Christina Schmid
Anfänge und Enden

Auf allen vieren

»Ich bin niemand, den man kennt. Ich spare mir weitschweifige Details, was ich genau mache, nur vielleicht so viel: Ich bin eine Frau, die in jungen Jahren auf mehreren Gebieten erfolgreich war und sehr beständig weitergearbeitet hat, die ihre zentralen Themen stets in einem ekstatischen, losgelösten Dämmerzustand umkreist, in einer Art dissoziativer Fugue, getragen von dem Wissen, dass es keinen anderen Weg gibt und ihr ganzes Leben in diesem einen Gespräch mit Gott besteht. Vielleicht ist Gott aber auch das falsche Wort. Mit dem Universum. Dem Netz unter allem. Ich arbeite in unserer umgebauten Garage. Ein Bein meines Schreibtisches ist kürzer als die anderen, und ich nehme mir seit fünfzehn Jahren praktisch täglich vor, irgendetwas darunterzuklemmen, aber meine Arbeit lässt es an keinem Tag zu, so dringlich ist sie – ich bin permanent an einem entscheidenden Wendepunkt; alles steht ständig kurz vor der Offenbarung. Um fünf Uhr nachmittags muss ich mich ganz bewusst runterholen, bevor ich wieder ins Haus gehe, als müsste sich Buzz Aldrin darauf einstellen, direkt nach seiner Rückkehr vom Mond den Geschirrspüler auszuräumen. Sprich nicht über den Mond, sage ich mir. Frag die anderen, wie ›ihr‹ Tag war.«

»– all diese Dinge waren dicker und exquisiter als alles, was ich mir zuvor überhaupt hatte vorstellen können. In mir stieg Panik auf – wie sollte ich danach leben, wo ich wusste, dass es so etwas gab?«

»Harris will eigentlich nie mehr als das Nötigste hören. Was vollkommen okay ist. Es wird eine Zeit kommen, nach dieser eher förmlichen Phase, da werden wir einander übersprudelnd alles erzählen, bis ins kleinste Detail. Und jetzt im Moment würde ich ganz offensichtlich nur noch mehr ›Lügen‹ hinzufügen. Lügen in Anführungszeichen, weil alle das Wort so selbstgerecht benutzen, als wäre die Wahrheit ein natürlich vorkommender Diamant. Aber gut, nennen wir es lügen. Jeder Mensch lügt in dem Maße, in dem es für ihn stimmig ist. Man muss sich selbst kennen und herausfinden, welches Maß an Unwahrheit die eigene Natur erfordert. …
Für mich erzeugen Lügen genau die richtige Menge an Problemen, und auch ich zeige mein wahres Gesicht, aber immer nur eins meiner vier oder fünf – jedes davon real und mit ganz eigenen Bedürfnissen. Die einzige gefährliche Lüge ist eine, die mich zwingt, mich selbst auf ein einzelnes praktisches Wesen zu reduzieren, das man verstehen kann. Ich bin ein Kaleidoskop, und jede glitzernde Glasscherbe changiert, sobald ich mich bewege.«

»Wenn wir eines Tages beide soweit wären, würde ich mich Harris mit allem, was ich war, offenbaren; das wäre dann, als würde ich ihm einen Pullover zeigen, den ich die ganze Zeit heimlich gestrickt hatte.
›Oh. Mein. Gott,‹ würde er sagen. ›wann hast du denn den gestrickt?!‹
›Ach, einfach immer mal wieder, wenn ich Zeit hatte. Manchmal hast du sogar danebengesessen.‹
›Ich wusste ja gar nicht einmal, dass du Stricken kannst!‹
›Es gibt vieles, was du über mich nicht weißt, deshalb diese ganze Pullover-Metapher.‹
Aber wenn man jahrelang strickt, wird der Pullover natürlich irgendwann so riesig, dass man ihn nicht mehr verstecken kann.«

»Ich hatte das nicht kommen sehen und mein Leben nicht entsprechend gelebt. Ich war nicht ausgegangen und hatte, als ich es noch konnte, nicht all die Heterosachen getan, die ich gern tun wollte. Wie eine selbstgefällige Henne hatte ich auf meinem Nest gehockt und war mir sicher gewesen, dass alles noch unverändert wäre, wenn mir dann wieder nach Herumstolzieren zumute war.«

»Ohne es zu wissen, oder wirklich zu begreifen, war ich ein Körper für andere gewesen, hatte aber für mich selbst keinen bekommen. Ich hatte nie an der aufreibenden Freude teilgehabt, einen echten und konkreten Leib auf Erden zu begehren.«

