschreibungen erhofft er sich Zugang zu weiteren Erinnerungen: »Es liegt mit Sicherheit daran, dass der Raum bei mir so wirkt wie eine Madeleine bei Proust (unter dessen Zeichen dieses ganze Projekt selbstverständlich gestellt ist)«.

un / une – deux | heaven ≠ sky

Croissants gekauft – zwei, um Fehler zu vermeiden (un / une – deux). Im Atelier gefrühstückt. Nebenan ein Schrei-Seminar. Im Atelier du Livre vorbeigeschaut, Hélène meine Bücher präsentiert – auf Englisch, das sie besser spricht als versteht. Zu Mittag meine ersten Schritte über den Fluss, Quiche aux légumes. Im Flur vor meiner Tür hockt, sitzt und steht eine Zeichenklasse in drei Etagen. Nachmittags offizieller Atelierbesuch, meine Bücher präsentiert (heaven ≠ sky). Abends einsam gefühlt, eingekauft, etwas verlaufen.

Ici et là

Früh aufgewacht, über Anfänge nachgedacht. Anfangen war einfacher, als wir alle am Anfang standen, neu waren. Aufs Neue beweisen wollten, wer wir sind, den Anderen und uns selbst. Fangen wir an, erfinden wir uns neu. Fangbereit für alles Neue, das kommen mag. Hier bin ich neu.

À propos

Über oder Für?
Über überhöht sich, schaut aber hin.
Für schenkt, wo es nichts braucht.

Livre

Une lettre
Un mot
Une phrase
Un paragraphe
Une page
Un livre

Lieu

à propos d’une chambre
à propos d’un appartement
à propos d’une maison
à propos d’une rue
à propos d’un quartier
à propos d’une ville

Temps

par minute
par heure
par jour (ou nuit)
par semaine
par mois
par année

réorganisé

Chronologisch
Alphabetisch
Geografisch
Thematisch
Farblich

17.10.2016 – 13.01.2017
A – Z
N 48° 34' 54.731", O 7° 45' 31.867"
Buch, Ort, Zeit
Blau, Weiß, Rot

Le cube

Ateliereinrichtung: Zwei Tischplatten, vier Böcke, zwei Stühle, ein durchgesessener Sessel, ein Hocker als Beistelltisch, ein hoher Hocker, um aus dem Fenster zu schauen, ein Sockel neben der Tür, unter dem Nagel für meine Jacke. Der Rest kann raus oder in die Nische nebenan. Den Schreibtisch stelle ich so, dass ich die Riesigkeit des Raums nicht sehe. Da sitze ich nun. Vor mir eine hohe, weiße Wand. Und ein weißes Blatt. Was tun mit all dem Weiß?

The Blue Room

Ankunft in Strasbourg. Vor der Akademie überfällt mich eine unendliche Müdigkeit, die sich wie Nebel zwischen mich und die Stadt legt. Atelierbesichtigung und weiter zur Wohnung: Wohnzimmer, Küche und Bad (ein Traum in beige – wie daheim), vier Gästezimmer. Das mit der roten Aufschrift »The Blue Room« wird meins. Traumloser Mittagsschlaf.

Skype

[25.09.15 14:45:09] 5ee9a0
[25.09.15 14:52:37] 06d8bd
[25.09.15 14:54:17] 01e9bb
[25.09.15 14:55:25] 00ffcc
[25.09.15 14:56:31] 03eabc
[25.09.15 14:57:46] 04e0b4

»Das Leben, dieser Luxusdampfer.«

Im Zug

Sagt: »EU, Schuld, Hitler, Stalin, Putin, Kretschmann, Italiener, Türken, seit 3 Generationen, Erdogan, Es hat kei Wert …«

Je weniger sie sagt, desto wertvoller jeder einzelne Buchstabe. Und sei es nur ein »VlG Mama«.

Das mag ich:
Mit dem Fahrrad über lose Pflastersteine holpern.

Die Welt in ja und nein, gut und böse, schwarz und weiß – keine Graustufen oder Farbnuancen, und schon gar keine Überraschungen.

»Punk. Ich will Punk machen. Punk ist Alkohol, Sex, Drogen und Politik.«

Strickmuster

Wandertag mit treuloser Tomate, der das Leben noch viel enger gestrickt wird als mir. Ich falle durch die Maschen und verfange mich beim Kletterversuch zum Faden, um ihn selbst weiter zu stricken im chaotischen, aber authentischen Muster meiner Launen.

Den äußeren Einwirkungen oder den inneren Auswirkungen ausgeliefert.

Das Kapital

Erst am Boden,
jetzt über der Heizung –
verknittert.

Zeitkunst

»Die Tonkunst ist ähnlich wie die Wortkunst im Gegensatz etwa zur Malerei oder Bildhauerei eine Zeitkunst.«

»Schumann benutzte ein verkehrt eingestelltes Metronom. Seine irreführenden Zeitangaben mußten später richtiggestellt werden.«

Im Brummen der Flugzeugmotoren meine ich den Gesang meines Chores zu hören. Ein unendlich gedehntes Prosit der Gemütlichkeit in allen Tonlagen zugleich.

St. Petersburg

Spiegelkabinett

Nach dem Urlaub falle ich zurück in mein Loch. Zweifel drücken mich morgens zurück in die Federn und verjagen mich schneller aus meinem Schaufenster als ich mit der Arbeit beginnen kann. Herrje, hört das denn nie auf? Oder erst wenn ich ein Kind habe? Oder am Bodensee wohne? Oder Kunst mache? Oder schreibe? Oder nur noch koche und backe? Oder allen Ballast von mir schüttle und aus einem kleinen Rucksack lebe, nirgendwo zu Hause, überall daheim? Das ist keine Achterbahn mehr, das ist ein Spiegelkabinett ohne Ausgang.

Verflucht

Plötzlich schlägt mir eine Kälte entgegen. Ein Kommentar auf Facebook entlarvt meine tiefsten Ängste, ich fühle mich ertappt. »Ihr verfluchten Nachmacher!!!!!« schreit da einer. Mein Bauch verkrampft sich, ich will ins Bett und nie wieder aufstehen. Oder zumindest heiß duschen.

Was meint er genau? Das Logo, das sich mit Abstand betrachtet als eine Mischung der Logos zweier Designschulen interpretieren ließe? Oder meint er die Website, deren Menü dem meiner Lieblingswebsite ein wenig zu sehr gleicht? Die andere Schrift, die neue Bildsprache, die Bespielung des Logos – sind das nicht genug »neue« Elemente für ein eigenständiges Erscheinungsbild?

Geht das überhaupt, etwas Neues zu erschaffen, wenn man doch von allen Seiten beeinflusst wird? Sind unsere Ausdrucksmittel nicht viel zu limitiert, um uns nicht ständig – versehentlich oder unbewusst – gegenseitig zu kopieren? Und warum ist das schlimm?

Weil es wohl mal wieder ums Ich geht, um Identität. Als ich bemerkte, dass meine kleine Schwester sich heimlich meine Klamotten auslieh, fühlte ich mich in meinem Stil (wenn man das, was ich mit 17 trug, als Stil bezeichnen möchte) kopiert. Nicht mehr eigenständig, besonders, ich. Ich hätte es auch als Kompliment verstehen können.

Und wer kennt das nicht: einen tollen Entwurf aufs Papier gebracht zu haben, nur um kurz darauf festzustellen, dass das so oder so ähnlich schon vor hundert Jahren entworfen wurde. Mein Freund erzählt gerne, dass er in seinem ersten Semester den Klappstuhl neu erfunden hat. Alles schon da gewesen, die Farben, die Formen, das Rad.

Die Kopie ist in unserem Kulturkreis verpönt, Nachmacher werden geächtet. Nun komme ich aber seit geraumer Zeit auf nichts Neues, Eigenes – aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Wann hat das angefangen? Als ich merkte, dass ich zu wenig weiß? Als ich keinen Strich mehr zustande brachte, ohne mindestens bei fünf Anderen zu schauen, wie die das machen? Aus Faulheit? Aus Angst. Doch welche Angst ist größer: Der Kopie verdächtigt zu werden oder den Fehler zu riskieren? Beides bleibt wohl keinem erspart, der nicht im Bett bleibt. Im Kopieren lerne ich von anderen, im Fehlermachen von mir selbst.

Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass der Kommentar gar nicht uns galt. Immerhin hat er mir ein paar Gedanken beschert.

Der komische Kafka

Zwei Aufgaben des Lebensumfangs:
Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob Du Dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.
ZZ 94

Es gibt nur ein Ziel, keinen Weg.
Was wir Weg nennen, ist Zögern.
HAL 22

Natürlich träume ich von dir, wenn ich in deinem Bett schlafe. Wir fahren Auto, jeweils allein. Wir bewerben uns an den selben Schulen, werden abgelehnt. Wir stehen nebeneinander auf Gruppenfotos, ohne einander zu kennen oder jemals wirklich begegnet zu sein. Wir sehen uns nicht, wenn wir uns sehen. Wir träumen und leben aneinander vorbei.

Mirabellenmarmelade

Dankeschöns

Fliegende Haare

Zwei Lehrer stehen neben dem Treppenaufgang und platzieren eine Stellwand, damit sich niemand verläuft. Lachend stellen sie fest, dass der Gang viel zu breit ist, um ihn abzusperren. Ich frage sie nach dem Weg. Tür reiht sich an Tür, eine steht offen und Carsten davor. Verwundert fragt er: „Was soll denn hier unterrichtet werden? Das Zimmer ist voller Betten!“ Laura und Heike stürmen hinein und hüpfen von Bett zu Bett. Die beiden kuscheln sich eng aneinander und in die Decken, bis Laura auf den Plattenteller rutscht und sich dreht, dass ihre Haare fliegen. Ich denke an die 2000 Euro Kaution, die jede von uns zahlen musste, und behaupte, die Rolle der Aufseherin liege mir am besten. Mit mahnendem Zeigefinger stelle ich mich mitten in den Raum, scharfe Zurechtweisungen bellend. Peinlich, wie gut ich das kann. Eigentlich steckte ich lieber mit den beiden unter der Decke, aber da ist kein Platz für mich, für niemanden. Lauras fliegende Haare sind ansteckend, die elektrische Ladung knistert auf meinem Kopf.

Kann Darf Muss

Diese Angst, dass irgendwer dahinter kommen könnte, dass ich nichts kann, dass er es allen erzählt, dass es dann vorbei ist. Was dann noch bleibt, ist eine Zukunft, in der ich nichts mehr machen darf (oder muss), von dem ich denke, dass ich es nicht kann.

Château Vellexon

Die Spiegelkugel schaukelt im Wind und wirft Lichtpunkte aufs Gras. Wo fängt man an, wenn die Tage eines ganzen Monats dem Vergessen überlassen wurden? Hier und Jetzt oder wieder im Gestern, das an Glanz verliert, sobald man darüber schläft? Ich rücke eine Stufe abwärts, dem Sonnenstreifen nach, und überlege, wie Leben geht.

Joa mei

Bayrische Stellen aus Oma Heidis Kochbiografie:
Wos woitsn ia do? D’Heidi hod koa Zeit, die muas oaboiten. Hermann, des moch ma ned. Mei, des is obr vui Geid. Mei Heidi, der Moa woa net so voam Krieg. Mei Heidi, wos hama dem ois gwünschd. I hob de Himme auf de Welt. Geh her da. Brauchst nadierlich scho a guads Essn. Heidi, hoast du scho Hai hergricht fia moagn Fria? – Mei, hob i no net. Hoi-Stoll. Deandl. Gunkeln. I muas owai oaboiten. Hots dem Deandl wieda Hoar gflochtn, muss se wieda schreibn. Wos woitsn ia doh, wo kimmtsn ia her, wer seidsn ia? Joa und? Wo gherstn du hi? Mit der brauchst dich fei net anfreunden, die ist evangelisch Mei, mir kimme doch des Deandl net so weit fuad lossn, do seng ma nimma dazue. I kimm von der Metzgerei Wurz und mecht bei eana die Pergament-Düten abholn, die bsteillt woan sand. Sigstes Hermann, etz hama die Schererei. Des wirst sehn. Mei, des hand doch Luthrische! Mechtst du den Moa heiratn? Die Heidi hod en Freind, en Schwob! Mei Heidi, wos verlongst uns do ob! Des kima mir doch goa ned leisten, wos du do mechst. Verlobung, des kenne mir joa goa ned. Joa mei, wenn aich des glongt. Des muss ma ned, mocht ma ned, braucht ma ned. Heidi, i mog mit dir und mim Frieder geh! Worum host denn du koan Bruada ned? Mei, des is hoid a Lutrischer. Bajuwaren. Joa, wos hobds n ia zwoa vor? Hermann, du wiast di no wundern, aber mei Geid findst du net. Joa, ma woas ned, wos fia a Zeit kimmt, dann simmer froh dran. Blau und weiß kariert mit Herzerl drauf. Sterbbeidl. Gestern host du verkaufa derfa und haid derf i verkaufa. Obhaideln. Schweinderl. Du deafst es ned auslossn, gell, hoids fest, hoits joa fest! Loss ned aus! Deafst ned auslossn! Doss ma a Kaibe hoaltn konn. Nojoa, do kimma a nix dafia. Joa Heidi, woaßt du denn ned, doss wia die Zwiebel vorher andämpfen? I wos des scho, doss ia des so mocht.

Wozu?

»Als die Stehl ihm gar – ungefragt – mitteilte, dass sie ein Werk über Deutschland zu schreiben gedenke, fragte er schroff: ›Wozu?‹ – Die Stehl hatte hierüber nicht nachgedacht und blieb die Antwort schuldig.«

Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden
Gefunden in der Bismarckstraße, Stuttgart

48° 30' 9" N, 8° 51' 36" E

Der Raum mit den Fäden

Aus einem kleinen Riss in meiner linken Handfläche fallen rote, klebrige Quader, alle gleich groß, etwa einen Zentimeter lang, dazwischen ein größeres Dreieck. Die letzten ziehe ich vorsichtig heraus, bis nur noch ein kleines Eck aus dem Riss ragt. Das sei Lobe, sagt Naomi, ein Blutplasma, das manchmal ausfällt, ausgelöst von Allergien. Fasziniert und angeekelt zugleich spielt sie mit den glitschigen Klötzchen. Ich fege sie mit der Hand vom Tisch in den Müll. Das hatte ich noch nie. Liegt es an diesem Haus? Mitten im Nirgendwo, umgeben von Landschaft – wenn nur die große Straße nicht wäre. Man hört sie nur, sieht sie nicht, denn vor den Fenstern stehen Mauern, nur durch das Glasdach fällt Licht. Ich suche den Raum mit den Fäden, knipse alle Lichtschalter an und aus, bis sich die Leute in der Küche beschweren. Ich finde die Ziehharmonika-Konstruktion, an der die Fäden früher hingen. Kein Platz mehr für solche Spielereien, die Konstruktion wird jetzt als Wäscheständer genutzt. Früher hing sie an der Decke, die Fäden reichten bis zum Boden und füllten den ganzen Raum. Man konnte darin tauchen, erinnert sich Georgs Vater, der nun auch hier lebt. Allen im Haus erzähle ich von den Klötzchen, der Riss ist schon fast verheilt. Der Mitbewohner kommt rein, er war beim Frisör und sieht jetzt doof aus.

Was macht dieser große, großartige, zu Großem bestimmte Mann hier?
Wie kommt es, dass er mich überhaupt sieht?
Ich zeige ihm meinen Laden, der ihm viel zu klein wäre.
Was ich erst sehe, als er kniet.

Wien

Die Nachbarn meiner Eltern haben sich in Wien eingemietet, wo wir sie besuchen. Ringsherum stehen Betonklötze, eine Fernsehanstalt ohne Fenster, Büros. Die Wohnung selbst gleicht einem Labor, eine Pritsche mit abwaschbarem Bezug, schwere Plastikvorhänge als Raumteiler, kein Fenster. Ich mache mir die Finger schmutzig an einem schwarzen, klebrigen Klumpen, doch es gibt keine Küche, kein Bad, kein Waschbecken, an dem ich mir die Hände waschen könnte. Ich wische sie an meinem hellblauen Pullover ab, wo das ölige Zeug abperlt und zu kleinen Krabbelkäfern wird. Ich versuche, dir Zeichen zu geben, etwas stimmt hier nicht, doch man tut alles, um uns abzulenken. Eine junge Frau verführt uns, oder wir verführen sie, denn plötzlich ist sie nackt. Sie verliert die Kontrolle über sich, dabei sollte sie uns kontrollieren. Sie ignoriert die Anweisungen ihres Chefs von nebenan. Ich streiche über ihren glatten, weißen Rücken und finde eine winzige Nadel in der Haut. Ich ziehe sie raus und weiß, dass sie uns gilt. Ich manipuliere den Plan, den ich nicht durchschaue. Man befiehlt uns, uns anzuziehen für eine Fahrt mit dem Aufzug in den nächsten Stock. Ich lasse mir Zeit, stelle mich absichtlich blöd an, gebe dir Zeichen, versuche dich zu warnen. Wir werden in den Aufzug geschubst, er fährt aufwärts, biegt ab, gleitet am Dachfirst entlang und weiter durch die Stadt. Ich frage, ob eine Wohnung mit so weit auseinanderliegenden Zimmern nicht unpraktisch sei. Immerhin der Eingang sei zentral und zudem müsse man froh sein, in Wien überhaupt eine Wohnung zu finden. Der gläserne Kasten hält an einer Ampel, wir werden entführt.

Freitagsfrühstück von Jakob

Fremde Schubladen

Ein Holzschrank mit drei großen Schubladen, am Waldrand neben dem Haus. In der obersten Schublade finde ich Papiere, meine Papiere in allerlei Farben. Bald werden sie sich wellen, vergilben, unbrauchbar sein. Wie kamen sie hierher? In der mittleren Schublade liegen Briefe, Erinnerungen, Herzen. Alles ist durcheinander. Hast du sie durchgesehen? Hast du den Brief an dich gefunden? Mich gefunden? Hast du verstanden? In der untersten Schublade lagert dein Holz.

