Im Traum beziehen wir eine Wohnung mitten im Dorf. Vollständig eingerichtet, kein Gegenstand passt zu uns. Der Vor-Vorbesitzer schleicht ums Haus, zählt die Tage, bis wir wieder gehen. Schickt uns Mücken, die uns wecken aus diesem Traum. Schluss mit Bsssss und Hüüüüp und Muuuh. Ich will nach Hause.
»Sein Herz schlug vorwärts. Er liebte seinen Bau. Ein System von Höhlen, in die Höhe gedacht, ein aus Würfeln, Tetraedern, Kuben geometrisch sich auftürmendes Labyrinth mit dramatischem Lichteinfall, Fensterschlitzen, Draperien, Nischen. Ein Labyrinth, in dem kein Wollknäuel half, weil es nicht darauf ankam, zu einem Zentrum vorzudringen oder aus der Skulptur, in die man sich verschluckt fand, herauszutreten. Man musste sich ducken, fast kriechen. Er hatte Höhlen geformt und wieder zugemauert. Grottenreich, Wunderland, zu Anfang Kathedrale des erotischen Elends genannt. Hier steckte man einen Finger in einen Schlitz, dort hielt man die Nase an ein Loch und wurde aufgesogen von Erinnerungen, Bildern, Ideen. Jenen, die man sah, und stärker noch jenen, die lediglich evoziert waren. Spiegel gehörten von Anfang an dazu. Die Säulen glichen Raketen, Kaminen oder Spindeln, Wände und Treppen wurden eingezogen, dann schlug er eindrucksvolle Splitter von ihnen ab, schuf frappierende Aus- und Durchblicke. … Kurt hatte einen Raum der Erinnerung, Liebe, Verrücktheit geschaffen; eine begehbare Skulptur, die sich inzwischen über mehrere Stockwerke erstreckte. … Leben und Ordnung, Erfindung und Glanz. Man drehte sich, schaute, klopfte an Wände, spürte sich. Besucher fühlten sich überwältigt, zum Lachen gebracht, oder als habe ihnen jemand einen Kinnhaken versetzt. Manche beschimpften ihn, andere weinten.
Während der Arbeit flog die Zeit. Er formte Bögen, Trapeze, Dreiecke, Pyramiden, schickte Lichtstrahlen um Ecken. Linien kreuzten sich, Fläche stand gegen Fläche, weiße Musik aus angeschnittenen Buchstaben, Fundstücken, eine zusammengesetzte, nach und nach erst entstehende, in sich bewegliche Form, eine aus den Schatten gewaltig in die Höhe schießende Kunst, etwas, was es nirgendwo sonst auf dieser Welt gab.
Und nun musste er gehen.«
»Kurt-kürzestum: an selbstgekochtem Kleber schnüffeln, süchtig nach dem Bildvorgang zwischen Kopf und Hand. Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern, Uniformen schmelzen. Nachdenken über Wiederholung und Müll. Erkunden, wie aus zweckgebundener verbrauchter Materie allein durch Kombination und Rekombination etwas Unbegreifliches entstand. Das Geistige der Kunst hatte Kandinsky es genannt. Er nannte es MERZ.«
»Aneinander vorbeileben. Das war schwierig in der kleinen Wohnung. Allemal mit jemandem wie K. S. Der war nicht nur groß gewachsen, der breitete sich aus, tigerte herum, machte Geräusch.«
»Militärisch fuhr das Deutsche Reich durch die Welt, als wäre die Welt ein Butterkuchen. Aufschneiden, mit deutschem Quark bestreichen, braune Rosinen darüber streuen.«
»Nacht wie ein Topf. Sterne sehen. Er sah nichts. … So kam es, dass er nun, da die Kinder schliefen, denn die hatten ihre Hormone und ihr gegenseitiges Atmen und wussten nichts von der Schlaflosigkeit des späteren Lebens, das Fenster öffnete …«
»Sie hatte Verehrer gehabt, sie hatte gewählt. Sich dem täglichen Kleinklein widmen, so dass Kurt in seinem Atelier arbeiten konnte – schneiden, kleben, denken, aufbrechen zu einem seiner Suchgänge nach ›Stoff‹ – er nahm, was ihm in die Finger fiel … So wirkte, was sie tat, von außen. Tatsächlich erfand und betrieb sie die Kurt-Arena-Hannover, wie Käthe Steinitz das gesamte Schrott&Schrat-Theater genannt hatte. Betrieb es in gleichem Maß wie Kurt. Und oft genug stärker als er.