»Nein, natürlich trieb ich mich nicht in Bars herum. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre in meiner umgebauten Garage verbracht, an dem Tisch mit dem einen zu kurzen Beinen, und gearbeitet. Und wenn ich mal ausgegangen war, dann, um an meinen eigenen Veranstaltungen teilzunehmen oder an den Veranstaltungen, Vernissagen und Premieren von Freund*innen und Peers. … Es war nicht mein Plan gewesen, ein derart exklusiver Mensch zu werden, ich hatte bloß jeden wahren Moment meines Lebens zu vermitteln versucht, was das Leben in meinen Augen eigentlich ›war‹, und mich nur von wirklich Unausweichlichem – dem Kind, einer schlimmen Grippe, Hunger oder Durst – davon abbringen lassen. Und in der Zwischenzeit war offenbar Zeit vergangen – große Schwaden von Jahren, Jahrzehnte.«

»Andererseits kam ich mir immer größenwahnsinnig vor, egal, wie klein ich mich machte. In meiner Vorstellung war ich wohl von Anfang an sehr klein gewesen.«

»›Mama?‹ Sam flitzt durchs Haus, der Roller rattert er auf dem Küchenboden über meinem Kopf. Der Klang von deren Stimmchen zerschlug mein Herz in tausend Scherben. Was auch immer ich getan hatte, um diesen Schmerz erträglicher zu machen, es verlor abrupt seine Wirkung – ich musste mein Kind sehen, jetzt sofort. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war reglos, wie versteinert. Ich schaffte den Übergang einfach nicht. … Sie wussten, dass ich zu Hause war, aber wo steckte ich nur? Wie lange konnte ich noch hier unten bleiben, ohne in echte Erklärungsnot zu geraten? Nicht mehr lange. … Ich war nicht tot, aber zu sehr Seele. Ich hatte mich zu sehr von Musik und Poesie leiten lassen, und mein derart beseelter Geist hatte begonnen, sich als vollständige Person wahrzunehmen. Ihm war gar nicht klar, wie deformiert er war. Jetzt suchten sie mich draußen im Garten. Während andere Menschen, die Dinge in Einklang zu bringen wussten, rannte ich ewig zwischen Gegensätzen hin und her, war nie hier, aber auch nicht da.
Man fand mich nicht.
Sie fanden mich nicht.
Gefühlt in letzter Sekunde stapfte ich die Treppe hoch; erwischte den letzten Zug nach Hause.«

»Mein System, bei dem auf ›ächz‹ irgendwann ›puh‹ folgte, versagte auf ganzer Linie.«

»In gewisser Hinsicht war es allein mit Kind leichter. Ich hatte den ganzen Laden fest im Griff. Ich ließ Sam das Bett selbst machen und Servietten falten, und wir folgten einem minutengenauen Zeitplan. Aber die Tage waren seltsam hohl und blutleer, woran auch erfundene Spiele und Kochrezepte, Fahrradfahren und langes gemeinsames Baden nichts ändern. Irgendwie gelang es mir allein nicht, eine gesunde herzliche Familienatmosphäre zu schaffen. Es fühlte sich gespielt an. … Nicht, wenn wir zusammen in der Badewanne lagen, aber ja, wahrscheinlich gab ich mich die meiste Zeit ausgeglichener, als ich wirklich war.«

»›Hormonell geradliniger‹, sagte Jordi mit Blick auf das Diagramm. ›Stell dir mal vor, wie das ist als Mann. Keine Zyklen. Keine Tode vor dem Sterben. Keine Verwandlungen in einen ganz anderen Menschen.‹
Bei unseren Treffen gingen Jordi und ich immer davon aus, dass wir uns seit dem letzten Mal radikal verändert hatten und das auch in Zukunft immer wieder tun würden. Diese ständige Aufruhr war schmerzhaft, um ehrlich zu sein. Aber auch aufregend, weil wir nie sicher sein konnten, was kam. Unsere Dauertransformation war natürlich streng geheim; der Welt, selbst Sam, spielten wir Beständigkeit vor.
›Vielleicht sollten wir das lassen‹, sagte Jordi. ›Uns nicht auf diese Weise verflachen. Sich zu wandeln heißt ja nicht automatisch, verrückt oder verantwortungslos zu sein. Sollten wir nicht versuchen, Veränderung zu normalisieren?‹«

»Sie wollte gehen? Das glaubte ich jetzt nicht. Andererseits konnte ich es nie glauben. … Meine alte Fassungslosigkeit über das Verlassenwerden (oder inzwischen vielleicht ein Denkmal des Verlassenwerdens, ein Turm) passte auf jeden Verlust, egal wie groß oder klein.«

»›Arschloch‹, flüsterte ich. Ich meinte das Leben selbst. Kam immer mit irgendwas Neuem um die Ecke, immer mit etwas Unerwartetem. Ich hatte mir einen gottverdammten Mutterleib erschaffen, und einmal pro Woche durfte ich darin im Einklang sein. Mit mir selbst, mit Gott, mit meinen Freundinnen und manchmal meinen Geliebten. Und er gehörte mir nicht. Weil einem nichts gehört. Gar nichts, nicht einmal der eigene Leib. Alles vergeht. Aber ich konnte jeden Mittwoch dorthin zurück, mit oder ohne Lust, und – wie nannte man das noch mal? Frei sein.«

Miranda July: Auf allen vieren