Vor dem Schrank im Gras liegt ein Strauß Plastikblumen, täuschend echt, aber viel zu schön. Du bist noch nicht zurück, sitzt auf einem Dach und hämmerst. Also gehe ich die knarrende Treppe hinauf zu deinem Haus, um eine Vase zu suchen. Ich finde nur den Krug, den wirst du brauchen, sobald du zurück bist. Ich fülle ihn mit Wasser und stelle die Blumen hinein. In diesem Moment verwelken sie und hängen müde ihre Köpfe über den Rand. Die Treppe knarrt unter schweren Stiefeln, ich fühle mich ertappt.

Wieso lagere ich meine Dinge hier – alles, was mich daran erinnert, wer ich war? Ich kam hierher, um mich in den Dingen zu spiegeln, um mich zu sehen. Folgst du mir? Was siehst du? Und warum versteckst du dich? Auch ich verstecke mich, hinter unübersehbaren Farben, hinter knalligem Prunk, der mich wie ein Wirbelsturm umgibt und vor der Ruhe da draußen schützt.

Noch immer das welke Kraut in der Hand suche ich nach dem Abfalleimer. Gibt’s hier nicht. Darum liegt die Wiese voll mit Dingen, die zu Blumen werden, wenn man sie nur lässt.

Ich spiele mich
Sobald jemand guckt
Dann lache ich und rede
Als sei alles gut
Sobald ich allein bin
Bleibt nur das Grinsen
Und ich bin weg

Dass ich nur ich bin

Der alte Mann räumt die mit großer Schrift beschriebenen Papierbögen zur Seite. Die Geschichte eines Mädchens, wie er sie sich zusammengereimt hat – und er hat an sie geglaubt. Er riskierte sein Priesteramt und seine Freiheit im Westen, um sie zu retten. Getarnt als Polizist verfolgte er die feine Gesellschaft in ihrem Wagen ohne Verdeck. Hände hoch, und alle wurden festgenommen, bis auf das Mädchen, das in der Mitte auf dem Rücksitz saß. Das Mädchen war ich, die ich jetzt in der Tür stehe und den alten Mann umarme, in Tränen aufgelöst, schluchzend. Mich, wie ich dort auf dem Papier stehe, hat er erfunden und damit meine eigentliche Geschichte ausradiert. Ein wenig kann ich seine Enttäuschung darüber verstehen, dass ich nur ich bin und nicht die Anna, wie er sie herbeigeschrieben hat. Er versucht sich aus meiner Umarmung zu befreien, denn in der Tür steht jetzt die Nachbarin, kopfschüttelnd über den alten Priester in den Armen eines Mädchens.

Ich spaziere die Straße entlang, Andreas im Schlepptau. Er ist zuvorkommend, höflich, blind vor Liebe für mich. An der Tür zu meinem Wohnheim angekommen fällt mir ein, das Licht ist kaputt. Kurzerhand repariert er dies und jenes, während ich die Treppe nach oben steige. Meine WG ist unter dem Dach, zweistöckig, darunter eine weitere, aus der lautes Lachen lockt. Ich trete ein, stelle mich vor als die, die schon vor Monaten eingezogen, aber erst jetzt wirklich da ist. Die Frauen nennen mir ihre Namen, die ich nicht verstehe. Ich solle sie wiederholen und mir besser gleich merken, meint die eine mit gemeinem Blick. Schwarze Locken rahmen ihr finsteres Gesicht. Hinten auf dem Sofa kuschelt ein Pärchen. Sie ruft herüber, dass sie oben im Zimmer neben meinem wohne. Ich fühle mich nicht unwohl, trotz der eigenartigen Aggression im Raum. Die Frisuren der Frauen sind anders, fast futuristisch, die Räume, die Möbel und das Licht dagegen wie in dem historischen Roman des Priesters. Anna heiße ich hier. Hinter mir steht plötzlich Andreas, der alles repariert und sogar das Treppenhaus nass gewischt hat. Seine blonden Löckchen, sein freundliches Gesicht und seine aufrechte Haltung machen einen guten Eindruck bei den Frisuren am Tisch. Doch er folgt mir nach oben in mein Zimmer, wo ich vier Betten für die Nacht vorbereite. Zwei Freunde von Andreas betreten die WG und strecken sich gleich auf den Matratzen aus. Andreas schaut mich an, will etwas sagen, oder auch nicht. Er will mich. Von nebenan ist ein Wimmern zu hören, ein Kind. Ich gehe rüber und schaue nach. Ein kleines Mädchen im Schlafanzug sitzt aufrecht im Bett. Sie fragt nach ihrer Mama. Sie ist unten, sage ich. Soll ich sie rufen? Nein, das ist gut, sagt sie und ordnet ihre Kuscheltiere neu an. Gute Nacht, sage ich und verschwinde im Bad. Ruhe, ein Spiegel. Ich sehe mich zum ersten Mal, sehe, dass meine Bluse zwar neu, aber altmodisch geschnitten und von grausamer Farbe ist. Ich lösche das Licht und taste mich zu meinem Bett. Andreas müsste da sein, vielleicht findet er mich.

Ist das Simon, der seinen Kopf auf Händen trägt? Und was ist das für ein Fenster? Ist er übergeschnappt oder einfach glücklich, so kopflos durch die Räume zu laufen? Mir hinterher, von mir weg. Dick ist er geworden und doch so elegant in schwarz und weiß, im Anzug mit Fliege. Ich lasse ihn stehen, seinen Kopf nehme ich mit.

»Es geht hier übrigens nicht um mich – ich nehme nur diesen meinen Fall, um zu illustrieren, welch merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit sich einstellt, wenn man zu genau (oder: nicht genau genug) hinguckt.«

Traumkorrespondenz
Eine Geschichte in Träumen

Wenn man sich abends gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unternommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verabschiedet.

Plakat: Marina Gärtner
it’s mee gallery, Stuttgart

4 Uhr 53

Scherben neben meinem Bett – das Wasserglas. Ich stelle mir vor, wie sich die Splitter vom Boden lösen, in meine Träume schleichen, über meine Finger auf meine Haut. Lieber liege ich wach und starre auf das scharfe Geglitzer zu meinen Füßen. Und wenn jemand reinkommt?

Dein Krieg

Du führst mich
Auf ein Schlachtfeld
Das ich nie betreten wollte
Das ich verlassen hatte
Bevor es geschah
Ich ging einfach
Und doch trägt es
Meinen Namen
Ich erinnere mich nicht
Kann mich nicht erinnern
Vergesslichkeit oder Selbstschutz
Wenn das nicht das Gleiche ist
Amnesie der Liebe
Die bleibt
Nur ohne uns

»Gottseidank weiß mein Zettelkasten nichts von Ordnungsprinzipien und Selbstverlorenheiten. Ihn zu durchstreifen ist jedesmal wie ein Spaziergang durch den undurchforsteten Dschungel. Was sich beim Durchstreifen anzettelt, ist Kondensation des Glücks, ist Wolkenbildung und Erinnerungsregen.«

Alissa Walser, zitiert in: Zettelkästen, Maschinen der Phantasie

Alpenhof

Bergauf in der Appenzellerbahn: Der schmale Streifen Bodensee erhebt sich, wird flächig und immer größer, wird zu einem riesigen, glänzenden Spiegel unter unentschlossenem Himmel. Drei Länder teilen ihn unter sich auf, sind verbunden durch ihn, den sie lieben. Bergauf, bergauf – die Schweiz wie aus dem Bilderbuch: Eine Katzenleiter am Bahnwärterhaus, ein schwarz glänzender Mähroboter unter Obstbäumen, eine Wandergruppe in knallfarbigen Anoraks. An der Endstation wartet das Postauto zum Alpenhof: Buchvernissage!

Ich komme nicht raus aus diesem Gedankenklumpen voller Kisten, voller Papiere, die vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, wertvoll sind. Wir streicheln sie, die zerbrechlichen Blätter, von denen viele schief gefaltet, aber wahrscheinlich alle leer sind. Man müsste jemanden fragen, der sich damit auskennt. Ich sollte damit aufhören, sie zu streicheln, denn mein Streicheln wird im Schlaf zu einem Kratzen, dem Papier und Haut nicht gewachsen sind. Sie werden zerfallen, so oder so. Wir werden zerfallen. Grau, braun, beige, verschiedene Formate, die Großen streicheln sich am besten. Mach die Kisten zu, aber bleib, bitte bleib.

»Ach lass – […] : Es ist Nichts so eilig, daß es nicht durch Liegenlassen noch eiliger würde !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

»Am Ende sind doch immer die Schlimmsten Meister, das heißt : Vorgesetzte, Chefs, Direktoren, Präsidenten, Generale, Kanzler. Ein anständiger Mensch schämt sich, Vorgesetzter zu sein !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

Mein Leben

Mein Leben begann an einem vollgekrümelten Küchentisch. Nach 19 Jahren Sauberkeit beobachtete ich voller Freude und Freiheitsglück, wie mein zukünftiger Mitbewohner die Krümel einfach mit der Hand zur Seite fegte. Auf die dürftig gesäuberte, etwa DIN A4 große Fläche legte er den Mietvertrag – meinen Mietvertrag! Dann ging es los.

»Zwei Gefahren bedrohen unaufhörlich diese Welt: die Ordnung und die Unordnung.«

Paul Valéry, zitiert in: Claude Simon, der Wind

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

Beschäftigt

Das beschäftigt mich. Ich will aber nicht, dass es mich beschäftigt. Also muss ich mich beschäftigen.

Geduld

Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld. Ihr Anruf ist uns wichtig. Sie werden zum nächsten freien Mitarbeiter durchgestellt. Es befinden sich noch immer alle Berater im Dialog. Gerne können Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen. Zur Zeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld. Einen Augenblick. Ihr Augenblick ist uns wichtig. Haben Sie noch Zeit? Noch einmal einen Augenblick? Haben Sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal Zeit? Sie werden es alle versuchen. Zur Zeit, zu einem späteren Zeitpunkt, zum nächsten freien Zeitpunkt. Sie sind uns wichtig. Alle Mitarbeiter haben Sie gerne. Noch immer. Ihr Anruf, ihr Augenblick Geduld, Zeit, alle Zeit ist uns wichtig. Unsere Mitarbeiter sind im Augenblick. Alle. Immer. Noch einmal: Geduld ist wichtig im Gespräch, im freien Dialog. Gerne werden Sie zur Zeit durchgestellt. Noch einen Augenblick. Bitte. Sie haben noch Zeit. Im nächsten freien Augenblick befinden sie sich im Zeitpunkt. Haben Sie noch einen Augenblick Geduld.

Geht

Geht, geht gut, geht sehr gut. Geschirrgeklapper, Kirschen, Küsse, Komisches, Kaninchen, Kaba, Kanone, Danone-Sahnejoghurt, Kurt. Aber, Kadabra, Trara, Tralala, Lala, Luna, Leon, Lego, Go, Go, Go! No, No, No! Notwendigkeit, -keiten, Reiten? Eieiei, Eiertanz, Eier – gebraten, gekocht, geschält, gespiegelt, gekentert auf dem Bodensee, Juhee? Nee, nee. Du, Ich, ähm … Sauerrahm, Rama, Radieschen, Ratatouille, rasante Rosinen. Wie geht es ihnen, so kleingeschrieben? Frieden: alle lieben! Sieben Zwerge, fünf Berge, drei Särge – keiner mehr. Zahlen bitte. Wortklaubereien, Kreide, quietschende Gänsehaut, hinter den Ohren: grün. Genau, und laut, lauter Laute, läuternd, erläuternd, er läutert Euter mit Morgenmilch, der Knilch. Seifenschaum und Pulverschnee, Sonnenbrand auf Füßen, rückenschwimmend im Wahnsinn der Dinge im Kopf.

Ach und Krach

Es ist und bleibt eine Baustelle. Es wird um-, an- oder neugebaut. Ein jeder plant, erfindet, verändert, macht und tut, bis kein Stein mehr liegt, wo er war. Der Gestaltungswille sitzt in allen Ecken. Er überstreicht, überfließt, überformt, Möbel, Häuser, Städte. Die Welt leckt sich ihre Wunden. Ach! Und Krach, überall.

Limmat-Gedicht

»Gibt’s ein Gedicht?«

Hinter mir steht ein kugelrunder Herr. Seine Glatze glänzt in der Morgensonne, er grinst mich an.

»Gibt’s ein Gedicht, gibt’s ein Gedicht?«

Äh, naja … so ähnlich vielleicht?

»Alles Gute!«

Noch immer grinsend setzt der Herr beschwingt seinen Weg entlang der Limmat fort. Erst als er aus meinem Blickfeld entschwindet, bemerke ich, dass er mir meinen Gedanken geklaut hat. Ein nicht mehr zu begreifender Satzanfang steht mitten auf der Seite und weiß nicht mehr, was er sagen wollte.

Das morgendliche Flussufer erscheint mir plötzlich ganz klar, als hätte der Herr meine Brille geputzt. Ein neonroter Kindergarten rennt mich halb um, Schulklassen am letzten Schultag vor den großen Ferien, Jogger im Minutentakt, Rentnerinnen auf Bänken und Stufen, Z’nüni bei den Bauarbeitern gegenüber, glitzerndes Geplätscher, Zigarettenrauch, ein Hauch Sonnencreme.

Es ist Sommer, endlich Sommer, endlich auch im Notizbuch, im Kleiderschrank, auf meiner Haut.

Herrin der Dinge

Strom
Internet
Spülmaschine
Farbe, Walze, Pinsel,
Töpfe, Tassen, Gläser
Stühle
Schreibtischplatte, Böcke
Duschvorhang
Staubsauger
Besen, Kehrwisch, Wischmopp, Eimer
Spülmittel, Spülschwämme
Geschirrtücher
Tischdecke?
Bettwäsche
Lampen
Spiegel
Badezimmerteppich
Schuhschrank
Pfeffermühle
Schleifstein
Pfanne, Pfannenwender

Woher kommen bloß all die Klassenfahrten und Gruppenreisen in meinen Träumen?

Sendepause

Seit geraumer Zeit gibt es diese unstillbare Sehnsucht nach einer Sendepause. Nach einer Pause für das Internet – übrigens das einzige Ding, das noch genutzt wird. Nein, kein Radio mehr, kein Fernsehen. Bücher ja, aber Musik stört zumeist und Filme beschäftigen so sehr und so lange, dass man seine Träume nicht mehr sieht. Nach und nach haben also immer mehr Leute damit aufgehört, in die Röhre zu schauen. Etwas ratlos sind sie nun, die Leute, denn sie wissen nicht mehr, wonach sie ihre Polstergarnitur ausrichten sollen. Das ist gar nicht so einfach, seit es den Fernseher, dieses Lagerfeuer, nicht mehr gibt.

Manchmal denkt jemand an die Anekdoten der Väter, vor allem an die, die so oft erzählt wurden, dass die eigene Vorstellung davon fast mit der eigenen Erinnerung verwechselt wird. Sie waren klein, die Väter und auch deren Brüder, die noch kleiner waren. Zusammen saßen sie da, nebeneinander, beide mit erwartungsfrohem Blick auf dem Fernsehgerät. Sie starrten gebannt auf das Testbild, obwohl sie wussten, dass das Programm davon auch nicht schneller beginnt. Später, als das Programm eigentlich schon begonnen hat, lehnen sich die Väter der Väter aus dem Fenster und fischen, die Antenne in der Hand, nach dem Empfang. Nichts. Kein Ton, kein Bild – Rauschen.

Dann war plötzlich auch das Rauschen weg. Bild- und Sprachlosigkeit. Stille. Nichts war mehr zu hören oder zu sehen. Sendepause aller Instanzen. Selbst die Väter schwiegen und ihre Anekdoten verblassten. Nur noch wenige erinnern sich an das Rauschen. Kaum jemand weiß noch, wie das Testbild damals aussah. Dabei hatten sie so lange und so oft davor gesessen und gewartet, dass es anfing und losging und blitzte und donnerte und störte und beschäftigte und von den Träumen ablenkte und die Bücher vertonte und verfilmte.

Seit geraumer Zeit gibt es nun diese unstillbare Sehnsucht nach dem Testbild von damals. Alle sprechen davon, alle wollen es sehen. Wenn das Testbild da ist, dann geht es bald los. Doch bevor der Vorhang sich hebt, ist Sendepause.

»Denn nicht wenigen scheint es, als käme die Gegenwart sich selbst abhanden.«

Hanno Rauterberg: Das große Leuchten
DIE ZEIT No 17

Gepäck

Das Gepäck ist weg, wo sind die Koffer? Ich muss zurück, doch all die Leute! Aus der U-Bahn schwappt ein Menschenstrom. Alles drückt und schiebt und drängt mich weiter, dann plötzlich bin ich draußen. Beladen mit Taschen und Koffern kämpfe ich mich durch die Straßen. Das Gepäck beisammen zu halten erfordert alle Kraft und Aufmerksamkeit. Von oben knallt die Sonne, ich schleppe mich weiter, habe es eilig, verliere ein Gepäckstück nach dem anderen, doch weiter, dringend weiter, bis ich mich verlaufen habe. Die Straßen kenne ich, die Städte wechseln, bei Nacht sind sie doch alle gleich. An einer dunklen Ecke stehen meine Koffer. Zu viele Koffer für eine Reisende allein. Als ich sie öffne, fällt mir ein, dass sie leer sind. Das waren sie die ganze Zeit.

Schon wieder geträumt, den schwer bepackten Traum. Die Städte wechseln, die Eile bleibt. Eine Traumreise in die Metropolen der Welt, wo ich nichts besseres zu tun weiß, als Terminen und Koffern nachzujagen.