Sie tippte, ordnete, verwaltete, besorgte Material, kochte für alle, machte den gesamten Haushalt, organisierte Kurts Reisen, seine Feste, seine Lesungen, lachte, prüfte, an ihr wurden Texte ausprobiert, an wurden sie hingesagt, sie kommentierte, verbesserte, hatte die weiterführende Idee. Denn das war das eine, der ›künstlerische Prozess‹, das ›große Geheimnis‹, das sie Shining genannt hatte … Natürlich gab es dieses, ›was er kann, kann keiner sonst‹, diesen Moment der Inspiration oder das Talent, aus dem heraus etwas anfing. Nur wie bescheiden fiel es aus im Vergleich zu dem Vorgang, der nötig war, um einen Einfall in ein Werk zu verwandeln. Mitunter sah selbst das schnell aus, etwa bei den Klebecollagen, wenn Kurt fieberhaft arbeitete, zehn Minuten, eine halbe Stunde. Dann wieder brauchte er Jahre. Ein erster Impuls verpuffte, wenn nicht das gesamte Umfeld mit wirksam wurde, die Unterstützung, Hilfe, Kritik, die Hebearbeit von Amme-Mamme H.«
»Er machte die Figuren, um es sich an ihnen noch einmal anzusehen. Man verstand nicht, was man erlebte. … hier oben begriff man, dass man nichts begriff. Das klang leicht. Das war leicht, für einen Augenblick. Dann fasst es auf das gesamte Leben zurück. Zersetzte es. … Mit der Zeit wurde das eigene frühere Leben durchsichtig. Und löste sich auf.«
Ulrike Draesner: Schwitters
»Halten Sie stets ein kleines Stückchen Himmel über ihrem Leben frei.«
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Ein Morgen für mich, ein Tag für uns. Lio kommt angetapst und sieht mich nicht im kleinen Bett hinter der Tür. Er will bei mir sein und langweilt sich. Ich sage, ich komme gleich und komme nicht, weil ich schon Stimmen höre und noch nicht bereit bin für euch. Ich räume meinen Blog auf, oder fange zaghaft damit an. Dieser Wust aus Jahren, Träumen, Zitaten. Schwallartig fülle ich ihn mit vergangenen Jetzts. Wie wichtig sind die Orte, an denen ich sie fand? (Oder sie mich?) Orte und Jahre als unthematische Sammlungen. Sortieren, was nicht sortiert werden kann. Wie gut sind doch Bücher, die so tun als gehörten Gedanken zusammen, als seien sie abgeschlossen. Buchdeckel als Punkt in der Zeit, die weitertickt, tick, tick, tick. Wieder das Bild vom Schreiben beim Reisen: Zeilen pro Kilometer, Sätze pro Minute, Buchstaben pro Sekunde. Takt. Aus dem Takt. Nicht taktsicher takten wir uns ein, in den Wechsel aus Tag und Nacht, Sommer und Herbst, hungrig und satt. Laut vor Kinderenergie, leise vor Müdigkeit. Nein, leise seid ihr nur im Schlaf, der mir die Basis ist für Träume und Kunst, für Ich und Du, für euch, für mich.