Dabei reise ich doch nie mit Koffer!

Zwölf Minuten

Noch eine Minute. Vielen Dank, Sie hören von uns. Die unvollendeten Sätze hallen nach, unbeantwortete Fragen hängen in der Luft und die Lücken werden mehr und größer und schwarz. Das wird nix.

»… eine Allegorie dieses schillernden Umwegs, das formvollendete Pamphlet der spielerischen Sublimation.«

Ingeborg Harms: Die Zauberlehrlinge machen Party
DIE ZEIT Nr. 12/2013

Vergessen

Haben Sie auch nichts vergessen? Den Koffer, den Schirm, habe ich. Nur das Geld, die Plastikkarten, die Identität gingen auf dem Weg verloren.

Der Junge im Zug gegenüber hat abstehende Ohren. Ich glaube so war das manchmal, das Gefühl, es zerreißt mich, wenn ich –
… sein Knäckebrot passt hier so wenig rein wie Cake!

Also warum ich damals immer wieder und ohne nachzudenken – es war ein Stechen, ein Pfeil in meinem Körper, der mir eine Lebendigkeit im Sterben vorgaukelte. Und dann lag ich da wie tot oder zumindest todmüde in den Schlaf flüchtend, weil ich ihn da neben mir nicht sehen und von unserer gespielten ahnungslosen Nähe nichts wissen wollte. Vergessen im Schlaf. Wenn ich jetzt morgens aufwache, sticht mich kein Pfeil, nur eine warme Sucht nach Unendlichkeit. Bekommen andere auch Pfeile ab? Wie viele habe ich schon getroffen? Nur weil ich Augen habe?

Eisgekühlte Kunst

Ich schlage das Buch auf und alles ist weg. Dieses Weiß, dieser Kugelschreiber aus blauem Kunststoff – falsch zwischen all dem dicken Moos. Dieses Hadern, dieser Unmut über laute Straßen – verstummt zwischen Hombroichs alten Bäumen.

Danke für’s Telefon

»Murad, die Million ist mir wichtiger als die paar Namen. Glaub mir, es gibt nichts zu verstecken, die Daten kommen heute noch, habe ich dir doch gesagt, Murad. Ich bin unterwegs, gerade über die Grenze, mach dir keine Sorgen.«

Zu nah

Wir sind uns zu nah, mein Bauch krampft sich zusammen, die Musik schnulzt mich zu, das Parfüm des Nebensitzers drängt sich auf und das Lied wiederholt sich bis in alle Ewigkeit, bis ich im Altersheim sitze und mich einer mit Falten umrankten und wässrig gewordenen Augen ansieht. Dann falle ich vom schlecht gemusterten Stuhl und er, der mir zu Hilfe eilt, stolpert und fällt und wir liegen am Boden und lachen und alles tut weh.

Schaut mich an, einmal täglich, auf dass ein Schreibausbruch den Alltag lahmlegt und die Welt zum Glühen bringt, rettet mich aus dieser Verkopftheit und verwandelt den Zug in eine funkensprühende Rakete.

Er steigt aus? Er steht. Er sucht und findet eine Zeitung, um sich hinter ihr zu verstecken.

Rund

Ein rundes Gefühl in den Armen.
Wie ein Plakat mit Kreis,
Eine Kuppel auf dem Dach,
Oder eine große Kugel tragend.
Wir hüpfen im Sitzen über die Wiese.
Ein kleiner, enger Nachmittag mit Sonne,
Die Arme rund, bereit zur Umarmung.
Fliehkräfte beim Aufwachen,
Im bequemsten Bett der Welt.

Spuren

Ausgetretene Stufen und festgetrampelte Trampelpfade, verwohnte Wohnungen und zerlesene Bücher, abgegriffene Tische und durchgesessene Sessel. Spuren, die Geschichten erzählen von denen, die vor mir da waren. Nichts Neues. Und doch das, was uns über Generationen hinweg zusammenhält. Spuren, die mich erden.

»Die Gewissheit, dass alles geschrieben ist, macht uns zunichte oder zu Phantasmen.«

Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel

Zu viel Luft

»Du schreibst jetzt?
Wie lange denn?«

Das weiß ich nicht
Das weiß ich nie

Nur ein wenig Wahnsinn
Und etwas mehr
Als deine Hände
auf der Stufe vor mir liegen
Sie könnten zupacken
Meine Knöchel umfassen
Bis ich rückwärts falle

Du lachst
Ich habe Angst

»Darf ich reinkommen?«

Nein

»Aber –
Warum nicht?«

Lass mich bitte

Vielleicht finde ich mich
Im Spiegel wieder
Doch da ist nur Haut
Sie brennt
Und zerfällt

Alles hier in dieser Wohnung
Wenn wir tagelang nur uns sehen
Uns nicht mehr sehen
Weder uns gegenseitig
Noch uns selbst

Ich starre auf meinen Teller
Die Ordnung der Reste zu entschlüsseln

Intellektueller Tourismus
Nichts weiß ich

»Du bist süß.«

2503011221 11:52
Jede Klorolle hat ihre Nummer, ihre Zeit

Die Sinfonie der Lüftung
Unaufhörlich
Und wenn sie aufhört zu singen
Beginnt der Kühlschrank

»Ich glaube Stille
würden wir nicht ertragen.«

Oh doch

»Totale Stille, also gar nichts?
Kein Wind?
Kein Vogel?
Kein Radio?«

Kalte nackte Fliesen
Meine Zehen frieren
Ich zerfalle
Habe mich verirrt
In diesen vier Wänden

Es ist sauber
Und kalt
Arbonia

»Dein Mund steht offen.«

Luft

»Deine Lippen sind vertrocknet.«

Zu viel Luft

»Lüftung?«

Heizung

»Haut?«

Ruhe jetzt

Dazwischen

Mit dem Kopf zwischen zwei Leben. Noch am einen Ort und doch schon nicht mehr da. Hier wie dort fehlt die andere Hälfte der Zeit, Planung und Gepäck geraten durcheinander, in der Hektik geht die Konzentration flöten.

Zuhause bin ich nunmehr im Dazwischen, zwischen Abfahrt und Ankunft, während hier und dort ihren Standort wechseln und mein Wohnzimmer seine Tapete – Heute: Schneemotive.

Wie kann sich so ein junger Mensch mit so viel Vergangenheit beschäftigen?

!

Punkt. Nein, ein Ausrufezeichen! Zwei!! Drei!!!
Nun stehen sie da und hallen nach, als hätten sie zu laut gelacht. Sowohl von lautem Gelächter als auch von Ausrufezeichen will man wissen, was davor kam. Und, was war? – Unangemessen überschwänglich und viel zu euphorisch. Der Punkt ist entlarvt. Er vollführt hier seine Akrobatik mit dem Strich, ohne zu beachten, was er da unterstreicht. Aussagen waren gestern. Der alles ironisierende Zeitgenosse bevorzugt den Punkt.

Hausieren

Heute weigere ich mich erstmals in diesem Studium ausdrücklich, eine Hausaufgabe zu erfüllen. Doch es raubt mir den Schlaf, also knipse ich den Tag wieder an und lasse den Stift erklären, dass Hausieren nicht mein Medium ist – Kunst hin, Workshop her.
Ein Medium vorgegeben zu bekommen widerstrebt mir zutiefst, vor allem wenn der Inhalt dem Medium wegen erst noch erfunden werden muss. Ausgebildet für Inhalt und Form habe ich mir über die Jahre eingebildet, dass Inhalt am besten aus sich selbst heraus entsteht, und erst dann das Haus verlässt, wenn er weiß wie und warum. Solange bleibt er drinnen.
Nach vier Monaten Dauerbeschallung von außen, ist es drinnen still geworden. Nun kann klopfen wer mag, ich habe nichts zu sagen, will nicht gestört werden, geschweige denn andere stören und bleibe zu Hause, wo ein dickes, graues, schlechtes Gewissen vor der Tür steht und nervt.

Verknotet

In den Kopf geht alles rein, verquirlt sich und was rauskommt ist ein spannendes Durcheinander. Nur wenn man zieht, entsteht ein Knoten. Dann kommt gar nichts mehr. Jeder Satz ist rausgepresst und was da steht, hat so wenig mit mir zu tun wie die Finanzwelt, die Raumfahrt, Comedy, Hiphop, Erdnussflips, Computerspiele, Zigaretten, Schusswaffen, Autolärm, Skifahren, Paprika und Zürich.

Gute Nacht

Wenn man sich abends Gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unternommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verabschiedet.

Archivologie, Fazit

Das Archiv ist mächtig, aber nicht so neutral, wie es gerne wäre. Das Archiv weiß mehr als die Geschichtsbücher und stößt doch an die Grenzen des Sagbaren. Das Archiv lebt auf, wenn es zum Produktionsort einer Erzählung wird, doch lebendig ist es nur im Entstehen.

Und ich weiß mehr als ich weiß

Mein Ich ist wandelbar, wie jedes Ich
Allein wenn ich die Augen schließe
Bin ich wer anders und kann jede sein
Heute früh sogar ein Mann
Wann genau der Traum begann
Macht keiner fest
Denn Träume geben sich die Klinken
Einfach so von Hand zu Hand
Ohne Begrüßung, ohne Abschied
Kämpft sich das Traumschiff auf und ab
Und durch die Wogen
Über Wellenberge durch Wellentäler
Alles gleichzeitig und manchmal nichts
Und viel, so viel, dass beim Aufwachen
Brei daraus geworden ist
Wie ich wünscht’ ich könnte reimen
Dann entsteht am Ende Sinn
Doch so bleibt nur das Beschreiben
Von Frauen und Männern
Die ich selber bin
––
Meine Oma wirkt nervös und fahrig
Enkel nur Montags und Dienstags
Das ist nicht genug
Ich schlafe ein und werde nicht wach
Als der Dozent fragt wo denn alle sind
Die Oma rennt im Kreis
Bis sie umkippt, in meine Arme
Ein Sessel, ein Glas Wasser
Wir sind im Haus meiner Eltern
Sie erwacht mit einem Lächeln
Hat vergessen wer sie ist
Ich erkenne hier nichts wieder
Doch sie erkennt nicht mal mehr mich
Sie tanzt zur Tür, zum Garten
Wo Dunkelheit sie zu verschlucken droht
Im Wahn des Moments will sie weiter
Ich halte sie fest
Verzweifelt gehe ich zum Telefon
Ein Arzt, ein Notfall
Die Verbindung zerhackt die Wörter
Hallo, hören Sie mich?
Vater und Schwester eilen vorbei
Keine Zeit für Omas Allüren
Sie kommen und gehen
Und lassen mich stehen
Dann kommen sie wieder
Und versprechen zu helfen
––
Höchste Zeit, ich bin in den Bergen
Mit meinem besten Freund
Den ich zuvor noch nie gesehen
Er ist verrückt, wie meine Oma
Gefangen im Moment, ohne alle Sorgen
Vor dem Wandern gehen wir baden
Meer, Felsen und Freizeit
Buntes Gelächter vom Ufer gegenüber
Bis sich der Himmel verdunkelt
Der Sittenstrolch hat zugeschlagen
Alle Hotels verbarrikadiert
Wir warten im Schlafsaal
Auf dass die Zeit vergeht
Auch ich bin nun ein Mann
Haare sprießen auf uns allen
Die einen haben Sex
Die anderen dösen im Dämmerlicht
Vorhänge verdecken die Fenster
Doch die Angst kriecht durch die Tür
Sie knarzt und durch den Spalt
Schlüpfen zwei Gespenster
Schwarzweiß bemalte Gesichter
Freundin des einen, Freund der anderen
Beide mit Sense und lachendem Hohn
Der Sex greift um sich, die Frau trägt Bart
Eine Haarsträhne am Ellbogen
Was soll das alles und wie geht es Oma
Der Wecker klingelt ein fünftes Mal
Was kann der Tag schon dazu sagen
Nichts weiß er, denn ich bin viele

Euch interessiert also nur der Rahmen

Von Außen nach Innen
Das Außen stülpt sich über Alles

Vom Vorhang ins Licht
Der Vorhang bildet den Hintergrund

Vom Rahmen zur Form
Der Rahmen erdrückt den Inhalt

Welcher Inhalt eigentlich?

»Die Kehrseite der Individualisierung ist die transzendentale Obdachlosigkeit, die Einsamkeit des Ichs, das in keiner Ordnung mehr aufgehoben ist.«

Ijoma Mangold: Wir Stadtkinder
DIE ZEIT Nr. 47/2012

Irgendwie postmoderne Beliebigkeit

Wir ertragen nicht, wie sie spricht. Ohne einen Punkt zu finden hangelt sie sich von einem verschachtelten Halbsatz zum nächsten. Ihre fragmentierten Phrasen untermalt sie theatralisch mit einer unangemessenen Berührtheit. Ihre langen, dünnen Finger räkeln sich verkrampft und in unendlicher Langsamkeit vor ihrem Körper. Wir halten still und sehen zu Boden oder zur Decke. Nachdrücklich sucht sie nach etwas Greifbarem – und findet Schubladen. Die Zeit hält den Atem an. Ihre Stimme kippt ins Hysterische und trotzdem will keiner hinhören. Ihre und unsere einzige Rettung wäre es, sie zu unterbrechen, doch keine weiß was zu sagen bleibt in diesem luftleeren Raum. »Emotionen um ihrer selbst willen – der Inhalt war wie weg.« Konjunktur der Gefühle, ein vielstimmiger Monolog, ein Wortschwall, dem wir Woche um Woche ausgeliefert sind. Wir sitzen fest in unserer Rolle der Zuhörer. Je mehr sie sagt, desto leerer werden wir.

Hinter mir steht ein Koffer. Plötzlich knallt es – nur die Heizung. Der Koffer hinter meinem Rücken macht mich trotzdem nervös. Diese eingepflanzten Bilder. Kofferbombe, Teddybär, Hitler.

*geklaut

Achtung; U2 nach Botnang fährt ein und mit ihr die Leere, gelb, und sie spricht ausländisch. Ich spreche bald gar nicht mehr und fühle auch nichts, die Hände sind taub, die Augen sehen doppelt. Schwarze Balken, Grauwert, ich bin grau und bleich und müde. Ich brauche Urlaub bis zum Ende meines Lebens. Ihr habt frei und ich verliere mein Weltvertrauen und schreibe dagegen an, bis der Sekundenzeiger oben ist. Früher fuhr die U2 noch nach Hause. Wo das sein soll und ob es das überhaupt je geben wird, weiß ich nicht mehr. Ich schreibe mich müde und schlafe mich gesund. Gesund von leuchtenden Rechtecken der Verinselung, auf denen wir nach Oasen suchen. Schuhe mit Ns drauf, Rucksack mit Kreis, Haare mit Farbe, Sitze mit Quadraten, blau mit gelb, karriert gegen Flecken, schreiben gegen Unwirklichkeit, Beton mit Plastik, Mann ohne Frau, Hut mit Schleife, Tunnel ohne Licht, Hand mit Exzem, Nacht ohne Bedeutung, Liebe ohne Eifersucht, Tage ohne Zeit, Zeit ohne dich, du ohne M, Blume im Haar, Grinsen im Gesicht, Knopf im Ohr, Grummeln im Bauch, Lärm im Kopf*, Brille im Gesicht, Schluss für Heute.

Schluss für Heute

[20:54:30] T: ist das das ende?
[20:55:07] C: Das Ende:
[20:55:13] C: “Schluss für Heute”
[20:55:22] C: aber das könnte auch der Titel sein
[20:55:45] T: in allen berreichen haben wir zunehmend das ding ohne sein wesen.
[20:55:52] T: wir haben bier ohne alkohol
[20:56:00] T: fleisch ohne fett
[20:56:10] T: kaffee ohne koffein
[20:56:15] C: Darf ich dir ein bierreichen
[20:56:27] T: und sogar virtuellen sex ohne sex
[20:56:42] T: erst wenn du mir das wasser reichen kannst
[20:56:56] T: jeseits von kunst und böse
[20:56:58] C: oder echten sex ohne alles, ohne blümchen, ohne lust und ohne sinn
[20:57:18] C: und ohne brillen, weil davon haben wir zu viele
[20:57:23] C: wir sehen alle nichts mehr
[20:57:27] C: außer die rechtecke
[20:57:45] C: beleuchtete Unwirklichkeit
[20:57:51] C: im Querformat
[20:57:58] C: im Kleinformat auch zum drehen
[20:58:18] T: schön
[20:59:08] T: und im garten blüht die illusion
[21:02:02] T: aber wir leben doch die rechtecke
[21:02:05] T: oder?
[21:02:16] T: also wir sehen nicht mal mehr die?
[21:02:22] T: nur die zum drehen

Vom Spiel zu zur Kreativität

»Mehr als alles andere ist es die kreative Wahrnehmung, die dem einzelnen das Gefühl gibt, dass das Leben lebenswert ist. Im Gegensatz dazu steht eine Form der Beziehung der äußeren Realität, die sich als Angepasstheit bezeichnen lässt, die Welt (und ihre einzelnen Teile) wird dann nur als etwas wahrgenommen, dessen man sich bedienen kann oder das Anpassung erfordert. Diese Anpassung bringt für den einzelnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit mich sich und ist mit der Vorstellung verbunden, dass alles sinnlos und das Leben nicht lebenswert ist. Viele der betroffenen Menschen haben gerade soviel an kreativer Lebensweise erfahren, dass sie zu der quälenden Erkenntnis kommen, die meiste Zeit unschöpferisch zu sein, im Bann der Kreativität eines anderen oder einer Maschine.«

D. W. Winnicott: Vom Spiel zu zur Kreativität

Zu alt und für immer verdorben

Ein Silbertablett nach dem anderen wird an meiner Nase vorbei getragen, ich muss nur zugreifen: Wissenshäppchen, nach denen ich nie gefragt habe. Für mein Päckchen undiskutierter Fragezeichen ist hier kein Platz, auch nicht nach Feierabend, denn die Häppchen wollen verdaut werden und die nächste Ladung steht bereit für wissenshungrige Studentinnen – die eigentlich schon satt sind.

Das große Gejammer um Bachelor, Master, ECTS und Bologna kann ich erst jetzt nachvollziehen, nach zweieinhalb Jahren Freiheit. Bücher gelesen, Texte geschrieben, nachgedacht und Fragen gestellt habe ich erst, als mich keiner mehr danach gefragt hat. Die Anerkennung für meinen Fleiß hat mir dann gefehlt und der Austausch mit anderen Beobachtern, Grüblern und Lesern. Darum bin ich hier.

Jetzt bleibt keine Zeit mehr, meinem Blick dorthin nachzugehen, wo er hängen bleibt. Auch nicht für eigne Wege, wegen der Themenschubladen, Journalismusrezepte und Bewertungskriterien, die in zwei Semester passen müssen. »Vielleicht bist du zu alt fürs Studieren«, vermutet Antonia und Jakob meint: »Wenn du einmal Freiheit geschnuppert hast, bist du verdorben für so eine Mühle.«

Liebeserklärung:

Du verstopfst alle meine Wahrnehmungsleitungen.

Wer ist -3∞k‰lter-? Ein Text ohne Name, Datum und Erinnerung. Von wem? Von mir? An wen? An mich? Solange sich kein Urheber meldet, nehme ich an, er war von mir. Schade nur, dass so das letzte Wort sein Geheimnis für sich behält.

#.txt

Zuf‰llig naht man sich, man f¸hlt, man bleibt.
Und nach und nach wird man verflochten.
-Goethe-

Du warst ein Teil von mir.
In jeder Form. Im Lachen, im Weinen, im Gehen, im Schlafen, im K¸ssen …
Du umgibst mich ohne da zu sein.
Und manchmal sehe ich dich. Aber ich kann dich nicht hˆren.
Manchmal hˆre ich dich, ohne zu sehen.
Du bist gegangen, und mit dir alles, was eine Erkl‰rung h‰tte sein kˆnnen.
Vielleicht kennt Liebe keine Zeit.
Was ist wichtiger: Zu lieben oder geliebt zu werden?
Auch wenn ich w¸sste wie es ausgeht, w¸rde ich manchmal gern alles auf Anfang zur¸cksetzen, um nochmal
GENAU zu sehen,
GENAU zu hˆren,
GENAU zu f¸hlen …
-3∞k‰lter-

Heißt die wirklich Broccoli mit Nachnamen?

Zum ersten Mal

Heute habe ich zum ersten Mal verschlafen. Dann habe ich zum ersten Mal geschwänzt, weil zu spät kommen ist schlimm in der Schweiz. Dann habe ich zum ersten Mal mein Zimmer umgestellt, jetzt steht der Schreibtisch im Licht und macht mir vielleicht nicht mehr so viel Angst, wie in der dunklen Ecke, wo jetzt das Bett steht. Möbel-Tetris auf dreizehn Quadratmetern.

Das tolle an neuen Städten: Man kann die gewöhnlichsten Dinge zum ersten Mal tun. Und es gibt noch hunderte von Dingen, die hier gerne zum ersten Mal getan werden wollen.

Den Tag habe ich heute jedenfalls wunderbar vertrödelt und den Stapel ungelesener Texte und den noch nicht vorhandenen Stapel geschriebener Texte erfolgreich ignoriert. Ganz nebenbei ist mir jetzt immerhin ein Text passiert.

Fällt mir vielleicht auch mal was mit Hand und Fuß ein?

Entweder oder beides

Vor dem Schreiben war das Malen. Mir und allen war klar: Ich werde Künstlerin! Mit dem Lesen und Schreiben begann ein Tauziehen zwischen Pinsel und Füller. Ich werde Schriftstellerin! Oder Journalistin! Aber was ist dann mit dem Visuellen? Also Kommunikationsdesign. Farbe und Pinsel waren mein Ventil, bis das herbeigesehnte Designstudium so viele Regeln in meinem Kopf platzierte, dass heute kein unbegründeter Strich mehr möglich ist. Was, wenn bald auch kein Text, kein Satz, kein Wort mehr richtig scheint? Hat jedes Studium den Verlust seiner Ausdrucksmittel zur Folge? Tötet Theorie die Praxis? Dabei dient mir doch das Schreiben als produktives Beruhigungsmittel, wenn Angst, Wut und Leere mich unter sich begraben. Ich schreibe gegen sie an, ich fange sie ein und banne sie in abstrakte Texte, um sie von mir und mich von ihnen zu lösen. Anonyme Blicke zwischen die Zeilen dieser Texte verändern und prägen mein Schreiben im Netz.

Wenn es ernst wird, wissenschaftlich oder so, ist keine eurer Schwammigkeiten vor mir sicher, ob visuell oder sprachlich: ich will erklären, veranschaulichen, präzisieren, verdichten, aufräumen. Ich liebe es zu redigieren, zu korrigieren und zu verbessern, in freiwilliger Freiheit auch nachts. Nur wenn einer sagt, das muss so und soll anders und die Zeit läuft aus, dann entstehen abgehackte Sätze einer roboterhaften Dienstleisterin. Da behält das letzte Wort der Diplomingenieur, der sach- und fachkundig an seinen bestehenden technisch-konstruktiven Wortkonstrukten hängt. Die ganze Welt schreibt sich ihren unvermittelbaren Fachwortschatz auf die Visitenkarte, die kein Kindergartenmädchen versteht. So nicht! Ich werde Kommunikationsdesignerin mit der Vertiefung publizieren und vermitteln!

Weiß ich

Der Bleistift kratz über das Papier, er wird lauter, immer lauter. Ich kann wegsehen von dem Wahnsinn, der über die Seite jagt, sie füllt und verdunkelt. Nur weghören kann ich nicht: das Ohr hat kein Lid. Plötzlich habe ich dieses Lied im Ohr – das Kratzen wird leiser, auch das Gelächter und das Geschwätz. Ich öffne die Augen und sehe Weiß, Weiß soweit das Auge reicht. Die Welt um mich herum ist ausradiert. Der Radiergummi in meiner Hand zeugt davon, wer all die Produktivität zunichte gemacht hat. Der Druck war zu groß, die Konzentration hat sich in der Stille des bleigrauen Nebels verflüchtigt. Am Anfang war der Bleistift, bis die Mine abbrach und nur ein unbrauchbares Stück Holz zurückblieb. Hätte ich ein Messer, könnte ich spitzenmäßig schnitzen. Und dann ein Klecks Rot in all dem Weiß.

Ich bin so alleine hier. Mein Rock ist zu kurz. Alle starren mich an, weil ich nicht weiß wohin mit meinen Händen, wohin mit mir. Zeit übrig in einer fremden Stadt, die meine werden soll. War das immer so? In jeder neuen Stadt? Was neu ist: die sich immer klarer abzeichnende Aversion gegen Autos, Menschenansammlungen, Lärm, Kneipenviertel, enge, dunkle, überteuerte Wohnungen, die Wichtigkeit eines jeden, der durch die Straßen eilt. Ich spiele mit. Ich spiele mit dem Gedanken all das hinter mir zu lassen. All die Show, all das Streben, alles nur für diesen Moment des: Guck mal, hab ich gemacht! Meine Ruhe will ich haben, den Himmel vom Bett aus sehen und hören will ich Vögel statt Autos, Klavier statt Diskos, den tropfenden Wasserhahn statt tickender Uhren, das Rascheln von Papier statt piepsender Telefone. Ruhe. Was sind wir nur immer alle am Suchen, um am Ende die Sehnsucht nach dem Nichts zu finden. Leer – mein Blick, mein Kopf, mein Bauch. Wer zeigt mir diese Stadt? Wer macht, dass ich sie mögen lerne? Wer sagt mir wo meine Heimat ist? Wer weiß? Kein anderer kann sehen, wie schön diese Kratzer sind, nur du vielleicht. Du siehst so manches und manchmal sehen wir uns an. Müssen wir uns schon bemühen zu sehen, was wir haben? Kommst du mit, kommst du nach? Jetzt weine ich. Weil meine Heimat – das bist du. Du und die kleinen stillen Momente und der Himmel und das Grün des Sommers und der weiche Nebel des Winters und das Wasser und die Luft – die auf jeden Fall nicht so stinkt wie diese und jede Stadt.

www
welt weites warten

Paul Müller

»Unsere Herzschläge gehören nicht nur unserem Körper. Wir betten sie in die Weite der Tage, und sie sind stets leise gerade an den Orten zu vernehmen, die wir zurücklassen müssen. Schreiben hat häufig mit den Orten zu schaffen, die man zurücklässt. Und mit dem Horchen nach dem eigenen Herzschlag.«

Hermann Hesse

Die Kirchenglocke schlägt im Takt und lacht über meine Kalkulationen und Rechtfertigungen, sie diktiert uns:
Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld.

»Texte werden immer wieder korrigiert, variiert, weiterverzweigt, Graphiken mehrschichtig überarbeitet, Bilder und Skulpturen dem Verfall preisgegeben, Zeichnungen in Sekundenschnelle auf einen Papierbogen und dann auf den nächsten geworfen. Über schonungslose Tagebucheintragungen, Filme, Polaroids und Abfallsammlungen werden, zuletzt immer engmaschiger, flüchtige Lebensmomente derart unübersichtlich festgehalten, dass man am Ende nichts mehr sieht und nichts mehr weiß.«

»Wörter sind zum Weinen, Bilder zum träumerischen Sich gehen lassen.«

Dieter Roth: Die Haut der Welt

Chicago, Detroit, St. Louis, Bennett Springs, Plattsburg, Boulder, Santa Fe, Page, Zion, Las Vegas, Los Angeles.

4096 of 5940 Photos in 6 weeks.
May / June / July 2012

Spiegelblind

Im ständigen Abgleich mit dem Ich von Heute und Gestern und allen anderen. Mindestens täglich denke ich über mein Geschlecht nach und über mein Alter. Zeit im Zeitgeist. Wie alt ich mich fühle. Welche Rolle ich spiele. Als Frau. Mein Frausein so zu durchdenken macht den stets unkomplizierten Umgang mit Männern befremdlich, die Unterschiede überhaupt zu benennen ist dir fremd. Ich suche und frage und schaue zu, bin schläfrig und desinteressiert und desillusioniert. Ich bleibe stehen, während die Zeit an mir vorbeirast. Die Zeit steht still und ich bin eine alte Lady, müde und voller Geschichten. Meine Augen sind satt und noch habe ich nichts verstanden. In mir sitzt ein Kind – neugierig, ungeduldig, hochnäsig, besserwisserisch, überzeugt, jähzornig, pubertierend. Und eine müde Frau – erschöpft, ausgebrannt und leer. Und eine fürsorgliche Mutter. Und eine Großmutter – ruhig, gelassen und mit der Welt im Reinen, der alten zumindest, denn all das Neue geht zu schnell. Ich bin langsam und bremse euch aus. Verzeiht, dass ich euch eure Jugend stehle, weil mich das alles nicht mehr berührt. Ich sehe nicht hin und habe doch alles schon mal gesehen.

Mein Gesicht ist älter geworden. Aus dem Spiegel blickt mich eine sachliche, freundliche, fast selbstbewusste junge Frau an. Ich mag sie und möchte das Bild mitnehmen, doch ich kann es mir nicht merken. Die Blicke von Fremden prallen auf die Aura meiner inneren Leere und ich vergesse, was sie sehen. Ich wäre lieber unsichtbar, nicht durchsichtig und verblasst wie eine verkleinerte, unscharf verwischte schwarz-weiß-Kopie meiner selbst. Habe ich zu oft in den Spiegel geschaut? Oder waren es doch zu viele Fotografien, die mich – nein, meine Hülle festhalten und in Pixel und Punkt bannen wollten?

Heiße Luft

Jemanden eingehend und allumfassend über Tage und Wochen zu beobachten, ruft nichts weiter hervor, als eine dicke Unterstreichung des ersten Eindrucks. Als ich ihn besser kennenlernte, war mir nicht mehr klar, warum ich ihn anfangs als unsicher und phrasenhaft empfunden hatte. Ich fand ihn schlichtweg langweilig und glaubte keinen Moment, dass er mehr zustande bringen würde, als Material und Ausreden anzuhäufen. Wie ein kleiner, ungeduldiger Schüler trat er von einem Bein auf das andere, drauf und dran einfach wegzurennen, um hinter der nächsten Kurve sein großes Abenteuer zu finden. Wie er nun wieder um den heißen Brei tänzelt, weckt meinen ersten Eindruck erneut. Wie er sich windet und hinter Floskeln versteckt, mit wippenden, unentschlossenen Schritten den Weg nicht weiß, aber unbedingt irgendetwas machen muss und keinen Augenblick ruhig sitzen bleibt. Er trommelt mit der Hand auf den Tisch, um seine nichtswagenden, oft aufgesagten Worte zu unterstreichen. Er übt deren Aussprache, spricht mit stolzem Akzent und bedient sich abgelauschter Redewendungen der Amerikaner. Wer bin ich, festsitzend in meinem Käfig der Sprachlosigkeit, so über ihn zu richten? Gab ich mir doch alle Mühe, ihn als den abenteuerlustigen, unterhaltsamen, zielstrebigen, sympathischen und attraktiven jungen Mann zu sehen, den er darstellt, wenn ich ihn zwischen Tür und Angel, Arbeit und Küche, Architektur und Alkohol antreffe. Und doch, nach jeder unvermeidlichen Musterung seiner Bewegungsabläufe ist er wieder da, mein abschätziger Blick. Sein Gehampel lässt mich noch ruhiger und unaufgeregter dasitzen. Ich werde mir der angenehmen Stille in mir bewusst, während der heiße Wind meine Haare zerzaust, durch die Maisfelder saust und durch die Bäume rauscht. Je aufgeregter der Wind, desto ruhiger meine Gedanken. Die Wolken ziehen über das Land, Geschirr klappert in der Küche und ich sitze auf der schattigen Veranda. Ja, ich sehne mich nach genau dieser zeitlosen Langeweile, wann immer die Welt um mich herum nervös zuckt und brummt und unbedingt irgendetwas machen muss. Das Leben ist in mir und hier, die ganz einfachen Gedanken, die alles erklären und doch nichts verstehen, aber vor allem nichts müssen.

»Auf die Frage ›wer?‹ antworten, heißt, wie Hannah Arendt nachdrücklich betont hat, die Geschichte eines Lebens erzählen.«

Paul Ricœur, Zeit und Erzählung

Bevor mich keiner fragt

Zwei Tage im Nirgendwo

Bis zum kugelrunden Bauch im Wasser, alle fünf Meter einer, die Angel im Blick, die Ausrüstung perfekt. Fischköpfe dümpeln am Ufer, wo die Jungs ihr Anglerglück versuchen. Ausbeute: drei. Auf der Ladefläche sitzend, mit wehenden Haaren den Berg hinauf zum Campingplatz inmitten von grün. Die Klimaanlage tut ihr bestes, um das mobile Provisorium auf soundsovielen Squarefoot kühl zu halten.

Vom Urlaub am Fluss ins Landleben der Morgans. Haus Nummer zwei nach dem großen Brand, innerhalb von drei Jahren vollgemüllt, von einem Fuhrpark umrundet, als wären es vergessene Spielzeugautos. Mitten im Nirgendwo aufzuwachsen, lässt einem dicken Jungen wohl keine andere Wahl, als die Tage im Keller mit Videospielen und die Wochenenden mit Angeln oder Schießen hinter sich zu bringen. Die zwei Hunde hecheln und die fünf Katzen schleichen durch ein abgedunkeltes, muffiges Chaos der Konsumkultur. Kulturvermittlung, wo keine gemeinsamen Interessen bestehen. Eine Prinzessin von einem anderen Stern sieht zu und schweigt und beißt in das frittierte, fetttriefende Allerlei. Im Kopf nur Kunst und Bücher, und Gemüse im Fahrradkorb der süddeutschen Kleinstadt. Die Natur ist gemein und Tiere sind doof. Während der Stift über das Papier gleitet, krabbelt eine Ameise im Zickzackkurs zwischen die Zeilen.

Books

»Without books, history is silent, literature dumb, thought and speculation at a standstill. Without books, the development of civilisation would have been impossible. They are engines of change, windows on the world, and (as a poet said) ›lighthouses erected in the sea of time‹. They are companions, teachers, magicians, bankers of the treasures of the mind. Books are humanity in print.«

Barbara W. Tuchman

Detroit

Nach vier spannenden Tagen in Chicago voll feinster Architektur, Blues, Sonne und Riesensee stand am Memorial Day der Mietwagen für uns bereit: ein knallroter Fiat 500. Damit durch Detroit und die USA zu tingeln wäre zwar ein amüsanter Anknüpfungspunkt an die Reise zu viert im Twingo durch Skandinavien, allerdings sind wir ja in Amerika und um den Fiat herum stehen weit und breit lauter Jeeps, also beschließen die Jungs, dass wir noch mal etwas Geld drauflegen, um nach einigem Hin und Her einen blauen Passat Richtung Detroit zu steuern. Auf dem Weg machen wir Halt an Dünenstränden und im aufgeräumten Grand Rapdis, der zweitgrößten Stadt in Michigan. Seit Dienstag Abend sind wir in the D und wohnen bei Paul. Wie schön er das Haus innen renoviert hat, lässt sich von außen noch nicht erahnen, aber bald wird es blau verkleidet.