Lulla im Doto (Schnuller im Auto)
Lauto (Lautes Auto)
Ruirui (Rutsche, Runterfallen)
Machterda (Was macht er da, Was ist das)
Beobachten, wie mein Kind von unten nach oben »schreibt«: Kritzelkratzel von links nach rechts, von rechts nach links, wie der Traktor das Gras hier mäht. Zeile für Zeile schreibt es mir seine Wiese in mein Buch. Was Schreiben ist, bevor man es lernt. Es schaut auf meine Seiten und sagt, das sind ja gar keine Buchstaben! Vielleicht Wellen. Oder Gras.
Jetzt nicht auch noch Du
Jetzt nicht auch noch
Jetzt nicht auch
Jetzt nicht
Jetzt Du
Habe ich je den Herbst beobachtet, ihn so sachte und schnell kommen sehen wie hier? Ein Schwarm Vögel flattert am Balkon vorbei und landet im Baum gegenüber. Die Reisegruppe sammelt sich, ihr Schnattern lockt mich an. Unterm Baum lausche ich ihrem Konzert. Dazwischen pfeift der Zug an jedem Bahnübergang. Bestimmt sind es Stare, die imitieren, was sie hören und morgen zwitschern sie dieses Hupen im Süden.
Erbsensuppenlöffelkatapult mit Karaffenwasserfall
Reisen wir heute ab oder erst morgen?
Der Traum neulich: Nur wenn ich zulasse, ihn mir nicht zu merken, darf ich rein. Der erste Raum zersplittert sogleich, als ich nur daran denke, ihn unbedingt aufschreiben zu wollen. Also lasse ich los, luzid, wundervoll, vergessen.
Im Traum besuche ich spontan Marina, die Hochzeit jährt sich und das will gefeiert werden, wenn auch nur nebenbei in der Wohnung, zwischen Bergen aus Spielzeug und Stapeln aus riesigen Kinderbüchern überall. Das Kinderzimmer ist voll – vielleicht mal ausmisten, wofür die Kleine zu groß geworden ist? Sie schüttelt den Kopf, ich beiße mir auf die Lippen. Zuvor ein Fest, bei dem ich Jakob kurz sagen will, dass ich gehe, doch vor lauter Hanna übersieht er mich. Ich verteile stoppelige Wangenküsse an die Zwillinge und folge Hexe im blaugrün schillernden Badeanzug zum Wasser, werde aufgehalten von einem Theaterstück im Treppenhaus, drei Männer in grauen Anzügen verfolgen mich in Zeitlupe. Am Ende eines langen schmalen Flurs krieche ich durch eine niedrige Tür, die ich mit einem im Schlossinneren versteckten Schlüssel hinter mir abschließen kann. Ich bin frei! Auf der Straße läuft mir Isabelle mit verstörtem Blick entgegen und zeigt auf einen Anhänger voller uraltem Gerümpel, das ich sicher noch gebrauchen kann. Sie eilt weiter, ganz zerzaust im grauen Kleid. Etwas stimmt nicht: Die Straßen aus Kopfsteinpflasten und ohne Autos, die Hausfassaden staubig, die Luft ganz dick und der Himmel beige. Wo bin ich hier gelandet? Eine Kulisse in Sepia, oder eine andere Zeit.
Wovon habe ich genug, wovon habe ich nie genug? Auf was kann ich verzichten? Und wenn meine Wohnung auf einmal komplett leer wäre, was würde ich als erstes wieder reinstellen?