Über den Stuttgarter Regisseur Marcello hatten wir schon im Vornherein Kontakt zu seinen Freunden, mit denen er in den Neunzigerjahren Filme über Detroit drehte. Nach und nach besuchen wir sie und erfahren immer mehr über diese kaputte Stadt mit ihren traurigen aber eigentümlich schönen Industrie- und Wohnruinen und zerfledderten Vierteln, von denen manche eine ganz besondere Energie und Motivation ausstrahlen. Wir treffen auf Nachbarn, die zusammen ihr Viertel aufräumen und Gemeinschaftsgärten anlegen, auf Urban Farming zwischen verlassenen und abgebrannten Wohnhäusern und die Natur, die sich überall in dieser riesigen Stadt breit macht. Es gibt so viel zu sehen und mit jedem Tag wird unsere Liste länger.

Auf den Spuren des Individualkonsums, dem Amerikanischen Traum schlechthin. Wir besichtigen seine Relikte vom Auto aus, danach frönen wir der Nostalgie auf der Route 66. Destruktive Fragezeichen vom Rücksitz des überdimensionierten Mietwagens.

»Irgendwas müssen wir machen!«

3 in Amerika

Unzerplatzbare Seifenblasen

Wenn einem schon beim Aufwachen der Tod einfällt. Man denkt an das weiße Licht, an das Nichts und an die Leere. Das wars dann. Einfach so. Ohne dass noch jemand weiß, was war. Religion fällt einem ein, später vielleicht, der Angst wegen. Statt mit angemessen ängstlicher Miene die eigene Endlichkeit zu thematisieren, verfällt man in flapsige Ironie und vergisst es schnell wieder. Dann steht man auf und macht weiter und lebt.

Am Abend sagt einer, dass das Bewusstsein aus Energie besteht und dass Energie sich nicht einfach auflöst. Das hilft.

»Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bisschen weg, oder man geht richtig weg, oder man bleibt.
Erst bin ich ein Stückchen weggegangen und habe gemerkt, ein Stückchen ist schon zuviel, aber noch nicht genug. Ein Stückchen ist zuviel zum Umkehren und Zurückgehen, aber man ist noch nicht richtig weggegangen.«

Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was Du nicht siehst

Ich habe die Ruhe wach zu sein.
Die wachen Gedanken machen mich müde.

How to survive as a painting

»Aber es herrscht eine giftige Statusangst, ein gewaltiges Sinnvakuum, ein wahnsinniges selbstreferenzielles Klima.«

Katja Kullmann, Rasende Ruinen

Triptychon

Zu Anaïs Nin

»Ich bin überzeugt, wenn Sie bei Ihrer Schriftstellerei Erfolg haben, werden Sie die auch aufgeben, um sich zu bestrafen.«

»Nie trifft man den anderen im gleichen Gemütszustand, der gleichen Phase, der gleichen Stimmung – niemals. Wir sitzen alle auf einer Wippe.«

»Im Zug begann ich zu schreiben, um die Siebenmeilenstiefelsprünge meines Lebens durch die Ameisenaktivität meiner Feder auszugleichen.«

Über eine solche Fülle von bezeugtem Leben müsste sich ein Biograph eigentlich freuen … sie hat alles sagen wollen, was sich irgend sagen lässt … die Fülle des Formulierten und Notierten führt in ein Dickicht in welchem sich Anaïs Nin auch verliert und versteckt.
Es gibt Situationen, da macht man viele Worte um das eine Wort nicht sagen zu müssen, das einen so zeigen könnte, wie man sich selbst nicht sehen möchte und wie man nicht gesehen werden will … Zudecken mit Material haben Analytiker das genannt.
Gegen was schreibt sie an? Welchen Schmerz sollen die vielen Worte lindern, und wovon lenken sie ab?

Linde Salber

Der Engel hat gelogen.

Zwei Jahre nachgedacht, um nun gar nichts mehr zu wissen.

180 Motivations Aufkleber, 10 Motive.
Motivation, Position, Haltung, Meinung, Vision!

»Der halb bewusste Dämmer zwischen Selbsttäuschung und Betrogen werden.«

Hartmut Böhme

Halbschlaf-Kino

Dein gleichmäßiger Atem zerteilt die Zeit in Einatmen, Ausatmen, Stille. Einatmen, Ausatmen, Stille. Ich liege wach und mag mich nicht. In der Ecke wacht ein Schatten über uns. Das Halbschlaf-Kino lüftet seinen Vorhang, der Opernsaal wird zur Requisite, die Dimensionen heben sich auf. Der Schatten wird zum Riesen und steigt mit einem Schritt auf einen Logenplatz, sein Schuh passt gerade so hinein.

Vielleicht lese ich auch einfach gerne
Und schaue mir gerne Bilder an
Und träume vor mich hin
Den lieben langen Tag
Bücher lesen ist kein Beruf
Bilder anschauen auch nicht
Aber die Öffentlichkeitsarbeit für –
Ich werde protestieren
Werde mich fluchend daran erinnern
Dass ich Kunst studieren wollte

»Es ist leichter ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen.«

Laurie Penny

Zimmer ohne Tür

»Leben kann man sein Leben nur vorwärts, verstehen nur rückwärts.«

Oma Heidi, frei nach Sören Aabye Kierkegaard

Gekocht haben wir diesmal Kartoffelsuppe und zum Nachtisch Ofenschlupfer, der im Bayrischen Wald »Scheiterhaufen« heißt. Dazu gab es echte Vanillesoße und Geschichten von der Rückkehr ihres Vaters aus der russischen Kriegsgefangenschaft und einem jahrelang unentdeckten Zimmer ohne Tür im Haus ihrer Schwester.

Sabrinas schönste Sprichwörter

Ich zieh dir die Ohren über den Kopf.
Da legt sich die Katze schlafen.
Ich hab Angst, dass mir der Faden platzt.
Das ist das Wahre vom Ei.
Wir ziehn doch alle am selben Boot.
Du willst mich wohl hinters Glatteis führen.
Kanonen vor die Säue schießen.
Oder Kanonen vor die Perlen werfen.
Und den Knüppel ins Getriebe.
Noch grün hinter den Fittichen.
Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Elefanten werfen.
Morgenstund fängt den frühen Vogel.
Morgenstund ist aller Laster Anfang.
Morgenstund ist echt zu früh.

Das Nützliche mit dem Praktischen verbinden. Oder doch lieber das Angenehme mit dem Schönen.

Frühling. Ich traue mich aus dem Haus. Nur wenige Schritte weiter begegne ich anderen Frühlingsflaneuren. Ihr Schwatzen verschreckt mich, ich beschleunige meinen Schritt und senke den Blick zum Asphalt. Die Sonne im Rücken kriechen die Zweifel von den ausgetretenen Sommerschuhen bis in das verwaschene Grün meiner Strickjacke. Die erste Begegnung mit bekannten Gesichtern überstehe ich mit leichtem Bauchweh. Ich nehme den schmalen Weg hinter den Häuserreihen und beruhige mich. Da ist es, da sitzt sie, freut sich über das Gänseblümchen und meinen Kuchen. Was sie alles kann! Und macht! Ich schrumpfe und verstecke in Gedanken alles, was ich noch gestern an die große Glocke meines Schneckenhauses gehängt habe. Ich gehe weiter, verworrene Wege, vor und zurück, über alle drei Ampeln der Kreuzung. Fühle mich beobachtet und fast wie nackt ohne den grauen Wintermantel. Drei Bauarbeiter machen Pause und sehen mir dabei zu, wie ich die Treppe hinunter tripple und kurze Zeit später wieder hoch. Die Schuhsohlen sind nach innen abgelaufen, sicher habe ich X-Beine, und dann noch dieser Hintern – er fängt die Blicke auf und wackelt weiter, weiter in ruhige Gassen, vorbei an verschlafenen Schrebergärten, einem einsamen Kindergarten, Fußballfeld, Tennisplatz, Vereinsheim, einer braungrünen Wiese, einer lauten Hauptstraße – ich hasse Autos. Sportlich verkleidete Kinder rasen an mir vorbei. Ich hasse sportliche Kinder. Sie sind laut und grell und müssen immer zeigen, wie gut und wie viel besser als andere sie dies und jenes können. Ich will zurück in mein Schneckenhaus.

Sonntagskloß im Hals. Vergessen ist die zuckersüße watteweiche Glückseligkeit der verschlafenen Morgenstunden in deiner warmen Nähe. Im gleißenden Tageslicht verengt sie meinen Blick. Ich werde blöde, anhänglich und einfach.
Vergesse mich und merke, wenn ich jetzt nicht rausgehe platze ich. Und ich bleibe und platze. Gehe dann raus, ohne dich. Da fällt mir wieder ein: Vergiss dich nicht. Vergiss mich nicht. Vergiss nicht.
Vergiss es.

Ich habe Angst.
Angst davor dass alles zusammenbricht.
Mein System.
Eure Hoffnungen.
Online.

Bei mir tut’s.

Aber bei dir?
Und bei denen?

Happy New Year!

Schnee in Hessen

In der Woche vor Weihnachten verbrachte ich zwei wunderbare Tage mit meiner Oma Heidi. Vom Frühstück bis zum Abendessen erzählte sie mir Geschichten von früher, mein Aufnahmegerät hörte aufmerksam mit. Zwischendurch haben wir gemeinsam gekocht: Es gab Lammbraten, Kartoffelgratin und Rosenkohl und am nächsten Tag Grünkernsuppe, Gemüsepfanne und Apfel-Orangensaft-Kompott mit karamellisierten Mandeln und Vanillesahne.

Oma Heidi und ich kochen und reden weiter. Daraus wird ein biografisches Kochbuch, mit Rezepten und Geschichte aus einer Bayrischen Kindheit und einem Leben in Schwaben, mit Ausflügen in die ayurvedische Küche und praktischen Tipps für die moderne, gesunde Single-Küche.

Für euch gibt es heute weihnachtliche Schlachtplatte aus dem Bayrischen Wald zu lesen hinter dem 24. Türchen meines Adventskalenders.

Rolltreppe abwärts. Hinter mir wimmert einer in sein Telefon und in mein Ohr

… zusammen bleiben … aber … meine Liebe … war ich früher zärtlicher? Soll ich wieder liebevoller sein? … Aber … wie war ich denn am Anfang, als wir uns kennengelernt haben? … Aber ich liebe dich … bin ich dir zu … ich raste halt manchmal aus … aber Mona … ich kann mich ändern … sag mir, wie willst du’s? Wie war es mit den Anderen? Wie war es am Anfang? Wie willst du’s? Ich kann mich ändern, wirklich ich …

ealistisch nett

Die Lebensaufgabe erschöpft sich. Sie geben uns auf. Sie geben uns Aufgaben auf. Sie wollen nicht glorifiziert werden. Ich glorifiziere. Der unfertige Satz steht im Raum und wird als Meinung verstanden. Die Wahrheit bleibt im Hals stecken. Ich übergebe mich und das Wort an dich.

Nachrichten / Entwürfe / kein Empfänger

Schön/
Nachts/
Liebe Steffi, ich/
come stai/
Liebe/
Sie S/
Ich s/
Ja, mich gibts/
Hallo Tobi, wir/
E/
Hallo Manuel!/

»Vorne ist wenn wir am Ende sind besser.«

nitnatsnoc

Wieviel von dem was man vor sich hat

Wir begegnen uns im Zwischenraum von zweiter und dritter Dimension. Eindruck, Abstraktion, Ausdruck. Autonomes Zeichnen auf Weiß in Schwarz und Bleistift. Zufällige Kompositionen aus willkürlichen alltäglichen Fragmenten. Krümelkonstellationen, Fleckenarrangements und Staubpartikel treffen auf Raumbeschreibungen. Aus der Vielfalt wird eine zusammenhängende Ausdrucksweise. Sprache trägt in die Gedankenwelt der gezeichneten Fundstücke.

24 Zeichnungen von Christina Schmid und Jakob Rauscher zu sehen in ›Show me yours – I show you mine‹ – Gesamtausstellung der Studierenden der Kunstakademie Stuttgart vom 10. bis 19. November 2011 im Wilhelmspalais.

Himmel

Es ist nicht da, was ich sehe,
es fehlt. ein Trug der Augen.

Was daran heilig sein soll,
weiß der Himmel.

Hans Magnus Enzensberger: Zukunftsmusik

Kurz vor November

Sonntag. Langsame Schritte, gedrückte Stimmung, skeptische Blicke zu den tief hängenden Wolken. Die Melancholie herbstlicher Gärten. Etwas Großes, beinahe Bedrohliches steht uns bevor. Und sei es nur der November mit seiner nass-kalten Dunkelheit. Ich wäre gerne wieder zu zweit. Heute, hier, jetzt. Und immer. Solange immer eben geht. Und schon sehe ich deine hochgezogenen Augenbrauen, deine Körperspannung, die sich zum vorsichtigen, aber zügigen Rückzug wappnet. Die erklärenden, fuchtelnden Worte des Verstehens, aber –
Ja, wir haben das besprochen, vom ersten Tee an war das dein und somit unser Thema. Immer und Exklusivität sind Illusionen, die uns das Leben schwer machen, wenn nur noch daran erinnert und gezerrt wird. Doch die milde, verführerische Süße des Hier und Jetzt! Warme Sonnenstrahlen brechen zwischen den Wolken hindurch. Die sonntäglichen Spaziergänger erwachen, ja lachen und toben mit den Kindern durch die leuchtenden Farben des Oktobers.

Diese spröde Schlichtheit als Ergebnis meiner einsamen Projekte verwundert mich zumeist selbst. Kalt wiederspricht sie meiner inneren Welt, die organisch wabert, wimmelt und strahlt.

Und doch erscheint es mir die natürlichste politische Grundhaltung gegen all die
links
ist alles keine Lösung
keine Ahnung
weniger ist mehr
tut doch nicht so erwachsen
erwachsen gibt es nicht
aneinandergereihte Allgemeinplätze
Floskeln der Ahnungslosigkeit
mir fehlen die Worte
es gibt nichts zu sagen
ausgedrückt
vergessen
ist mir
zu groß
egal
als ob
soll doch wer anders
immer
nur
ich ich ich

la testa tra le nuvole

Hedonismus:

Kunst, Typografie, Maseratis und Käse auf dem Silbertablett.

ma sia quel che sia

In culo alla balena

Und wie gehe ich nun um mit der außerordentlichen Freiheit einer Nichtbeziehung voller Liebe ohne Eifersucht und Erwartungen? Die emotionalen Grenzen in meinem zurechtgerückten Kopf produzieren schon beim Gedanken an mögliche Eskapaden des absoluten im Moment Seins schlechtes Gewissen. Es ist Zeit, die Zäune, Mauern und Schutzwälle einzureißen, die Fenster aufzureißen und den frischen Wind tief einzuatmen, den grauen Erwartungsmüll frei und loszulassen. Hier und Jetzt. Ich und du oder ihr. Meine Welt, mein Leben, die Ideen – das größte Geschenk. Nimm es an, pack es aus und freu dich daran, immer wieder, jeden Tag und in jedem noch so kleinen Moment, in dem ein Einfall deinen Kopf durchzuckt und als Geistesblitz in deine Welt einschlägt, um dort ein weiteres, unerwartetes Monument zu hinterlassen.

Ein Kürbisfeld! Orangene Inseln im Grünbraun der vor dem Zugfenster vorbeiziehenden Landschaft.

Und so baue ich weiter und um und aus und hoch hinaus. Darüber der blaue Himmel, wie gemalt. Die Luft, so wie sie sein soll. Eine leichte Brise, angenehm warm. Manchmal auch Sturm. Bin ich da allein? Dort gibt es keine Fragezeichen. Alles ist selbstverständlich und gut so, in ständigem Wandel. Eine unermessliche Fülle an Details, in sich perfekt und unfassbar. Sie ist da. Du hast sie gesehen, im Glanz meiner Augen. Ich habe sie verlassen, für dich, und dann vergessen. Jetzt wo ich sie wieder sehe, könnte ich mich in ihr verlieren. Eure Welt wird zum Traum, der meine Welt vollmüllt und zu dem macht, was sie ist. Hier versammeln sich die Extreme. Das Gute wie das Schlechte. Die Banalitäten gehen verloren im Grau. Was ich mag findet seinen Platz, stellt sich zusammen. Eine Ansammlung an Kuriositäten, Entdeckungen im Zuviel und Zuwenig. Was ich mag wird geschliffen, poliert und schwebt und glänzt in der watteweichen, warmen, leuchtenden Luft.

Je tiefer ich mich hineinträume, desto härter der Aufprall auf dem Boden eurer Realität. Die scheppernde Lautsprecheransage reißt mich aus dem Rundgang durch die wundersame Einrichtung meiner Räume und Gebäude, Gärten und Plätze, Miniaturen und detailreichen Vergrößerungen. Maßstäbe entscheide ich, oder jemand, der das alles hier archiviert.
Ich war so lange nicht hier –

Öffentliche Verkehrsmittel

Buch vergessen. Aus dem Fenster schauen, grübeln, beobachten, entdecken, aussteigen, umsteigen, sitzen, warten, ein Lächeln von dem Typ mit dem seltsam kantigen Gesicht. Wars überhaupt ein Lächeln oder nur ein Blick, sachlich, aber einen Tick zu lang? Zumindest hat er mir gefallen, der Blick. Und mich zum Lächeln gebracht – habe ich gelächelt? Innerlich vielleicht. Das Wort Lächeln mag ich überhaupt nicht. Schmunzeln klingt besser und schmunzeln muss ich über frühe Busverknalltheiten. Und ein spätes Wiedersehen mit übermütigem Geständnis von – ja, von was eigentlich? Ein Blick, immer einen Tick zu lang, den ich ihm morgens an seiner Haltestelle schenkte. Als die Liebe noch ausschließlich Gedankenspiel war. Weder seinen Namen wusste ich, noch sonst. War nicht wichtig, habe ich auch jetzt wieder vergessen. Und dann wartete er draußen, nach seinem flüchtigen Abschied, als die Party noch in vollem Gang war und nur ich beschloss das Menschengedränge im heruntergekommenen Studentenwohnheim zu verlassen. Die seltsame Situation bei mir. Wie langweilig. Manches bleibt besser Gedankenspiel.

du – das ist zumeist einer, den ich liebe, geliebt habe oder lieben wollte. Oder ich, im Selbstgespräch, die ich mir etwas vorwerfe und mich auffordere, endlich anzufangen.

ich – das bin ich. Wie ich bin, im Moment, immer wieder anders. Wie ich sein will. Oder wie ich nicht sein will. Mein schreibendes Ich ist wer anders.

ihr – meist ein Vorwurf. Eure Welt, eure Regeln, euer System. Ihr seid anders, wollt und erwartet etwas von mir, das ich nicht kann, will und bin.

wir – ein Konstrukt in meinem Kopf, erträumt und selbst wenn auch mal real ein wir da ist – mein Wir besteht aus mir, und dir – wie ich dich sehe und sehen will.

er – wird oft mitten im Text zum du. Wenn ich in Erinnerungen schwelge, mich in Sehnsüchte stürze und dir sagen will, was nie oder zu oft gesagt wurde.

Beim Fingernägelschneiden denke ich an Chris. Daran, wie er mir, die ich mich abmühte mir mit der linken Hand die Nägel der rechten Hand zu kürzen, die Schere aus der Hand nahm, mich auf seinen Schoß setzte und fachgemäß alles abschnitt, was für ekelhafte Kratzgeräusche in der Nacht verantwortlich war. Das milbenverseuchte Ausklappsofa im ewig dämmrigen Dachzimmer mit muffigem Teppich und verblichenen Kunstdrucken auf der mittelbraunen Holzvertäfelung. Die klapprige Küche mit Mini-Wintergarten-Balkon – im Sommer unerträglich heiß, im Winter bitterkalt. Der Kühlschrank leer, also bestellten wir Pizza oder Indisch zum Film. Ein Film nach dem anderen, Serien in unermesslicher Auswahl flimmerten über den farbfalschen Riesenflachbildmonitor. Betrunkene Nächte, getanzt haben wir gern. Beim Tanzen denke ich auch an ihn. Weil ich wohl so tanze wie er, aber nicht so gut. Ich, ein egoistisches Miststück von 20 Jahren. Mir, nie verziehen, lebenslänglich. Wären da keine gemeinsamen Freunde, die sich selbst nach Jahren der Funkstille und geglätteten Wogen noch überlegen, wen von uns sie zu ihrer Abschiedsparty einladen – es würde nicht stören. Aber so werde ich mitten im Spätsommertag von indirektem Langzeithass heimgesucht und fange plötzlich an, die Fragmente der Erinnerung an uns zusammenzuklauben. Unsere E-Mails sind der Schlüssel zur damaligen Faszination …

3

Kerzenstummel vergangener Beziehungen, Marmeladenreste gefällter Bäume. Nummer drei fehlt noch. Es müssen immer drei sein. Drei.

1

Es gibt keine absoluten Aussagen!

2

Sie sagt es. Sie sagt es zweimal, weil sie es ernst meint.

Pfirsichmarmelade

Apfelernte – Apfelmus, Apfelkuchen und 1100 Liter Apfelsaft

and she’s so busy being free

Urlaub

Paula wirft ihren Hund Bonsai ins Wasser und lässt ihr Marienkäferboot mit Apfelfamilie auf der Saale schwimmen.

Technikverweigerung und Wünschelrute: Architektenpaar auf Fahrrädern an der Elbe.

ich denke also bist du

deine Hände streicheln alles glatt, schlichte Sachlichkeit, unendliche Schönheit, klare, fein geschwungene Kurven, in weichem Grau. Grau, wieso Grau? Bilder, unfassbare Bilder, keine Farbmusterexplosionen, wie sonst, doch auch sie verschwinden, sobald ich sie bemerke, die Visionen, die du für mich modellierst.

»Möglichkeitsmenschen leben in einem feinen Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven.«

Nanne Meyer

Dunkel (November 2004 – April 2010)

Faszinierend traurige Augen, lange dunkle Mäntel, lange Haare und Nieten überall. Tiefgründiges Dunkel. Aber ich träumte von Farben.
– Die nicht.

Später, seitenlange Briefe, stundenlange Gespräche und der schwüle Sommer im Halbdunkeln einer Halbbeziehung. Ich wollte raus.
– Er nicht.

Die Farben eines Sommers in neuer, strahlender Zweisamkeit – schleichend von einem dunklen Herbstgrau verschluckt. Das Grau blieb bei ihm.
– Ich nicht.

Sonnenstrahlen im Herzen, Farben vor Augen und Träume im Kopf. Endlich.
– Nur ich.

So fand mich einer, mitten im Winter, der eine, dachte ich. Das Dunkel lag hinter ihm, die Einsamkeit war seine Freundin. Ich wollte näher, mehr, alles.
– Er nicht.

So verlor ich mich, mitten im Sommer, und ihn. Das Dunkel, so ist das also. Die Einsamkeit, ich ertrug sie nicht. Kalt. Farblos. Leer.
– Ich?

Die Einsamkeit rettete mich, behutsam, Schritt für Schritt, aus den Tiefen des Dunkels. Am Ende wartete der Frühling. Sonnenstrahlen, Farben, Träume. Wiedergefunden.
– Ich.

Unverfänglich positiv

Sie steht auf und geht. Gerade wird ein Herz ausgeschüttet – Zuviel für sie. Für mich auch. Und so höre ich nicht zu. Ein anderes Gesprächsthema muss her. Was mir einfällt sind unterhaltsame Zweifel, allgemeine Probleme und persönliche Katastrophen. Unverfänglich positiv sind höchstens schönes Wetter und gutes Essen.

Samthandschuhe

Burn Out, Psychose, Depression. Sie hat die Sache erkannt, benannt und in eine Schublade gepackt. Nein, besser gleich in eine Kiste zum Mitnehmen, Pflegen, Loswerden. Sie ist uns allen voraus und überlegen, ein Opfer der Umstände, Zeit, Gesellschaft. Dass auch ich meine Zweifel habe, gilt nicht. Denn mir geht es ja gut. Ihr geht es schlecht. Dann packe ich also mal wieder meine Samthandschuhe aus. Etwas verstaubt sind sie, nach all der Egozentrik nach dem Absturz nach der Selbstaufgabe nach der absoluten Liebe. Ja, früher hatte ich sie immer bei mir, die Samthandschuhe mit genügend positiver Energie für die faszinierend tiefgründigen Depressionen dieser Welt.

weg da
da —
— weg
da! der weg
weg damit

einfach
ohne
extra

mit —
— machen
— dabei
— ohne

lebensentwürfe

statt
zu
leben

dahin
dorthin

wem gehört das?

hier

1.
2.
3.

l.
ll.
lll.

a)
b)
c)

Ein Tag, ein Leben

Die Schule absolvieren die Menschen am späten Vormittag, die Liebe ist nur ein Augenblick, Schwangerschaft und Geburt eine Sache von Minuten. Alles rast vorbei, nichts wiederholt sich, denn »die Hölle, das ist die Wiederholung«. Als Benny sich in Gini verliebt, will er aber in eben diese Hölle versetzt werden. Er will, ganz romantisch, die Ewigkeit. Aber …

A. F. Th. van der Heijden: Ein Tag, ein Leben

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt.

»In Wahrheit ist jede Wahrnehmung schon Gedächtnis. Die reine Gegenwart ist das unfassbare Fortschreiten der Vergangenheit, die an der Zukunft nagt.«

Henri Bergson, Materie und Gedächtnis.
Entdeckt bei Haruki Murakami: Kafka am Strand.

Bus zum Killesberg

Zwei Sitzreihen weiter vorne führt ein Mann aufgebracht Selbstgespräche. Kurz vor dem Aussteigen dreht er sich spontan zu mir um, sieht mir mit stechendem Blick in die Augen und verkündet mit theatralischer Stimme: »Renate Farn hat ihr liebstes Spielzeug, an dem sie ihre perversesten Fantasien ausleben konnte, verloren! Nämlich mich. Kennen Sie Renate Farn? Nein? Seien Sie froh!«

Die Bustür öffnet sich und der Mann schreitet mit energischen Schritten in die Abenddämmerung.

»Lieber mit dem Boden auf den Füßen und mit dem Kopf in der Luft.«

Kistenkrieg

Kisten über Kisten. Bastelkram ohne Ende. Allerlei Papier. Noch mehr Papier. Und Staub, überall! Ausgetrocknete Stifte. Leere Sprühdosen. Acrylfarben. Weiße Leinwände. Blöcke mit Aktzeichnungen aus dem ersten Semester. Das Studium fällt aus ungeordneten Ordnern (sortiert wird bestimmt später). Klamotten und Schuhe, die ich nicht mehr mag und trotzdem nicht wegwerfen kann. Durchlöcherte Strumpfhosen in allen Farben. Plastikschmuck. Postkarten. Juhuu: 20 Euro in einer Weihnachtskarte! Flyer. Faltblätter. Ansichtsmaterial. Andenken. Viel zu viele Bücher. Romane. Designbücher. Comics. Kochbücher. Bilderbücher. Zeitschriften. Die CDs meiner Jugend. Noch mehr Staub. Alte Fotos, lieber nicht anschauen. Eintrittskarten. Kalender der letzten Jahre. Angefangene Skizzenbücher. Veraltete Listen. Kabelsalat. Stoff für den Traum vom Nähen. Knöpfe. Alte Schreibmaschine mit meterlangen Kurznachrichten auf Kassenrolle. Kuckucksuhr und eine Kassette von Papa. Benjamin Blümchen rettet den Kindergarten. Wählscheibentelefon, das ja eigentlich nicht so ganz mir gehört. Kaputte Discokugel. Seifenblasenmaschine. Und Briefe.

Und Briefe

»Ich habe es sehr genossen mit Dir zusammen diesem Fragezeichen aus dem Weg zu gehen.«

»Ein bunter Film, und du hast mir einen kleinen Vorrat an Farbe da gelassen. (…) Als ob deine Droge nicht mehr wirkt.«

»Ich träume von einer nicht müden Christina neben mir … in irgendeiner Zukunft.«

»Für mich ist alles wie vorher. Es war halt nur so ein gefühlsmäßiges Probieren. Schwer zu beschreiben. Aber es war echt nichts weiter.«

Nichts weiter. Oh Mann. Weiterpacken.

Abenteuer

»Du wirst lachen, aber ich hab Dich heute morgen schon besucht. Nein echt! Heute in aller Frühe ist nämlich etwas sehr Seltsames passiert. Ich habe so gegen Mitternacht angefangen, an einem Layout zu arbeiten. Dann, so gegen halb vier Uhr früh, hab ich ein paar Bier getrunken und dann noch die Flasche Wodka vollends geleert und dazu richtig ausgelassen Musik gehört. War eigentlich cool. Was dann weniger cool war: dass ich irgendwann ein paar Stunden später unter der Treppe im Treppenhaus aufgewacht bin. Ich hatte nur eine Unterhose an und wusste auch gar nicht, wie ich da hingekommen bin. Ich bin zu meiner Wohnungstür gelaufen und hab sie aber verschlossen vorgefunden. Also hab ich mich wieder unter die Treppe verzogen und hab überlegt. Es wäre ja irgendwie peinlich, wenn mich jetzt ein Hausbewohner so antreffen würde, fast nackt ... Ich bin irgendwie auf die fixe Idee gekommen, dass es das beste wäre, zu Dir zu gehen, weil ich dachte, Du könntest mir bestimmt weiterhelfen. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, barfuss und in einer weißen Unterhose mit blauen Streifen. Es hat geregnet, aber es war nicht kalt. Und das Komische war, dass mich die meisten Leute, die mir auf dem Weg begegnet sind, gar nicht angesehen haben. Aber ganz normal fanden sie’s bestimmt nicht. Ich bin so zehn vor neun bei Dir angekommen, aber da warst Du leider schon weg. Ich hab noch so anderthalb Stunden vor Deiner Tür gesessen und wusste nicht, ob Du noch kommst. Nachdem ich die Kaserne durchsucht habe nach irgendetwas Nützlichem, hab ich beschlossen, bei Hannes’ WG vorbeizugehen, um mir etwas Geld und ein paar Klamotten zu leihen. Leider war er nicht da, sein Mitbewohner auch nicht. Anschließend bin ich noch mal zu Dir, aber Du warst immer noch nicht zuhause. Also bin ich in das Hotel neben der Kaserne gelaufen und hab mir ein Taxi kommen lassen und den Schlüsseldienst gerufen. Der Taxifahrer fand das alles ziemlich komisch, hat mir aber geglaubt. Und er hat die Heizung voll aufgedreht, netter hilfsbereiter Typ. Daheim bin ich meiner Nachbarin begegnet und sie war ganz bestürzt, dass ich hier so halbnackt rumhänge. Ich hab sie gebeten, den Trockenraum aufzuschließen, dass ich mir da ne Jogginghose holen kann. Hab ich dann auch gemacht. Und dann hab ich drei Stunden auf dem Parkplatz auf den Schlüsseldienst gewartet. Schließlich hab ich mich entschieden, einen anderen Notöffnungsdienst anzurufen. Der ist dann vor einer halben Stunde gekommen und hat meine Wohnungstür aufgebrochen. Ich bin so froh, jetzt wieder hier zu sein. Es war echt ne Horrorshow und manchmal wars auch lustig, ich bin mit meiner Unterhose durch den Regen gelaufen und hab gelacht, und manchmal haben die Leute, die mir begegnet sind, auch gelacht, aber irgendwie war es extrem bedrohlich, so ausgeliefert und mittellos zu sein. Ich bin so froh, dass es vorbei ist. Und ich bin total dehydriert, ausgehungert und müde, aber das musste ich Dir einfach zuerst erzählen. Und jetzt werde ich mich wieder herstellen.«

»Bist du dir bewusst darüber, dass Du ein reißender Strom sein kannst?«

»Und dann ist es immer so, dass meine Eltern und ich uns erst wieder aneinander gewöhnen müssen. Das ist so ne Mischung aus Euphorie und Empörung auf beiden Seiten, schwer zu beschreiben.«

Goodbye

Schöne Abschiedsparty, fast alle sind da und haben Spaß. Am nächsten Morgen fehlen die Videos auf meiner Kamera, vielleicht besser so. Mein Englisch kam mir plötzlich so gut vor. War das so?

Meine letzte Woche in New York verbringe ich tagsüber bei Pentagram und nachts am Computer, bis das Buch über mein Praktikum hier und in Berlin fertig ist. Der Freitag nach einer durchgemachten Nacht ist etwas vernebelt mit Team-Lunch und viel zu viel Goodbye.

Jetzt ist Montag, in vier Stunden geht mein Flug. Für 30 Tagen durch die USA: Seattle, Portland, San Francisco, Yosemite National Park, Monterey, Big Sur, Los Angeles, Grand Canyon, Santa Fe, Denver, Chicago und (für weitere fünf Tage) New York. Und dann zurück nach Germany.

Matt hat mir den Soundtrack zu meiner Reise zusammengestellt und auf meinen iPod gepackt. Der große Rucksack steht bereit, Jesse wartet schon auf den Einzug in mein Zimmer und der Computer freut sich auf vier Wochen Pause.

Also los!

Käsespätzle

Cassie war im deutschen Restaurant Lorelei und es gab Käsespätzle. Daraufhin üben wir die deutsche Aussprache von »ich liebe Käsespätzle« und »lecker«.

Es ist Sonntagabend, viel zu spät, mein Bett schreit schon ganz laut, doch meine Listen rauben mir den Schlaf. Neben meinem Fulltimejob habe ich mir vorgenommen, mein Buch übers Praxissemester anzugehen. Außerdem gilt es, freie Betten in Los Angeles, Denver und Chicago zu finden. Nebenbei möchte ich so viel wie möglich von New York sehen, bevor es in zwei Wochen schon losgeht. Zwei Wochen. Ich will nicht weg aus dieser großartigen Stadt.

Die Nachfolgerin für mein Zimmer ist schon da: Jesse aus Denver. Sie und Pete haben dort einen gemeinsamen Freund, den soll ich unbedingt treffen. In San Francisco werde ich mir das Office von Pentagram anschauen und in Monterey habe ich schon eine Schlafgelegenheit. Und so füllen sich die vier Wochen.

Am Samstag geht es zum Brunch in eines meiner Lieblingsrestaurants. Ausdrücklich kein Fastfood, daher kommen wir viel zu spät nach Queens, Yelena ist etwas sauer, dass wir nur eine Stunde für die Kunst im PS1 haben. Dabei heißt die Ausstellung ›Take your time‹ und für Olafur Eliasson braucht man die auch – wunderbar!

Ich geh ja gleich schlafen. Nur noch kurz die Einladung für meine Goodbye Party am Samstag rausschicken: An alle Leute, die ich in vier Monaten kennengelernt habe. Mal sehen, wer sich auf den Weg zu uns nach Bushwick macht.

Candlelight

Nach einem langen Dienstag steige ich müde und hungrig die vier Stockwerke zu unserer Wohnung hoch, schließe die Tür auf und … huch! Alles voller Kerzen. Meine Mitbewohner sitzen nicht wie gewöhnlich schweigend an ihren Bildschirmen, sondern am vom Kerzenlicht erleuchteten Tisch. What happened?
»It's Energy Saving Day.«

Mir war bis dahin nicht bewusst, dass Amerikaner so etwas haben und ich bin tief beeindruckt. Als ich den Kühlschrank öffne und nicht einmal dort das Licht brennt, finde ich das doch übertrieben. Das Eis schmilzt ja schon! Da kommt die Wahrheit ans Licht (oder ins Dunkel): Jemand hat vergessen die Stromrechnung zu bezahlen, also wurde uns der Strom abgestellt. Eigentlich ganz schön so für einen Abend: Flackerndes Kerzenlicht und Pete mit seiner Gitarre. Nur kochen geht heute nicht.