Ordnung steht in Klebebuchstaben am Küchenfenster, ein Überbleibsel der vielen Dinge im Haus, die Walter vielleicht nochmal gebrauchen konnte. Ordnung hat mein Vater gestern auf den Weg gebracht, natürlich fehlt mir jetzt das Moos auf den Platten und so manche Zeitschicht, die sie zusammenhielt. Verwunschen fanden wir den Garten vor fünf Jahren und mit seiner unfassbaren Größe wird er das immer irgendwo sein, auch wenn wir es nicht ganz lassen können, ihm unsere anerzogene Ordnung beizubringen. War mir dieser Ort nicht ein Gegenmodell zur akkuraten Prägung? Das schiefe Haus mit seinen Rissen. Du sagst, alles was wir hier tun, macht es besser als vorher. Ich bin mir da nicht so sicher. War es nicht perfekt in seinem unberührten Potenzial? Ein Ausstellungsstück, ein Museum der Gerüche, nicht nutzbar, ja. Die neue Küche ist nun irgendwie »geworden«, sagst du. Was sagt das über uns als Architekt und Gestalterin? Wir nehmen das, was da ist: Dunkelrote Wände, weil Shirley drei Eimer Farbe übrig hatte, ursprünglich gedacht für ein Restaurant in Frankfurt, feucht abwischbar. Ansonsten überall Kalkfarbe gegen die Feuchtigkeit, wie Baubiologe Alfred empfohlen hat. Nachts fällt mir das alte Küchenschränkchen aus Walters Labor wieder ein, statt dem geplanten Ikea-Unterschrank mit Kühlschrank, Spüle und Müllsystem. Mehr Charme mit versteckten Rotznasen aus Leim der handwerklichen Massenproduktion in den Fünfzigern; die Griffe wie in Uromas Küche, Poggenpohl vielleicht. Und weil er gerade so darunter passt, bestelle ich einen kleinen Retro-Kühlschrank in Hellblau, weil Beige zu langweilig wäre. Das Plastik innen sieht nach Barbie aus, doch bestellt ist bestellt und wir sind nicht gut im Zurückschicken. Ein schwarzes Spülbecken, weil du vor Wochen schon die schwarze Armatur bestellt hattest (Niederdruck für den Durchlauferhitzer) und die passt zum schwarzen Rohr. Die Arbeitsplatte aus Seekiefer, eigentlich zu dünn, doch geschenkt. Du sägst ringsherum eine zentimeterbreite Fuge parallel zur welligen Wand, damit die Luft durchstreichen kann – und dieses »durchstreichen« sagst du so liebevoll, als seist du die streichelnde Luft, die du so gerne wärst für mich. Unsere Liebe stecken wir in dieses schiefe Haus. Fügen ihm unsere Schichten hinzu, die Werweißwer in wie vielen Jahren mit seinen Träumen weiter überstreichen wird. Sofern das Haus dann noch steht und sich jemand findet für derlei Spaß.
In der Kita ein gehauchtes Hi von einem, der mich an mich erinnert, als ich noch zu Konzerten ging, wo ich schmachtend stand und träumte gesehen zu werden von einem so süß wie er, weniger verlebt als die anderen hier, nicht ganz da, natürlich mit Gitarre auf der Familienwand neben dieser großen unnahbarschönen Frau, nur nebenbei Mutter, sonst auf der Bühne bestimmt.
Im Traum umarmt mich Daniel, wir sitzen am Boden zwischen vielen Beinen in dieser Umarmung, ganz lang und innig – zu lang, Mama guckt schon. Wir gehen rein, da sind die Kinder und wollen alles von mir. Weiteres bleibt im Kopf, selbst im Traum.
Im Traum eröffnet mir Paula, dass sie jetzt Radio macht. Der Vorteil: Sie kann die Sendungen von Zuhause produzieren. Der Nachteil: Keine Bühne mehr. Sie ist zu Gast bei der Vernissage meiner Ausstellung auf den Wasserstraßen Bad Cannstatts. Anwohnerinnen schildern launig die letzten Überschwemmungen in den Läden, deren Schaufenster immer halb im Wasser stehen. Jemand schenkt mir sein Motorboot, mit dem wir es gerade noch zum Bus schaffen, der sich weitläufig im Gebirge verfährt.
Als nicht mehr ganz so kleines Kind lief ich am Wochenende manchmal den weiten Weg hinunter zu dem kleinen IFA-Laden und mit Brötchen wieder bergauf, um den Frühstückstisch perfekt vorzubereiten, bestenfalls mit frisch gepflücktem Wiesenblumenstrauß, bis meine Eltern aufgestanden sind. Meine kleine Schwester bekam von mir immer ein kleineres Gedeck, was sie lustig fand.