The Met

Am Sonntag gehe ich mit Pete und Brian ins Metropolitan Museum, riesige Menschentrauben stehen auf der Treppe vor dem Eingang. Ich träume immer öfter von Stille und Leere – Wüste wäre gut.

Die Kunst ist gigantisch und das Museum so groß, dass wir nicht mal die Hälfte schaffen. Da muss ich nochmal hin, unbedingt. An den Bildern von Chuck Close können wir nur noch vorbeirennen – wahrscheinlich waren wir zu lange bei den Ägyptern, Griechen und Römern, bei der afrikanischen und indianischen Kunst und in der permanenten Sammlung der Moderne. Auch das Dach mit Blick über den Central Park verpassen wir leider.

Frühlingsspaziergang und dann zum Carnegie Deli, dort teilen wir uns einen Fleischberg und das größte Käsekuchenstück der Welt.

Chess

Am Mittwoch kann ich mich vor acht aus dem Office schleichen und mir die Abschlussausstellung an der Parsons Design School anschauen. Anschließend gehe ich mit Brian (Architekt bei Pentagram) ins Fat Cat mit Livemusik, Billiard, Ping Pong, Scrabble und Chess. Die englischen Schachfiguren heißen von nun an Jumper, Runner, Tower und Farmer und Brian schreibt ein Lied drüber.

Am Freitag ist Rinas letzter Tag bei Pentagram, nach Feierabend gehen wir ins East Village zur teamübergreifendem Arbeitsklima-Analyse überarbeiteter Praktikantinnen und Freelancerinnen. Schön, die Mädels mal außerhalb des Büros zu sehen.

Chocolate

Unser Nachbar zeichnet traurig dreinblickende Gestalten, die ab heute im Kleiderladen seiner Freundin in der Lower East Side zu sehen sind. Die Eröffnung feiert er mit einem Chocolatier, dessen Kreation alles übertrifft, was ich bisher an Schokolade probiert habe (und das ist nicht wenig). Die Party ist komisch, aber nun kenne ich Fritz – in rosa Netzstrümpfen. Er hat mal in meinem Zimmer gewohnt.

Superflat

Am Samstag gehe ich ins Brooklyn Museum zu Murakamis grinsenden Blumen. Faszinierend, wie aggressiv mich das macht. Vor dem Museum treffe ich Yelena von Pentagram. Sie hat freien Eintritt zum Botanical Garden für sich und ihre Gäste, spontan gehe ich mit.

Wie gut das tut: Grünes Gras, blühende Kirschbäume, ein Duftgarten, Gewächshäuser mit exotischen Pflanzen, ein chinesischer Garten, ein Teich mit Fischen und ein Bach mit plantschenden Enten. Nach dieser Portion Ruhe verstören mich die lauten Straßen. Diese Stadt ist so laut, Dauerbeschallung, immer und überall.
I need a break.

Abends gehe ich mit Pete und unserem Nachbarn zur ›Peace of Pizza Party at Glasslands‹ – da gibt es Farbe und Wände zum Bemalen, jetzt habe ich Farbspritzer auf den Klamotten, wie früher. Ich vermisse Pinsel und Farbe, könnte ich doch mal wieder versuchen.

Queue

Das mag ich: »Hi Christina, nice to meet you! Oh, you will go to Denver? We are from Denver! You could meet our friends there! … – Hey, this is our friend Christina, we just met her, she's awesome! She will travel through Amerika …«

Und so plant sich meine Reise weiter in der Warteschlange zum Konzert, für das ich ein übriges Ticket ergattern kann: ManMan und Yeasayer – der Drummer wohnt in unserem Haus und seine Musik läuft bei uns rauf und runter.

Spring

New York riecht nach Frühling, die Bäume blühen, Vögel zwitschern, die Melodie des Eiswagens tönt durch die Straßen und die New Yorker machen Mittagspause im Park. Und ich verbringe die Tage und Nächte im Keller, lasse die Plotter auf Hochtouren laufen, schneide Berge von Papier zurecht (wieviele Bäume muss ich wohl pflanzen, um diese Exzesse wieder gutzumachen?) und produziere auf Hochtouren Prototypen für poster, postcards, stationery, bags, boxes, brochures und presentation boards.

Neuer Rekord: Im Office von 8 AM bis 3:30 AM. Dann mit dem Taxi nach Hause.

Family Time

Ihr kommt gerade recht zum Pillow Fight am Union Square, alles ist voller Federn. Dann Jetlag, also bringe ich euch ins Hotel und gehe spontan zum Konzert von Digitalism in die Webster Hall. Die Fans kreischen zu laut und der Fisch im Aquarium neben der Bar sieht auch etwas depressiv aus. Also nach Hause, Osterbrunch vorbereiten.

Dann kommt es doch anders, ein Typ steht etwas verzweifelt vor unserer verschlossenen Haustür, er will zu einer Party in den dritten Stock und lädt mich dazu ein. Ein riesiger Raum mit zehn Bewohnern, ganz pur, nichts renoviert und irgendwo gibts wohl auch Zimmer. In diesem Haus ist jedes Stockwerk anders. Der Typ weiß mir allerlei Tipps über das Reisen mit dem Zug durch die USA. Die Dimensionen werden mir erst klar, als Pete Europa auf Amerika legt.

Die Woche mit meiner Familie ist mit Abstand die anstrengendste, seit ich hier bin. Ich zeige ihnen alles: Meine Lieblingsorte, verschiedene Viertel, Läden, Restaurants und natürlich die Touri-Highlights, die ich selbst noch nicht kenne: Rockefeller Center, Flatiron Building, Financial District, mit der Staten Island Ferry vorbei an der Statue of Liberty, Central Park, MoMA, Shopping in Soho und der Upper East Side, Gallery hopping in Chelsea, Restaurants im West Village, in der Lower East Side, in Greenich Village … Ich ziehe zu Ihnen ins Hotel mit gigantischen Matratzen, einer doppelköpfigen Dusche und Aussicht auf den Times Square aus dem 31. Stock.

Das Fazit der Eltern: Beeindruckend, aber so laut und all die Menschen … Kein Wunder leben hier alle in ihrer eigenen kleinen Blase, mit Soundtrack aus dem iPod auf den Ohren und in der Subway die Nasen hinter Buchseiten versteckt. Zurück in die Ruhe, Naturpark Donautal.

Erst jetzt fällt mir auf, wie laut es hier ist.

13

Kein Skyscraper in New York hat einen dreizehnten Stock.

Very

Ja, es gibt mich noch. Auch wenn ich mich schon lange nicht mehr von Kopf bis Fuß gesehen habe, der Spiegel in der WG ist zu klein. Die Geschichten schreibe ich nur noch im Kopf, die Tage und Erlebnisse ziehen vorbei, ohne dass ich ein Foto mache. Dabei passiert hier doch immer was.

Viel zu tun bei Pentagram: Bobby’s Burger Palace braucht Verpackungen für Hamburger, Fries, Fingerfood, Soft-Drinks und Napkins. Das Museum of Art and Design will Tüten und Kisten in allen Größen für den Museumsshop. Der Annual Report muss zu Channel Thirteen (zwanzig Blocks westlich von hier und es regnet New Yorker Regen – ich brauche dringend Gummistiefel). Dies und das muss hier und dort hin. Das muss geklebt, gecuttet, gescannt, fotografiert, gedoubblecheckt werden. Bevor der Fotograf fürs Portfolio fotografieren darf, sollen Vorfotos vom gewünschten Bildaufbau gemacht werden. Für Meetings braucht man Kaffee, Tee, Milch (non fat, fat reduced, half-half, whole oder organic?) die fünf gängigen amerikanischen Zuckersorten, Früchteteller, Muffins, Croissants und Cookies vom Edelkonditor, Orangensaft – und bitte alles im richtigen Layout drapiert. Was wäre Pentagram ohne seine Praktikanten?

Trotz langer Arbeitstage gewöhne ich mich an Feierabendprogramm. Bei einer Recherche nach Illustratoren und Cartoonisten für das Redesign des Atlantic Magazins, stoße ich auf eine Veranstaltung in einem kleinen Buchladen: Die beiden Verfasser von ›Monseur Jean‹, einem berühmten französischen Comic-Charakter, sind aus Paris angereist, um den New Yorker Comicfans (hauptsächlich selbst Cartoonisten) zu erzählen, dass sie wirklich ALLES zusammen zeichnen und schreiben. Und ich bin nun im Besitz meines ersten Comicbuchs.

Im sonntäglich überfüllten Guggenheim Museum bleiben Matt und mir (beide notorische Zuspätkommer) 40 Minuten für eine überkitschige Autoexplosion in der Eingangshalle und tolle Sprengstoffkunst von Cai Guo-Qiang.

Endlich ist das Justice Konzert, das ich in Berlin verpasst hatte. Ich weiß nicht, wie oft ich Pete auf dem Weg nach den Tickets frage – am Ende verliert er sie doch. Das Gute an Onlinetickets: Wir können sie nochmal ausdrucken, im Copyshop. Glück gehabt, das Konzert ist großartig, trotz der Sitze um uns herum.

Am Samstag gleich zum nächsten Konzert ins Studio B zu Fixed und Cut Copy.

Ich träume noch auf Deutsch, mit Ausnahme einer Horrornacht, in der alle auf Englisch auf mich einreden und ich nichts, gar nichts mehr verstehe. Aber es gibt ja Wecker und in unserer WG gleich drei, die jeden Morgen um die Wette klingeln und jeder hört die anderen mit dem Wachwerden kämpfen.

Table!

Mit rotem Tape klebe ich meine Forderung an die Wand: Table! Der friendly Reminder wirkt, Pete und Martin gehen zu ›Eikia‹ und kaufen uns endlich einen Tisch. Platz für Whiskey zu Monopoly.

Stefan Sagmeisters Ausstellung hat ihren letzten Tag. Bei der Vernissage waren die hunderte Bananen an der Wand noch grün, jetzt sind sie braun und verströmen ihr volles Aroma in den Ausstellungsräumen. Der Meister ist sogar da und lässt sich auf Österreichisch interviewen.

Yusuke und ich beschließen, dass japanisches Essen super wäre und er für mich Nudelsuppe kocht. Lecker! Nur die Stäbchen und das japanische Schlürfen liegen mir noch nicht. Ich muss trotzdem mal nach Japan.

Bei einem Spaziergang durch den kleinen Park neben der Brooklyn Bridge sehe ich den Sonnenuntergang und in der Ferne die Freiheitsstatue, winzig klein.

Die Arbeitswoche startet ruhig und endet stressig – am Freitagabend soll ich länger bleiben. Dann kommt es anders und ich habe spontan ab halb neun frei. Matt hat zwei Konzertkarten und ich noch 20 Minuten, um im Nieselschnee zum Bowery Ballroom zu kommen. Dort spielen Anna Ternheim, El Perro del Mar und Lykke Li. Ganz wunderbar. Danke Matt!

Sonntagsdienst: Um 2 PM soll ich einen Fotografen im neuen New York Times Building treffen. Meine Aufgabe besteht darin, »I’m from Pentagram« zu sagen und für zwei Stunden beim Shooting dabei zu sein. Dokumentiert wird das Leitsystem und das Logo an der Fassade. Interessant, die verschiedenen Arbeitsplätze der Journalisten zu sehen – unglaublich in welchem Chaos manche Menschen arbeiten.

Anschließend finde ich irgendwo Energie für die neue Ausstellung im MoMA: Color Chart – eine Bodenarbeit aus buntem Tape, die perfekte Kunst für mich!

Ribbit

Wieder Party im verrückten Künstlerhaus. Rubulad heißt es, wie ich jetzt weiß. Das Thema diesmal: Leap Before You Look – dress froggy. Also gut: Ribbits für alle und für mich ein Krönchen, mal sehen, welchen der Frösche ich küssen mag. Die Party ist großartig, sie haben einfach drüber dekoriert, noch mehr als beim letzten Mal, die ganze Decke hängt voll, hinter jeder Ecke eine andere Welt, anderes Licht, andere Musik, verkleidete Menschen, die Leute sind verrückt und ich auch. Im Rausch des Abends will ich alles festhalten, mitschreiben, verirre mich in den Zwischengeschossen, über Leitern aufs Dach, verliere meine Freunde. Als ich sie gefühlte Stunden später von weitem tanzen sehe, finde ich sie doof. Pete sammelt mich ein, er will mich heimbringen, ich will bleiben, doch ich kann nicht mehr sprechen, habe die Garderobennummer verloren. Pete kämpft um meine Jacke, das dauert ewig, doch Zeit, die gibts nicht mehr für mich. Ich schaffe es bis zwei Meter vor unsere Wohnungstür, dort bleibe ich sitzen. Von Prinzessin zu Kröte. Weil ungeküsst?

Washington D.C.

Zum Presidents’ Day fahren Pete und ich raus aus New York nach Washington D.C.
Der Bus startet in Chinatown und vier Stunden später kommen wir im Fake-Chinatown Washingtons an.

Lustige Wände in der Metro-Station, die sehen hier alle so aus. Kein Gebäude darf höher gebaut werden als das Capitol, so ist es von überall zu sehen. Das Wasserbecken kenne ich aus Forrest Gump. Pete erklärt mir Amerika und seine Geschichte.

Plötzlich ist es Frühling und so warm, dass alle in T-Shirts zwischen dem Weißen Haus, dem Lincoln Memorial und dem Jefferson Memorial herumlaufen. Wir legen uns ins Gras und blinzeln in die Sonne. Es ist Februar!

Der Nachmittag bringt Regen. Ein schöner Ausflug, erholsam und lehrreich. Washington als Stadt ist etwas langweilig, umso glücklicher sind wir nachts zurück in New York City.

Sugar Clouds

Essengehen in New York ist großartig: Alle Speisen dieser Welt in einer Stadt! Diesmal: Japanisch. Matt bestellt einen ganzen Tisch voller kleiner Teller und Schüsseln. Und als Nachtisch gibt es für jeden einen Becher rosa Zucker für die Cotton Candy Machine. Das Ergebnis taufe ich Sugar Clouds.

Ewige Sonne

Freitags treffe ich mich mit Matt im Apple Store, wo wir uns den dünnsten Laptop der Welt in echt anschauen. Sharon und Yusuke stoßen dazu, beide haben in Los Angeles gelebt, bis ihnen die ewige Sonne auf den Keks ging und sie nach New York gezogen sind. Gemeinsam gehen wir nach Little Italy für die beste Pizza der Welt, wie behauptet wird. Zum Nachtisch gibts Nachtisch bei ›Rice to Riches‹ und alles ist lustig, was man auf den Fotos nicht sieht.

Wir besuchen Cassie bei ihrem Zweitjob im East Village: Coat Checking in einer Salsa Bar. Normalerweise verbringt sie ihre Zeit neben den Jacken, Mänteln und Taschen damit, die tanzenden Paare zu zeichnen. Trotz oder wegen der Musik und des Publikums haben wir einen super Abend.

Am Samstag ein paar Sonnenstrahlen. In Williamsburg entdecke ich den Beakon’s Closet und zum Dinner treffe ich Matt: Heute Thailändisch und Vegan. Ich sollte nicht immer vom Essen erzählen, aber das ist in New York das größte Vergnügen! Noch passe ich in meine Hosen.

Wir wollen zu einem Konzert ins BAM, wo wir Matts Freunde in der Warteschlange treffen. Wir kommen nicht mehr rein. Ein Glück, denn unsere Alternative ist so unglaublich großartig, verrückt und magisch, dass ich sofort eine weitere Nacht in diesem Art Loft durchtanzen will. Die Party findet nur einmal im Monat statt. Wie das Haus wohl im Normalzustand aussieht? Alles ist voll mit wilder Deko – heute zum Thema Valentine’s Day.

More nightlife, please!

Sesame Street

Intensive Tage mit der Sesamstraße. Ich soll mir überlegen, was in der Spielzeugwelt Amerikas fehlen könnte und werde zum Fotografieren in den Toys“R”Us am Times Square und in Spielzeug- und Kinderbuch-Abteilungen verschiedener Großketten geschickt. Die Verkäuferinnen dort tun mir leid: Von morgens bis abends dudelt hier Kindermusik aus allen Ecken. Unglaublich, wieviele Sesamstraßenregale es hier bereits gibt, nun also noch mehr. Innerhalb von zwei Tagen stampfen wir zehn neue Produktideen aus dem Boden – und sei es nur eine neue Verpackung für Straßenmalkreide mit Elmo drauf.

Für die Eröffnungsparty der neuen Ausstellung im museumofsex ›sexindesign – designinsex‹ am Donnerstag darf ich mal kurz Pause machen. Es gibt dort wirklich ein paar fast nackte, mit Tape beklebte Leute und unter den Gästen interessant aufgebrezelte New Yorker. Nach einem Glas sparkling wine und einem Rundgang durch die Sexwelt muss ich zurück zur Arbeit und in Photoshop die neuen Produkte in den Läden platzieren. Um eins habe ich dann Feierabend. Im Office ist noch einiges los, die anderen Teams arbeiten fast täglich so lang – was ist denn das bitte für ein Leben?

Endlich zu Hause wird das mit dem wohlverdienten Schlaf leider nichts. Auch meine Mitbewohner waren bei der Eröffnung im museumofsex (dank mir standen sie auf der Gästeliste) und Pete hat den perfekten Ort genutzt, um eine Frau mit nach Hause zu nehmen. Das geht dann so die ganze Nacht, auf Spanisch.

Um Punkt 9 Uhr geht es für mich weiter mit der Sesamstraße. Seit dem Anschiss nach der ersten Woche habe ich gelernt pünktlich zu kommen.