Im Traum bringe ich meine Bilder in eine Ausstellung in alten Räumen, müde zeigt mir Aida meinen Platz. Überall wird aufgebaut, ich will nicht stören. Alte Regale sind frisch lackiert und neu beschriftet, nur der letzte Raum bleibt unberührt. Ich löse übersehenes Kreppband von den Griffen, öffne Schubladen, finde Werkzeug, Stifte, einen achteckigen Stab in dunkelgrün, er liegt schwer in meiner Hand – erinnert mich an meinen Opa Rudi, was mir erlaubt ihn zu behalten. Marcela sagt, die Kinder der Siedlung spielen gerne in den verlassenen Häusern, finden Papier und Dinge für Collagen, sie verstecken sich in Schränken und kommen verkleidet wieder heraus.
»Es war einmal« lag Nina nicht. Sie erzählt nicht von A bis O, sie erzählt von wo sie stehen geblieben war bis wohin sie gerade kommt. Hatte er das schon vergessen? …
Das Erzählen brauche nur genügend Raum, und womöglich sei es so, dass, wenn die Erzählenden gerade nicht genug davon hätten, wenn es ihnen eng ums Herz oder eng in der Kehle sei, sich das Erzählen erst mal in Sicherheit bringe. Ein paar Tausend Jahre in Eiswasser und Ruhe zwischen lose stehenden Kiefern machten ihm gar nichts aus. …
Es sei nun an der Zeit, mal nach dem Erzählen zu sehen. Leider zeige es sich nicht gleich jedem, man müsse Geduld mitbringen. – Und nicht auf die Idee kommen, es ließe sich mit einem »Es war einmal« locken, meinte Nina, bevor sie in die Küche ging, um Tee zu kochen. Im Zimmer hielt man inne. Als sie zurückkam, fragte sie: »Wo waren wir stehen geblieben?« …
Ob sie das nicht eines Tages alles aufschreiben wolle. Für die Welt. Für die Nachwelt. Nein! Witterung aufnehmen, das lasse sich nicht fixieren! Eben gerade nicht. Weil Konzentration und Beweglichkeit erforderlich seien, schnelle Entscheidungen: die eine Spur verlassen, einer anderen folgen, ins Ungewisse. Keine Zeit für Papier und Stift.
Das Haus
Wenn Nina und Carl abends spazieren gehen, gehen sie »am Haus« vorbei. »Das Haus« gehört zu ihrer neuen Welt, wie eine Requisite; vertraut, aber ohne Bedeutung – denkt Nina. Carl hat ein Auge darauf geworfen, oder das Haus eines auf ihn? – Jedenfalls fühlt sich Carl schon das erste Mal, als er es sieht, ins Mark getroffen. …
Jedes Mal, wenn sie an »dem Haus« vorbeigehen, verwandelte es sich in etwas; bis es sich in eines immer mehr verwandelt – in etwas, was es womöglich sogar einmal gewesen ist. Und nun beginnt er, darüber zu sprechen: »Das Haus«, sagte er. Er habe sich dazu etwas gedacht. Er könne sich dazu etwas vorstellen. Nina schaut ihn an mit einem Blick, den man nicht anders als alarmiert nennen kann. Bitte, es soll sich nichts ändern! Sie möchte nichts und niemanden an ein Haus verlieren. Und doch, Carl bleibt dabei, er möchte in dieser Welt einen Ort haben, der etwas bedeutet, der ›ihm‹ etwas bedeutet, und darüber hinaus auch dem Gemeinwesen, dem er angehört.
»Haben«, wiederholt Nina. »Damit fängt das Elend an.«
»Haben«, entgegnet Carl, »heißt nicht, dass ich ein anderer werde.«
Sie streiten. Der Streit löst die Sprachlosigkeit ab. …
So reden sie immer weiter um das Haus und das vermeintliche Hotel herum und in eine nahezu unentwirrbare Kette von Missverständnissen hinein. Denn ein Hotel – nein!, das will er doch gar nicht. Er will etwas ganz anderes. Er möchte eine Schule: eine Knüpf- und Webschule, er möchte Webstühle bauen – aber ja, er möchte auch durch ein Haus gehen, treppauf, treppab, und nicht dauernd den Kopf einziehen müssen. Ja, das möchte er. Endlich. …
Dass er meinte, ihr Wohlwollen würde aufhören genau dort, wo ihr nicht mehr wohl war. War es so? War sie so? …
»Wir können ein solches Haus niemals kaufen, Carl, niemals.«
»Natürlich nicht. Weil es nicht verkauft wird. Es steht zu pachten. Es wird nicht die Welt sein.«
Ein Lächeln breitete sich auf Ninas Gesicht aus: »Doch Carl, es wird die Welt sein. Für uns. Für uns wird es die Welt sein.«
Zwei Tage am See mit Karin Kalisa: Fischers Frau
Zwischen Wäschebergen lausche ich dem Buch ›Wohnen‹ von Doris Dörrie. Sie beschreibt Räume, die uns bewohnen. Und über ihre zeitweilige, sich selbst zugewiesene Rolle als Hausfrau, in der sie sich selbst schrecklich vermisst. »Wie viel Alleinsein ist nötig, um Künstlerin zu sein?«
Ich habe eine Blockade. Schaffe es nicht vom Kopf ins Tun. Die Baustelle macht mir Angst. Hemmt mich meine Erschöpfung aus täglichem Tun rund um Wohnung, Kinder, Verlag? In dieser Reihenfolge. Ich habe das Gefühl, kaum zu arbeiten. Was wahrscheinlich nicht stimmt. Ich muss nicht alles können, vor allem nicht gleichzeitig, doch die Gleichzeitigkeit gehört nunmal zu meinem Leben. Aber ich will doch helfen! Morgen, morgen bestimmt.
»Besser ein kaputtes Bett als ein kaputtes Kind.«
Überwintert mit den Briefen zwischen Márta und Johanna.
»Die Kinder saugen mein Leben weg, Johanna, wer ungestört arbeiten will, darf keine Kinder haben, wer etwas anderes erzählt, lügt, aber das weiß ich erst jetzt, niemand hat mir das früher gesagt, alle haben geschwiegen. Zum Schreiben komme ich kaum, jetzt, da ich schreiben müsste, das Schreiben heftig an meinen Kopf, meine Hände klopft und raunt, schreib, schreib, schreib, dreimal hintereinander, Márta, schreib endlich!«
»Franz hat die Waschmaschinentür aufgehebelt, er hat die Schrauben herausgedreht, verteilt in unauslotbare Nischen und die Tür ausgehängt, das Bad ins Schlafzimmer getragen, die Küche ins Bad, durch alle Zimmer baut er Landeplätze für Raketen, auf einem feinen Weg der Verwüstung aus Taschentüchern, Shampooflaschen und Henris Spuckfäden.«
»Ich bin zu leicht für ein warmes Essen zu haben, nach dem ich die dreckigen Teller und Töpfe nicht selbst wegräumen und abspülen muss, aber dieses hätte ich absagen sollen, es hat mich zurechtgerüttelt, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Wie ich hineingerutscht bin, spielt jetzt keine Rolle, aber aufgewacht bin ich unter Menschen, die am liebsten, fröhlichsten, ausgiebigsten sich selbst feiern und auf den Rest herabschauen, der kommt und geht, schließlich sitzt nächstes Jahr schon der nächste Dichter da, und nach zehn Jahren sind sowieso alle kleinen Lichter vergessen.«
»Franz hat zwei Löcher in den Zähnen, die hat der Besuchszahnarzt seines Kindergartens entdeckt, und ich komme mir vor wie eine dieser Mütter, die ihr Kind mit Lolli ins Bett schicken. Heute Morgen habe ich vor dem Badezimmerspiegel zu Franz gesagt, wie leid es mir tut, dass ich nicht gut genug auf ihn aufgepasst habe, da hat er mich so rehbraun angeschaut, dass es zwischen Hals und Bauchnabel alles in mir zusammengezogen hat.«