»Keep going, it’s bigger than we are.«

Circles and Squares

Die Arbeitstage verbringe ich bis spät abends im Büro am Bildschirm oder im Bastelkeller mit Modellbau für das Leitsystem im Brooklyn-Stadion, einer Schrift aus Kreisen und Quadraten (das war nicht meine Idee) und Archivierung: DVD rein, Projekt brennen, dreimal kopieren, Label drucken. DVD rein, ... und so den ganzen Tag.

Unsere Köchin bei Pentagram lässt keinen Anlass aus, einen riesigen Kuchen als Nachtisch für alle bereitzustellen. Und weil gerade kaum jemand Geburtstag hat, gibt es jetzt unglaublich süßen Kuchen anlässlich von Mardi Gras / Fat Tuesday. Gestern waren außerdem Wahlen und Wahltag ist dienstags, damit auch ja niemand Zeit hat seine Stimme abzugeben.

Ballett und Superball

Endlich Freitag und Feierabend, es schüttet, aber egal: Ausflug mit Matt und seinen Freunden zum Whitney Museum, das ist Freitagabends gratis, und so stehen 100 schwarze Regenschirme vor dem Eingang zur Kunst. Anschließend gehen wir Ukrainisch essen und von dort kugelrund nach Hause.

Melissa ist ausgezogen, also habe ich jetzt mein eigenes Zimmer. Martin hat sich übers Wochenende zum Snowboarden verkrümelt. Pete und ich sind fleißig und planen die Wohnung um. Erst mal brauchen wir Möbel: Einen Ping Pong- und Dining Table in einem! Und Stühle und ein Trampolin und einen Boxsack, vielleicht einen Whirlpool … Und wenn wir fertig sind, gibts eine Party. Wahrscheinlich meine Abschiedsparty, aber daran mag ich jetzt überhaupt gar nicht denken.

Abends treffen wir Matt beim Studio B in Brooklyn, dort ist so viel los, dass wir uns einen Club in Greenpoint suchen und eine Gay-Party im Galapagos finden. Drei Drinks sind zwei zu viel, Pete bringt mich heim.

Keine Ausrede für einen verkaterten Sonntag auf der Couch. Cassie und ich haben Karten fürs New York City Ballet, dem Pentagram kürzlich ein neues Erscheinungsbild verpasst hat. So kamen wir drauf.

Als Kontrastprogramm erlebe ich danach meinen ersten richtig amerikanischen Abend mit Cassies Freunden, einem Berg Fingerfood und Superball. Football ist ein seltsames Spiel, ganz oft kommt Werbung, so wird mir nicht langweilig.

Couchpotatoes

Meine Roommates werden demnächst von der Couch aufgegessen oder von einem ihrer Wii-Games verschluckt. Apropos Wii – es gibt einen neuen Star im Wii-Bowling: Nach nur drei Games halte ich den neuen Strike-Record!

Am Samstag kann ich Pete überreden, sich ausnahmsweise von der Couch zu trennen und mit mir nach Chelsea zu fahren, zu einer Ausstellung der handgezeichneten Karten von Paula Scher. Nach drei weiteren Galerien genehmigen wir uns in einem rosa-mint-grünen Café mit rosa gekleidetem Männerpersonal den süßesten Cup Cake ever, der uns einen unglaublichen Energieschub verpasst. Wir durchwandern halb Manhattan, bis wir in der First Avenue zwischen zahlreichen knallig-bunten indischen Restaurants das Birthday-Restaurant finden. Am Nachbartisch behauptet tatsächlich jemand Geburtstag zu haben: Tausend Lichterketten blinken, aus den Lautsprechern tönt ›Happy Birthday‹ mit indischem Akzent und jeder bekommt eine Kugel Eis mit Wunderkerze.

Nach dem Dinner ist immer noch genügend Energie übrig, also geht unser Spaziergang weiter. Eine Gruppe äußerst düsterer Gestalten in einer dunklen Ecke eines kleinen Parks liefert uns die beste Erklärung für den Ausdruck ›mindfuck‹: Sie spielen Schach.

An der nächsten Ecke entdecken wir ein Aquariums- und Fischgeschäft und in der Straße vor der Williamsburg Bridge jedes erdenkliche amerikanische Fastfood-Restaurant Tür an Tür. Für die Überquerung der Brücke brauchen wir fast eine halbe Stunde und danach sind wir dann auch äußerst glücklich über die Couch, von der sich Martin seit unserem Aufbruch nicht getrennt hat.

Team

Mit der Arbeitswoche geht auch Matts Praktikum bei Pentagram zu Ende. Er wird mir fehlen. An seinem Arbeitsplatz neben der Treppe zum Bastelkeller komme ich täglich mehrfach vorbei und er grinst immer so vergnügt.

Zur Abschiedsfeier gehen wir in die Bar direkt neben dem Büro, die mir bislang überhaupt nicht aufgefallen ist. So lerne ich endlich die Praktikanten aus den anderen Teams besser kennen. Kai aus meinem Team erzählt mir, dass eigentlich kaum jemand länger als eineinhalb Jahre bei Pentagram arbeitet, dass unser Chef Michael Bierut immer berühmter wird und zwischen all den Meetings, Interviews und Workshops an der Yale School kaum Zeit für das Team und schon gar nicht für die Praktikanten bleibt. Auch interessant: Die Partner und ihre Teams bringen unterschiedlich viel Geld in die Kasse, die unter allen aufgeteilt wird. Leitsysteme bringen Geld, Kulturprojekte weniger, dafür mehr Prestige. Sehr verschieden sind auch die Arbeitsweisen innerhalb der Teams. Unsers ist wohl am besten organisiert, jeden Morgen um 9 Uhr sind alle pünktlich da. Andere Teams fangen irgendwann zwischen 10 und 11 an und bleiben bis nachts im Büro. Das Team von Paula Scher, deren riesiger Hund neben ihrem Schreibtisch wacht, geht kollektiv zum Lunch und Gerüchten zufolge hat sie ihre Angestellten am liebsten auch am Wochenende zu Hause um sich. Irgendwann findet sie auch noch Zeit für ihre Kunst, die ich mir morgen anschauen will.

Cony Island

Pete und ich machen einen Ausflug nach Cony Island. Außer uns beiden kommt bei dem eisigen Wind niemand auf die Idee, die alten Achterbahnen im Winterschlaf zu besuchen. Nur in Nathans Hotdog-Bude ist was los. Hier findet jährlich ein weltberühmter Fresswettbewerb statt. Der Rekord liegt bei 51 Hotdogs in zwölf Minuten – wir belassen es bei zwei pro Person.

Germany?

»… Where in Germany? … Oh, the south! Is it near Munich and Schloss Neuschwanstein? I was in Frankfurt … Berlin – I’ve never been there … Black Forrest? Oh yes, nice – that’s awesome!«

Wie klein good old Germany von hier gesehen ist, zeigt mir die riesige Amerikakarte in unserer WG – alle bisherigen Mitbewohner haben darauf ihre Herkunft markiert. Unten ist ganz klein eine Weltkarte abgebildet, mein Klebepunkt deckt ganz Europa ab.

Sparklers

Als ich Freitagnacht in unserem von Melissas Umzugskisten belagerten Zuhause ankomme, tritt Pete etwas zerknittert aus seinem Zimmer. Er findet eine Flasche Whiskey, Eiswürfel gibts auch und meine Wunderkerzen vom verkorksten Silvester liegen noch auf dem Küchentisch, also feiern wir spontan Silvester nach. Happy 2008!

museumofsex

Zwischenzeitlich habe ich etwa drei Regenwälder an Papier gecuttet, zehn Dosen Sprühkleber versprüht und zwanzig Rollen Tape aller Art verklebt. Zur Abwechslung darf ich diese Woche Bilder für das museumofsex in Photoshop zurecht schneiden … Ich will keine Orgien und Fesselspielchen auf meinem Bildschirm, schon gar nicht wenn permanent Leute vorbeigehen und grinsend Kommentare abgeben. Am Donnerstag ist dann eine Party im Museum und Gerüchten zufolge sollen die Angestellten dort nackt rumlaufen. Ich werde berichten.

Home

Am Sonntag ziehe ich nach Brooklyn in die Jefferson Street. Ich suche mir eine Verbindung mit nur zweimal Umsteigen – woher hätte ich auch wissen können, dass manche Subway-Stationen am Sonntag geschlossen sind? Am Ende muss ich fünfmal umsteigen, Koffer und Tasche über viel zu viele Stufen schleppen, bis der Gurt meiner Reisetasche kracht und ich fix und fertig bei Pete und Martin ankomme (der Muskelkater in meinen Armen hält sich bis jetzt). Die beiden zeigen mir die Nachbarschaft: Industriell, viele Lofts, auch die Evergreen Avenue ist alles andere als grün. In einem Restaurant überreden mich die beiden, etwas typisch Amerikanisches zu probieren: Meatloaf, aha.

Momentan wohnt noch Melissa in Martins künftigem Zimmer und Martin in meinem und ich schlafe provisorisch für die ersten beiden Wochen im Gästebett. Anders als die anderen Schlafkojen ist es nur mit einem Vorhang vom riesengroßen Wohnzimmer abgetrennt und die Matratze ist unglaublich hart. Melissa wird in zwei Wochen ausziehen und wohl einen großen Teil der Möbel mitnehmen. Sie sammelt alles aus den Siebzigerjahren, so sind auch Kaffeemaschine, Toaster, Geschirr und Gläser von damals. Außerdem kocht sie leidenschaftlich gerne und laut Pete nie zweimal das Gleiche. Die ersten beiden Abende bin ich mit meinem Käsebrot ganz schön neidisch, heute darf ich mitessen: lecker.

In der WG nebenan findet gerade eine Bandprobe statt, Punkrock … ab elf wird’s dann netterweise still.

That’s awesome!

… sagt hier jeder ständig, weil ja alles soo großartig ist. Vor allem Sara sagt es gern – mit ihr bin ich am Samstag ins MoMA und das ist nun wirklich großartig und voll mit Kunst und Design, fast zu viel für einen Tag. Im Museum treffen wir zwei Kollegen von Pentagram, Samstags ist MoMA-Tag. Danach wollen meine Beine nicht mehr, also setze ich mich in einen Bus, um mir von dort aus die Fifth Avenue anzuschauen. Bei der Houston Street steige ich aus und gehe spontan ins Kino. Noch in der Warteschlange weiß ich nicht, welchen Film ich sehen will, als mich eine Frau mit wunderbar französischem Akzent anspricht. Ihrer Empfehlung folge ich gern: ›The Diving Bell and the Butterfly‹. Französisch mit englischem Untertitel verstehe ich besser als gedacht. Die Handlung berührt mich sehr, ich muss an Opa denken. Die Französin stammt aus Paris, sie erzählt, dass sie überall in Manhattan Schaufenster dekoriert. Ihre neuste Tapete bei Prada ein paar Straßen weiter schaue ich mir gleich an.

Kiss me

Kiss me at first sight or should I laugh because my life is missing?

Mein erster englischer Kühlschrankmagnetwörtersatz.

Am Samstagmittag spaziere ich los: Vorbei an den Gebäuden der Columbia University, zahlreichen Denkmälern irgendwelcher Freiheitskämpfer und dem Morning Side Park (der nachts gefährlich sein soll) bis zum Central Park. Nach zwei Stunden zwischen Joggern, Bikern, Pärchen, Herrchen, Frauchen, Hündchen (mit Jäckchen) und struppigen Kötern, Müttern mit Geländekinderwägen, Baseball trainierenden Vätern und Söhnen, schnatternden Enten im halb zugefrorenen Gewässer, vielen neugierigen Eichhörnchen (Squirrels) und entspannten, freundlich grüßenden Spaziergängern, habe ich den Park mit seinen 340 Hektar dann fast durchquert und mir eine Hot Chocolate mit Triple Chocolate Cookie verdient.

Bei Einbruch der Dunkelheit gehe ich zum Empire State Building. Bis ich oben bin, muss ich mich in 15 Schlangen einreihen, mich durchchecken lassen, fürs Erinnerungsfoto vor Greenscreen in die Kamera grinsen, sämtliche Extras mehrfach ablehnen, zweimal Aufzug fahren, um dann im Andenkenshop zu landen. Draußen dann die unglaubliche Höhe von 86 Stockwerken. Während der langen Warterei lerne ich drei Mädels kennen, die zwar schon immer in New York wohnen, nun aber zum ersten mal hier oben sind. Sie zeigen mir die markanten Punkte von Manhattan.

Work

Die ersten zwei Tage bei Pentagram liegen hinter mir. Das Büro ist in einem ehemaligen Bankgebäude, das auch mal ein Nachtclub war, in der Fifth Avenue direkt gegenüber vom Madison Square Park. Im Keller gibt es noch zwei alte Tresortüren, eine Materialbibliothek und den riesigen Modellbautisch – dort fühle ich mich gleich wohl. Auch sonst mag ich’s: Alles ist gut organisiert, das Materiallager gefüllt, die Anzahl der Drucker und Plotter lässt mich den Kopf schütteln und dienstags bis donnerstags kocht die Köchin healthy Lunch für alle, was sich ein bisschen nach Design-Camp anfühlt. Meine Aufgaben beschränken sich bislang auf Basteln und Türen in Architekturplänen zählen – die FIT Fashion School ein paar Straßen weiter braucht Türschilder und ein neues Leitsystem. Wer weiß was noch kommt. Die Subway scheint hier direkt unter dem Gebäude durchzufahren, im Keller und im ersten Stock dröhnt es alle paar Minuten. Besonders gemein ist der neue Teppich: Sobald ich ein paar Schritte durchs Büro gehe, muss ich beim Berühren des nächsten Tischs damit rechnen, einen elektrischen Schlag zu bekommen – Autsch!

Loft

Als ich mich am Dienstagabend für das Minizimmer in der gemütlichen Miniwohnung des ruhigen, netten, schwulen, spanischen Kochs inklusive zweier Minihunde in Queens entscheide, kommt seinerseits keine Rückmeldung mehr. Vielleicht hatte ich erwähnt, dass ich Hunde nicht so mag. Dafür stehen nun zwei Loftbesichtigungen in Brooklyn an.

Loft Nummer eins: Industriehalle, riesengroß, be»wohnt« von drei Produktdesignern, die den Großteil des Stockwerks als Werkstatt nutzen und lustige Möbel bauen. Die Heizung etwas unterdimensioniert, die Bäder im Originalzustand von damals … zu krass für mich, also weiter.

Eigentlich will ich zu Fuß zur nächsten Wohnung, doch es weht ein furchtbar eisiger Wind und ich bin ziemlich allein auf den Straßen, also nehme ich die Subway. Als ich dann völlig durchgefroren und fertig dort ankomme, öffnen mir zwei nette Jungs die Tür zu einem gemütlichen Loft und machen mir erstmal einen Tee. Hier endet meine Wohnungssuche, in 10 Tagen ziehe ich nach Bushwick zu Pete und Martin. Mein Schlafzimmer dort ist ein fensterloser Schuhkarton mit Bett und Kleiderstange, der Wohnraum riesig, hell und voller weicher Sofas. Das Beste ist der Blick vom Dach auf Manhattan.

Silvester … am Times Square

Ich wollte da ja nicht hin. Stunden in der Kälte, kein Sekt, kein Feuerwerk. Die Kugel platzt, Konfetti prasselt über die Köpfe, wir sehen es auf der Leinwand. Ein paar Funken sprühen, alle jubeln für zwei Minuten, fallen sich in die Arme und schon setzt sich die riesige Menschenmasse in Bewegung. Sie suchen nach der Party des Jahres, aber die gibt es nicht, nicht an diesem Abend. Nächstes Jahr bitte ganz unspektakulär, zu zweit Feuerwerk gucken und mit Sekt anstoßen. Happy new year!

Nachher eine Zimmerbesichtigung in Queens: »gay latin chef easy going & respectful to all.« – na denn.

Morgen ist mein erster Arbeitstag bei Pentagram, ich bin gespannt. Und etwas aufgeregt.

Big

Es schläft sich wunderbar im Queensize-Bett aus fünf übereinander gestapelten Matratzen. Meinen ersten Morgen in New York verbringe ich damit, mir die Stadt lesend näherzubringen. Erst mittags traue ich mich aus dem Haus. Alles so groß, riesengroß … und ich fühle mich ein kleines bisschen einsam zwischen den überdimensionierten Wolkenkratzern und Menschenmassen. Verwirrt setze ich mich in einen roten Touri-Doppeldeckerbus, der mich durch Lower Manhattan schaukelt.

Morgen kommt Besuch aus meinem Heimatdorf, dann wird Silvester gefeiert. Hoffentlich nicht am Times Square, da war es mir heute schon zu voll.

Guten Rutsch!

Ich bin da!

3:45 Uhr: Aufstehen, Anziehen, Koffer ins Auto schleppen, los. Der Flug startet im leuchtenden Morgen von Stuttgart und landet kurz danach im nebeligen Zürich. Das Gepäck und ich haben 40 Minuten für den Umstieg – knapp, aber es klappt. Und dann wieder hoch in die Luft und über den großen Teich.

Es hat was, Manhattan langsam im diesigen Sonnenschein auftauchen zu sehen. Noch eine Brücke und noch ein Tunnel und schon bin ich mitten im Gewusel aus gelben Taxis und mit Tüten bepackten Menschen zwischen den Häuserschluchten.

Schönes Zimmer im Studentenwohnheim der Columbia University, inklusive Abenteuerdusche, die völlig unvermittelt in alle Richtungen losbrausen kann. Es ist recht laut hier. Ich weiß nicht, ob das der Wind ist, der um die Häuser pfeift, oder die Autos vom Broadway. Kalt ist es übrigens gar nicht: 9 Grad Celsius. Oder 48 Grad Fahrenheit.

Blöd dass ich aus der Wohnung schon bald wieder weg muss, aber um die Zimmersuche komme ich wohl nicht herum.

Erst mal schlafen. Bald mehr!