»Kurt glaubt, der Mensch entsteht aus seiner Umgebung. Wie und wo wir leben – daraus sind wir gemacht, das sind oder werden wir. Ohne unsere Landschaft sind wir nicht zu denken. Es gibt uns gar nicht ohne unsere Landschaft.«
»Du hast gesagt, zu Hause zu sitzen, Blumen zu gießen und zu schreiben sei doch ein Luxus, im Moment tatsächlich in dieser Reihenfolge, sitzen, Blumen gießen, dann erst schreiben, nicht hinaus in eine feindliche Welt zu müssen, sondern nur hinein in meinen Kopf – in dem, aber leider ständig etwas querschießt, etwas umfällt, und dann liegt es da und versperrt den schönen Luxusweg, ich habe ja niemanden, der es für mich wegräumt.«
»Ich muss schon genug tun, zwischen morgens sechs und abends zehn für gigantisch, für astronomisch viele Dinge sorgen, da könnte wenigstens diese Angst von allein verschwinden, aus reiner Freundlichkeit, aus reinem Mitgefühl, warum nicht?«
»Ich habe keine Augen mehr zum Sehen, aber wie das geschehen ist, kriege ich nicht zusammen – wir haben nicht aufgepasst, unseren Schritteradius schrumpfen, unseren Gefühlsradius eindampfen lassen auf wenige Menschen, die jetzt von diesem Restsirup alles wegschlürfen.«
»Jedes Wunder dauert drei Tage. Lässt es sich so zusammenfassen? Das gesammelte Misstrauen ins Leben? Alles nur da, um uns zu enttäuschen? Erfunden und in die Welt gesetzt, um sich nach drei Tagen zu entziehen? Spätestens nach drei Tagen? So hat es sich eingenistet in meinem Kopf. So hat es sich eingebrannt. Stellt sich ein Wunder ein, muss ich diesen Satz mitdenken. Achtung! Es dauert nur drei Tage!«
»Inmitten der unzähligen Worte, die ich gebogen, verschoben, verworfen, getauscht, zerpflückt und zusammengeflochten habe, bin ich wirr geblieben.«
»Wie es so läuft, mit 14 342 minus 2298, fragst du? Mit 24 231 geteilt durch 54? Der Zahlenraum bis Hunderttausend liegt vor Mia, die kleine und große Hölle, ich durste nach den Ferien, meiner Zeit der Erlösung und lächerlich winzigen Freiheiten, ohne Wecker, ohne Zahlen, Punkt, Strich und Komma, auch wenn es den ganzen Tag nur heißen wird, Dreck wegmachen, Essen heranschaffen – es sind Ferien!«
»Simon hat am Morgen ein Glas zerschlagen und auf dem Küchenfliesen liegen lassen. Das Glas für mich zum Wegmachen, als sei das meine Aufgabe, als müsste ich Simons Scherben wegfegen, als sei ich mit meinen eigenen Scherben nicht genug beschäftigt, als sei es nicht schon ›eine Mordsverantwortung, man selbst zu sein‹. Über Stunden habe ich es geschafft, sie nicht zusammenzukehren, erst als die Kinder am Nachmittag durch die Küche sprangen, habe ich aufgegeben, und sie aufgepickt, Glasscherbe für Glasscherbe. Lieber hätte ich alles gelassen, wie es war, mit rotem Stift einen Kreis darum gezeichnet und geschrieben, Simon, spinnst Du?«
»Simon ist gegangen, und ich frage mich jede Stunde, ob das meine Strafe ist, weil ich immerzu ein anderes Leben führen wollte als das, in dem ich festsitze? ›Meine angeborene Unart, immer an dem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin.‹«
»Ich werde den Gedanken nicht los, Simon hat gewartet, bis mein Buch stehen würde, seit langem hat dies in ihm geschwelt und wurde jedes Mal ausgetreten, wenn ich mich an den Schreibtisch gesetzt und mein ›Zimmer‹ weiter ausgeschmückt hatte. Simon hat gewartet, bis ich den Boden verlegt und Wände gestrichen hatte, bis dieser alles auffressende Wurf getan war und ich der Welt seine Tür geöffnet habe.«
Zsusa Bánk: Schlafen werden wir später
Wo stellen sie sich aus und traust du dich hin?
Erst hier sehe ich, welch schlaftrunken wankenden Schriftgrößen mein nächtliches Getippsel fabriziert hat. Nochmal drüber schlafen ist nicht so mein Ding. Dem Zweifel zuvorkommen ist eine Strategie. Mal sehen, wie der liebe Zweifel dann über den Tag Blüten schlägt, wenn er nicht antwortet – was er nun wirklich nicht muss auf diesen Kuss. Doch ›seine‹ Buchobjekte hätten eine Atelierwoche verdient. Überhaupt, ein Atelier! Mit Buch, das auf seinem eigenen Umschlag fliegend liegen kann, ohne Leim und ohne Faden, aus einem kunstvoll gefalteten Stück. Im Traum natürlich viel raffinierter als meine Skizze hier, undurchschaubar auf so einen Traumblick, der ja doch eher seinen Augen und seinem Mund gehörte. Aber dann doch dem Buch, das erst lesbar wird, wenn die Transparenzen sich finden, aufeinanderlegen – Buchstaben aus Öl im Papier? Der Umschlag flächig perforiert: blitzendes Licht durch schwarzes Papier, das sich anschmiegt und gerne biegt durch die vielen kleinen Schlitze darin.
Und wohin träume ich uns jetzt?
Mein Traum schenkt mir die schönste Liebelei mit Jörg. Als er mir seine wundersamen Papier- und Buchexperimente zeigt, kann ich ihn nur küssen! Meine Träume sind zurück und umarmen mich. Da bin ich wieder. Nächtliche Grüße nach Zürich und schnell zurück in diesen Traum! Oder doch gleich an den Schreibtisch und seine absonderlichen Bindungen, feinen Perforationen und vielschichtigen Transparenzen ausprobieren? Unlesbar, aber wunderbar poetisch.
Im Traum lande ich in New York und merke erst dort, dass ich vergessen habe, Pete die Tage zu bestätigen, die ich bei ihm sein will. Ich finde unseren Chat nicht mehr, nur hunderte bunt illustrierte Tarotkarten, die er mir wohl im Lauf der letzten Jahre geschickt hat und ich hatte sie nicht bemerkt. Ich suche nach der richtigen Subway zu ihm. Wer mich anstarrt, den fotografiere ich, zuletzt auch mich: Ich bin durchsichtig geworden, transparente Brille, gläserne Schuhe, durchscheinende Haut.
Grüße aus dem Familienhotel in Südtirol in die große Stadt, die, wenn sie in einem Buch vorkommt, den Wunsch weckt, Pete und mein Ribbit von 2008 an seinem Kühlschrank tatsächlich zu besuchen.
Im Traum strömen schon Stunden vor Beginn unserer Veranstaltung Menschenmassen in den Garten. Nichts ist fertig vorbereitet – kein Waffelteig, kein frischgepresster Saft, kein aufgebrühter Liebeszauber, auch nicht die Räume im Brombeerschloss, das bis unters Dach voller Kleider hängt und sowieso viel zu klein wäre für so viele Leute. Sie trampeln weiter über Zäune, durch andere Gärten Richtung Marienhospital, zerstören leerstehende Gebäudeteile und feiern die Ruinen. Atemlos folge ich ihnen und frage eine Fotografin, wie sie davon erfahren hat. Sie sagt, sie ist eine Koryphäe für spektakulär inszenierte Feuer und Wassermassen, und jemand Großes hat unsere Einladung geteilt.